Archiv für den Monat Juni 2016

Das Stinktier

Text: Mac Barnett

Illustration: Patrick McDonnell

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Barbara Küper

Verlag: Tulipan, 2016

 

Stinktiere zählen vermutlich nicht zu den beliebtesten Buchhelden. Völlig zu Unrecht!

Von der Begegnung mit einem besonders goldigen und reichlich hartnäckigen Exemplar dieser Art erzählt aus der Sicht eines korrekt anmutenden Herrn mittleren Alters eine ebenso liebenswerte wie amüsante Comicgeschichte der mehrfach ausgezeichneten N-Y-T-Bilderbuch- Bestseller- Autoren/Illustratoren MacBarnett und PatrickMcDonnell.

Eines Tages sitzt aus unerfindlichen Gründen ein Stinktier vor der Haustür jenes Herrn mit Frack und roter Fliege, der aus der Zeit gefallen zu scheint und blickt diesen recht zutraulich und erwartungsvoll an. Der verdutzte Herr scheint etwas ratlos angesichts des unüblichen wie unerwarteten Gastes. Als jedoch das Stinktier ihn mit stoischer Beharrlichkeit auf Schritt und Tritt – ins Cafe´, durch die Stadt, auf den Rummelplatz, in die Oper … – zu verfolgen beginnt, findet er das höchst seltsam, wenn nicht gar lächerlich. Zunehmend ergreift den Herrn eine gewisse Panik, so dass er versucht, den lästigen Verfolger abzuschütteln, was ihm mit großem Aufwand nach anfänglichen Misserfolgen schließlich gelingt.

Doch die erhoffte Erleichterung -zunächst noch mit einer üppigen Party freudig gefeiert- stellt sich auf Dauer nicht ein. Im Gegenteil – immer öfter drängen sich dem Herrn Gedanken an das Stinktier auf. Fast lässt sich vermuten, dass es ihm tatsächlich zu fehlen beginne. Nun ist er es, der das Stinktier verfolgt …

Wunderbar harmoniert der knapp gehaltene, „very british“ anmutende Text mit den überwiegend in Schwarz, Weiß und Rot (korrespondierend zu Frack, weißem Hemd und roter Fliege des Herrn das schwarz-weiß-gestreifte putzige Tierchen mit überdimensionaler roter Knollennase) gezeichneten witzig-hintergründigen Comics, die dem Leser/Betrachter in herzerwärmender Weise so manche Abgründe und Stolpersteine der menschlichen Psyche bildhaft vor Augen führen, worüber sich trefflich philosophieren lässt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

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Omas Haus

Text und Illustration: Alice Melvin

Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Weber

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

Alten Häusern wohnt ein besonderer Zauber inne. So Vieles lässt sich dort entdecken!

Sie erzählen Geschichten aus längst vergangener Zeit, spiegeln die Lebensart und Gewohnheiten ihrer Bewohner.

Alice Melvin, die als Designerin, Illustratorin und Autorin preisgekrönter Bilderbücher        („Emma kauft ein“, 2015 ebenfalls bei Kunstmann erschienen, wurde von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet) in Edinburgh lebt, beschreibt in einem Nachwort die Entstehungsgeschichte dieses wunderschönen Bilderbuches, welchem die Erinnerungen an das Haus ihrer Oma zugrundeliegen. Es sind die besonderen kleinen liebgewonnenen Dinge wie das Milchkännchen in Kuhform, in dem immer Milch für die Enkeltochter bereitstand, welche sich in der Erinnerung mit der empfundenen Andersartigkeit und Geborgenheit im Haus der geliebten Großmutter verbinden.

Der unschätzbare Wert dieser Erfahrungen wird mit der liebevollen, optisch und haptisch außerordentlich ansprechenden und aufwändigen Buchgestaltung entsprechend gewürdigt.

Ganz in Gedanken versunken, vielleicht in Erinnerungen schwelgend, scheint das bäuchlings auf dem Boden liegende und einen Globus betrachtende kleine Mädchen auf dem Titelbild mit Schutzumschlag zu sein; umgeben von all den sonderbar schönen Dingen in Omas Haus: die gusseiserne Badewanne mit Schnörkelfüßen, in der sie vielleicht schon badete, während ihr begleitet vom beruhigenden Ticken der Standuhr die im Blumenpolster-Lesesessel sitzende Oma  Geschichten von früher vorlas …

All diese vielen kleinen Dinge, an die sich ihre Erinnerungen knüpfen, versammeln sich wie in einem alten Tapetendekor mit allerlei Utensilien wie Kreisel, Teddy oder Teekanne -passend ganz altmodisch mit einem Feld zum Eintragen des Buchbesitzernamens versehen- auf dem Vorsatzpapier.

Mit detailreichen Illustrationen und beschreibenden kurzen Versen begleitet das Buch den Leser und Betrachter auf einer Entdeckungsreise durch das weitverzweigte Haus der Oma, welches die kleine Buchheldin nach der Schule besucht. Von Zimmer zu Zimmer, jedes ganz anders als das voherige, und mit steigender Spannung, welche durch Ausstanzungen und zum Teil mehrfach aufklappbare Buchseiten noch vervielfacht wird, folgt dieser dem Kind bis hinauf zum geheimnisvollen Dachboden, wo wiederum die Erinnerungen der Oma selbst in Form ihres eigenen Kinderspielzeugs konserviert sind. Schließlich entdeckt die Heldin ihre Oma dann hinter dem Haus im Garten, wo bereits ein festlich gedeckter Tisch und eine liebevolle Umarmung auf sie wartet. Hier wird offenbar gleich etwas Besonderes gefeiert…

… ebenso ein Fest für die Sinne ist dieses wunderschöne, pure Lebensfreude ausstrahlende warmherzige Bilderbuch und gleichzeitig eine Liebeserklärung an alle Omas dieser Welt.

