Archiv für den Monat März 2016

Glückskind mit Vater

Autor: Christoph Hein

Verlag: Suhrkamp

2016

 

Das Buchcover –fünf Birkenstämmchen auf weißem Grund- stimmt ebenso wie das erste Kapitel, in welchem das Ranenwäldchen – ein nach dem Abriss von Gebäuden mit schnellwachsenden Birken wiederaufgeforstetes Gelände- in der Beschreibung desselben und durch den Auftritt einer geheimnisvollen Gestalt wie eine bildhafte Sequenz eines Alptraums erscheint, auf die Romanhandlung ein. Auf über 500 Buchseiten schildert der Autor Christoph Hein aus wechselnden Erzählperspektiven , wie sich der Einfluss des nie gekannten und doch immer präsenten Vaters des Protagonisten Konstantin Boggosch auf dessen gesamten Lebensweg, der im Buch sechzig Jahre und damit zugleich prägende Kapitel deutscher Geschichte umfasst, auswirkt.
Konstantin Boggosch, ehemaliger Direktor eines Gymnasiums, sträubt sich angesichts der Aussicht, zusammen mit drei weiteren ehemaligen Schuldirektoren auf einem Foto des örtlichen Lokalblatts gezeigt und überdies interviewt werden zu sollen. Ebenso sträubt er sich selbst gegenüber seiner Ehefrau Marianne vehement, über seine Vergangenheit sprechen zu wollen, die ihn jedoch mit einem an seinen Vater gerichteten und zu ihm gelangten Brief der Steuerfahndung zum wiederholten Male begegnet und zu beeinflussen beginnt.
Glückskind wird Konstantin von der Mutter genannt, welche nach Kriegsende als Ehefrau des Kriegsverbrechers Gerhard Müller, Besitzer der Vulcano- bzw. späteren Buna-Werke, nur knapp der Abführung durch die Russen entgeht, weil sie –mit ihm schwanger- kurz vor der Entbindung steht.
Die Mutter weiß nichts von den Plänen ihres Mannes, neben seiner Fabrik, im besagten Ranenwäldchen, ein KZ errichten zu wollen. Nach dem Krieg wird die Fabrik entschädigungslos enteignet, Gerhard Müller als Brigadeführer der SS und Kriegsverbrecher gehenkt und seine Familie aus dem Haus getrieben. Die Mutter distanziert sich von der Gesinnung des Ehemannes, trägt ihre neuen Lebensverhältnisse mit Fassung und nimmt für sich und die beiden Söhne, die sie allein großzieht, wieder ihren Mädchennamen Boggosch an. Den Söhnen verschweigt sie anfangs die Wahrheit über den Vater, um sie zu schützen. Bewundernswert erscheint ihre konsequente Haltung in der Ablehnung der in einem Gerichtsprozess des Schwagers für sie erwirkten Rente und aller sonstigen Zuwendungen des Onkels für ihre Söhne. Sie bleibt in Ostdeutschland, obwohl sie dort wegen der Verbrechen des Ehemannes nicht als Lehrerin arbeiten darf. Ihre Söhne unterrichtet sie in verschiedenen Sprachen, was sich für Konstantin später noch als sehr hilfreich erweisen wird.
Immer mehr, insbesondere für Konstantin, der den Vater nie persönlich kennenlernte, wird der Vater zum geheimnisumwitterten Phantom, das ängstigt und zugleich auch Adresse einer unbestimmten Sehnsucht nach der fehlenden Vaterfigur ist.
Als Konstantin elf Jahre alt ist, erfährt er die ganze Wahrheit über den Vater und beginnt -anders als der zwei Jahre ältere Bruder Gunthart-, diesen immer mehr für sich abzulehnen.
Parallel zur verstärkten inneren Auseinandersetzung mit dem Vater legt sich dessen Schatten zunehmend und kontinuierlich über Konstantins Lebensweg, beginnend damit, dass ihm, obwohl Klassenbester, der Besuch der Oberschule verwehrt wird. So beginnen abenteuerliche Pläne zu reifen: Konstantin will sich der Fremdenlegion anschließen und auf diese Weise vor dem ihm in seiner Heimat immer gegenwärtigen Vater-Phantom fliehen. In dieser Absicht gelangt er durch eine Flucht nach Westberlin tatsächlich bis nach Frankreich, wo er bald erkennt, dass die Fremdenlegion nicht die beste Idee war. Doch er kann die Prophezeiung seiner Mutter, Glückskind zu sein, hier verwirklichen. Ausgerechnet für vier ehemalige Widerstandskämpfer, die für ihn zugleich Freunde und Gönner werden, arbeitet Konstantin als Übersetzer, besucht mit ihrer Hilfe die Abendschule und legt die mittlere Reife ab.
Doch auch in Frankreich holt ihn die Figur des Vaters ein. Einer seiner Gönner; derjenige, der die ersehnte positive Vaterrolle für Konstantin zu besetzen beginnt, stellt sich als persönlich betroffenes Opfer von Konstantins Vater heraus. Erneut ergreift Konstantin, der es nicht wagt, vor seinen väterlichen Freunden zu dieser Situation Stellung zu beziehen, die Flucht. Am Tag des Mauerbaus kehrt er zurück in den Osten. Dass er dabei als sogenannter Republikflüchtling ungestraft davonkommt, ist glücklichen Umständen, wie sie Konstantin immer wieder begegnen, zuzuschreiben.
Nach dem Wiedersehen mit der stets geliebten und geachteten Mutter beginnt für Konstantin der folgende Lebensabschnitt in Magdeburg – mit Studium (wieder wegen des Vaters nicht das ursprünglich ersehnte), neuen Freunden, Beruf und erster Liebe – und auch dabei halten sich Glück und Unglück nicht weit voneinander entfernt. Konstantin beginnt zu erkennen, dass er seinem Schicksal, Sohn dieses Vaters zu sein, niemals wird ausweichen können.
„Glückskind mit Vater“ ist eine grandios erzählte Lebens- und Zeitgeschichte, in welcher sich viele deutsche Schicksale gespiegelt sehen werden -packend von der ersten bis zur letzten Seite, ganz so, wie man es nicht anders von Christoph Hein erwartet hätte.
Hanna Nebe-Rector, März 2016

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