Vom Wind verweht

Buch und Film sind zweifellos Klassiker, und wohl die meisten Lesenden und Cineasten der mittleren bis älteren Generation kennen zumindest in groben Zügen die Story des romantisch-verklärten Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs um die zuweilen als größte Liebesgeschichte aller Zeiten beschriebene Beziehung zwischen Scarlett O´Hara und Rhett Butler. Ich erinnere mich, dass meine Mutter den meist um die Weihnachtszeit ausgestrahlten Film von 1939 mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen unzählige Male und immer wieder gern gesehen und dabei die eine oder andere Träne vergossen und auch  das 1936 erschienene Buch von Margaret Mitchell wie viele ihrer Altersgenossinnen nahezu „verschlungen“ hat. Ich gestehe, bisher weder das Buch in der bisherigen deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach gelesen noch den Film vollständig gesehen zu haben, umso mehr beflügelte mich die Tatsache, dass im Verlag Kunstmann unter dem Titel „Vom Wind verweht“- welcher schon vermuten lässt, dass mit dem fehlenden „e“ weniger Staub und mehr Modernität einhergehen könnten – der Romanklassiker zum Beginn des neuen Jahres 2020 in einer Neuübersetzung in die Buchhandlungen kommt, diesen nun endlich auch einmal zu lesen. Und welche Zeit wäre besser geeignet als die Zeit zwischen den Jahren, um sich mit einem 1300seitigen Schmöker für einige Tage gemütlich auf die Ofenbank zu verziehen und alles um sich herum zu vergessen …

Es ist die Lebens- und Liebesgeschichte einer sowohl in ihrer Lebenslust, ihrer Willensstärke und ihrem Mut als auch in all ihrer Ambivalenz, ihrem Hang zur Manipulation und einer gewissen Skrupellosigkeit faszinierenden jungen Frau, die eingebettet ist in die erschütternden Geschehnisse des amerikanischen Bürgerkriegs aus der Sicht der unter dem Krieg leidenden Bevölkerung rund um ihre Baumwollfarm Tara und die Stadt Atlanta im Bundesstaat Georgia, beginnend 1861 kurz vor Ausbruch des Krieges und endend in den kaum minder schweren Jahren der Reconstruction nach Kriegsende, ungefähr zwölf Jahre später, als Scarlett O´Hara 28 ist – so lebendig, abenteuerlich, erschütternd und spannend erzählt, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen kann.

… Einige Tage später tauche ich wieder aus dem Lese-Wahn auf und stelle fest, dass ich tagelang gedanklich mit nichts anderem als diesem Buch beschäftigt war und nur schwer kann ich dem sich sogleich nach Lesen der letzten Seite einstellenden Impuls, sofort wieder von vorn zu beginnen, um die sich ausbreitende Leere zu füllen, widerstehen.

Mir fehlt  der persönliche Vergleich zum vorherigen Buch und zum Film, um diese direkt gegenüberzustellen, insofern kann ich mich nur auf Klappentext und Nachwort beziehen, wo angemerkt wird, dass diese Neuübersetzung sich viel näher am Original bewegt, indem sie weniger klischeehaft-romantisierend erscheint und mehr dem schnörkellosen, journalistischen Stil der Autorin Margaret Mitchell folgt und uns so nun beinahe einen anderen Roman lesen lässt, der sich mit Tolstois „Krieg und Frieden“ vergleichen lässt. Auch wurden vielgestaltige Rassismen überarbeitet, die sich in der vorherigen Buchausgabe fanden, so zum Beispiel gekennzeichnet durch eine unbeholfene und grammatikalisch falsche Sprechweise der Sklaven, in der Neuübersetzung in eine spezifische Form von Slang überführt.

Die Lektüre ist vor allem ein unterhaltsames und spannendes Leseabenteuer, welches uns neben der berührenden individuellen Geschichte die Schrecken eines Krieges ebenso wie die Stärke einer Frau eindrücklich vor Augen führt. Ganz großes Kino – und wer weiß … vielleicht auch bald in Form einer Neuverfilmung!

