Hab dich gern!

Eine Elefantendame im Bikini konfrontiert sich mit dem eigenen Spiegelbild und scheint zu überlegen, ob dies den eigenen Ansprüchen genügt, eine alleinerziehende Schweinemutter inszeniert sich selbstbewusst als Superheldin, ein Löwe sinniert über die fragwürdige Aussage einer Werbetafel, nach der sich Selbstvertrauen aus der Summe von Muskeln, Anzahl der Sexpartner, Penisgröße und Instagramfollowern ergeben würde, ein ziemlich kleiner Hund, welcher mit stattlicheren Exemplaren seiner Gattung auf einer Parkbank sitzt, denkt darüber nach, dass er zwar recht klein ist, dafür aber ein großes Herz besitzt, ein Vögelchen ermutigt einen schuldbewusst dreinschauenden Löwen, sich selbst zu vergeben, den bekannten „Sturm im Wasserglas“, bei denen unsere Reaktionen zuweilen deutlich übers Ziel hinausschießen, verdeutlichen ein Seeungeheuer und zwei ängstlich aneinandergeklammerte tierische Vertreter im Segelboot in vermeintlicher Seenot, die mit einiger Distanz und von von außen betrachtet nur noch halb so schlimm erscheint.

„Psychische Gesundheit in Bildern“ umschreibt das  Motto des Projekts „Cup of Therapie“, welches die finnischen Psychotherapeuten Antii Ervasti und Elina Rehmonen gemeinsam mit dem Illustrator Matti Pikkujämsä 2017 gründeten. Gedacht ist es als Ermutigung zur Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen, oftmals ambivalenten Gefühle, die verschiedene Lebenssituationen mit sich bringen.

Die tierischen Protagonisten der humorvollen und liebenswerten Zeichnungen im Comic-Stil illustrieren auf je einer Doppelseite des kleinen Büchleins einfühlsam und treffend uns allen bekannte, teils auch sehr sensible Themen des menschlichen Zusammenlebens und der damit einhergehenden Selbst- und Fremdwahrnehmung, die jeweils von kurzen, einfachen und klaren Erklärungen und Assoziationen begleitet werden. Die 100 Botschaften, die sie übermitteln, fühlen sich an wie die unaufdringlich-herzliche Anwesenheit eines lebensklugen Freundes oder Therapeuten und sind ebenso einfach wie stärkend im Sinne von: Du bist nicht der oder die Einzige, die sich mit großen und kleinen Problemen herumschlagen muss, du wirst sie früher oder später bewältigen und vor allem bist du okay so, wie du bist – Grund genug, dich gern zu haben!

 

Hab dich gern!

100 kurze Therapien

Text: Antti Ervasti

Illustration: Matti Pikkujämsä

Kunstmann, 2020

Auch Affen wollen schlafen

Das stilvoll in schwarzes Leinen eingefasste Buchcover zeigt in dunklen Rot- und Orange-Tönen einen auf Blätter gebetteten, friedlich schlummernden  Affen. Passend zum Einband und zur nächtlichen Stimmung ist auch das Vorsatzpapier ganz in Schwarz gehalten. Das unaufdringlich schöne Bilderbuch von Henriette Boerendans mit dem etwas sperrigen Titel  „Auch Affen wollen schlafen“ widmet sich den unterschiedlichen Schlaf- und sonstigen Lebensgewohnheiten der Tiere.

Insgesamt dreizehn Tierarten werden vorgestellt – angefangen mit dem niedlichen kulleräugigen  Gespenstertier, welches so klein ist, dass es in eine Brotdose passen würde, nachts auf Abenteuer geht und in der den Text begleitenden Illustration sich im bläulichen Mondlicht mit vergleichsweise großen Händen beinahe ängstlich an einen Ast klammert, über liebevoll im Winterschlaf aneinandergeschmiegte Dachse, drei Zwergmäuse in Knetgummigröße in ihrem gemütlichen Schlafnest aus Getreidehalmen, einen (vielleicht von Herrchens Gummistiefeln) träumenden Dackel, ein nachts nach Futter suchendes Erdferkel, den schlummernden Schimpansen vom Titelbild, von dem wir erfahren, wie geschickt er seine Schlafstätte aus Zweigen und Laub baut, einen Orang-Utan mit Riesenblatt-Regenschirm, zwei im Meer jagende (und dort auch schlafende) Seeotter, ein kopfüber schlafendes Dreifingerfaultier, zwei Eichhörnchen in einem ihrer Baumnester (sie haben nämlich mehrere Schlafstätten), zwei Spechte beim Bauen ihrer Baumstammhöhle, einen Seeadler auf seinem Horst bis hin zur wochenlang aus Fürsorge nicht schlafenden Blauwalmutter mit ihrem Kind.

