Archiv für den Monat Januar 2016

Das schlaue Buch vom Büchermachen

Text und Illustration: Daniel Napp

Verlag: Gerstenberg Verlag

2016

 

Wer gern liest, wird sich vielleicht irgendwann fragen, wie denn so ein Buch eigentlich gemacht wird. Dann ist es gut, wenn es ein Buch wie „Das schlaue Buch vom Büchermachen“ gibt, welches insbesondere Kindern Schritt-für-Schritt erklärt, wie ein Bilderbuch entsteht und anschaulich macht, dass es eine weite Wegstrecke von der ersten Idee bis zum fertigen Buch ist.

Als Moderator und Lieferant interessanter Zusatzinformationen in Sprechblasen tritt eine kleine Maus in roter Latzhose auf jeder der siebzehn Doppelseiten auf. So erklärt Konrad Maus gleich nach dem Aufschlagen des Buches, dass die inneren Umschlagseiten, welche den Buchblock mit dem Buchdeckel verbinden, in der Buchfachsprache Vorsatzpapier genannt werden. Dass dieses Vorsatzpapier auch wunderbar gestaltet werden und wie hier in skizzenhaften Zeichnungen erste Informationen zur Welt des Büchermachens liefern kann, ist zugleich die erste Wahrnehmung.

Die eigentliche Erzählerin, welche sich in der Ich-Form direkt an ihre jungen Leser wendet, ist Kinderbuchautorin, heißt Petra Fuchs und ist auch tatsächlich ein Fuchs.  Petra Fuchs plaudert aus dem Autoren-Nähkästchen und verrät, wann ihr die besten Einfälle für Geschichten kommen. Mit einem Dachs, dem Kinderbuchillustrator Julius Dachs, tauscht sie sich beim Kaffee über ihre neueste Buchidee, den Astronautenhasen, aus. Über weitere tierische Vertreter wie Igel, Eule, Wildschwein oder Reh werden auf kindgerechte Art, und ohne dass die vermittelten Informationen allzu trocken daherkommen, die gängigen Abläufe, Begriffe und Berufsgruppen in der Buchwelt erläutert, wobei die sympathischen und mitunter recht witzigen Illustrationen auf unterhaltsame Weise das im Text Erzählte verdeutlichen und nonverbal ergänzen.           So bleibt die Fülle an neuen Informationen lebendig, wird niemals langweilig oder für Kinder schwer verdaulich.

Als dann nach weiter Wegstrecke „Der Astronautenhase“ endlich als fertiges Buch in der Buchhandlung steht, kann sich neben dem Gefühl der Mit-Freude über das gelungene Projekt auch das Gefühl, nach der Lektüre wieder ein stückweit schlauer geworden zu sein, einstellen.

Das empfehlenswerte Sachbuch ist eine Bereicherung für alle, die sich mit Büchern beschäftigen, umso mehr für Kinder, welche sich erträumen, irgendwann eine eigene Geschichte zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, zugleich Nachschlagewerk und Motivationsgeber. So wird „Das schlaue Buch vom Büchermachen“ zum Buch für schlaue Büchermacher – wie zum Beispiel die Buchkinder im MALKASTL*!

Hanna Nebe-Rector, http://www.malkastl.de

* Auf unserer MALKASTL-Facebookseite kann ein Blick darauf geworfen werden, wie die Geisenhausener Buchkinder -unter anderem auch mit Hilfe des hier vorgestellten Buches- eigene Buchprojekte verwirklichen:

https://www.facebook.com/media/set/?set=a.1006953119342898.1073741996.277116992326518&type=3

 

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Zentangle

Titel: Zentangle – Das Einführungsbuch

Autor: Kathleen Murray

Verlag: frechverlag GmbH, Stuttgart

2015

 

Wer aufkommende Ungeduld während endloser Telefonate mit Kritzeleien zu kompensieren versucht, wird oftmals die Entdeckung machen können, dass dabei überraschend phantasievolle Muster mit sich wiederholenden Elementen entstehen.  Unbewusst versucht sich der Mensch beim Kritzeln zu entspannen.

