Archiv für den Monat September 2016

Rumpelstilzchen

Nacherzählt und bebildert von Felicitas Horstschäfer

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Es ist einer der Grimm´schen Märchenklassiker schlechthin: die Geschichte von Rumpelstilzchen, dem garstigen Zwerg, der seinen seltsamen Namen geheimhält und der schönen Müllerstochter -die wegen der Prahlerei ihres Vaters, dass sie Stroh zu Gold spinnen könne, im Königspalast landet, um dort ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen- seine Hilfe in der ausweglosen Situation anbietet. Im Tausch gegen Schmuck und letztlich gegen ihren erstgeborenen Sohn kann er der frischvermählten Königsgattin immer wieder aus der Patsche helfen. Wenn es ihr gelänge, binnen drei Tagen den Namen des Zwergs zu erraten, müsse sie ihr Kind jedoch nicht hergeben. Nachdem die Müllerstochter den Namen dann aber doch herausfindet und Rumpelstizchen mit dem legendären Aufschrei, dass ihr das der Teufel gesagt hätte, voller Wut entzweispringt, kann die königliche Familie glücklich und zufrieden weiterleben.

Einerseits lässt die stark gekürzte Fassung den Spannungsaufbau und damit den Charme der ursprünglichen Märchenerzählung ein wenig vermissen. Andererseits ist dieses kleine Manko aber eher unwesentlich, denn die bemerkenswert schöne Gestaltung, auf die hier ausdrücklich das Hauptaugenmerk gelegt werden sollte, macht das um ein Vielfaches wieder wett.

Die Illustratorin und Papierkünstlerin Felicitas Horstschäfer verleiht dem Märchen mit meisterhaften Scherenschnitten, die sich zwischen die einzelnen Buchseiten fügen und damit die Konstellationen der ebenfalls scherenschnittartig abgebildeten Silhouetten beim Umblättern nochmals ergänzen und inhaltlich variieren, einen besonderen Zauber, dem man sich nicht entziehen kann und der zum staunenden Eintauchen in die und Spielen mit der Geschichte einlädt.

Geradezu verschwenderisch schön ist auch der zusätzliche Schutzumschlag, der sich durch die mittige Scherenschnitt-Ausstanzung in Form von Blattwerk und Zweigen über die Titelseite legt und mit dem Eindruck des stillen Beobachters den Blick auf das um ein Lagerfeuer tänzelnde Rumpelstilzchen freigibt.

Mit einer Bücher-Kostbarkeit wie dieser ist der Versuch, Stroh zu Gold zu spinnen, in jedem Falle gelungen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

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Liebe ist ein Herbstgefühl

von: ChaMALeon

 

Nebeldecken liegen

watteweich

über den Stoppeln

der Sehnsuchtsorte

 

Lichtfinger

goldweiß

suchen ertastend

die Wolkenlücken

 

Warm noch

die Körper unserer Jugend

wie die Glutnester

der Kartoffelfeuer

 

Es schaukelt das Boot

das uns trug

Lang schon vertäut

mit fasernden Stricken

 

Frieden

im Anblick

des waidwunden Tiers

gebettet auf gelbroten Blättern

 

Klebrige Fäden

verbinden das Haus

mit den rostigen Türen

der Scheunen

 

Das Lachen des Kindes

verhallt in den Weiten

Ein Platz für die Zeit

die uns bleibt

 

Liebe

ist ein Herbstgefühl.

Der rote Ballon

Text und Illustration: Liniers (Ricardo Liniers Siri)

Übersetzung aus dem Englischen: Ulrike Becker

Verlag: Kunstmann, 2016

 

Der Autor Liniers, ein argentinischer Comicstar, ließ sich von seinen beiden kleinen Töchtern Matilda und Clementina, welche er in einer Widmung als seine Musen bezeichnet, zu dieser reizenden Comicgeschichte, die sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch ist und vom puren Glück des Kind-Seins erzählt, inspirieren.

Es ist Samstag, die Geschwister erwachen. „Hurra, es ist Samstag!“, verkündet voller Lebensfreude die Ältere und denkt laut darüber nach, was man mit diesem schönsten aller Tage, an dem sogar das Frühstück besser schmeckt und überhaupt alles viel mehr Spaß macht, wohl anfangen könnte – vielleicht könnte man ein Picknick machen oder Blumen pflücken. Die Kleine, offenbar noch nicht perfekt des Sprechens mächtig, überlegt laut mit, indem sie einzelne Wörter der Großen wiederholt.