Die jeweiligen Eigenheiten der Tiere beim Schlafen und Wachen werden liebevoll anhand interessanter Details und Vergleiche beschrieben. Wunderbare Holzschnitte in einer eigenwillig-schönen Farbgebung illustrieren die einzelnen Tierporträts.

Die Abbildung eines schlafenden Menschenkindes am Ende und gute Wünsche für die Nacht runden das  Ganze zu einem friedlich in die Nacht begleitenden Einschlaf-Bilderbuch ab.

 

Auch Affen wollen schlafen

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracari verlag, 2020

 

Der Zyklop

Ein echsenartiges grünliches Wesen nimmt vor schwarzem Hintergrund beinahe die gesamte Titelseite des Bilderbuchs ein. Dem Buchtitel zufolge, welcher sich als weißer Schriftzug auf dem Bauch des sich lässig halbliegend drapierenden  Echsenwesens ausbreitet, ist es ein Zyklop, ein einäugiger Riese, auch bekannt als Gestalt der griechischen Mythologie. In seinen froschartigen Echsenfingern hält der Zyklop, schon mal genüsslich daran leckend, einen gelb-schwarz-gepunkteten Käfer, welchen er wohl gleich zu verspeisen trachtet, während ein Artgenosse desselben entsetzt vom rechten Bildrand aus den Vorgang beobachtet.

Nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern durch tastbare Strukturen auch haptisch erlebbar präsentiert sich das Spannung versprechende Buchcover. Auch die inneren Umschlagseiten, welche wie unter dem Mikroskop vergrößert die Grafik der Echsenhaut verdeutlichen und die sich über zwei Buchseiten erstreckende Abbildung des riesigen wie bedrohlichen gelben Zyklopenauges ziehen die BetrachterInnen magisch ins Geschehen.

Am Ortseingang des Dörfchens Krümelspritz sitzt der Zyklop am Ufer eines Flusses sein Spiegelbild betrachtend und missmutig über seine mindere Sehkraft sinnierend – fast wirkt er ein wenig mitleiderregend. Wärenddessen geht es im Insektendörfchen Krümelspritz, in dem sich jeder seiner Bewohner geschäftig seinen alltäglichen speziellen Aufgaben widmet,  recht beschaulich zu: Die Seidenraupe spinnt Bettdecken, die Kakerlake sammelt die vollgekackten Eimerchen ein, die Rote Kreuzspinne versorgt die Kranken, die Wasserjungfer verteilt Gläser mit Getränken, die Fleischfliege macht Rauchwürste …

Aber dann wird das Idyll gestört, als plötzlich das ganze Dorf bebt und alles durcheinanderwirbelt. Das vermeintliche Erdbeben hat der plump ins Örtchen hereintrampelnde Zyklop ausgelöst, der sich dabei den Fuß verletzt, als er auf das Häuschen der Seidenraupe tritt, sich dann am Kirchturm stößt, über einen Bus stolpert und ermattet an der zerstörten Kirche lehnend innehält. Statt nun aber erbost und wütend zu sein, kommen die Krümelspritzer aus ihren Verstecken und sorgen sich trotz der Zerstörungen zunächst erst einmal um die Gesundheit des matten fremden Herrns in erstaunlicher Arglosigkeit und rührender Höflichkeit. Der schlaue Käferjunge Karl erkennt, was der Herr wirklich braucht – nämlich eine Brille. Die überaus netten und hilfsbereiten Krümelspritzer machen sich sogleich gemeinschaftlich an die Arbeit und bauen dem Zyklopen eine Brille, mit welcher er plötzlich alles deutlich sehen kann.

Und was macht der Zyklop? Der hat nichts Besseres zu tun, als gleich noch den Rest der halb kaputten Häuser vollends plattzutreten – weil er ja nun richtig erkennen kann, was er da tut. Und selbst angesichts der weiteren Zerstörung wahrt der Krümelspritzer Bürgermeister Contenance und Höflichkeit. Auf den Einwand, dass das ja nicht gerade nett gewesen sei, entgegnet der Zyklop, dass er ja schließlich ein Zyklop und nicht nett sei. Und dass vielleicht sie, die Krümelspritzer eine Brille bräuchten, wenn sie das nicht gesehen hätten. Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass das aus der Sicht des  Zyklopen durchaus logisch klingt, jedoch überwiegt dann doch eine gewisse Empörung über derartig undankbare Dreistigkeit, versetzt man sich in die Lage der Geschädigten.

