Archiv für den Monat Oktober 2016

In einer weißen Winternacht

Text: Jean E.Pendziwol

Illustration: Isabelle Arsenault

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Elbe

Verlag: Freies Geistesleben

 

Die Farben einer Winternacht, überwiegend schwarze, weiße und graue Töne, zwischen denen nur vereinzelt Farbtupfer wie das Orangerot eines Fuchsschwanzes, das Gelb von Eulenaugen, das Rot gefrorener letzter Äpfel am Baum, das Grün einzelner Kiefernnadeln, das Blau des  Spiralen und Kringel auf die Fensterscheiben malenden tanzenden Frostes hervorblitzen und sich bald darauf zu einer über den Himmel ziehenden Melodie vereinen, beherrschen die Bilder dieses stimmungsvollen Buches aus Kanada, das ganz leise und zärtlich eine liebevolle Gutenachtgeschichte erzählt.

Während draußen sacht die Schneeflocken vom Himmel schweben, liegt drinnen ein kleiner Junge träumend in seinem federweichwarmen Bett. Unterdessen hat der Ich-Erzähler, vermutlich sein Vater, ein Bild für ihn gemalt – das Bild einer leisen, friedlichen Welt, in der alles Leben verlangsamt scheint, beginnend mit einer winzigen Schneeflocke, zu welcher sich peu a peu mehr und mehr zugesellen und die nächtliche Winterlandschaft weiß werden lassen, in der Kiefern ihre Nadelbüschel zum Flockenfangen ausbreiten, eine Rehmutter ihr Kitz zu köstlichen roten Früchten, den letzten gefrorenen Äpfeln am Baum, führt, eine große Ente mit runden gelben Augen eine Spur ihres Federhauchs im Schnee hinterlässt, Schneehasen vergnügt und doch immer auf der Hut vor dem Fuchs Fangen spielen, bis dieser müde ins Dunkel weiterzieht, in der eine kleine Maus zum Mitternachtsschmaus unterm Vogelhaus übriggebliebene Nüsse und Samen kostet und funkelnde Sternenpunkte im violetten Himmel hängen, die, bis der Mond das geliebte Kind wachküssen wird, von der Sonne als Diamanten in die Zweige einer Weide gesetzt werden.

Das Buch, welches spürbar die Ruhe und Magie einer weißen Winternacht atmet und vermittelt, ist eine zauberhafte Liebeserklärung an das Leben, die sanft das Herz berührt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

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Als die Esel Tango tanzten …

Erzählbilder von Stefanie Harjes

Verlag: mixtvision

 

Über Bilder miteinander ins Gespräch zu kommen, ist eine tolle Sache!                               Eine Erzählbilder-Reihe des Mixtvision-Verlages eröffnete 2012 Eva Muggenthaler mit dem Titel „Als die Fische spazieren gingen“, welche mit nachfolgenden Titeln wie „Als die Häuser heimwärts schwebten“ von Einar Turkowski und „Als die Wellen Wurzeln schlugen“ von Lena Scholl fortgesetzt wurde. Nun findet dieses wunderbare Konzept mit dem neuen „Als die Esel Tango tanzten …“ von der Illustratorin und Buchkünstlerin Stefanie Harjes, die bereits mehrfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, eine schöne Ergänzung.

In einem Nachwort verdeutlicht die Kinderphilosophin Kristina Calvert, dass sich insbesondere Redewendungen hervorragend für das Philosophieren mit Kindern eignen. Zwölf geläufige Redewendungen wie etwa „seinen Senf dazugeben“, „sich pudelwohl fühlen“, „sich freuen wie ein Schneekönig“ oder „Tomaten auf den Augen haben“ werden hier ebensolchen Redewendungen mit gegensätzlicher Bedeutung (beispielsweise „die Karten auf den Tisch legen“ im Gegensatz zu „Probleme unter den Teppich kehren“) gegenübergestellt und auf 32 Seiten, die entsprechend stilvoll von einer violetten Leinenbindung gehalten werden, begleitend interpretiert von phantasie- und spannungsreichen Bildcollagen, die es dem Betrachter nicht allzu einfach mit ihrer Deutung machen.