Wenn die Lust am Kritzeln – einem prinzipiell nicht ergebnisorientierten Zeichnen- auf das Bedürfnis nach innerer Sammlung und Entspannung trifft, kann das Eintauchen in die faszinierende Welt des Zentangle, einer 2003 von Rick Roberts und Maria Thomas entwickelten Form des kreativen Zeichnens, in gewisser Weise zum Erweckungserlebnis werden.

Die rhythmische Wiederholung filigraner Muster beim Zeichnen führt fast unweigerlich zu tiefer Konzentration auf die eigene Innenwelt und lässt Alltagssorgen und -probleme temporär in den Hintergrund treten. Genau dies geschieht auch beim Meditieren.

Folglich kann Zentangeln als eine Form des Meditierens, welche sich über die innere intensive Versenkung und der sich dabei zunehmend einstellenden Entspannung hinaus im Materiellen manifestiert, indem sie überraschend schöne Ergebnisse produziert, betrachtet werden.

Das Zentangle-Einführungsbuch von Kathleen Murray hilft Einsteigern mit 24 in Wort und Bild ausführlich vorgestellten Basismustern, sich in den verschiedenen Techniken -welche entsprechend der verwendeten Elemente Bezeichnungen wie Knightsbride (Raster), Crescent (Krümmungen), Moon (gekrümmte Striche), Rain (gerade Striche), Printemps (Spiralen) oder Tripple (Kreise) bekamen- zu üben und ermuntert, diese vielfältig zu variieren oder mit eigenen Ideen zu bereichern.

Die Ergebnisse können sehr komplex aussehen, sind jedoch in der verständlich erläuterten Schritt-für-Schritt-Entstehung relativ einfach zu zeichnen.

Auf 160 Seiten (deren Papier man sich idealerweise für die Verwendung von Tuschestiften ein wenig saugfähiger wünschen könnte) gibt es in -teils mit ersten Vorzeichnungen versehenen- vorgedruckten Feldern ausreichend Gelegenheit, diese Methode des Zeichnens erlernen und zunehmend routinierter anwenden zu können.

In unseren Malgruppen haben wir das Zentangeln anhand der vorgestellten Übungen im Buch ausprobiert, waren erstaunt von den vielfältigen Möglichkeiten und überraschenden Ergebnissen, und konnten uns dem der Methodik innewohnenden Suchtpotential kaum mehr entziehen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.malkastl.de

 

 

Vom Suchen und Finden

Text: Hanna Nebe-Rector

Januar 2016

 

Kommen Menschen in die Jahre,
verliern sie Brillen oder Haare.
Unerträglich wird die Pein,
vermissen sie den Führerschein.

Frau N. hat einst ein großes Ziel,
damit sie werden kann mobil.
Der Weg dorthin war voller Tücken.
Für Fahrlehrer wohl kein Entzücken.

Zwar war sie ein Genie
in grauer Theorie.
Der Schein, der sehr begehrt,
blieb praktisch ihr verwehrt.

Gleich zweimal gabs ne lange Nase
beim Praxisprüfen auf der Straße.
Den Prüfern war es keine Freude
trotz der überreichen Beute.

Im Spiegel eine Straßenbahn
leider nur die andren sahn.
Und das übersehne Schild
macht die Polizei ganz wild.

Beim dritten Teste gab man ihr
das heißbegehrte Stück Papier.
Der Schein fand einen Ehrenplatz.
In ihrem Ohr klingt noch der Satz:

„Im Führerschein ein nettes Bild
macht die Kontrolle halb so wild.“
Das Jugendbild im Führerschein
nahm niemand mehr in Augenschein.

Nach weitren fünfundzwanzig Jahren
bedrohn Frau N. erneut Gefahren:
Nicht nur die Jugend -„Ach, oh Schreck …“-
auch das Papier war plötzlich weg!

Monatelanges Suchen,
Bangen, Zittern, Fluchen …
zwecklos – dieser Schein blieb weg,
fand sich in keinerlei Versteck.

Zerknirscht stellt sich Frau N. die Frage
(und die Frage wurd zur Plage …),
ob sie erneut bestünd den Test
und man sie weiterfahren lässt.