Doch ein Blick aus dem Fenster durchkreuzt ihre Pläne: es regnet in Strömen! Matilda findet den Regen gar nicht so schlimm, aber die kleine Clemmie findet ihn eindeutig zu NASS. Davon, dass Regen auch SPASS machen kann, wie Matilda behauptet, scheint Clemmie noch nicht ganz überzeugt zu sein, als sie gummibestiefelt, aber unentschlossen, der Großen beim übermütigen Toben im Regen zusieht. Mit einem Regenschirm, dessen Tücken sich jedoch bald im Wind zeigen werden, wird die zögerliche kleine Schwester schließlich doch noch zum Mitkommen überredet. Die Große zeigt der Kleinen all die tollen Sachen, die sie im Regen machen können: Wolken beobachten, Regentropfen mit der Zunge auffangen, in Pfützen springen, dass es nur so platscht, Regenwürmer suchen. Und wie wunderbar der Regen riecht! Mit ein wenig Glück kann man sogar einen Regenbogen entdecken! Matilda meint begeistert, dass man dem Regenbogen doch etwas schenken sollte und bringt Clemmies vom letzten Kindergeburtstag übriggebliebenen roten Luftballon ins Spiel. Dass das doch keine so gute Idee war, merkt sie, als Clemmie untröstlich ist, weil der Ballon in die Wolken entschwindet. Dann aber hat Matilda die rettende Idee …

Nun ist der Samstag zum Glück gerettet und alle können sich auf den Sonntag freuen – den allerbesten Tag überhaupt!

Es geschieht gleichzeitig so wenig und doch so viel in dieser behutsam erzählten und zauberhaft mit Tinte, Wasserfarben und Regentropfen (!) gezeichneten Geschichte, die auf ganz besondere Weise -verstärkt durch die Wahl der künstlerischen Mittel- anrührend ist, indem sie sich auf wenige und doch so wesentliche Aspekte einer menschlichen Beziehung wie Freundlichkeit, Offenheit, Zugewandtsein, Vertrauen, Nachsicht und Fürsorge konzentriert – einer Beziehung, aus der heraus erst das Gefühl des kindlichen Glücks und der Freiheit erwachsen kann.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Das Taschenmesser-Schnitzbuch

Autoren: Sonja und Arne Schirdewahn

Verlag: moses.

 

Das Autorenpaar Sonja und Arne Schirdewahn -sie Biologin, er Bildhauer- betreibt seit vielen Jahren ein Naturerlebnisunternehmen, wo unter anderem auch Schnitzkurse  veranstaltet werden.

Ihr strapazierfähiges Taschenmesser-Schnitzbuch mit Spiralbindung und einem orangefarbenen Gummiband zum Verschließen birgt auf 96 Seiten über 30 vielseitige Ideen rund um das Thema Schnitzen – einem wunderbar kreativen und naturverbundenen Hobby für Kinder wie Erwachsene.

Zur Einführung werden die Baumarten Hasel, Weide, Ahorn und Linde und deren Eigenschaften als besonders geeignete Schnitzholzlieferanten vorgestellt. Nach Erläuterungen zu den verschiedenen Schnitzmessern und den wichtigsten Regeln, die beim Schnitzen zu beachten sind sowie einiger praxiserprobter Tipps folgen in Wort und Bild zahlreiche gut verständlich formulierte und leicht nachvollziehbare Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Schnitzen zahlreicher nützlicher oder origineller Dinge wie Türschilder, Wanderstäbe, Kleiderhaken, Steinschleudern oder Pfeil und Bogen sowie viele weitere Anleitungen zum Basteln mit Naturmaterialien, mit deren Hilfe  zum Beispiel Nisthilfen für Bienen, Raumschmuck, Traumfänger oder sogar Segeljollen und Piratenschiffe entstehen können. Die unterschiedlichen Schwierigkeitsgrade der Basteleien werden dabei mit bis zu drei Sternen angegeben.

Für kleine Naturforscher unter den Schnitzern  wird  außerdem erklärt, wie Gipsabdrücke von Tierspuren gemacht werden, um daraus eine Tierspurensammlung entstehen zu lassen, wie man einen Wiesenkescher baut oder wie es mit einem sogenannten Insektenstaubsauger gelingt, kleine Insekten, die sich mit der Hand eher schwierig einfangen lassen, mühelos aufzusammeln.