So tsunamihaft das Geschehen gekommen ist, so schnell ist es auch schon wieder vorüber und eine gewisse Verblüffung über den für die Dorfbewohner wahrlich ungerechten Ausgang bahnt sich an. Fassungslos – und selbst dann noch mitfühlend, weil er ja so einsam ist, der Herr  Zyklop – schauen sie dem nun das Dörfchen verlassenden Riesen hinterher. Während dieser sinnierend am Flussufer sitzt und noch immer nichts anderes als nur sich selbst sieht, machen sich die liebenswürdigen Dorfbewohner schon wieder freudig an die Arbeit, um alles wieder aufzubauen.

Das außergewöhnliche Bilderbuch besticht einerseits durch den überraschenden Fatalismus seiner Grundaussage und darüber hinaus vor allem durch die ausdrucksstarke und detailreiche bildnerische Gestaltung, welche mittels sparsam in Pastelltönen colorierten Linoldrucken wie in einem Comic umgesetzt wird und Kleinen wie Großen eine wahre Freude beim Anschauen macht.

 

Der Zyklop

Text: Daan Remmerts de Vries

Illustration: Floor Rieder

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Multitalent Gouache

 

Dass die Gouachefarbe  ein wahres Multitalent ist, zeigt uns der renommierte Illustrator Aljoscha Blau in einem wunderbaren, 184seitigen Arbeitsbuch aus dem für besonders schön gestaltete Bücher bekannten Verlag Hermann Schmidt. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen seines reichen Erfahrungsschatzes, so wie er es sich in seiner Studienzeit selbst gern in Form von Büchern seiner Lieblingskünstler gewünscht hätte. So ist das nun vorliegende Buch sowohl ein Geschenk an den jungen Kunststudenten von damals und gleichzeitig an alle von heute, die gern mehr über Goachefarben und –techniken wissen wollen und sich lesend und lernend mit Stift und Pinsel zu  inspirieren erhoffen.

Das Besondere der Gouache-Technik ist, dass sie die Vorteile der Malerei und des Aquarellierens in sich vereint. Um sie uns entsprechend nahezubringen, teilt der Autor wie in einer Analogie zum Kochbuch seine Ausführungen in fünf Bereiche: zuerst philosophische und historische Bezüge, dann Materialkunde, danach erste Schritte, später spezielle Techniken und schließlich besondere Expertentipps.

Blau gesteht, dass Gouache, eine deckende Wasserfarbe mit Gummi arabicum als Bindemittel und weiteren Zusätzen wie Kreide, seine absolute Lieblingstechnik sei, womit er sich in guter Gesellschaft vieler alter und moderner Meister wie etwa Dürer, Matisse oder Chagall befindet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Gouache zu DER Farbe für Illustratoren und Buchkünstler, aber auch zeitgenössische Künstler wie beispielsweise David Hockney arbeiten insbesondere in ihren Skizzen und Vorentwürfen bevorzugt mit Gouache, die sich in Künstlerqualität durch ihre samtene Oberfläche, gleichmäßigen Farbauftrag, das Leuchten der stark pigmentierten Farben und ihre hohe Deckkraft auszeichnet, wie Blau betont.