Dennoch fuhr sie noch mit Haltung,
vermied den Weg zur Fahrverwaltung,
doch plagte sie nun ihr Gewissen
ob sie´s nicht sollte melden müssen.

Neulich wars der Schmuck fürs Ohr,
den sie schon hundertmal verlor.
Wieder fing sie an zu suchen,
und zu wüten und zu fluchen …

Das Etui war auch noch leer! –
Nicht effektiv und doppelt schwer
ist die Suche ohne Brille
(wenn auch beflügelt war ihr Wille).

Aus des Sofas finstrer Ritze
kramt sie mit der Fingerspitze
ein Gewöll aus Staub und Haaren
mit angeekeltem Gebaren.

„Wo ist nur mein Ohrenschmuck?“,
frug sich Frau N. mit Nervendruck.
„Muss ich neuen Schmuck mir kaufen,
es ist doch zum Haare-Raufen!“

Beim Suchen in der Sofaecke
saß die Katze auf der Decke
und verfolgte Frau N.´ s Mühen
mit neugierigem Augenglühen.

Hilfreich sprang zur Seit die Katze,
angelte mit ihrer Tatze
lässig aus der Sofaritze
… den Führerschein! – Frau N. rief: „Spitze!“

Die Brille fand Frau N. dann auch
unter einer Stange Lauch.
Mit der Brille auf der Nas
macht das Suchen doppelt Spaß!

Frau N. fährt wieder ganz entspannt
zum Einkaufen in Stadt und Land.
Der Ohrschmuck blieb bislang verschwunden.
Frau N. hat den Verlust verwunden.

Vater und Tochter

Autor: Michael Dudok de Wit

Verlag Freies Geistesleben

2015 (Neuausgabe)

Dem Buch liegt der wunderschöne, 2001 mit einem Oscar ausgezeichnete Kurz-Animationsfilm „Father and Daughter“ zugrunde. Die Buchversion wurde auf das Wesentliche komprimiert und – im Gegensatz zum Film, in welchem allein die eindringlichen Bilder sprechen – mit einem bildbegleitenden Text versehen. Man mag darüber diskutieren, ob der Text wirklich vonnöten ist, um die Aussagekraft der Bilder zu unterstreichen. Hilfreich kann er insbesondere dann sein, wenn das Buch gemeinsam mit Kindern betrachtet wird, zumal er sich auf jeweils wenige Worte beschränkt und ebenso sachlich wie behutsam formuliert ist und damit ausreichend Freiraum für eigene Gedanken zulässt.

Das analog zur Innengestaltung überwiegend in warmen Brauntönen sowie in Schwarz und Weiß gehaltene, Hell-Dunkel-Kontraste betonende Titelbild zeigt eine weite Landschaft, die mittig durch einen sich auf den Horizont hinzubewegenden Weg, auf dem zwei Menschen – dem Titel nach Vater und Tochter – laufen, getrennt wird und der sich ins wolkenverhangene Unendliche zu verlieren scheint.

Auf der Buchrückseite erscheint nur noch der umwölkte Horizont ohne die beiden Figuren. Interessant ist die Wahl des Einsatzes eines besonderen gestalterischen Mittels in Form der Einbeziehung der Vorsatzseiten, wodurch der Betrachter unmittelbar mit dem Aufschlagen des Buches in dessen Geschehen gezogen wird.

Im sich an die Filmvorlage anpassenden Querformat werden die wesentlichen Filmsequenzen im Buch eingefangen, wobei sich ein Vorteil der Buchform darin erweist, dass das Verweilen des Blickes und der Gedanken des Betrachters – durch den Wechsel des Mediums bedingt – ungleich länger und ganz nach dem individuellen Bedürfnis ermöglicht wird.