 

Margaret Mitchell: Vom Wind verweht

Neuübersetzung von Andreas Nohl & Liat Himmelheber

Kunstmann, 2020

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019

Affe Bär Zebra

Das Porträt eines Zebras vor einem in dunklen Rot- und Blautönen gehaltenen Hintergrund, der das verwendete Medium Holz in feinen Maserungen erkennen lässt, zeigt das in rotes Leinen eingefasste Buchcover. An der Art der Verarbeitung zeigt sich bereits auf bemerkenswert schöne Weise, wieviel Augenmerk dieses neue ABC-Bilderbuch auf hochwertige künstlerische Qualität setzt.

Abgesehen von dem schöne blaue Eier legenden und bei den Indianern göttlich verehrten Quetzal, dem besser als Ameisenbär bekannten Vermilingua oder Xiphias Gladius, dem Schwertfisch – jene Tiere, die in diesem Buch für die Buchstaben Q, V und X stehen – erwarten uns hier eher weniger extravagante Überraschungen, sondern es begegnen uns jene Tiere, die uns meist spontan zuerst einfallen, wenn nach solchen, deren Namen mit A, B, C oder Z beginnen, gefragt wird –  also A wie Affe, B wie Bär, C wie Chamäleon bis hin zu Z wie Zebra.

Was ist es dann, das dieses ABC-Bilderbuch so besonders macht, dass es sich aus der Masse derartiger Bücher (und ja, es gibt wirklich viele davon …) hervorhebt?

Vor allem sind es die wirklich schönen und ansprechenden, meist nur in drei oder vier Farben gehaltenen Illustrationen der Tiere in Form von wunderbaren Holzschnitten ohne jeglichen Schnickschnack, verbunden mit dem Selbstporträt der Tiere in Versform, liebevoll geschrieben, behutsam aus dem Niederländischen übersetzt und trotz der Kürze durchaus überraschende und interessante Informationen zum Leben der jeweiligen Tiere enthaltend, dazu als optische Ergänzung wunderbar klar gestaltete Lettern in Groß- und Kleinschreibweise, korrespondierend mit den im Bild verwendeten Farben – und das alles auf hochwertigem Papier in exzellenter Verarbeitung.

Zusätzlich Wissenswertes zu den vorgestellten Tieren findet sich in einem ebenso ansprechend gestalteten dreiseitigen Kurzregister am Buchende, wo wir beispielsweise erfahren, dass Affen ziemlich gute Augen haben, Bären keinen richtigen Winterschlaf halten, Chämäleons vor allem entsprechend ihren Gefühlen und weniger der Tarnung wegen die Farben wechseln oder das Streifenmuster der Zebras bei jedem Exemplar ganz individuell wie bei unserem Fingerabdruck  ist.

Auch auf die Gefahr hin, sich das x-te ABC-Buch ins Regal zu stellen – dieses ist eine kleine Buch-Kostbarkeit, die Kinder wie Erwachsene erfreut und deren Anschaffung sich für alle Sinne lohnen wird.

 

Affe Bär Zebra

Illustration: Henriette Boerendans

Text: Bette Westera

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracariverlag, 2019

Verlorene Arten

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir auf der Erde von einer Vielzahl von Tieren umgeben sind, die es infolge von Klimaveränderungen und zunehmender Zerstörung ihrer Lebensräume möglicherweise in naher Zukunft nicht mehr geben wird, betrachten wir ein Buch über verlorene Arten mit anderen Augen, zumal wir Menschen oft nicht ganz unbeteiligt am Verschwinden dieser Tiere sind.

Die britische Tierärztin und Autorin Jess French hat zusammen mit dem Illustrator Daniel Long ein  gestalterisch wie  inhaltlich bemerkenswertes Bilderbuch-Kompendium solcher ausgestorbenen Tiere geschaffen.

Ein riesiger Vertreter dieser verschwundenen Spezies, ein Mammut, dominiert das Titelbild und scheint uns aus dem Jenseits zu beobachten und direkt in die Augen zu blicken.

Auf der ersten Seite des farben- und detailreich bebilderten Sachbuchs begegnen wir einem Velociraptor und einem Protoceratops, der eine ein gefährlicher Fleisch- und der andere ein friedlicher Pflanzenfresser, beide bereits vor 70 Millionen Jahren ausgestorben, in einer Szene, wie sie sich damals zugetragen haben könnte. Ob sie tatsächlich so oder ein wenig anders ausgesehen haben, obliegt mehr oder weniger der Phantasie der Nachwelt-Geborenen oder hier des Illustrators, da die Erkenntnisse über den Körperbau dieser Tiere auf Fossilien-Funden basieren, wie die Autorin in einführenden Worten zum Buch erläutert.

