Was macht das Blättertier denn hier

Ideen und Fotografien: Eva Häberle

Text: Thomas Gsella

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Einem eher unerfreulichen Zufall sind die daraus erwachsenen umso erfreulicheren Ideen der Fotojournalistin Eva Häberle, phantasievolle Tierbilder aus Naturmaterialien zu kreieren, zu verdanken. Weil sie zu einem vereinbarten Treffen an einem englischen Bahnhof versehentlich nicht abgeholt wurde, begann sie aus Langeweile am Bahnsteig Formen aus Blättern zu legen, wobei ihr erstes Tierbild, eine Eule, entstand, von der sie wohl dermaßen inspiriert gewesen sein muss, um dieser zahlreiche weitere Tierporträts folgen zu lassen. Vielleicht war sie derjenigen Eule im Buch auf der Seite 100 ähnlich oder gar dieselbe. Zwei große Eulenaugen aus leuchtend gelben Herbstblumen, dazu ein umgedrehtes Blatt als Schnabel, zwei kleinere Blätter  die Ohren bildend und viele weitere das Federkleid – das ist unverkennbar eine Eule, die Platz auf einem Zweiglein genommen hat und mich nun erwartungsvoll mit Blumenaugen anblickt, die mich gleich dem das Eulenbildnis begleitende Gedicht sonderbar benommen zu machen scheinen.

Auf dem Titelbild ist ein -ebenfalls überwiegend aus Blättern arrangiertes- Chamäleon zu sehen, dessen Auge die Kappe einer Eichel bildet. Zunge, Schwanz und Beine formen Teile von Farnen – genial einfach, aber darauf muss man erstmal kommen!

Fünfzig erstaunliche Tierbildcollagen dieser Art, denen sich -quasi wie auf den Leib geschrieben- ebensoviele wunderbar wortwitzige und freche Gedichte von Thomas Gsella, dem ehemaligen Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic, zugesellen, sind in dem quadratischen, kleinen, feinen Büchlein zu bewundern. Unter ihnen die beeindruckende Mangold-Mücke, welche sich als ungebetener Gast und Mit-Esser auf einem Grillfest hocherfreut über viele nackte Arme, Beine, Bäuche und prallgefüllte Venenschläuche zeigt -wie köstlich! Oder das an Kitschpotential kaum zu übertreffende Arrangement aus zu einem Katzenbildnis (unglaublich gelungen dabei die Mimik der mürrischen Katze) drapierter vollaufgeblühter rosa Pfingstrosen, gebettet auf bordeauxfarbenen samtigen Stoff – wie herrlich! Wunderbar auch die ins Bild und den Text geflossene Wehmut der „Tee“-trinkenden Fischer im Gedenken an ihr einst wegen trunkener Unachtsamkeit gesunkenen Bootes, welches nun als (Pilz-)Wrack am Meeresboden liegend zum Hort von (Hirtentäschel-)Korallen wird, mittels zweier dasjenige umschwimmenden (Frühlingszwiebel-)Tintenfischen stimmungsvoll in Szene gesetzt – wie poetisch!

Genial auch der hochmütige Pusteblumen-Pudel nebst tiefgründigem Begleittext, das Wortspiel um den Blätter-Schmetterlings- Generationenkonflikt, der (nicht ganz jugendfreie) Rinden-Fuchs, der Orang-Utan aus Kiefernadeln, der Chrysanthemen-Chicoree-Kakadu und, und, und … beinahe unmöglich, hier Favoriten zu finden.

Die ideenreichen Bilder und Texte bilden eine sich gegenseitig verstärkende Einheit, aus der fünfzigfacher Genuss für Geist und Auge erwächst.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

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