Archiv für den Monat April 2017

In unserer Küche wird gedruckt

Titel/Untertitel: In unserer Küche wird gedruckt – Kreative Kleinauflagen handgemacht

Idee, Illustrationen, Fotografien und Text: Laura Sofie Hantke und Lucas Grassmann

Verlag Herrmann Schmidt, 2016

 

„Ein schönes Buch ist ein Kompliment an seinen Autor – und eine Liebeserklärung an den Leser. Ein schönes Buch entsteht aus dem Inhalt heraus, es ist die materialisierte Antwort auf den Text. Es inszeniert den Inhalt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Es schmeichelt den Augen und den Händen des Lesers. Es macht, dass der Inhalt besser erinnert wird. Im besten Fall macht es Ihr Leben ein kleines bisschen schöner …“ (Creative Report Herbst 2016, Verlag Hermann Schmidt)

Das von Lauras und Lucas Küchen-Druck-Erfahrungen erzählende Büchlein ist ohne Zweifel eins der schönen Bücher in diesem Sinne. Es lässt bereits beim ersten Blättern große Freude aufkommen: wie angenehm es in den Händen liegt, die gute Papierqualität, die Sorgfalt der Bindung, der feine Geruch, die wunderbare Gestaltung und Typografie, die Arrangements ihrer Arbeiten, Fotos und Zeichnungen – ein ästhetischer Genuss!

Ausgesprochen sympathisch stimmen die ersten Seiten auf das Buchthema und dessen Protagonisten ein, bevor es dann auf Seite 40 so richtig zur Sache geht, nämlich die Küche -schon angesichts des Kochens als kreativem Akt und als Treffpunkt für Familie und Freunde das kreative Herz der Wohnung- zur temporären Druckwerkstatt für handgemachte Kleinauflagen von Postkarten, Postern, Etiketten, Notizheften, Buttons, Stickern, Stofftaschen und vielem mehr zu machen.

Laura und Lucas, zwei Gestalter und Illustratoren aus Darmstadt, funktionieren zeitweise ihre Küche zum Kreativ-Atelier um und drucken dort mit einfachen und unkonventionellen Mitteln die verschiedensten schönen Dinge. Weil sie damit inzwischen einige Übung haben und ihre Erfahrungen zu unserem Glück nicht für sich behalten, sondern weitergeben wollen, gibt es dieses schöne Buch.

Bei der von Laura und Lucas vorgestellten sogenannten Kitchen-Litho, von der sie sich von der auf dem Prinzip der Lithografie beruhenden Technik einer Französin namens Emilion inspirieren ließen und diese abwandelten, ausbauten und  weiterentwickelten, verwenden sie überwiegend Materialien, die sich bereits im Haushalt finden lassen wie zum Beispiel Alufolie, Pflanzenöl oder -man lese und staune- Cola. Alufolie wird dabei zur Druckplatte, Pflanzenöl zum Terpentinersatz und Cola zum Druckplatten-Ätzmittel.

Wie das genau funktioniert, wird sehr ausführlich und verständlich sowie ebenso unterhaltsam in allen erforderlichen Einzelschritten und möglichen Pleiten, Pech und Pannen samt der Möglichkeiten ihrer Behebung beschrieben. Beginnend mit der Materialliste, die es gleich doppelt gibt, nämlich erstens grafisch und zweitens als -ungewöhnliche wie schöne Idee!- grünlicher kleiner Spickzettel, der in die Doppelseite mit den zeichnerischen Abbildungen von Glasplatte, Zeichenstiften, Lackierrolle etc. mit eingebunden ist, geht es weiter mit den einzelnen Arbeitsschritten, die ebenfalls mit diesen grünlichen Zetteln, von denen es insgesamt zehn gibt, gespickt sind und auf denen es beispielsweise um das Vorbereiten der Druckplatte, das Drucken selbst, das Trocknen oder das Archivieren geht. Jeder einzelne Schritt wird dabei sehr ausführlich und nachvollziehbar beschrieben und mit hilfreichen Insidertipps ergänzt.

Die vorgestellten Techniken machen sogleich große Lust aufs Ausprobieren und das wunderbar gestaltete Buch zu einem inspirierenden Begleiter für alle Leute mit kreativen Ideen.

Hanna Nebe-Rector, malkastl.de

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So geht Kunst

Titel: So geht Kunst: Die heutige Kunstwelt verstehen und vielleicht lieben lernen

Originaltitel: Playing to the Gallery: Helping Contemporary Art in its Struggle to be Understood (Penguin Books LTD)

Text und Illustration: Grayson Perry

Übersetzung aus dem Englischen: Sofia Blind

Verlag: Prestel, 2017

Der 1960 geborene englische Künstler Grayson Perry, 2003 ausgezeichnet mit dem Turner-Preis, sagt augenzwinkernd über sich selbst: „Sogar mich, einen Töpfer und Transvestiten aus Essex, hat die Kunstmafia hereingelassen.“ – So kann Perry also aus dem Nähkästchen plaudern, wenn er in seinem Buch „So geht Kunst“ außerordentlich unterhaltsam die Mechanismen des zeitgenössischen Kunstbetriebs beschreibt und vielfältig aufs Korn nimmt.