Bei den vor etwa 4000 Jahren ausgestorbenen Wollmammuts wissen wir schon wesentlich mehr über deren exaktes Aussehen, weil darüber Funde verstorbener ganzer Exemplare im Eis Sibiriens und Alaskas Auskunft geben können.

Erst in der jüngeren Vergangenheit hingegen gelten die chinesischen Flussdelfine als ausgestorben, nachdem ihre Bestände durch widrige Umweltbedingungen, Schiffsverkehr und Fischerei zunehmend zahlenmäßig zurückgingen, bis kein einziges dieser ausgesprochen freundlich aussehenden Tiere mehr übrigblieb.

Auch der extrem scheue, früher in Taiwan lebende chinesische Nebelparder, dem wohl sein wunderschönes Fell und die Zerstörung seiner Lebensräume zum Verhängnis wurde, gilt seit 2013 als ausgestorben, nachdem trotz mehrjähriger Suche keine lebenden Exemplare mehr gesichtet wurden.

Unbekannt hingegen ist die Zeit des Aussterbens eines gepanzerten, mit Warzen bedeckten kleinen Sauriers, dem Kumbarrasaurus. Weitere zu unterschiedlichen Zeiten ausgestorbene Tiere wie die über drei Meter großen straußenähnlichen, aber flügellosen Riesenmoas, tasmanische Beutelwölfe, Magenbrüterfrösche, Spinosaurier, Koalalemuren, Dodos, Säbelzahnkatzen und viele andere bis hin zur bekannten einsamen Riesenschildkröte namens „Lonesome George“ werden vorgestellt und die unterschiedlichen Ursachen ihres Verschwindens beleuchtet – ein hochinteressanter und nachdenklich stimmender Einblick in die manchmal unausweichlichen, manchmal aber auch zu beeinflussenden Geschehnisse, die evolutionäre Veränderungen bewirken können.

 

Verlorene Arten

Text: Jess French

Illustration: Daniel Long

Knesebeck, 2019

 

Binette Schroeder – Bilderbuchbrunnen

In einem gewichtigen Jubiläums-Sammelband, der mehr als 300 Buchseiten umfasst und genau 1725 Gramm auf die Waage bringt, sind unter dem poetischen Titel „Bilderbuchbrunnen“ zwölf großartige Bilderbücher aus fünf Jahrzehnten versammelt, die allesamt von Binette Schröder entstammen und  anlässlich ihres diesjährigen 80. Geburtstages im NordSüd-Verlag erscheinen – eine sehr schöne und angemessene Form der Wertschätzung ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrem Erstling, dem natürlich auch im Band vertretenen, inzwischen zum Klassiker gewordenen „Lupinchen“, welches von einem zarten Puppenmädchen und dessen Abenteuern mit dem treuen Vogel Robert, dem von englischen Kinderreimen inspirierten eiförmigen Männchen Humpty Dumpty und dem Schachtelmann Herrn Klappaufundzu erzählt und bildnerisch an einem Brunnen stehend die Titelseite schmückt, sowie  weitere Protagonisten und Details ihrer Geschichten zeigt, erreichte Binette Schröder große Aufmerksamkeit.

Die meisterhaften Illustrationen von Binette Schröder sind Kunstwerke voller Magie, Poesie und ungeheurer Ausdruckskraft. Mit beachtlicher Präzision und  Detailreichtum stattet sie ihre bildnerischen Szenerien aus, die vor surrealen Landschaften wie Bühnenbilder anmuten und märchenhafte, phantastische, zuweilen auch humorvoll-satirische oder comicartige und schriftgestaltende Elemente aufweisen.

Die erste Bilderbuchgeschichte von Lelebum, dem blauen Elefant, der alles versucht, um normal und elefantengrau zu werden, es dennoch nicht schafft, aber seinen Frieden damit findet, hebt sich im Illustrationsstil, der hier geprägt  von starker Abstraktion und Reduktion, aber nicht minder ausdrucksstark ist, deutlich von den folgenden ab. Der Autor dieser Geschichte, wie auch einiger weiterer, ist Schröders Ehemann Peter Nickl.