Zunächst gibt er Hilfestellungen, wie man zu seiner Lieblingsmarke finden kann, welche Informationen aus dem Etikett herauszulesen sind, welche Papiere geeignet sind, vergleicht diverse Pinsel, weitere Malutensilien und verschiedene Malmittel. Weiter erfahren wir, wie Papier aufgezogen wird, machen einen Ausflug in die Farbenlehre und richten unseren Arbeitsplatz optimal ein, wobei der Autor ein überzeugendes Plädoyer für eine gewisse „visuelle Hygiene“ hält. Zum Planen des Bildes empfiehlt Blau, wie die Synästhetiker „Farbklänge zu skizzieren“, um die Wirkung verschiedener Farbkombinationen zu erspüren, um im nächsten Schritt die Arbeitsetappen zu überlegen, womit das Malen mit Gouache gewissermaßen auch zu einem intellektuellen Abenteuer werden kann, denn die spezifischen Eigenschaften der Farbe bedingen auch den Bildaufbau. Wie unterschiedlich dies funktionieren kann, wird an vielen konkreten Beispielen gezeigt. Ausführlich folgen verschiedene Techniken der Gouachemalerei von transparent bis deckend – vom Lasieren und Lavieren über Dunkel-zu-Hell-Malerei, Verwendung von Schablonen und Drucktechniken bis hin zu Experimenten mit Bürsten, Lappen, Zweigen oder trockenen Pinseln. Auch Rohrfederzeichnungen mit Gouache erweisen sich als vielversprechende und nachahmenswerte Technik. Noch mehr Übung verlangen an ausdrucksstarken Beispielen vorgestellte Auswasch-, Auskratz-,  Spritz- und weitere Techniken unter Verwendung von Maskiermitteln, Kombination mit Pastellstiften, Aquarell- oder Ölfarben wie auch die Monotypie.

Der letzte Teil widmet sich der kreativen Umsetzung des bereits Gelernten an Beispielen, zum Teil in gut nachvollziehbaren Schritt-für-Schritt-Demonstrationen, im Hinblick auf die Darstellung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Objekten, Landschaften oder Schriftgestaltungen als hilfreiche Anleitung und Anregung zum eigenen Ausprobieren und Weiterentwickeln.

Sehr überzeugend und überaus inspirierend gelingt es Aljoscha Blau mit seinem Buch, die Lust zu wecken, das Multitalent Gouache in all seinen Facetten kennenzulernen, seine Arbeitsvorschläge nachzumachen, damit zu experimentieren und individuell  mit eigenen Ideen neu zu erobern.

 

Multitalent Gouache

Aljoscha Blau

Verlag Hermann Schmidt, 2020

Die Wurzeln der Welt

Einer umfänglichen Betrachtung der Pflanzen als den eigentlichen „Erschaffern der Welt“ und ihrem bemerkenswerten Einfluss auf unser Sein widmet sich Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte in Paris und ehemaliger Schüler einer italienischen Landwirtschaftsschule, in einem erstaunliche Denkanstöße gebenden Essay. Das preisgekrönte Buch, welches hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Problematik des Klimawandels wichtige philosophische Grundlagen zu liefern vermag, ist bei dtv im handlichen Taschenbuch-Format erschienen.

Coccia sieht die Pflanze als „intensivste, radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins“, als das „klarste Observatorium, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu beobachten“. Pflanzen formen Materie, Luft und Sonnenlicht zum Lebensraum aller anderen Lebewesen um – zum Atem der Lebewesen; Atem als Paradigma einer gegenseitigen Verschränkung. Ausgehend vom Leben der Pflanzen, die die Materie formen und gestalten, die aus dem Samen Wurzeln, Zweige und Blätter bilden, möchte Coccia die Frage nach der Welt neu stellen. Einerseits ist die Natur immer weniger Gegenstand philosophischer Betrachtungen, andererseits aber ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur. Insofern ist der Mensch als Maß aller Dinge als Gegenstand philosophischer Betrachtungen möglicherweise ein überholter Ansatz, denn „die Welt an sich wird man nie erkennen können, ohne dabei auf die Vermittlung von etwas Lebendigem zurückzugreifen“. Aus dieser Erkenntnis schlussfolgert Coccia, dass der Versuch, eine neue Kosmologie zu begründen, die einzige als legitim zu betrachtende Form der Philosophie, mit einer Erkundung der Pflanzenwelt beginnen muss. Dieser widmet er sich eingehend, indem er Teile der Pflanzen, Blatt, Wurzel und Blüte, in den Gesamtzusammenhang eines organischen Ganzen setzt.

Dass Alles mit Allem im Zusammenhang steht und Alles in Allem enthalten ist, wird uns bei der hochinteressanten, zutiefst erhellenden und zuweilen poetischen Annäherung an Coccias philosophische Sichtweisen umso eindringlicher bewusst.

 

Emanuele Coccia

Die Wurzeln der Welt

dtv, 2020

 

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020

Komm doch, lieber Frühling!

Noch ist es kalt und grau und windig draußen, doch die ersten Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge und sonstigen pflanzlichen Farbtupfer spitzen schon den nahenden Frühling verkündend aus der Erde.