Unweigerlich ist dieser dazu geneigt, in die vielschichtigen Bildwelten von Stefanie Harjes einzutauchen, in ihnen Bezüge zu den thematisierten Wendungen zu entdecken und verborgene Geschichten gedanklich oder kommunizierend weiterzuspinnen. Die Skurrilität dieser inspirierenden Bilder ist ebenso erfrischend wie phantasiebelebend und ermuntert zu ihrer Interpretation im gemeinsamen Gespräch.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Paulas Reisen

Text: Paul Maar

Illustration: Eva Muggenthaler

Verlag: Tulipan

 

Kopfüber und im Fluge einen Strumpf verlierend stürzt sich ein kleines Mädchen im karierten Schlafanzug in einen See aus roter Farbe, welcher sich aus einem umgeworfenen Eimer ergießt. Illustre Gestalten wie ein Schwein im Malerkittel mit Pinsel und Palette, drei Molche mit Rollkoffern, fliegende Fische und ein kleines froschähnliches Wesen ergänzen die merkwürdige Szenerie. Schon das Titelbild verrät, dass wir mit der Buchheldin Paula gewöhnliche Wege verlassen und phantasievolle neue Welten betreten werden.

In ihren Träumen reist Paula nacheinander in die Kugelwelt, das Land der Kreise, das Land der 1000 Ecken, das Land der roten Töne und das kleine Land Kopfunter. Das Mädchen merkt schnell, dass in jedem dieser sonderbaren Länder recht eigenartige Gesetzte gelten: mal ist nichts Eckiges, mal nichts Rundes, mal nichts Grünes und ein anderes mal nur alles verkehrt herum erlaubt. Über die strikte Einhaltung der Regeln wachen strenge Sittenwächter wie die Kopfsteh-Polizei im Land Kopfunter, wo als schönstes Tier die Fledermaus gilt und brave Menschen gefälligst verkehrtherum zu stehen haben. Andersartige Eindringlinge, die nicht ins Land passen, werden kurzerhand passend gemacht oder verjagt.

Doch Paula findet glücklicherweise immer wieder, meist erst in letzter Sekunde und unter cleverer Ausnutzung der jeweiligen Gegebenheiten, einen Ausweg aus der länderspezifischen Unwirtlichkeit und entgeht so der drohenden Angleichung, bis sie sich schließlich im gemütlichen Land der weichen Betten dann doch sehr behaglich fühlt, aber auch von dort -diesmal auf sanfte Weise- vertrieben wird.

Dieses zu meiner großen Freude jetzt wieder neu aufgelegte schöne Buch (Erstmals entdeckte ich es vor Jahren in einer Bibliothek, lieh es wieder und immer wieder aus, um es in meinen Buch- und Kindermalgruppen vorzulesen, welche begeistert waren und sich vom Buch zum Malen inspirieren ließen, bedauerte, dass es in den Buchhandlungen vergriffen war und hoffte auf eine künftige Neuauflage …) ist gleichermaßen klug und inspirierend. Paul Maars erfrischende Reime und Eva Muggenthalers originelle Bildwelten ergeben in der Kombination ein wunderbar alters- und zeitloses Bilderbuch.

Hanna Nebe-Rector, Kunstwerkstatt MALkastl &  und Atelier ChaMALeon

http://www.MALKASTL.de

Federflüstern

Autorin: Holly-Jane Rahlens

Verlag: Rowohlt Rotfuchs

Nach ihrem Roman „Blätterrauschen“, in welchem die Teenager Rosa, Iris und Oliver unfreiwillig eine Zeitreise in die Zukunft unternehmen, führt die Autorin ihre sympathischen Buchhelden nun in die Vergangenheit.