Auf 140 Seiten erklärt Perry die breitgefächerten Werte und Bräuche der Kunstwelt, formuliert und beantwortet zugleich all die im Kunstkontext auftauchenden grundsätzlichen Fragen, die sich dem kunstinteressierten und Ausstellungen besuchenden Menschen mehr oder weniger aufdrängen, die sich aber möglicherweise  so mancher nicht laut zu fragen wagt, um nicht als naiv, unwissend oder unzeitgemäß abgestempelt zu werden. Perry hingegen glaubt fest daran, dass quer durch alle sozialen Schichten  Menschen in der Lage sind, Kunst zu verstehen und zu genießen, wozu es eben nur etwas Ermutigung und Übung braucht. Mit praktikablen Tipps zur Kunstrezeption wie dem von ihm empfohlenen Gedankenexperiment, sich den Käufer eines Kunstwerks in einem Gespräch in 100 Jahren vorzustellen, wie er in einer Zukunftsversion der Kunst-und-Krempel-Fernsehsendung das betreffende Werk schätzen lässt, nimmt er dem Kunstrezipienten die Verkrampftheit im Umgang mit Kunst und allem, was als solche bezeichnet wird. Wer wider Erwarten am Ende der Lektüre dennoch von der Kunstwelt überfordert, verunsichert oder unschlüssig beim Kunstkauf sein sollte, für den hält Perry einen genial einfachen „Kunstqualitätsmaßstab“  samt Anleitung („Karte neben Kunstwerk halten, feststellen, an welchem Ort es am passendsten wirken würde, dann Wert ablesen“) bereit, wobei eine Farbskala den geigneten Ort (beispielweise Provinzkunstfestival, Garagenflohmarkt, Eingangshalle eines Oligarchen oder Mutters Gästezimmer) auswählen hilft. Gleichzeitig spricht Perry mit seinen humorvoll-ironischen Anspielungen und Erläuterungen (wobei die begleitenden Comics eine Klasse für sich sind) aber auch alle Künstler als diejenigen, die „in ihren Ateliers vor sich hin klecksen und meißeln“ und ihre Fähigkeit zur Selbtreflexion an.

Sehr vielsagend und erhellend empfinde ich Perrys Begründung zur Titelwahl der englischen Buchausgabe (Playing to the Gallery), die „für die Galerie spielen“ und nicht „einer akademischen Elite in den Hintern kriechen“ meint. Sehr gekonnt spielt auch Perry in seinem -sowohl für Künstler als auch für Kunstbetrachter- unglaublich interessanten wie amüsanten So-geht-Kunst-Buch mit Worten, Einsichten und Bildern, dass dessen Lektüre eine wahre Freude ist.

Wo die Geschichten wohnen

Text: Oliver Jeffers

Illustration: Sam Winston

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Jakobeit

Verlag: mixtvision, 2017

 

Wer das dunkelrote Buchcover mit dem darauf abgebildeten leuchtend roten Buch, auf welchem eine ins Ferne blickende blaue Mädchengestalt sitzt, zum ersten Mal sieht, beginnt beinahe automatisch zu dem goldenen Schloss zu greifen. So plastisch ist der Eindruck, dass man sich zu vergewissern versucht, ob es nicht vielleicht doch ein reales Schloss, in das man einen realen Schlüssel stecken kann, ist. Und schon bewegen sich die Überlegungen des Betrachters zum Gehalt dessen, was man mit der Symbolik eines Schlosses in besonderer Weise wertschätzen wollte: die in den Büchern wohnenden Geschichten, welche wir uns einerseits „erschließen“ können und die uns andererseits als Schlüssel selbst die Tore zur Welt öffnen, die uns  Freude oder Trost geben, Mut machen und in den Schlaf begleiten – die Geschichten, die uns wachsen lassen und ein Leben lang prägen.

Wie wunderbar, wenn schon ein Buchcover derart zum Philosophieren einladen kann! Hervorragend sind ebenso die Vorsatzseiten gestaltet: sie bestehen aus in scheinbar endloser Folge und in sehr kleiner Schrift abgedruckten Titeln von Geschichten, die uns allen bekannt sind wie der Zauberer von Oz, die Schatzinsel, die drei Musketiere, Robinson Crusoe, Schneeweißchen und Rosenrot oder Rapunzel und zahlreiche mehr sowie der Nennung der jeweiligen Verfasser.

Die Widmungen mit den ihnen zugeordneten erhellenden oder berührenden Zitaten (diese natürlich aus Büchern!) öffnen gleichsam neue Welten. Die dazu korrespondierende fotorealistische Darstellung eines geöffneten Tintenfasses, einer Schreibfeder und eines vergilbten noch unbeschriebenen Papierbogens weckt vielfältige weitere Assoziationen.

