Archiv für den Monat Januar 2017

Der Streik der Farben

Text: Drew Daywalt

Illustration: Oliver Jeffers

Übersetzung: Anna Schaub

Handschrift: Kris Di Giacomo

Verlag:NordSüd Verlag, 2016

http://www.nord-sued.com

 

Witzig und unmissverständlich verrät neben dem Titel bereits das Cover, worum es hier geht: um einen Streik der Farben! Vier zu Strichmännchen personalisierte Farbstifte, buntbeschriebene Protestplakate präsentierend, zeigen in Gestik und Mimik, dass es ihnen mit ihrem Anliegen wirklich ernst ist.

Eines Tages sucht Duncan, der offensichtlich viel und gern malt, vergeblich nach seinen Farbstiften. Stattdessen findet er ein fein verschnürtes Bündel von an ihn adressierten Beschwerdebriefen, die ihm die in Streik getretenen Farbstifte hinterlassen haben. Zwölf Briefe sind es an der Zahl, jeder handschriftlich in der Farbe des jeweiligen Briefeschreibers verfasst. Während Rot beklagt, viel härter als die anderen (und sogar an Feiertagen!) arbeiten zu müssen und Blau angesichts der unzähligen blau gemalten Meere und Himmel ebenfalls erschöpft eine Pause einfordert, fühlt sich das zu Unrecht als Mädchenfarbe deklarierte Pink unterfordert und bittet Duncan um etwas mehr Aufmerksamkeit. Grün, eigentlich wunschlos glücklich, versucht für seine wegen der Farbe der Sonne zerstrittenen Freunde Gelb und Orange zu vermitteln und auch das ordnungsliebende Lila, das verzagte Beige, das von riesigen Nilpferden, Nashörnern und Buckelwalen müdegemalte  Grau, das sich leer fühlende Weiss, das grummelnde Schwarz und das schamhafte Nackt-Rosa tragen -in Kinderhandschrift und -zeichnungen liebenswert und charmant umgesetzt- ihre Argumente zwecks Änderung ihrer bisherigen Verwendung vor. Der arme Empfänger des massiven Protestes, der doch eigentlich nur Bilder malen wollte, kann einem beinahe leid tun. Doch Duncan will seine geliebten Farbstifte wieder glücklich sehen – und kommt auf eine tolle, im Grunde naheliegende, Idee, die unmittelbar zur Nachahmung einlädt.

Das im Erzählstil und Gestaltungsweise überzeugende und  ausgesprochen sympathisch und humorvoll umgesetzte Bilderbuch inspiriert dazu, allzu eingetretene eigene Wege der Farbwahl  zu überdenken und hin und wieder auch einmal ganz bewusst -mit dem Aha-Effekt großer Malfreude!- zu verlassen.

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Im Club der Zeitmillionäre

Im Club der Zeitmillionäre. Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte

Autorin: Greta Taubert

Verlag: Eichborn Verlag, 2016

http://www.eichborn.de

 

„Ich will raus aus dem Hamsterrad des Müssens, rein ins Karussell des Könnens. Ich will nicht mehr einer ungewissen Zukunft mit meiner Leistungsbereitschaft dienen, sondern konkreten Momenten meine Leidenschaft widmen. Kann man das Hamsterrad in ein Karussell verwandeln? Wenn der Augenblick, das Jetzt, der Moment alles ist, was uns übrig geblieben ist, dann sollte er uns heilig sein. Aber kann das funktionieren – kann man der Logik des Kapitalismus die Idee des Momentalismus entgegensetzen? … Ich will reich sein, reich an Momenten. Warum sollte eigentlich nur immer Geld anzeigen, wie gut es mir und der Gesellschaft geht? …“

Ein Spätsommerabend im Leipziger Kolonnadenviertel. Das beliebte Szenecafe, welches im Buch den Namen „Cafe Nichtsnutz“ trägt und im richtigen Leben irgendwie ähnlich und doch ganz anders heißt, hat zur Lesung mit Greta Taubert eingeladen. Genau hier in ihrem Kiez, in dem einige der im Buch beschriebenen „Zeitmillionäre“, Künstler oder Lebenskünstler ihr an Momenten reiches Leben leben und sich wie in einem gemeinsamen Wohnzimmer zum Essen, Trinken und Austauschen treffen, will die  Journalistin und Autorin mit dem umwerfend sympathischen Lächeln erstmals ihr neues Buch vorstellen. Im Schein der Straßenlaternen wird schnell die halbe Straße vor dem Cafe zum erweiterten Wohnzimmer, die Großfamilie schaut sich bei einem Glas Wein gemeinsam den gelungenen Buchtrailer an, lauscht Greta Tauberts im Laufe ihres spannenden Zeitmillionarprojekts niedergeschriebenen und nun in Auszügen vorgetragenen Worten und den Klängen der musikalischen Begleitung. Mir gefällt die besondere Atmosphäre ebenso wie das Thema des Buches mit dem außergewöhnlichen und wunderbar passenden goldfarbenen Cover (welches ich mir, beflügelt von der Lesung, selbstverständlich gleich danach am bereitgestellten Büchertisch kaufe) und später dann auch dessen zum Nachdenken anregende Lektüre.