Die Illustrationen in der folgenden Geschichte („Archibald und sein kleines Rot“) wechseln zwischen zart und akribisch ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen als einziger Farbtupfer Archibals rote Wangen imponieren und farblich durchkomponierten Bildern ab.

Nach dem bereits erwähnten Lupinchen geht es weiter mit der Geschichte von Pferd Florian und Max, dem Traktor, welcher den tüchtigen Florian sukzessive ersetzen soll, was diesen eifersüchtig werden, aber letztlich dennoch nicht nutzlos bleiben lässt. Weitere Geschichten erzählen von einer kleinen Lok, die davon träumt, um die Welt zu fahren, von einem Krokodil, das eine fürchterliche Entdeckung in einem Kroko-Laden macht und sich entsprechend zu revanchieren weiß (diese eher nichts für allzu Zartbesaitete …), vom – erstaunlich detailreich bebildert – sich zum Prinzen wandelnden Froschkönig, vom sich ihren Ängsten stellenden Mädchen Laura, von einem rüstigen und einem rostigen Ritter, welche sich erbittert um eine Riesenblume streiten und vom Zauberlehrling,

dem ein Drachenei vor die Füße fällt und der mit Rotkäppchen picknickt. Den Abschluss geben Bildergeschichten im Comic-Stil von Zebra Zebby, welches im Sturm seine Streifen verliert, von Hund Tuffa, der eine Schweinehaxe stibitzt und weiteren Abenteuern sowie ein ausführliches und interessantes Nachwort von Christiane Raabe zu Binette Schröders Illustrationskunst.

Binette Schröders Bilderwelten, in denen sich so herrlich schwelgen, phantasieren, rätseln  und staunen lässt, sind zeitlos schön und einem Brunnen vergleichbar, der niemals versiegen sollte, weil er großartige Schätze birgt, die noch viele – kleine und große – Kinder bergen sollten.

 

Binette Schröder Bilderbuchbrunnen

Illustrationen: Binette Schroeder

Text: Binette Schroeder & Peter Nickl sowie Brüder Grimm (Froschkönig)

NordSüd, 2019

Blödes Bild!

„Blödes Bild!“ – mitunter höre ich derartige Ausrufe auch in meinen Malgruppen. Dann ist der Moment gekommen, dem oder der verzweifelten Künstlerin zu Hilfe zu eilen, um ihn oder sie davon zu überzeugen, dass das Werk gelungen ist oder aber noch gelingen kann, denn so mancher kleine „Unfall“ entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als überraschende Inspirationsquelle, bekannt als so genannter „happy accident“. So geschieht es auch der kleinen Minze…

Sie sitzt zusammen mit ihrem großen Bruder Max am Küchentisch voller Buntstifte und hadert mit ihrem leeren Blatt Papier. Max hat im Gegensatz zu Minze immer tolle Ideen zum Malen und malt überhaupt viel schöner als sie – findet Minze. Mit seinem Arm hat der Bruder eine Barrikade um sein Bild errichtet, damit die neugierige kleine Schwester keinen Blick zu seinem Werk erhaschen kann, um es dann womöglich wieder abzumalen. Aber eine eigene Idee zum Malen will Minze einfach nicht in den Sinn kommen. Und als sie dann nach langem Überlegen endlich doch eine Idee hat und die schönste Schneeflocke der Welt zu Papier bringt, geschieht ein Missgeschick nach dem anderen und in einem Anfall geballter Wut –auf den Bruder, der sowieso immer schöner malt, der alles weiß  und dem alles gelingt, auf die Katze, die auf den Tisch springt und auf die Blumenvase, die umfällt- knüllt Minze ihr Blatt zu einem Papierball und weil die Wut auch dann noch nicht abebbt, schneidet sie noch ein Loch hinein.

Und damit nicht genug, nun präsentiert ihr der geniale Bruder auch noch SEINE schönste Schneeflocke der Welt. Doch Max sagt, es wäre IHRE eigene, die  aus dem wütend zerschnittenen Schneeball entstanden ist. Minze staunt, dass sie „aus Versehen“ so etwas Schönes produziert hat und freut sich. Und umso mehr freut sie sich, als Max nun endlich sein Geheimnis lüftet und ihr sein fertiges Bild zeigt: Max hat etwas gemalt, das er wirklich sehr mag, nämlich MINZE, seine kleine nervige Schwester. Und als sie dann gemeinsam noch mehr solcher Schneeflocken basteln und endlich auch mal die kleine Schwester dem großen Bruder was zeigen kann, ist alles wieder gut.