Hanna Nebe-Rector. http://www.MALKASTL.de

 

 

Hallo, sagt die Katz´

Traditionelle und moderne Kinderlieder für Groß und Klein

Idee und Illustrationen: Mies van Hout

Texte und Kompositionen: Christian Schenker

Verlag: Aracari, 2016

 

Mit einem freundlichen „Hallo“ grüßt eine kunterbunte Katze vom Titelbild unseres neuen Lieblingsbilderbuches, welches auf zwölf Doppelseiten per Bild und Text ebensoviele traditionelle oder moderne Kinderlieder vorstellt. Auf dem Vorsatzpapier nehmen bunte Mäuslein Reißaus vor der Katz´, denn diese hat heut´keine Lust auf Spatz …

Mies van Hout, deren mimikbegabte farbenfrohe Fische aus „Heute bin ich“- von denen auch hier wieder zwei ähnliche Exemplare zu finden sind- uns bereits durch zahlreiche Mal- und Vorlesestunden begleiteten, inspirierten die Liedtexte zu liebevoll illustrierten Interpretationen, welche schon für sich genommen eine Freude für den Betrachter sind: So behält die nachsichtig lächelnde Entenmama ihre siebenköpfige Küken-Rasselbande stets im Blick beim Schwimmen auf dem See und Schwänzchen-Recken in die Höh´, spielt ein entspannter rosaroter Elefant genüsslich mit einer gefundenen Spinne am Strand, präsentiert ein vielbeschäftigter Tausendfüßler seine umfangreiche Schuhsammlung oder reichen sich zwei prächtig bunte Käfer-Brüderchen die Hände, um -einmal hin, einmal her und rundherum- miteinander zu tanzen.

Zugaben zu diesem schönen Bilderbuch sind ein mit den Buchmotiven illustriertes Textheftchen mit den vollständigen Liedtexten (leider ohne Noten) zum Mitsingen und eine sehr eingängige, ohrwurmverdächtige Musik-CD, eingespielt mit Gesang und Klängen von Gitarre, Ukulele, Kontrabass, Geige, Akkordeon und Schlagzeug. Die CD lief nach dem Vorstellen des Buches in unserer Malgruppe auf ausdrücklichen Wunsch der Kinder gleich mehrmals hintereinander – so lange, bis ihre von Buch und Musik inspirierten Bilder fertiggestellt waren … und selbst noch danach – weil´s so schön war!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Kein Morgen ohne Sorgen

Titel: Kein Morgen ohne Sorgen – Handbuch für Verzweifelte

Text & Illustration: Gemma Correll

Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Kleen

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

Das Leben ist schon irgendwie falsch programmiert, wenn sich bereits die Hebamme beim Anblick des neuen Erdenbürgers kaputtlacht. Und eigentlich wollte dieser ja auch gar nicht raus …

Mütter tun ein Übriges, um quere Programme zu konditionieren: Garantiert wird dich der Tod ereilen, wenn du mit nassen Haaren das Haus verlässt! Kommst du doch nochmal davon, musst du dich fortan mit der von ihr ererbten Körperform arrangieren; nenn dich glücklich, wenn du mit einer Apfel- oder Birnenform davonkommst – die Form von verkochtem Brokkoli oder gar eines existentiellen Nichts wäre weitaus schlimmer!

Liegen heute wieder deine Nerven blank, weil du mal wieder nicht weißt, ob du den Herd ausgeschaltet hast oder beim Fitnesstraining alle über dich lachen werden angesichts deiner Schinkenmuckis, Wackelkarbunkel und Bauchnabelödeme?

Machst du dir plötzlich öfter Gedanken über den Sinn deines erbärmlichen Lebens und fragst dich, warum dir auf dem Portal der Singlebörse immer wieder diese Katze als einzig idealer Partner angezeigt wird? Bist du etwa auf der romantischen Achterbahn deines Lebens im Tunnel der überzogenen Erwartungen steckengeblieben? Was läuft falsch, wenn die Entscheidungswürfel für dein Sozialleben niemals ein „Ja“ anzeigen? Und wenn überhaupt nie ein Morgen ohne Sorgen beginnt?

Dann schau doch mal in Gemma Correls geniales Handbuch für Verzweifelte! Es wird dir zwar nur bedingt Antworten auf deine bohrenden Fragen geben, dir zumindest aber zeigen, dass du mit deinen Macken, Ängsten, Zweifeln, Sorgen und Nöten nicht allein bist und dass sehr wohl alles noch viel schlimmer sein könnte!

Auf 101 Seiten entdeckst du garantiert auch eines deiner aktuellen Probleme, an denen du dich in Gemma Corrells fabelhaften Comic-Cartoons für alle Lebenslagen weiden kannst.

Betreibe Wellness für Hypochonder oder Gymnastik mit deinem Haustier, dreh am Glücksrad für Schlafgestörte, entwerfe individuell gestaltete Designerhüte aus dem Unrat deines Lebens, entdecke neuartige Mode-Diäten oder bereite dir ein Menü der Angst – du wirst erleben, dass der ewige Kreislauf kreativer Qual auch dich entzücken wird …

Nach Watzlawicks Symtomverschreibung wird ja bekanntlich alles besser, sobald ich meine Macken pflegen darf . Unter den unterhaltsamen Cartoons ist wohl für jede(n) das Passende dabei – und sollte  in jeder Akten- oder Handtasche (deren geologische Analyse, sofern sie noch nicht erfolgt ist, dringend empfohlen wird und näher auf Buchseite 31 nachzulesen ist) für Notfälle bereitliegen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de