Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin

Text und Illustration: Pei-Yu Chang

Verlag: NordSüdVerlag, 2017

 

Ein Kinderbuchdebüt, welches eine finale Episode aus dem Leben des von den Nazis verfolgten jüdischen Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin (1892-1940) aufgreift und insbesondere dessen geheimnisvollen Koffer, um den sich bis heute viele Mysterien ranken, zum erzählerischen Gegenstand macht, ist ein bemerkenswertes und mutiges Projekt, dem sich die  Künstlerin Pei-Yu Chang, die in Taipeh Deutsche Kultur und Sprache sowie Deutsche Literaturwissenschaft und in Münster Illustration studierte, in ihrer herausfordernden wie überaus interessanten künstlerischen Abschlussarbeit stellt und allen Menschen, die aus ihrem Land flüchten mussten, widmet.

Unschwer ist der zylindertragende, bebrillte und schnauzbärtige Herr auf dem Cover, welcher den Betrachter augenzwinkernd und mit verschwörerischer Geste den Zeigefinger an den Mund haltend, direkt anzusehen und zum Verbündeten zu machen scheint, als der tatsächliche Walter Benjamin zu erkennen.

Auf dem interessant gestalteten Vorsatzpapier blicken wir in das Innere eines leeren Koffers, ausgekleidet mit grün-rosa-kariertem Innenfutter mit den Initialen W.B. und sichtbar geöffneten Kofferschnallen (besonders originell fällt deren collagenartige Gestaltung mit Packpapier auf) und fragen uns sogleich, was sich wohl darin verborgen haben mag.

Herr Benjamin, der Besitzer des Koffers, war ein Philosoph mit herausragenden Ideen. Plötzlich beschloss sein Heimatland, dass außergewöhnliche Ideen als gefährlich zu gelten haben und Menschen mit derartigen Ideen zu verhaften wären. Die Bedrohlichkeit der Lage verdeutlichen ausdrucksstark drei zu allem entschlossen wirkende Soldaten mit unmissverständlichem Habitus und Gestus, den der dreifache „Verhaften!“-Schriftzug in Schreibmaschinentypografie wirksam unterstreicht.

Mit Hilfe von Frau Fittko, die bedrohten Menschen bei der Flucht über die rettende Grenze verhilft, versucht Herr Benjamin, der schwierigen Situation zu entkommen. Gemeint ist hier die österreichiche Widerstandskämpferin Lisa Fittko (1909-2005), die als Fluchthelferin über 80000 Menschen das Leben rettete, indem sie diese auf der nach ihr benannten F-Route von Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien begleitete.

Frau Fittko, im Buch dargestellt als Dame im rot-weiß-gepunkten Kleid, rotem Hütchen und roten Schnallenschuhen, besteht auf leichtem Gepäck und unauffälligem Verhalten. Und dann erscheint Herr Benjamin, so gar nicht unauffällig, mit seinem recht großen und schweren Koffer (der, nur nebenbei, im Buch als schwarz beschrieben, jedoch rot gezeichnet wird). Wenn aber ein so kluger Mann wie der Herr Benjamin einen so schweren Koffer über die Berge retten will, muss das gewichtige Gründe haben, sagen sich die Mitreisenden, also erfolgt der Aufbruch dann dennoch mit dem Koffer.

Sichtlich mitgenommen vom beschwerlichen Transport des geheimnisumwobenen Gepäckstücks entgegnet Herr B. auf Frau F.´s späteren Einwand, ob er die schwere Last nicht doch zurücklassen wolle, mit der Aussage, dass der Koffer, dessen Inhalt alles verändern könnte, ihm das Allerwichtigste sei, wichtiger noch als sein Leben.

Tatsächlich schafft es die Gruppe bis zur Grenze. Dort aber wird Herr B. abgewiesen und ist selbst wie auch sein Koffer seitdem verschwunden. Der Bezug zu den realen Ereignissen (Walter Benjamins wahrscheinlicher Suizid nach Grenzübertritt und unklarer Verbleib des Koffers) wird so kindgerecht und dennoch ohne geschichtliche Verzerrung erzählerisch geschickt umschifft.

Folglich überschlagen sich die Mutmaßungen über den mysteriösen Kofferinhalt. War es ein Manuskript mit der besten philosophischen Idee aller Zeiten, war es ein fliegender Kampfroboter oder waren es  50 Dosen Marmelade von seiner Oma? Ein Rätsel ist es bis heute. Nur über eines herrscht Einigkeit: Dass es etwas ganz und gar Außergewöhnliches gewesen sein muss! – womit auch  große philosophische Fragen behutsam an Kinder herangetragen und zur spannenden Gesprächsgrundlage -sei es die Diskussion über  diese wichtige Frage an sich, sei es die Überlegung zu Fluchtursachen und -entscheidungen oder sei es ganz allgemein das Nachdenken über kluge und mutige Menschen wie Herrn Benjamin und Frau Fittko- werden können.

Bemerkenswert ist neben der außergewöhnlichen Buchidee auch die besondere illustratorische Gestaltung, welche zeichnerische Elemente, Symbole, handschriftliche und gedruckte Schriftzüge und Ausgeschnittenes auf interessante Weise und in einer einzigartigen Farbigkeit miteinander kombiniert und zu Collagen verknüpft.

 

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