Gemeinsam mit ihrer neuen Begleiterin Lucia, einer Zeitreisenden aus der Zukunft, hat die Jugendlichen ein verhängnisvolles Versehen ins bitterkalte Berlin des Jahres 1891 katapultiert, wo sie sich nun durchschlagen müssen, bis sie ein sogenannter Scout aufspürt, der sie wieder in ihre Zeit und ihr Zuhause befördern könnte. Doch mit der Datenübertragung will es nicht so recht klappen, so dass sie zunehmend befürchten, für immer im 19.Jahrhundert bleiben zu müssen. In der Hoffnung, dass der berühmte  Mark Twain, der zu dieser Zeit in Berlin lebt, dem Quartett in irgendeiner Weise helfen kann, suchen sie diesen und finden ihn schließlich auch. Der Schriftsteller gibt den vier Zeitreisenden vorübergehend Obdach, hört mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination ihren abenteuerlichen Erzählungen zu und versucht nach seinen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu helfen.

Plötzlich taucht der seltsam aufgeblasene Junior-Junior, Sohn von Rirkrit Sriwanichpoom, welcher im Vorgängerroman „Blätterrauschen“ eine Rolle spielte, auf. Was führt er nur im Schilde? Wird es gelingen, einen Ausweg aus der verzwickten Lage zu finden? Die Zeit drängt, denn bald geht auch das Chronotonin, ein Mittel zur Bekämpfung des sogenannten Zeitlag, bei dem man zunehmend müder und schwächer wird, zur Neige. Zu allem Ungemach ist auch noch die Polizei hinter ihnen her, und die ist in besagter Zeit nicht gerade zimperlich mit über Zwölfjährigen …

Es ist bestimmt nicht zwingend notwendig, den Vorgängerroman zu kennen, um an dessen Nachfolger ausreichend Lesefreude zu haben, zumal es am Ende des Buches eine Zusammenfassung der Geschehnisse aus dem ersten Teil gibt, dennoch aber empfehlenswert, denn beide Teile sind ziemlich spannend zu lesen, so dass -im übertragenen Sinne des Titels des ersten Bandes- die Buchblätter nur so rauschen. Der Sinngehalt des Titels „Federflüstern“ erschließt sich im ebenso betitelten 33.Kapitel des Buches, welches insgesamt 36 Kapitel, die sich auf 348 Seiten verteilen, zählt.

Bemerkenswert ist noch das gelungene Titelbild, das eine der Handlungszeit entsprechende Ladenfront, hinter deren Scheibe vier Jugendliche in Kleidern des 19. Jahrhunderts stehen, ein Porträtbild Mark Twains und weitere Episoden der Handlung zeigt, stilistisch dem von „Blätterrauschen“ entspricht und jenes Titelbild wiederum Teil des neuen Covers wird – eine interessante gestalterische Idee.

Das Lesen der beiden Romane, in dem man sich hautnah in eine andere Zeit begibt und mit den Buchhelden immer wieder bangt und hofft, ist von Anfang bis Ende ein spannungsgeladenes Erlebnis.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Mach dieses Buch fertig immer und überall

Text  und Illustration: Keri Smith

Übersetzung: Heike Bräutigam und Julia Solz

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

Der unmissverständlichen wie doppelsinnigen Aufforderung, dieses Buch fertigzumachen, kann dank der handlichen, nur 10×16 cm messenden Kleinformatausgabe, nun endlich auch immer und überall Folge geleistet werden!

Es passt wie ein kleines Notizbuch in jede Jacken- oder Handtasche, um es je nach Belieben -auf dem Weg zur Schule, zur Arbeit, auf Reisen, beim ziellosen Bummeln, beim Wandern oder wo auch immer- zur Hand nehmen zu können und seine Seiten mit individuellem Sinn oder Unsinn zu füllen.

Mit dem Eintragen des eigenen Namens in mehreren Versionen wie weiß, blass, unleserlich, winzig, groß oder rückwärts kann das vergnügliche und (selbst-)bewusstseinserweiternde Abenteuer beginnen, sollte der der anfängliche Warnhinweis zu den mit seinem Gebrauch einhergehenden Gefahren und Nebenwirkungen wie etwa Nässe, Schmutz, Farbkleckse oder gar Wesens- und Lebensspannungsveränderungen leichtsinnigerweise bagatellisiert oder missachtet werden.