Dass kreatives Schaffen sowohl mit Lust als auch mit Frust einhergehen kann und dass das Zusammenleben mit großen Brüdern, auf die man mitunter neidisch oder sogar richtig wütend sein kann, eigentlich doch ganz toll ist, weil sie kleinen Schwestern manchmal auch zeigen, wie lieb sie sie doch haben und dass sie viel mehr können als sie sich selbst zutrauen, erzählt diese wunderbare, ausdrucksstark und witzig illustrierte Bilderbuchgeschichte auf derart liebevolle Weise, dass einem ganz warm ums Herz wird.

 

Text: Johanna Thydell

Illustration: Emma Adbåge

Übersetzung aus dem Schwedischen: Maike Dörries

Kunstmann, 2019

 

Kein Stress!

 

Mit welchen Methoden lassen sich Stress und Angstgefühle reduzieren? Welche Denkmuster sind es, die immer wieder Stresszustände verursachen? Matthew Johnstone, Autor von Bestsellern wie beispielsweise „Mein schwarzer Hund“ oder „Mit dem schwarzen Hund leben“ erläutert dies auf der Grundlage eigener Erfahrungen zusammen mit dem Psychologen Dr.Michael Player , welcher wirksame Techniken zur Stressbewältigung entwickelte, in einem zugleich wissenschaftlich fundierten wie humorvollen knapp 200seitigen, reich illustrierten Ratgeber.

Zu Beginn wird zunächst geklärt, was Stress überhaupt genau ist, welche Anzeichen, Symptome und alltäglichen Auslöser von Stress es gibt und wie Gehirn und Geist als Verarbeiter des Stresses funktionieren. Weiterhin wird gezeigt, wie Angstreaktionen, die Stress auslösen, deaktiviert werden können. Dem Faktor Zeit kommt hinsichtlich von Stressreaktionen eine besondere Bedeutung zu, insofern ebenso dem Erlernen von Prioritätensetzung und Zeitmanagement. Ebenso wird erläutert, wie ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf und Bewegung sowie optimaler Ernährung stressminimierend wirken kann oder wie Beziehungsstress in der Partnerschaft über eine Hinwendung zu fürsorglicher und unterstützender Beziehungsstruktur vermieden bzw. reduziert werden kann. Abschließend erfahren wir, wie wir unser Bestes zum Vorschein bringen, wie wir unsere Potenziale entfalten, uns mit neuer Energie aufladen und Resilienz entwickeln können, um uns wieder lebendig und gut zu fühlen.

Zahlreiche Achtsamkeits- und Entspannungsübungen werden vorgestellt, von denen sich die jeweils individuell Passendsten in den persönlichen Alltag integrieren lassen. Verschiedene „Lektionen“ in Form kleiner Anekdoten aus dem Alltag laden zum Nach- und Weiterdenken ein. Die humorvollen Illustrationen im Comic-Stil unterstreichen den Text und geben hilfreiche optische Unterstützung und Auflockerung.

Für gestresste oder vom Stress bedrohte Menschen kann das verständlich, unterhaltsam und einfühlsam geschriebene Buch ein wertvoller Begleiter und Ratgeber werden.

 

Matthew Johnstone & Dr. Michael Player: Kein Stress!

Kunstmann, 2019

 

Wild & Wise

Welche Lektionen wir von den eher wenig beachteten, weil unscheinbaren, weniger schönen bis hässlichen oder gar giftigen Tieren, Pflanzen und anderen Phänomenen der Natur lernen können, erfahren wir in dem 160seitigen handlichen Büchlein mit dem graphisch ansprechenden türkisfarbenen Cover, auf dem sich drei Schlangen umeinander winden.

Insgesamt 70 solcher „Underdogs der Natur“  werden auf je einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich zum Text jeweils eine ganzseitige Illustration als dessen künstlerische Interpretation gesellt. Zwischen den Porträts finden sich darüber hinaus zuweilen im kontrastreichen Gegensatz zum Aussagegehalt des Geschriebenen stehende künstlerisch sehr aufwändig gestaltete Doppelseiten, die philosophisch mehr oder weniger tiefgründige Fragen wie „Was, bitte sehr, wäre die Welt ohne Sauerkraut?“ oder die persönliche Sammlung unnützen Wissens bereichernde Fakten oder Erkenntnisse wie „Kaum jemand verliert ein nettes Wort über das Tollwut-Virus.“ oder „Die Hausmaus kotzt niemals, selbst wenn sie die eigenen Köttel frisst.“ aufwerfen.