Erzählt wird eine wunderbar poetische Bildgeschichte, die anhand einer Vater-Tochter-Thematik existenzielle Kategorien des Lebens wie Liebe, Schmerz, Hoffnung, Abschied und Wandlung aufgreift und dies in einer derart überwältigenden Weise, dass es den Betrachter zu Tränen rühren kann: Aus der Sicht der Tochter wird auf wenigen Buchseiten ein ganzes Leben – Kindheit, Jugend, Erwachsensein und Alter – erzählt, dessen ganze Sehnsucht und Hoffnung vom viel zu frühen, tragischen Verlust des Vaters bestimmt wird. Gemeinsam radeln Vater und Tochter zum Deich am Meer, wo sie sich, ohne zu wissen, dass es ein Abschied für immer sein wird, voneinander trennen. Der Vater steigt in ein Boot, vielleicht, um zum Fischen zu fahren, die Tochter bleibt allein, ihm mit ihren Blicken folgend, bis er als Punkt am Horizont verschwindet, zurück und wartet … bis die Sonne untergeht. Allein begibt sie sich auf den Heimweg, das Fahrrad des Vaters bleibt an einen Baum gelehnt zurück. Jahr für Jahr zieht es die Tochter immer wieder an diesen Ort zurück, der für sie ein Sinnbild des unfassbaren Verlustes ist. Der Baum, an dem einst das Rad des Vaters lehnte, wird immer größer, ebenso wie die Sehnsucht der Tochter und ihre Hoffnung auf seine Rückkehr, die sie nicht aufzugeben vermag.

Es gibt mehrere Zeitsprünge, welche die Lebensstationen des kleinen Mädchens von damals markieren: Als junges Mädchen radelt sie mit ihren fröhlich ausgelassenen Freundinnen dorthin, später mit dem Freund und ebenso mit ihm und den gemeinsamen Kindern. Gedankenverloren steht sie ein wenig abseits, während der Vater der Kinder mit diesen ausgelassen über den Deich tobt. Es scheint, als ob sie trotz des offensichtlichen Familienglücks nie ganz glücklich werden kann. Als alte Frau, deren Kinder längst erwachsen geworden sind, kehrt sie wiederum allein an ihren Sehnsuchtsort zurück. Inzwischen gibt es dort kein Wasser mehr. Gebrechlich und krumm ist sie geworden. Sie legt das Fahrrad in den Sand, steigt mühevoll den Deich hinab und läuft dahin, wo früher das Wasser war und jetzt das Schilf wuchert, wie von einer plötzlichen Eingebung getrieben, immer weiter, bis sie eine freie Stelle erreicht …

Und da ist sie, die Gewissheit, wonach sie ihr Leben lang gesucht und sich doch nicht zu finden getraut hat: Ein Boot, halb schon im Sand versunken. Sie legt sich hinein und eine wohltuende Ruhe breitet sich aus, bevor sie im Traum eine Verwandlung wahrnimmt. Nun ist sie noch einmal die junge Frau, die aufsteht und losrennt, bis das ein Leben lang erhoffte Wunder geschieht: dem geliebten Vater noch einmal begegnen, ihn in die Arme schließen zu dürfen. Es ist ein Bild des Friedens. Sinnbildhaft lang sind die Schatten der beiden Figuren im Schlussbild des Buches und vermögen auf ebenso berührende wie tröstliche Weise die Botschaft dieser selten schönen Geschichte, die mitten ins Herz trifft, zu vermitteln. Eine Ode an die unendliche Liebe!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Diese Besprechung wurde zuvor bei http://www.Buecherkinder.de veröffentlicht.

Eiertanz

Text & Zeichnungen: Hanna Nebe-Rector

http://www.MALKASTL.de

Januar 2016

 

Ein Fräulein führte aus den Dackel

in den Park mit Po-Gewackel.

Kontakte knüpft die Hunde-Runde

den Einsamen wie Kunigunde.

 

Ein Dackelrüde namens Fritz

traf auf Karl-Heinz, den schwarzen Spitz

auf seiner Hunde-Runde

mit Fräulein Kunigunde.

 

Kunigund´ war sehr betört

vom Herren, dem Karl-Heinz gehört.

Wie ihr Dackel hieß der Fritz.

Kunigunde rief: „Fritz, sitz!“

 

Herr Fritz darauf wirkt leicht verstört,

als er ihre Worte hört.

Denn ihm war es nicht bekannt,

wie sie ihren Hund genannt.

 

Um dem Fräulein zu gefallen,

ließ er den Befehl erhallen

und rief: „Karl-Heinz, Platz!“

Sie aber missverstand den Satz.