Als kleine Auflockerungsübung und zum Verschaffen eines ersten Überblicks über die den Benutzer erwartenden Aufgaben dürfen -do it yourself- alle Seitenzahlen eingetragen werden, je nach Beginn der Zählung sind das mindestens 140. Dabei lässt die wunderbar unhierarchische Aufstellung der benötigten Materialien wie unter anderem Geistesblitze, Klebstoff, Spucke, Müll, Farbe, Tränen, Bindfaden, Überraschungen, Kaffee, Gefühle, Schere, Zufall und Grips eine Ahnung aufkommen, in welche Richtung das Konzept gehen will und kann.

Die diffuse Erwartung konkretisiert sich beim Studium der künftigen Beschäftigungmöglichkeiten, die mit mehr oder weniger scheinbar obskuren Vorschlägen wie Fahrpläne abzumalen, Buchseiten mit spitzen Gegenständen zu malträtieren oder nach vorherigem Bekritzeln zu fluten, Seiten herauszureißen und sie anderen in die Taschen zu stecken, Straßennamen zu sammeln, Linien zu ziehen, Gerüche und klebriges Zeug einzufangen und im Buch festzuhalten sowie immer wieder mit eingestreuten Aufforderungen, über eigene Fertigmachmethoden nachzudenken und diese nachweislich mit Datum und Unterschrift zu dokumentieren zu einem stetig wachsenden Sammelsurium persönlicher Befindlichkeiten werden könnten. – Das mutet seltsam an. Ist es auch. Oder doch nicht? Vielleicht ist das unscheinbare Büchlein ein hochwirksames Medikament mit unerwarteten Nebenwirkungen, die erstaunliche kreative Energien freisetzen und den Konsumenten desselben von sich selbst überraschen lassen? – Einfach mal ausprobieren!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Schneewittchen strickt ein Monster

Text und Illustration: Annemarie van Haeringen

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag: Freies Geistesleben, 2016

Welch herrlicher Anachronismus, der schon in der Titelwahl steckt: Schneewittchen… Eine Ziege! Strickt! Ein Monster!

Ein großes dunkles Monster mit kleinen listigen Augen und vereinzelten bunten Flecken im Fell grinst da breit über die Buchtitelseite. Wer genau hinschaut, sieht, dass es ein Strickmonster ist. Eine Ziege namens Schneewittchen strickt gerade das zweite Monsterohr fertig.

Und überhaupt strickt Schneewittchen mit Leidenschaft und Begeisterung! Nach unzähligen Stricksocken -Ziegenwollsocken für alle!- beginnen bald auch dem entlehnten Märchen gemäß sieben kleine Geißlein von ihren heißen Stricknadeln zu springen. Welch eine Freude!

Als Frau Schaf zu Besuch kommt und an ihren Strickkünsten -Schluderkram! Und aus Ziegenwolle, bäh!- herummäkelt, wird Schneewittchen zornig und fängt an, aus ihrer Ziegenwolle einen großen bösen Wolf zu stricken. Der springt, kaum fertig, von der Nadel – und damit beginnt das Unglück seinen Lauf zu nehmen …

Mit einer gehörigen Portion Pragmatismus und Cleverness weiß sich Schneewittchen jedoch kraft ihrer flinken Nadeln zur Wehr zu setzen – Köstlich!

Das von Schneewittchens Herzklopfen-Tocke-Tocke-Tocke-Tock begleitete, überaus spannende und gleichzeitig reichlich humorvolle Bilderbuchmärchen besticht durch die Art und Weise, mit der es Annemarie van Haeringen immer wieder gelingt, in verspielten Bildern und Worten Phantasiefiguren und wunderbar bezaubernde Ideen lebendig werden zu lassen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Die Null ist eine seltsame Zahl

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Martin Rometsch

Verlag: Aracari

 

Mit diesem  Bilderbuch der niederländischen Künstlerin Henriette Boerendans können Kinder nicht nur zählen lernen und allerlei Interessantes über verschiedene Tiere erfahren, sondern sich auch an wunderschönen Holzschnitten, welche die Texte begleiten, erfreuen.