Für eigene Fotos der  im Laufe der Zeit entstandenen Objekte oder  Aufzeichnungen und Forschungsnotizen sind im Buch einige separate Seiten vorgesehen. Auf einer Schnitz-Urkunde können die verschiedenen selbstgemachten Schnitzkunstwerke protokolliert werden. Einige Fachbegriffe rund um das Thema werden schließlich noch in einem Glossar näher erläutert.

Entstanden ist ein solide gestaltetes, verständlich erklärtes und mit vielen Fotos und Zeichnungen bebildertes, nützliches Praxisbuch, welches geeignet ist, Kinder ab circa 8 Jahren ans Schnitzen heranzuführen und damit Freude und Begeisterung für eine naturnahe kreative Beschäftigung zu wecken.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

40 Tiere zum Aufklappen & Entdecken

Illustration: Florence Guiraud

Text: Judith Nouvion

Übersetzung aus dem Französischen: Sarah Pasquay

Verlag: Gerstenberg, 2016

 

40 beeindruckende Tierporträts warten in diesem wunderschönen Tierbuch auf ihre Entdeckung. Beginnend mit einem bunten Papagei, dem Hellroten Ara, und endend mit einem der größten in Europa lebenden Vögel, dem Gänsegeier, erwarten den tierbegeisterten Leser und Betrachter auf jeder der 40 Doppelseiten Vorstellungen ausgewählter Tiere aus aller Welt, unter ihnen Säugetiere, Fische, Vögel und Reptilien.

Das besonders Spannende neben den ausführlichen Erläuterungen zu  Einordnung, Größen- und Gewichtsangaben sowie Lebensweise und Besonderheiten dieser Tiere sind hierbei als zusätzliches interaktives Element deren Skelett-Darstellungen, welche sich hinter den in die rechte Buchseite integrierten ausklappbaren Tierkörperformen verbergen und den an die individuelle Lebensweise angepassten Körperbau verschiedenster Tiere wie Chamäleon, Fledermaus, Nashorn, Giraffe oder Känguru aufschlussreich demonstrieren.

Auf der linken Buchseite findet sich in übersichtlicher Form Interessantes, Wissenswertes, aber auch Überraschendes zum jeweils vorgestellten Tier, wobei die „Schon-gewusst?“- Rubrik besondere Aha-Effekte bereithält – wie beispielsweise die Information, dass sich aus einem einzigen Straußenei Omeletts für 12 Personen zubereiten lassen, dass Königsboas bis zu einem Jahr ohne Nahrungszufuhr auskommen können oder dass das erste in den Weltraum fliegende Lebewesen eine Hündin namens Laika war.

Auf der zugeordneten rechten Buchseite befindet sich vor einem einfarbigen Hintergrund in – von Tier zu Tier unterschiedlichen -kräftigen Tönen eine großformatige zeichnerische Darstellung des jeweils besprochenen Tieres auf einer der Körperform angepassten Klappe und darunter das zugehörige Skelett in der Silhouette des Tierkörpers. Auf der Rückseite der Klappe werden Besonderheiten dieses Skeletts näher erläutert.

Mit diesem schönen Tierbuch ist ein interessant und hochwertig gestaltetes, insbesondere auch durch die detailreichen Tierzeichnungen ästhetisch ausgesprochen ansprechendes Werk für Kinder wie Erwachsene, welches zugleich Wissen und Genuss beim Betrachten und Erkunden vermittelt, gelungen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Als Miró die Tiere neu erfand

Autor: Antony Penrose

– mit Bildern von Joan Miró, Fotos von Lee Miller und speziell in Auftrag gegebene Kinderzeichnungen –

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Auf sehr persönliche Weise, geprägt von seinen eigenen kindlichen Eindrücken und Erlebnissen auf einer kleinen Farm in Südengland, wo er als Sohn der berühmten exzentrischen Fotografin Lee Miller und des Schriftstellers Robert Penrose aufwuchs, und den Begegnungen mit Joan Miró, mit dem die Eltern befreundet waren, porträtiert der Autor Antony Penrose den spanischen Künstler und dessen einzigartige Werke.