Angefangen mit der minder beliebten Küchenschabe, von welcher wir lernen können auf Zeit zu spielen, und die seit 320 Millionen Jahren ziemlich anspruchslos vor sich hin lebt, die sich sogar im Weltraum vermehrt und die einen Atomkrieg locker überleben würde, über die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnende und doch überdurchschnittlich oft als widerlich schleimige Kreatur empfundene und von Hobbygärtnern gehasste Nacktschnecke, die Raffinesse des Tollwut-Virus, die Intelligenz der Wanderratte, die durch die Beine atmende Kellerassel, Gedanken zum faszinierenden Zustand des Vakuums, den leicht entflammbaren Stechginster, den allseits unbeliebten Mix aus Regen und nassem Schnee alias Schneeregen, den sich Aufzucht- und Erziehungspflichten entziehenden cleveren Kuckuck (Merke: „Hast du mal darauf geachtet, wie Kinder sind? Schreckliche Brut. Der Kuckuck ist gar nicht so dumm.“), die Stubenfliege, welche  Informationen um ein Vielfaches schneller als der Mensch verarbeitet, über Bakterien, rätselhafte Flechten, die Kopflaus oder den minderbegabten, depressiven Fasan  bis hin schließlich zum sich selbst als klügstes Lebewesen betrachtenden Mensch werden mit einer reichlichen Portion subtilen Humors aus den Eigenarten der Spezies mehr oder minder hilfreiche Schlussfolgerungen für mehr oder minder ernstgemeinte Lebensweisheiten  gezogen und in Merksätzen zusammengefasst.

Damit werden die mit einer Prise Augenzwinkern gewürzten Tier-, Pflanzen- und Naturporträts zu einer gelungenen, künstlerisch hochwertig illustrierten und recht unterhaltsamen Melange aus Wissenschafts- und Sprachakrobatik plus „Lebenshilfe“.

 

Wild & Wise – Clevere Lektionen von den Underdogs der Natur

Text: Dixe Wills

Illustration: Katie Ponder

Übersetzung aus dem Englischen:  Claudia Arlinghaus

Knesebeck, 2019

Mein Mauerfall

Wer zu Zeiten des Mauerfalls etwa zwischen 10 und 20 Jahre alt war, ist heute, 30 Jahre später, vielleicht Mutter oder Vater eines Jugendlichen dieser Altersgruppe, an die sich auch dieses erzählende Sachbuch über die Zeit vor, während und nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten und mitten durch Berlin insbesondere richtet.

Geschrieben hat es Juliane Breinl, die sich schon 2011 mit ihrem Buchdebüt „Die Feuerbälle – Kinderbande im geteilten Deutschland“ der speziellen Problematik eines geteilten Landes widmete und der sich zur Zeit der Wende als damals Achtzehnjährige die Bilder des Mauerfalls vom 9.November 1989 ebenso prägend wie surreal erschienen, hatte sie doch nur fünf Jahre zuvor ihrer Heimatstadt Leipzig gemeinsam mit ihrer Familie über einen Ausreiseantrag scheinbar für immer den Rücken gekehrt, um der Willkür und den Repressalien des DDR-Regimes zu entkommen.

Auf 140 Seiten des broschierten Buches, dessen Inhalt in 4 größere Themenbereiche aufgeteilt ist, werden die damaligen Geschehnisse, begleitet von zahlreichen Fotos, Grafiken und Übersichten, lebendig beschrieben. Den Handlungsrahmen bildet die Schilderung des in der Jetzt-Zeit lebenden zwölfjährigen Ich-Erzählers Theo Schumann, der – allgemein sehr interessiert an historischen Themen und Zusammenhängen und aktuell angeregt durch eine Familienfahrt zum 50.Geburtstag der Mutter und deren Zwillingsschwester, welcher dort gefeiert werden soll, wo die Schwestern aufwuchsen, nämlich in einem direkt an der damaligen deutsch-deutschen Grenze gelegenen DDR-Kaff –  eine Faktensammlung zum Thema Mauerfall erstellt, wobei sich die Sicht auf die damaligen Ereignisse innerfamiliär als durchaus unterschiedlich erweist, was immer wieder zu Streitigkeiten führt. Theo aber ist einer, der Klarheit will und erlangt sie nach und nach immer mehr zusammen mit seinem Lesepublikum, was die Lektüre nicht nur interessant und lehrreich, sondern gleichermaßen sehr unterhaltsam werden lässt.