Wer den Frühling herbeisehnt, kann sich diesen schon jetzt ins Zimmer zaubern – zum Beispiel mit tollen Basteleien aus dem neuen Buch von Sabine Lohf, von der bereits viele wunderbare Bastelbücher, die sich von anderen vor allem durch ihre besondere Originalität und immer wieder verblüffenden Einfallsreichtum unterscheiden, erschienen sind. Hier wimmelt es von gebastelten Frühlingsblumen, Bienen, Schmetterlingen, Vögeln, Käfern und anderen kleinen Tieren, welche im Frühling aus ihren Verstecken kommen.

Den jahreszeitlichen Abläufen in der Natur folgend beginnt das Buch mit der Schneeschmelze, welche mittels Blüten, Eis und Folie wunderschön als Landschaft arrangiert wird. Angesichts dieser Landschaft bietet sich ein dazu passendes Getränk in Form von Gänseblümchen-Bowle mit Blüten-Eiswürfeln, die aus einem mit Sonnengesicht verzierten Strohhalm geschlürft werden kann, an. Dazu kann der Winter singend, zaubernd, mit einem Osterfeuer oder mit Bastel-Spielen verjagt werden. Weiter geht es mit dem launigen April, in dem passend zum wechselnden Wetter eine Wetteruhr oder ein Wetterfrosch aus Zweigen gebastelt werden kann. Aus Freude über die ersten Frühlingsboten kann eine Girlande mit Frühlingsmotiven entstehen. Wie das geht und welche Materialien verwendet werden können, wird kinderleicht und Schritt für Schritt beschrieben und in zahlreichen Abbildungen liebevoll in Szene gesetzt.

Lustige Gartenzwerge, dekorative Blüten aus Papier, Grasfiguren, ein entzückender Miniaturgarten in einer ausrangierten Obstkiste, ein originelles Froschfangspiel, reizende Osteraccesoires, niedliche Vogelkinder und vieles mehr laden zum Nachbasteln ein.

Ein abschließendes Wort an die erwachsenen Mitbastler ermuntert Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, sich gemeinsam mit den Kindern direkt in die Natur auf die Suche nach geeignetem Bastelmaterial zu begeben, über gemeinsame Naturbeobachtungen ins Gespräch zu kommen, mithilfe der inspirierenden Bastelvorschläge eigene Kreationen zu schaffen und damit zu spielen.

Ein Buch voller wunderbarer Anregungen für viele schöne gemeinsame (Bastel-)Stunden!

 

Komm doch, lieber Frühling!

Idee, Konzept, Text , Fotos & Gestaltung: Sabine Lohf

Gerstenberg, 2020

Heinrich will brüten!

Heinrich übt sich darin, ein stolzer Hahn wie sein Papa zu werden und seine Kräh-Versuche klappen auch immer besser. Nur mit der Lautstärke hapert es noch etwas.

Wer später auf den Hühnerhof achtgeben, die Hühnerschar vor Feinden warnen oder die Katze verjagen will, muss laut krähen können, sagt Heinrichs Papa. Und Heinrichs Mama meint, dass der Hahn kräht und die Hennen Eier legen, ist nun mal eben so. Heinrich erinnert sich, wie liebevoll Mama auf ihn aufgepasst hat. Er stellt sich vor, wie toll es wäre, auch auf kleine Küken aufpassen zu können. Eigentlich mag er sogar viel lieber Küken hüten als den Hühnerhof bewachen …

Heinrich braucht ein Ei zum Ausbrüten! Erste Versuche mit einem auf der Kuhweide gefundenen Fußball scheitern. Schließlich zeigt Mama Erbarmen und überlässt Heinrich eines ihrer Eier zum Ausbrüten. Nun merkt Heinrich, dass das Brüten ein recht anstrengendes Geschäft ist. Aber er hält tapfer durch und wird schließlich ein stolzer „Bruderpapa“. Sein „Bruderküken“ nimmt sich vor, schön laut krähen zu lernen wie seine beiden Papas. Und falls es mal brüten will, kann ihm bestimmt sein „Bruderpapa“ Heinrich dabei helfen.

Mit einem kindgerechten Text und detailreichen, lustigen Zeichnungen zeigt das Bilderbuch auf liebenswerte Weise, dass festgeschriebene Vater- und Mutter- Rollenmodelle nicht in Stein gemeißelt sein müssen.

 

Text: Annette Thumser

Illustration: Nikolai Renger

Magellan, 2020