Wie fühlt sich das an, wenn man sich wie Greta Taubert einem Lebensexperiment im Selbstversuch unterzieht, das existenzielle Fragen dazu, wie wir leben wollen und können, aufwirft? Wie ist es, sich zeitweise von bisher eingefahrenen Verpflichtungen loszusagen, weniger zu arbeiten, mehr und intensiver zu leben, hautnah zu ergründen, ob und wie lange dieses Lebenskonzept funktionieren kann? Um sich derartige Fragen zu beantworten, besucht und beobachtet Greta Taubert nicht nur Menschen, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, Zeitmillionäre zu sein, sondern lebt zeitweise deren Leben mit, begibt sich mitten hinein ins Geschehen, driftet mit ihnen durch Raum und Zeit und beschreibt die gewonnenen Eindrücke und Einsichten plastisch und unterhaltsam. Wie von selbst driftet der Leser mit  und kommt sowohl während des Lesens  wie auch noch eine lange Zeit danach nicht umhin, das eigene Leben einem kritischen Blick zu unterziehen.

Psychologie des Ich

Autoren: Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf, Roland Wiese

Verlag: Freies Geistesleben, 2016

http://www.geistesleben.com

 

„Gibt es eine Psychologie des Ich? Welche Einsichten und Impulse könnten von einer solchen für die psychotherapeutische Praxis ausgehen? Die Autoren zeigen, wie sich aus der Perspektive der anthroposophischen Menschenkunde Strukturen und Dimensionen einer Ich-Differenz ergeben, die für eine zukunftsfähige Psychologie und für die psychotherapeutische Arbeit relevant sind.“

Karl Friedrich Schinkels 1834 entstandenes Gouache-Gemälde „Die Nacht zieht über den Golf von Neapel“ wurde sehr passend als Titelbild des 187seitigen Buches im Taschenbuchformat gewählt. Schinkel wurde hierbei inspiriert von einem Zitat aus Goethes Faust: „Wenn auch ein Tag uns froh vernünftig lacht, im Traumgespinst umwickelt uns die Nacht:“ Auch einer der vier Buchautoren, Johannes Reiner, befasst sich insbesondere mit den Daseinszuständen des Menschen im Schlaf und leitet daraus interessante Denkansätze – wie das tägliche Tagesrückschau-Ritual oder die Rückschau auf die Nacht am Morgen- für mögliches zukünftiges psychotherapeutisches Arbeiten ab.

Im gemeinsamen Vorwort zum Buch erläutern die Autoren Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf und Roland Wiese ihre Intention: Sie wollen das gemeinsame Projekt als Versuch des „Ineinanderwebens“ und der „Verlebendigung“ ursprünglich eher nur nebeneinanderstehender Abhandlungen zu einer anthroposophisch verorteten Psychotherapie des Ich verstanden wissen. Das gelingt ihnen in den insgesamt sieben Kapiteln mal mehr, mal weniger umfassend unter anderem mit Exkursen zu Gedanken von Steiner (vor allem durch Bezüge auf dessen therapeutische Prinzipien des Heilpädagogischen Kurses) und Freud, Platon und Aristoteles, Thomas von Aquin und Albertus Magnus und daraus abgeleiteten bemerkenswerten Denkansätzen und praxisrelevanten Impulsen. Leider nehmen die in diesen Zusammenhängen erwähnten Fallbeispiele aus der Praxis dabei nur einen vergleichsweise geringen Raum ein. Auch eine insgesamt flüssigere und damit verständlichere Lesbarkeit wäre zu wünschen gewesen, um das im Vorwort konstatierte bzw. erhoffte „Erquicktsein“ im Angesicht des Lichts in Anlehnung an Goethes Märchen von der grünen Schlange und der weißen Lilie nicht nur bei den Autoren, sondern auch bei mir als Leser auslösen zu können.