 

„Oh, sehr erfreut, Herr Karl-Heinz Platz –

Gestatten: Kunigunde Schmidt.

Ihr Spitz ist ja ein süßer Fratz!

Kommt ihr auf einen Kaffee mit?“

 

„Sehr gern, Frau Kunigunde!“ –

Nun saß in der Kaffee-Runde:

Kunigund´ samt Dackel Fritz

sowie der Herr mit seinem Spitz.

 

Sie wähnt´sich schon im Ehehafen:

„Karl-Heinz, wie schön, dass wir uns trafen!

Wie ist denn eigentlich der Name

ihrer süßen Hunde-Dame?“

 

Gestatten Sie: „Ich bin Fritz Meier.

und … ähem … der Hund hat … Eier.“

Kunigunde wurd´ganz blass,

erwog ganz kurz zu rufen: „Fass!“

 

Sie besann sich und errötet´,

bevor in Fritzens Ohr sie flötet: „…“

Nun brät sie ihm Spiegeleier

und nennt sich: Kunigunde Meier.

 

 

 

 

 

Wilma Willnichraus

Text und Musik: Claudia Gliemann

Illustration und Buchgestaltung: Stephanie Gustai

Verlag: Monterosa

2015

 

Wilma, nicht mehr Raupe und noch nicht ganz Schmetterling, hat sich in ihrem Kokon behaglich eingerichtet: Sessel, Teppich, Leselampe, viel Lesestoff, ja selbst ein Grammophon gehört zum Inventar! Gemütlich sitzt sie im roten Ohrensessel und studiert Fachliteratur – natürlich ein Schmetterlingsbuch. Kuchen,Törtchen und Snacks sorgen für Wilmas leibliches Wohl und werden sechsbeinig ins Puppenmäulchen gestopft.               Kein Wunder, dass sie nicht raus will. Schreckliche Gefahren könnten draußen lauern! Finstere und illustre Gestalten scheinen bereits auf den großen Moment ihres Herauskommens zu warten. Nein, da will Wilma nicht raus …

Andererseits ist Wilma schon ein wenig neugierig auf die Welt da draußen. Als es immer heller im Kokon wird, wagt sie, zuerst zögerlich, dann immer mutiger, eine Stippvisite ins unbekannte Terrain.

Der Widerstreit ihrer Gefühle, die ängstliche Zerrissenheit zwischen Drinbleiben-Wollen und Vor-Neugier-Platzen wird in kurzen, klaren Sätzen überzeugend deutlich und nachvollziehbar erzählt. Claudia Gliemann lässt ihre Leser durch die Verwendung der Ich-Form und viele Fragesätze an Wilmas Gedankenwelt teilnehmen und so unmittelbar mit ihr fühlen, bangen, ausprobieren, entdecken und letzlich vor Staunen über die wundersame Verwandlung überwältigt sein.

Die charakteristischen Illustrationen von Stephanie Gustai, welche die Liebe zu Details, akribische Zeichenfreude und großen Phantasiereichtum offenbaren, begleiten und ergänzen wunderbar die Handlung, indem sie weitere kleine Geschichten erzählen und Lust auf deren Entdeckung machen: Farbenprächtige Pflanzen, vieläugige  und feuerspeiende Phantasiewesen oder Tiere in buntgemusterten Kostümen, die sich bei der Verrichtung menschlicher Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder beim Spiel entdecken lassen.

Zwei  musikalische Zugaben in Form von Liedtexten mit Noten, die in den inneren Umschlagseiten -umgeben von einem kunterbunten Blütenmeer- zu finden sind und zuerst von den lauernden Gefahren und dann von Wilmas Freude über die Entdeckung ihrer Schönheit handeln, komplettieren das Buch zu einem rundum gelungenen, überaus ansprechenden Gesamtkunstwerk.