Dass Miró ein besonders warmherziger, zugewandter, phantasievoller und freundlicher Mensch war, der eine ganz eigene Art hatte, Menschen, Tiere, Dinge und Situationen zu betrachten und diese Beobachtungen in seine Bildern, in denen sich wunderbare Welten, geheimnisvolle mystische Figuren und seltsame Tiere zeigen, zu transferieren, wird in diesem kleinen 48seitigen, liebevoll und kindgerecht erzählten Bildband, in welchem sich neben ausgewählten Werken des Künstlers Miró auch Fotografien der Mutter des Autors, Lee Miller, und zahlreiche von Mirós Bildern inspirierte Kinderzeichnungen versammeln, sehr überzeugend verdeutlicht.

So ist ein Buch entstanden, das künstlerisch interessierten Kindern und Erwachsenen über die Magie der Bilder und eine klare, berührende Sprache einen emotionalen Zugang zum Schaffen Mirós eröffnet und sie damit ermuntert, sich von der Bildsprache dieses außergewönlichen surrealistischen Künstlers zu eigenen Werken inspirieren zu lassen.

Hanna Nebe-Rector, Malkastl.de

Das schönste und größte Bildwörterbuch der Welt

Illustration und Text: Tom Schamp

Übersetzung aus dem Niederländischen: Birgit Erdmann

Verlag: Gerstenberg, 2016

 

Der Beweggrund, ein Bildwörterbuch zur Hand zu nehmen, ist meist der Wunsch, sich mit Hilfe eines Bild- und Textmediums die umgebende Welt zu erschließen und zugleich darüber miteinander zu kommunizieren. Dabei sind unterschiedliche Konstellationen wie Eltern und Kind,  Kind und Kind, Lehrer und Schüler oder zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft denkbar und auch allein betrachtet kann ein Bildwörterbuch informieren, den Wortschatz und den Horizent erweitern, Blickwinkel und Sichtweisen verändern und darüber hinaus Freude beim Betrachten machen.Die ganze Welt zwischen zwei Buchdeckel pressen zu wollen, ist ein großes Ziel.

Sehr ambitioniert und humorvoll geht diese vermeintlich unerfüllbare Aufgabe der niederländische Illustrator Tom Scharp an und setzt mit dem recht unbescheidenen Titel, welcher das größte und schönste Bildwörterbuch der Welt verspricht, hohe Erwartungen an sein Werk. Zur Lehre und zur Belustigung soll es dienen, kündigen die freischwebenden Fähnchen unter dem Titel an. Strukturgeber im Dschungel der 100 Dinge und Begebenheiten dieser Welt sind ein kleiner Kater namens Otto nebst Familie, Verwandten und Weggefährten, die zu Anfang vorgestellt werden und dem Leser auf den folgenden Buchseiten in den verschiedensten Alltags- und Lebenssituationen -so beim Einkaufen, im Garten, Zuhause, in der Stadt, beim Sport, in der Schule, beim Musizieren, in der Welt der Künste oder beim Weihnachtsfestfeiern- inmitten eines bunten Gewimmels und Getümmels an Bildern und Wörtern wiederbegegnen.

Das übersichtliche und grafisch interessant gestaltete Inhaltsverzeichnis gibt  Orientierung bei der Suche nach dem favorisierten Themenbereich. Ist dieser gefunden, bietet sich auf je einer Doppelseite der insgesamt 61 großformatigen Buchseiten zum entsprechenden Thema eine wahre Flut von Wimmelbildern und Worterklärungen, mit denen sich die Betrachter eingehend beschäftigen können – diese meist in deutscher, hin und wieder auch in einer anderen Sprache, was zuweilen kurz verwirrt, jedoch andererseits nicht wirklich stört.

Die angebotenen Möglichkeiten der Wissenserweiterung für ein breitgefächertes Publikum aller Altersstufen sind immens: So können wir nach dem ausführlichen Studium der Vorsatzpapierseiten, welche in die Fahnen- und Länderkunde einfühen und sich zum Lernen und Rätseln anbieten, weil nur auf den hinteren Seiten die Begriffe zugeordnet werden, weiterhin erfahren, dass Zuhause ein sehr dehnbarer Begriff ist, der für den einen das Apartmenthaus ( genauer das „Apartmenschhaus“- schönes Wortspiel!), für den anderen das „Pizzahüt(t)chen“ und für den nächsten die Hundehütte umschreibt; dass es je zwei Arten von großen Menschen (nämlich Kaffee-und Teetrinker) und kleinen Menschen (nämlich Krümelmonster und Körnerkinder) gibt; dass komische Vögel die Phantasie beleben und Vogelfuttersuppe eklig ist; dass Wale keine Fische sind, Fischen ein Verb ist und sich Fische in Cafe´s oder Bars in der Tiefsee treffen; welche Unmenge an Eissorten es gibt und dass die Qual hat, wer die Wahl hat; dass Städte in der Nacht einem Fiebertraum gleichen und sich am Tag ständig verändern; dass der Herbst vom 21.September bis zum 20.Dezember dauert; dass gemeinsam musizierende Tiere recht taktlos den Takt nicht treffen; dass eine Kakofonie herauskommt, wenn alle durcheinander spielen (was eine trenchcoat- und koffertragende Giraffe weise feststellt) und dass die Welt zugleich klein und groß und das Weltall noch vie größer ist. Noch Fragen? …

