Hier kommt keiner durch!

Text: Isabel Minhos Martins

Illustration: Bernardo P.Cavalho

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Franziska Hauffe

Verlag: Klett Kinderbuch, 2016

 

Die Eingangszenerie auf dem Titelbild zeigt gleich unmissverständlich, was Sache ist: „Hier kommt keiner durch!“, brüllt energisch der General hoch zu Ross (namens Ramba-Zamba) in Phantasieuniform, welcher zu gern Held in einem Kinderbuch wäre, wie man bald erfahren wird. Und vor lauter Bestimmereifer sind sein Gesicht und vor allem die lange Nase bereits tiefrot angelaufen.

An wen sich die autoritäre Botschaft richtet, ist die illustre Gesellschaft, die auf den Vorsatzpapierseiten in kindlich-naiven Tuschestiftkritzeleien vorgestellt wird. Hier erscheinen -sogar namentlich- zahlreiche kleine und große Menschen wie die Fußballjungen Marc, Silvio, Hassan und Rafaelin, ein Paar mit Fahrrädern, ein Polizist, die Sträflinge Uli und Sepp, Herr Albino, ein Musiker und viele, viele andere mehr nebst einigen Tieren wie beispielsweise Hund Fiffi, die im Folgenden nach und nach Teil der erzählten Bildergeschichte werden.

Zunächst beginnt diese auf beinahe leeren Buchseiten, auf diese sich zuerst zaghaft von links oben ein kleines Hündchen (Fiffi) wagt. In der Mitte vor der vom General postulierten Grenze zur rechten Buchseite, hat sich ein bewaffneter stoischer Aufpasser postiert, scheinbar fest entschlossen, hier niemanden durchkommen zu lassen, warum auch immer. Der Grund ist über Sprechblasen auszumachen: Sein General hat sich das Recht herausgenommen, die rechte Buchseite weiß zu belassen, so dass er in die Geschichte hineinkommen kann, wann immer er es möchte. „Aber das ist doch verrückt“, ereifert sich ein Mann, vielleicht Fiffis Herrchen, dessen Name laut der Vorsatzpapier-Aufstellung Niklas lautet. Zunehmend wird die linke Buchseite bevölkert, die rechte hingegen bleibt aus den bekannten Gründen weiß. Alle reden durcheinander, begreifen das absurde Verbot nicht, Aufruhr scheint sich anzubahnen. Vorgetragene Argumente werden rigoros abgeschmettert. Doch dann …

… BOING, BOING, BOING, … hüpft ein kleiner roter Ball aus der Menge heraus in die Verbotszone. Aus dem Wirrwarr von eben wird ein gemeinschaftlich erschrockenes Starren nach rechts. Zwei Jungen, Lionel und Cristiano, rennen los, Fiffi bellend hinterher. Auslöser allgemeiner Grenzüberschreitung! Dem Aufpasser geht die Herrschaft über die Lage verloren, er ergibt sich dem Willen der aufrührerischen Menge, deren Held er nun wird und die lautstark gegen seine drohende Verhaftung zu protestieren beginnt. Selbst Ramba-Zamba, das Pferd des Generals, widersetzt sich seinem Herrn und galoppiert auf die andere Buchseite.Die Massen stürmen nach rechts, bis nur noch unzählige herumliegende verlorene Dinge als Überbleibsel von der soeben stattgefundenen Revolte künden, die der grummelnde Oberaufpasser nun einsammelt, bevor er konstatiert, die Geschichte verlassen zu wollen. (Denn wer will schon Held in einem Kinderbuch sein?)

Wer beim Anschauen dieses witzigen grenzüberschreitenden Wimmelbilderbuchs, in welchem sich auch nach häufigerem Anschauen immer wieder Neues entdecken lässt, nicht aktuelle oder historische Parallelen assoziieren will oder kann, wird dennoch Freude daran haben, denn es zeigt augenzwinkernd und überzeugend, dass ein wenig Renitenz und Hinterfragen scheinbarer Allgemeingültigkeiten im wahrsten Sinne befreiend und beflügelnd wirken kann.

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