Zu jeder Zahl von 1 bis 10 wird ein passendes Tier -beginnend mit Elefant über Eisbär, Braunbär, Storch, Tiger, Schwan, Hund, Schwein, Kaninchen bis hin zur Schildkröte- mit der entsprechenden Anzahl seiner Jungtiere und einigen erwähnenswerten Besonderheiten der jeweiligen Tierart vorgestellt.

An eine Vorstellung größerer Mengen wie 50 und 100 werden die Kinder am Beispiel des Tintenfischs, welcher ungefähr eine vergleichbare Anzahl von Eiern legt sowie nebenbei bemerkt acht Arme und drei Herzen hat, sowie des Seepferdchens als Stellvertreter für die Zahl 100, weil es ungefähr ebensoviele Seepferdchenbabies in seinem Bauchbeutel beherbergt, anschaulich herangeführt.

Zur imaginären Vorstellung der Zahl Null wird der ausgestorbene Dodo herangezogen und dabei überzeugend einfach erklärt, dass Null so viel ist wie etwas, dass es nicht (mehr) gibt – wie eben jenen kleinkindgroßen und flugunfähigen Vogel mit flauschigen Federn, welcher vor langer Zeit auf einer Insel mitten im Meer lebte und dessen Eier den Affen, die eines Tages mit einem Boot auf diese Insel kamen, so lecker schmeckten, dass sie diese allesamt auffraßen und dadurch leider die Dodos aussterben mussten.

Die einzigartigen Holzschnitte, welche die vorgestellten Elterntiere mit ihren Jungen zeigen, faszinieren durch die liebevolle, zart berührende Gestaltung und eine interessante Farbigkeit, in der neben wenigen Gelb-, Orange-, Grün-, Blau- und Türkistönen vor allem die Rottöne dominieren.

Die kindgerechte und warmherzige Sprache sowie die ansprechende Buchgestaltung mit einer warmroten Leineneinbindung und die interessante, zur Farbigkeit der Holzschnitte analoge, graphische Gestaltung der Ziffern auf dem Vorsatzpapier runden den sehr angenehmen Gesamteindruck optisch und haptisch ab, so dass das Vorlesen und gemeinsame Betrachten dieses schönen Bilderbuchs zu einem großen Vergnügen wird.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

Das Schaf im himmelblauen Morgenmantel

Herausgeberin: Christine Knödler

Texte: Isabel Abedi, Wieland Freund, Dagmar Geisler, Beate Hanika, Alexandra Helmig, Saskia Hula, Nikola Huppertz, Heinz Janisch, Kilian Leypold, Kai Lüftner, Susanne Lütje, Arne Rautenberg, Oliver Scherz, Antonie Schneider, Martina Wildner

Illustrationen: Verena Ballhaus, Rotraut Susanne Berner, Quint Buchholz, Nadia Budde, Renate Habinger, Stefanie Harjes, Alexandra Junge, Regina Kehn, Ole Könnecke, Vitali Konstantinov, Reinhard Michl, Jens Rassmus, Kathrin Schärer, Katrin Stangl, Susanne Straßer, Karsten Teich

Verlag: Mixtvision, 2016

 

„Das Schaf im himmelblauen Morgenmantel“ ist ein ganz und gar außergewöhnliches Buch. So wie auf der Titelseite unterschiedlichste Bild- und Wortteile wie Puzzleteilchen auf einem Faden aufgereiht zu einem Ensemble werden, so ist auch die in diesem Buch erzählte Geschichte Ergebnis und Dokument eines überaus spannenden Experiments, in welches 16 Illustratoren und 15 Autoren eingebunden sind.