Das Geheimnis des Mondes

Text: Bo-hyeon Seo

Illustration: Jeong-hygeon Sohn

Übersetzung aus dem Koreanischen: Andreas Schirmer

Verlag: Aracari, 2016

http://www.aracari.ch

 

Eine leuchtend gelbe Mondsichel wird von fünf tierischen Protagonisten -Fuchs, Storch, Wildschwein, Bär und Eule- staunend betrachtet. Die auffällig aus dem grünschwarzen Buchdeckel ausgestanzte Sichelform, die den Blick des Betrachters auf den gelben Ausschnitt des darunter befindlichen Vollmondes lenkt, weist ebenso wie der Titel auf die Buchthematik, das Geheimnis des Mondes zu ergründen, hin.

Begleitet von bezaubernden und ausdrucksstarken Illustrationen, die vor allem den Reiz dieses schönen Bilderbuchs ausmachen, wird erzählt, wie verschieden die einzelnen Tiere den Mond wahrnehmen, zunächst auf der Allgemeingültigkeit ihrer Wahrnehmung beharren, unf beinahe darüber in Streit geraten. Für die kleine Eule, die ihrer Mama ein Geburtstagsständchen über den Mond singt ist dieser tellerrund, für den Fuchs eher wie ein Ball, dem etwas Luft abgelassen wurde. Das Wildschwein wiederum sieht im Mond die Form eines Melonenviertels, wohingegen der rechthaberische Bär eindeutig die Form eines gebogenen schmalen Blattes zu erkennen glaubt. Jeder beharrt auf der Richtigkeit seiner Meinung, bis sich Adebar der Storch einmischt und verkündet, den Mond schon in allen der genannten Formen gesehen zu haben. Schließlich sorgt der Mond selbst für eine Beendigung des Streits und stellt fest, dass alle Recht haben.

Im Anschluss an die Geschichte wird auf den folgenden vier Seiten anhand einer Übersicht zu den verschiedenen Mondphasen und weiterer Abbildungen mit Erläuterungen weiteres Wissenswerte über den Mond erklärt.

So wird auch schon jüngeren Lesern Sachwissen auf verständliche Weise nahegebracht und mit dem sinnlichen Erlebnis einer künstlerisch gestalteten Bildergeschichte verknüpft.

Bienen

Text und Illustration: Pjotr Socha

Redaktionelle Mitarbeit und fachliche Beratung: Wojciech Grajkowski

Übersetzung aus dem Polnischen: Thomas Weiler

Verlag: Gerstenberg, 2016

http://www.gerstenberg-verlag.de

 

Warum mitten im Winter ein Bienenbuch vorstellen?

Im Winter wird es ruhig um die Bienen. Sie harren, versorgt mit im Sommer fleißig angesammelten Vorräten in ihren Bienenstöcken aus, bis dann erneut wieder irgendwann die Zeit kommt, auszuschwärmen und Blütennektar zu sammeln.

Wer jetzt noch nicht Bienenfan ist, wird es vermutlich spätestens nach der Lektüre dieses wunderbaren Bienenbuchs sein. Vielleicht begeistert es -wie meine großen und kleinen Männer im Hause, die demnächst einen Bienenhalterkurs besuchen wollen- gar derart, dass der Leser ins Überlegen kommt, die Imkerei bald selbst betreiben zu wollen. Dann wäre es immerhin gut, genügend Vorlaufzeit zum umfassenden Literaturstudium der Bienenkunde zu haben, bevor der praktische Teil mit der Anschaffung eines eigenen Bienenvolks beginnt. Aber auch diejenigen, die  das nicht gleich oder überhaupt nicht vorhaben, werden bestimmt dennoch von diesem besonders schönen Buchbegeistert sein!

Mit diesem großen und prächtigen Bildband über diese  faszinierenden und nützlichen Tiere erwirbt man auf unterhaltsame und gut verständliche Weise auf 36 doppelseitigen, aufwändig, originell und eindrucksvoll gestalteten und mit vielen Erläuterungen versehenen Bildtafeln und dazwischen eingestreuten „Bienenblättchen“ (einer Art Bienenzeitung, die zusätzliche interessante Insiderinfos vermittelt) eine ungeheure Menge Bienen-Wissen, wie zum Beispiel, dass es die Bienen bereits zu Dinosaurier-Zeiten gab, wie Bienen leben, sich fortpflanzen und ihr Körperbau beschaffen ist, wie sie untereinander kommunizieren und ihre Aufgaben verteilen, wie sie Honig machen und wie erstaunlich viele Honigsorten es gibt, dass sogar einige menschliche Bauwerke vom Bauprinzip der Bienen inspiriert wurden, wie sich bereits frühere Kulturen für Bienen interessierten, wie Imker heutzutage arbeiten und vieles Interessante mehr.