Je mehr ich mich in dieses Bildwörterbuch, welches unernst und ernst zugleich daherkommt, vertiefe (und fast darin verliere) umso mehr stelle ich nach leichter anfänglicher Skepsis fest, dass es dem Anspruch seines unbescheidenen Titels nicht nur gerecht wird, sondern die Erwartungen, die dieser weckt, noch übertrifft, weil es eine hervorragende Melange aus gewitzten Bildern und gewitzten Texterklärungen sowie auflockernd eingestreuten Redewendungen (die sich auf diese Weise Kindern gut erklären lassen) ist, die über die Vorstellung von einem richtig gut gemachten Bildwörterbuch sogar hinausgehen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Rund um die Welt

Text und Illustration: Miroslav Sasek

Verlag: Kunstmann, 2016

 

Falls es möglich ist, sich in ein Buch zu verlieben, ist es bei diesem tatsächlich um mich geschehen …

Das Buch ist  wahrhaftig eine verlockende Verführung – und überdies nicht nur eine Ver-, sondern auch eine Ent-Führung ; nämlich in die bedeutendsten Städte und eindrucksvollsten Gegenden dieser Welt zu Lebzeiten eines mit offenen Augen und offenem Herzen Reisenden und begnadeten Zeichners und Geschichtenerzählers, dem 1916 in Prag geborenen, 1948 nach München emigrierten und später in Paris lebenden und 1980 dort verstorbenen Miroslav Sasek, dessen 100. Geburtstag sich im November 2016 jährt.

Sasek entführt uns mit geistreichen und humorvollen Betrachtungen und zahlreichen einzigartigen , aus heutiger Sicht herrlich „retro“ anmutenden Zeichnungen in großartige Städte wie München, Venedig, Rom, London, Edinburgh, Paris , Washington D.C, San Francisco, New York oder Hong-Kong, nimmt uns mit auf eine wunderbare Bilderreise in Länder wie Griechenland, Israel, Australien, Irland, Großbritannien und Texas.

Dem besonderen Charme, den neben den charakteristischen Zeichnungen -deren menschliche Protagonisten mich  an die Physiognomie des legendären HB-Männchens Bruno erinnern- eine gelungene Mischung aus interessanten Sachinformationen und kleinen personalisierten Geschichten ausmacht, kann man sich tatsächlich schwer entziehen, sobald man diesen wunderbaren, prächtigen und auch gewichtigen, 245 Seiten zählenden, großformatigen Band aufgeschlagen hat und darin zu blättern und lesen beginnt.

Dass Saseks Aufzeichnungen wieder verlegt worden sind, ist einerseits eine schöne würdigende  Geste zur Erinnerung an einen großen Künstler und Geschichtenerzähler anlässlich seines 100.Geburtstags und andererseits ein wunderbares Geschenk für alle Liebhaber und Sammler besonders schöner Bücher.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Hirameki-Wolkenkino & Hirameki Miau Wau Wau

Autoren: Peng+Hu

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

Das Faszinierende an Hirameki, der weniger wissenschaftlich gemeinten Variation des von Psychoanalytikern verwendeten und nicht unumstrittenen sogenannten Rorschachtests, ist wohl auch, dass kaum zwei Menschen in ein und demselben Farbenfleck das Gleiche entdecken werden. Während der eine ganz eindeutig in einem Klecks ein Gesicht zu entdecken glaubt, sieht der andere ein Tier und der nächste vielleicht eine exotische Pflanze. Und wird der Klecks gedreht, ergeben sich wiederum völlig neue und verschiedenartige  Assoziationen.

Mit dunklen Tuschestiften, Finelinern oder Kugelschreibern lässt sich diese erste blitzartige Gedankeneingebung, die meist auch die originellste ist und selbst den Zeichner von seiner vielleicht bisher weniger wahrgenommenen Phantasiebegabung freudig überraschen kann, für sich selbst oder die Nachwelt manifestieren.