Wie im „Cadavre exquis“, einem kreativen Spiel der Surrealisten, werden Bilder und Geschichtenfragmente des einen zum Ideengeber ihrer Fortsetzung durch einen anderen Künstler. Bilder, die sich in Texten fortsetzen, generieren dabei neue Bilder, die wiederum in Texten münden. Was dabei letzlich heraukommt, ist -vergleichbar mit der „stillen Post“- ungewiss, denn jeder der Lesenden und Betrachtenden assoziiert von eigenen Lebenswirklichkeiten und -erfahrungen herrührende unterschiedliche Bilder, Deutungen, Handlungsstränge und neue Figuren, mit denen er/sie die Geschichten und Bilder weiterspinnt und ihnen die individuelle Prägung mit auf den Weg gibt. So entstehen mitunter völlig unerwartete Wendungen, die ohne das spannende Konzept der Vielstimmigkeit sicher so nicht vorherzusehen gewesen wären.

Angeregt und schließlich mit der Herausgabe des Ergebnisses zu einem Abschluss geführt hat das interessante literarische Experiment Christine Knödler, freie Journalistin, Kritikerin und Herausgeberin für verschiedene Verlage, Zeitschriften und Zeitungen sowie Lehrbeauftragte der Buchwissenschaft an der LMU München, die auch selbst Schreibwerkstätten konzipiert und leitet sowie entsprechende Workshops moderiert.

Jeweils zwei Wochen hatten die an dem Spiel Beteiligten Zeit, um sich mit der literarischen oder bildnerischen Vorlage des vorhergehenden Künstlers auseinanderzusetzen und den Handlungsfaden ein stückweit weiterzuspinnen, um es danach an den nächsten Künstler zu dessen erneuter Anregung weiterzugeben.

Nur den Autoren, nicht aber den Illustratoren, wurde zum Vorläufer-Bild eine knappe Zusammenfassung des bisher Geschehenen gegeben, was verständlich ist, damit der Handlungsfaden nicht völlig verfitzt oder Figuren ihre bisherigen Namen behalten.

Den Rahmen der daraus entstandenen, teilweise herrlich abstrusen, schrägen, unterhaltsamen, originellen wie phantasievollen Geschichte, deren einzelne Kapitel und begleitenden Illustrationen stilistisch wunderbar gegensätzlich sind, bilden Zeichnungen der beiden renommierten und unter den Beteiligten an Lebensjahren reichsten Illustratoren Quint Buchholz und Rotraut Susanne Berner.

Quint Buchholz´Auftaktbild zeigt zwei vor einem Abend- oder Morgenhimmel kurz vor Sonnenauf- oder -untergang an einer Bushaltestelle wartende Pinguin-Silhouetten. Rotraut Susanne Berner´s Schlussbild zeigt dagegen weder Pinguine noch Bushaltestelle, sondern eine auf den ersten Blick schwer entschlüsselbare Bilderbotschaft, deren Ingredienzien ein sich an einem Käfig entlanghangelndes Mädchen und ein Junge in offenbar misslicher Lage, eine Dame mittleren Alters, eine überdimensional große rötliche Tigerkatze, ein ebenso großer Maikäfer, verschiedenfarbige Bauklötze, ein Messer sowie ein Schlüssel sind. Was zwischen diesen beiden Bildern liegt und diese miteinander verbindet, ist die gemeinsam erzählte Geschichte , in welcher rauschende nächtliche Feste, verträumte Tänze, skurrile Musikanten, das Dach der Welt, schwarze und weiße schlafende und „nicht-schafende“ Schafe, ein Koffer, Wölfe, perlenkettentragende Kröten und Nashörnerinnen, gelbe Bären, laubblasende Käfer, rasenmähende Katzen mit Hut sowie vor allem die Kinder Nida und Till eine Rolle spielen.

Herausgekommen ist ein bemerkenswertes Gesamtkunstwerk, an dem spielbegeisterte Wortliebhaber und Bilderdeuter große Freude haben werden und das sehr inspirierend für ähnliche Experimente -insbesondere für die kreative Gruppenarbeit mit Kindern- werden kann.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de