Einfach großartig!

Hier kommt keiner durch!

Text: Isabel Minhos Martins

Illustration: Bernardo P.Cavalho

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Franziska Hauffe

Verlag: Klett Kinderbuch, 2016

http://www.klett-kinderbuch.de

Die Eingangszenerie auf dem Titelbild zeigt gleich unmissverständlich, was Sache ist: „Hier kommt keiner durch!“, brüllt energisch der General hoch zu Ross (namens Ramba-Zamba) in Phantasieuniform, welcher zu gern Held in einem Kinderbuch wäre, wie man bald erfahren wird. Und vor lauter Bestimmereifer sind sein Gesicht und vor allem die lange Nase bereits tiefrot angelaufen.

An wen sich die autoritäre Botschaft richtet, ist die illustre Gesellschaft, die auf den Vorsatzpapierseiten in kindlich-naiven Tuschestiftkritzeleien vorgestellt wird. Hier erscheinen -sogar namentlich- zahlreiche kleine und große Menschen wie die Fußballjungen Marc, Silvio, Hassan und Rafaelin, ein Paar mit Fahrrädern, ein Polizist, die Sträflinge Uli und Sepp, Herr Albino, ein Musiker und viele, viele andere mehr nebst einigen Tieren wie beispielsweise Hund Fiffi, die im Folgenden nach und nach Teil der erzählten Bildergeschichte werden.

Zunächst beginnt diese auf beinahe leeren Buchseiten, auf diese sich zuerst zaghaft von links oben ein kleines Hündchen (Fiffi) wagt. In der Mitte vor der vom General postulierten Grenze zur rechten Buchseite, hat sich ein bewaffneter stoischer Aufpasser postiert, scheinbar fest entschlossen, hier niemanden durchkommen zu lassen, warum auch immer. Der Grund ist über Sprechblasen auszumachen: Sein General hat sich das Recht herausgenommen, die rechte Buchseite weiß zu belassen, so dass er in die Geschichte hineinkommen kann, wann immer er es möchte. „Aber das ist doch verrückt“, ereifert sich ein Mann, vielleicht Fiffis Herrchen, dessen Name laut der Vorsatzpapier-Aufstellung Niklas lautet. Zunehmend wird die linke Buchseite bevölkert, die rechte hingegen bleibt aus den bekannten Gründen weiß. Alle reden durcheinander, begreifen das absurde Verbot nicht, Aufruhr scheint sich anzubahnen. Vorgetragene Argumente werden rigoros abgeschmettert. Doch dann …

… BOING, BOING, BOING, … hüpft ein kleiner roter Ball aus der Menge heraus in die Verbotszone. Aus dem Wirrwarr von eben wird ein gemeinschaftlich erschrockenes Starren nach rechts. Zwei Jungen, Lionel und Cristiano, rennen los, Fiffi bellend hinterher. Auslöser allgemeiner Grenzüberschreitung! Dem Aufpasser geht die Herrschaft über die Lage verloren, er ergibt sich dem Willen der aufrührerischen Menge, deren Held er nun wird und die lautstark gegen seine drohende Verhaftung zu protestieren beginnt. Selbst Ramba-Zamba, das Pferd des Generals, widersetzt sich seinem Herrn und galoppiert auf die andere Buchseite.Die Massen stürmen nach rechts, bis nur noch unzählige herumliegende verlorene Dinge als Überbleibsel von der soeben stattgefundenen Revolte künden, die der grummelnde Oberaufpasser nun einsammelt, bevor er konstatiert, die Geschichte verlassen zu wollen. (Denn wer will schon Held in einem Kinderbuch sein?)

Wer beim Anschauen dieses witzigen grenzüberschreitenden Wimmelbilderbuchs, in welchem sich auch nach häufigerem Anschauen immer wieder Neues entdecken lässt, nicht aktuelle oder historische Parallelen assoziieren will oder kann, wird dennoch Freude daran haben, denn es zeigt augenzwinkernd und überzeugend, dass ein wenig Renitenz und Hinterfragen scheinbarer Allgemeingültigkeiten im wahrsten Sinne befreiend und beflügelnd wirken kann.