Hanna Nebe-Rector, http://www.malkastl.de

 

Leise pieselt das Reh

Titel: Leise pieselt das Reh

Autor: Werner Holwarth

Verlag: Klett Kinderbuch

2015

 

Wie schon der Titel vermuten lässt, geht es im Buch herrlich frech und unernst zu. Geschrieben hat es Werner Holzwarth, dessen erstes Kinderbuch „Vom Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ große Beliebt- und Bekanntheit erlangt hat.
Allgemein bekannte Liedgut-Klassiker wie „Alle meine Entchen“, „Ein Männlein steht im Walde“ oder „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“ wurden hier kurzerhand umgeschrieben zu „Alle meine Tantchen“, „Ein Donut liegt im Auto“ und „Gans, du hast den Fuchs gestohlen“, um zunächst die harmloseren Varianten zu nennen. Selbst Weihnachtslieder werden nicht respektvoll verschont, doch bei allem Nonsens lässt sich durchaus auch Tiefsinniges entdecken. So richtig spaßig und damit -wenig überraschend- ganz nach Kindergeschmack wird es dann mit Liedtexten aus dem Ekelbereich wie „Kacka, Kacka, ruft´s aus dem Klo“, „Es pupsen die Kinder“ oder „Es tanzt ein Ri-Ra-Rotzemann“. Spätestens beim gemeinsamen Singen unpädagogischer Albernheiten wie „Dicker, dicker Eiter, Pickel machen heiter, mitten auf der Stirne, groß wie eine Birne …“ zur Melodie des Kniereiterliedes „Hoppe, hoppe Reiter“ werden von Lachkrämpfen geschüttelte schmerzende Kinderbäuche gehalten und Schenkel geklopft sowie Tränen aus den Augen gerieben. Die zahlreichen witzigen Illustrationen zu den verwandelten Liedtexten tun ein Übriges, damit kein Kinderauge trocken bleibt. Wer vor Lachen nicht mehr singen kann, hat die Möglichkeit, die dem Buch beiliegende, von Kindern bespielte CD anzuhören. Der letzte der insgesamt vierzig umgeschriebenen Liedtexte, zu denen die jeweiligen Noten und Gitarrengriffe mit abgedruckt sind, bringt zur Melodie von „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ wunderbar auf den Punkt, was Anliegen solcher Bücher wie diesem sein dürfte: Kinder einfach mal ausgelassen albern und fröhlich sein zu lassen, ohne bildungsbezogene oder sonstige pädagogisch wertvolle Hintergedanken zu hegen.
„Weißt du, wieviel Kinder lachen und am Abend fröhlich sind?“ – Weil´s die Eltern richtig machen, wissen: Kinder sind noch Kind!“
Den Kindern unserer Malgruppen hat das gemeinsame Singen der frechen Lieder mindestens ebenso viel Spaß gemacht wie das sich daran anschließende Malen von lustigen Quatsch-Bildern.
Hanna Nebe-Rector (malkastl.de) :: Redaktion Buecherkinder.de

Diese Besprechung wurde zuvor hier veröffentlicht: http://www.buecherkinder.de

Robin und Schnuff

Autor: Sjoerd Kuyper

Illustration: Marije Tolman

Titel: Robin und Schnuff – Geschichten zum Vorlesen

Verlag: Gabriel in der Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart

2015

 

Robin ist ein kleiner Junge und Schnuff sein Kuschelschweinchen, welches ihn in fast allen Lebenslagen begleitet. Wenn Robin Ritter spielt, wird auch Schnuff zum Ritter. Dann heißen die Beiden Validon und Bullerich. Als Robins Mama ein Baby erwartet, wird auch Schnuff zum Baby. Zum Dahinschmelzen Szenen wie diese:

Wieder küssen sie sich, Robin und Mama und Papa. Und jetzt macht auch Schnuff mit. Schnuff als Baby. Sie küssen sich alle vier gleichzeitig. Mundwinkel, auf Mundwinkel, Mundwinkel auf Mundwinkel, Mundwinkel auf Schweineschnauze, Schweineschnauze auf Mundwinkel. Ganze zehn Mal üben sie den Viererkuss. Für das Baby, wenn es kommt.

 

Suse wird das Baby dann genannt und die Schweineschnauze beim Viererkuss mit dem Babymundwinkel ersetzt.

Beim familiären weihnachtlichen Krippenspiel ist Suse das Jesuskind, Robin der Hirte, Opa der Josef, Schnuff Maria, Oma der Esel, Mama der Mann der sagt, dass Josef und Maria verreisen müssen und zu guter Letzt Papa der Regisseur.