Nachdem der erste, ebenfalls im Verlag Antje Kunstmann veröffentlichte Kritzel-Klecks-Band der beiden Hiramekimeister Peng+Hu so überaus erfolgreich war (wobei die Methodik an sich eigentlich nichts wirklich Neues darstellt, von den Beiden Klecksesammlern und -virtuosen jedoch besonders charmant ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wurde und so entsprechende Aufmerksamkeit erfahren hat), gibt es nun zwei weitere Büchlein dieser Art, die große Lust entfachen, augenblicklich den Stift zu zücken und loszukritzeln – eines für passionierte Wolkengucker und das andere für Hunde-und Katzenfreunde.

Hirameki-Miau Wau Wau gibt dem angehenden tierlieben Kritzler mit der abgegrenzten Thematik einen strukturierenden Rahmen: nun kann er fast nicht anders, als in den vielgestaltigen und -farbigen Klecksen Katzen oder Hunde zu entdecken und deren jeweilige Charakteristik, biologische Vielfältigkeit und individuelle Eigenarten aus den amorphen Vorgaben herauszuarbeiten und zu skurrilen Vertretern ihrer Art werden zu lassen.

Das Hirameki-Wolkenkino bietet analog für alle leidenschaftlichen In-den Himmel-Gucker in nackenschonender Buchform zahlreiche Wolkenbilder zum Entdecken figürlicher Essenzen, die nur darauf zu warten scheinen, mit phantasievollem Gekritzel eine ganz individuelle Note zu bekommen.

Kurzum: Hirameki macht in jedem Falle einen Riesenspaß, von dem man eigentlich nie genug bekommen kann!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

Professor Murkes streng geheimes Lexikon der ausgestorbenen Tiere, die es nie gab

Text: Andrea Schomburg

Illustration: Dorothee Mahnkopf

Verlag: Tulipan, 2016

 

Nein, man sollte man es  nicht tun: in geheime Tagebücher schauen.Eigentlich.

Andererseits: wer sich immer daran hält, könnte hier echt was verpassen. In dieses geheime professorale Tagebuch zu schauen und in dessen phantastische Wunderwelten einzutauchen, ist nämlich ein  ziemlich großes Vergnügen!

Professor Murke führt für sich und insbesondere seinen Enkel Jonas ein streng geheimes „wissenschaftliches“ Tagebuch, damit dieser (… und zu unserem großen Glück auch wir als Leser, Vorleser und Betrachter!) an seinen Forschungsreisen in die Vergangenheit mit einer besonderen Zeitmaschine -dem Tempomobil,  in welches leider nur eine Person hineinpasst- teilhaben kann. Phantastische, lustige, niedliche, skurrile oder furchterregende  Kreaturen wie doppelköpfige Schweinehunde, Flugschaufelhirsche, Kapuzentiere, Krokandile, Saugnapffrösche, Schreckschleicher, Tausendschläfer oder Zeppelifanten kreuzen dabei seinen Weg durch vergangene Erdzeitalter, die seltsame Namen tragen wie Nebulosum, Glukosäum oder Somnizäum und deren zeitliche Entfernung in Chronomeilen errechnet wird.

Zuerst geht Professor Murkes Reise in die sogenannte Nebelzeit, das Nebulosum, jene Zeit, in der die Welt noch ganz vom Urzeitmeer bedeckt ist, über dem unzählige amorphe Nebelwesen tanzen und Schabernack treiben. Im Glukosäum, der Zuckerzeit, versinken wir lesend und staunend in karamellsüßen Gebirgen und riesigen Lolli-Wäldern, dort, wo die Zuckerschlecken Zuflucht vor gefährlichen Krokandilen finden. Aus der Buntkreidezeit, dem Craidizäum, wird ein kreidebuntes wie dramatisches Kreidepferdchen-Reiter-Gedicht überliefert, bevor die abenteuerliche und aufregende Reise weitergeht mit Ausflügen ins Fazilium, Abyssium, Tempostäum, Gelatinäum, Hybridium und Duelläum (wo erbittert gestritten wird, jedoch glücklicherweise das herzallerliebste Lapislazulilieb für Ausgleich sorgt) und letztendlich im Somnizäum, der Schlaf- und Schlummerzeit, -vorerst- geruhsam endet und den Leser mühelos in eigene Phantasie-und Traumwelten gleiten lässt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de