Dabei kommen unter anderem immer wieder sogenannte „Histeos“  als geschichtserklärende YouTube-Videos eines Rollstuhlfahrers namens Jo zur Sprache, ebenso wie eingestreute persönliche Erinnerungen der Autorin oder Erlebnisberichte von Zeitzeugen, was die Handlung in Kombination mit weiteren Querverweisen auf geschickte Art und Weise in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzt. So ergibt sich von Erläuterungen zu den Ursachen und Anfängen des geteilten Deutschlands über  die Schilderung der unterschiedlichen Entwicklung der beiden deutschen Staaten bis hin zur friedlichen Revolution im Osten und der anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Mauerfalls durchaus berechtigt gestellten Frage, ob es noch immer „Ossis“ und „Wessies“ oder eine Mauer in den Köpfen gäbe.

Damit auch diese unsichtbare Mauer in den Köpfen irgendwann zum Einsturz kommt, sind Bücher wie dieses  ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung und das von Juliane Breinl im besonderen ein angenehm persönlich gehaltener,  diskursiv und informativ gezeichneter Abriss zum Thema Mauerfall, welcher nicht nur für die eigentliche Zielgruppe, sondern weit darüber hinaus bereichernd und erhellend ist.

 

Juliane Breinl: Mein Mauerfall

arsEdition, 2019

Hollie & Fux

Hollie lebt mit ihrer Großmutter in einem alten Holzhaus am Stadtrand in Schweden. Ihre Eltern sieht sie nur ganz selten, weil diese als Schauspieler durch die Welt touren und Hollie von überallher Postkartengrüße zusenden. Die Sehnsucht nach ihren Eltern ist ebenso groß wie ihre ständig wachsende Postkartensammlung. Einmal im Jahr, zu Hollies Geburtstag, kommen ihre Eltern zu Besuch. Ihr einziger Geburtstagswunsch ist es aber, dass sie endlich alle als Familie zusammenwohnen, doch von Jahr zu Jahr vertrösten sie Hollie, denn es muss immer noch irgendein wichtiges Filmprojekt verwirklicht werden.

Eines Tages beginnt Hollie, sich mit einem Stadtfuchs anzufreunden, der in den Mülltonnen vor Hollies Haus nach Futter sucht. Sie bietet ihm Pfannkuchen und Kakao und bald auch einen Platz in ihrem Zuhause an. Nun fühlt sich Hollie nicht mehr so einsam. Die beiden neuen Freunde lesen sich Geschichten vor, machen kleine Ausflüge, reisen zum Meer und gehen miteinander ins Kino. Dort läuft ein Film, in dem Hollie ihre Eltern in einem Haus mitten im Wald und Fux eine Waldfüchsin sieht – und beide bekommen großes Heimweh. Als sie später auf dem Dachboden in alten Fotos stöbern, entdecken sie auf einem der Fotos genau so ein Waldhaus wie im Film, denn in diesem lebte früher mal Hollies Großmutter mit ihrer Mutter, als sie klein war. Dieses Haus wollen sie suchen. Nun wird Hollie zur Detektivin und Fux zum Spürfuchs – und tatsächlich finden sie in einem Wald Großmutters altes Haus und damit beide ihren Sehnsuchtsort – noch nicht wissend, dass ihre Träume schon bald Wirklichkeit werden …

Nini Alaskas Buch-Debüt mit einem wunderbaren Happy End erzählt, begleitet von liebenswerten und detailreichen Illustrationen im Retro-Stil, eine anrührende Bilderbuchgeschichte voller Herzenswärme, in der Liebe, Sehnsucht, Freundschaft und Zusammenhalt eine große Rolle spielen.

 

Hollie & Fux

Text & Illustration: Nini Alaska

Tulipan, 2019