Es sind Momente wie dieser oder jener, als Robin Schwesterchen Suse zu sich ins Bett nimmt und sein kleines Bruderherz einfach nur noch von Liebe erfüllt ist. Oder jene Momente, in denen Robin mit dem Opa über Gott philosophiert, an den die Eltern nicht so recht glauben mögen.      Und dann Robins erste Liebe adressiert an Sandkastenfreundin Nelli und wenig später an Frau Tineke, die Lehrerin.

Einerseits rührend und absolut nachvollziehbar – wie unzählige weitere scheinbar mitten aus dem Leben gegriffene Szenen wie diese – beschrieben wird Robins Konflikt, als er sich nicht über die Schwelle zu gehen und etwas zu sagen traut angesichts von Öhmchen, der Uroma, auf dem Sterbebett. Andererseits die  Inszenierung einer wunderbar heilen kindlichen Bullerbü-Welt mit überaus sympathischen Protagonisten.

Ein wunderbar warmherziges Vorlesebuch mit einem ganz eigenen Sprachstil, der sich kurzer, für Kinder verständlicher Sätze bedient und dennoch für den Vorleser angenehm bleibt.

Ebenso sind die ansprechenden farbigen Illustrationen ein Genuss für Auge und Herz.

Hanna Nebe-Rector, malkastl.de

Goldkind

Titel: Goldkind

Autor: Eva Rottmann

Illustration: Eleanor Sommer

Verlag: mixtvision Verlag München

2015

 

Wenn Dramatiker für Kinder erzählen, werden aufdringliche Buchcover  überflüssig. Das aparte Goldkind-Cover fällt gerade durch seine minimalistische Gestaltung ins Auge. Naturbelassener Buchbinderkarton als Untergrund, schlicht bedruckt mit dem Titel und einer kleinen feinen Illustration in goldgelber Farbe, eingefasst in ebenfalls goldgelbes Leinen. Mehr braucht es nicht, um ein Versprechen auf den Inhalt zu geben. Und der hat es in sich:

Die freche kleine Illustration eines gelbgefleckten Hundes in unmissverständlicher Pose verdeutlicht bereits eine gewisse Renitenz – diametral dazu die Vorstellung von einem Goldkind. Emma erfüllt zunächst alle Erwartungen an ein solches und wird auch ebenso genannt.

Vom Aufbegehren gegen diese an sie geknüpften Erwartungen erzählt das kleine feine Büchlein auf 66 Seiten. Die wohlerzogene und wohlbehütete neunjährige Emma hat alles, was sich ein Mädchen ihres Alters wünschen kann, nur eben eines nicht – Eltern, die Zeit für sie haben. Sie sind vielbeschäftigte Leute, die erst spätabends heimkommen, auch am Wochenende noch arbeiten und ziemlich viel streiten, was sie „diskutieren“ nennen. Die Lage spitzt sich zu, als beide dasselbe Wochenende verplanen und sich niemand findet, der auf Emma aufpassen könnte. Emma packt kurzerhand ihre Sachen und nimmt unbemerkt von den Eltern Reißaus durchs Fenster. So landet sie bei einer Gruppe Obdachoser, bei der sie das findet, was sie vermisst: Zeit, Zuwendung und Geborgenheit. Die neue Erfahrung bringt sie dazu, ihren Eltern den Vorschlag zu unterbreiten, an besagtem Wochenende allein zu Hause bleiben zu wollen. Diese lassen sich aufgrund fehlender Alternativen darauf ein. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf …

Auf spannende Weise treibt das Geschehen seinem Höhepunkt zu und bewirkt eine Wende in Emmas Leben. Kindgerecht erzählt werden in der Geschichte gesamtgesellschaftliche problematische Entwicklungen  verdeutlicht, ohne ins Klischeehafte abzudriften.

Die ansprechende grafische Gestaltung, konsequent in Gold und Schwarz gehalten, besticht ebenso durch bemerkenswerte Ausdruckskraft.

Hanna Nebe-Rector, malkastl.de