Und dann, wie wunderschön federleicht gezeichnet und beschrieben, die Vorstellung des nun auf einem Floß sitzenden und lesenden kleinen Buchmädchens: „Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten.“ Ihre ins Wasser reichenden Beine umspielt eine Gischt aus Buchstaben, die sich erst zu einem Geschichtenanfang formt, um sich dann ins Unendliche und Unleserliche zu verlieren: „Es war einmal ein Kind, das Bücher liebte …“ Und dann, die nächste Doppelseite, bei der wir angesichts des wogenden Meeres aus Buchstaben und Textpassagen, auf denen das Mädchen auf ihrem fragilen Floß segelt, beinahe den Atem anhalten vor Erstaunen. Worte werden in der Folge zu Wegen, türmen sich zu Buchstabengebirgen auf, auf welche das Mädchen mit ihrem Begleiter, einem kleinen Jungen, klettert, sie formen sich zu Höhlen, Zauberwäldern aus Büchern, werden mal zu Ungeheuern in verwunschenen Schlössern, mal zu Traumwolken und schließlich zur ganzen Welt – derjenigen, die aus Geschichten gebaut ist, in der jeder willkommen ist, weil Phantasie frei ist.

Eine derart schöne, poetische, berührende und künstlerisch hervorragend gestaltete Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Geschichten – wahrhaft ein Schatz für Kinder wie Erwachsene-  ist mir bisher noch nicht begegnet.

 

 

Das Eichhörnchenjahr

Text und Illustration: Eva Sixt

Verlag: atlantis, 2017

 

Erstaunlich, dass es weltweit fast 300 verschiedene Arten von Hörnchen, die zum Beispiel Riesen-, Baum-  Gleit-, Erd- oder Streifenhörnchen heißen, gibt! Unter den Hörnchen, zu denen auch die Murmeltiere gehören, sind uns die possierlichen Eichhörnchen wohl am bekanntesten. Zwei ihrer Vertreter -ein rotes und ein schwarzes Exemplar- begegnen uns mit keckem Blick auf dem Titelbild dieses lehrreichen, insbesondere den Eichhörnchen gewidmeten Bildersachbuches, das uns das Leben dieser interessanten Tierchen beschreibt, erklärt und näherbringt. Geschrieben und sehr ambitioniert bebildert hat es Eva Sixt, die Biologin und Illustratorin ist und selbst einmal ein junges Eichhörnchen, welches bei einem Sturm aus seinem Kobel gefallen war, großgezogen, langjährig betreut und dabei ausgiebig beobachtet und gezeichnet hat.

Wie Eichhörnchen ein ganzes Jahr verbringen, wie sie sorgfältig ihr Nest bauen, ihre Jungen aufziehen, wie diese das Klettern und Springen lernen, wie sie sich orientieren und wovon sie sich ernähren, wer ihre Feinde sind und was wir für die Eichhörnchen tun können, wird in realitätsnahen, detailreichen Illustrationen und interessanten Beobachtungen anschaulich und kindgerecht beschrieben.

Thomas & Mary

Autor: Tim Parks

Verlag: Kunstmann, 2017

 

Die Symbolik des am Strand verlorenen Eheringes zerstreut bereits zu Beginn alle Illusionen: die Ehe von Thomas und Mary ist schon lange bevor es beide zu realisieren beginnen, in Auflösung begriffen, war vielleicht von Anfang an eine Farce.

Thomas und Mary, Eltern zweier erwachsenwerdender Kinder, haben sich eingerichtet in der Belanglosigkeit und leiden doch darunter, spüren den beginnenden Auflösungsprozess und die unvermeidlichen Konsequenzen.

Mit der Präzision eines Seziermessers setzt Tim Parks überall dort an, wo dieser Auflösungsprozess markiert wird – sei es während der beinahe voyeristisch anmutenden Szenen, die den Leser die Sex-Vermeidungsstrategien der Beiden miterleben lassen, das Ausweichen vor konstruktiver Kommunikation, das beiderseitige Ersticken im Alltags-Einerlei, das notorische Fremdgehen, die ungestillte Sehnsucht nach Veränderung.

Es sind  aufflackernde Erinnerungsfetzen,  -meistens jene von Thomas, aber auch des Sohnes, der Eltern oder von Freunden, nur Marys Empfindungen bleiben dabei sonderbar blass- brilliant und doch unsentimental, ja nüchtern erzählt, die sich aus Vergangenem und Gegenwärtigem speisen, die keiner geradlinigen Chronologie folgen, sondern die zentrale Problematik aus unterschiedlichen Entfernungen und Perspektiven umkreisen und so zum Puzzle einer schmerzlichen Chronik aus Szenarien einer unglücklichen Ehe werden.

Zuweilen mag man das Buch erschöpft weglegen, weil die Schmerzlichkeit des Verlustes nur schwer erträglich ist. Und doch besitzt es eine Anziehung, die es schafft, sich der Lektüre immer wieder zuzuwenden – und das letztlich mit Gewinn.

Tokkis Reise

Text: Till Penzek

Illustration: Julia Neuhaus

Verlag: Tulipan, 2017

 

Ein kleiner niedlicher Außerirdischer namens Tokki –  grüne Hautfarbe, lange Rüsselnase und auf dem Kopf ein rötliches antennenartiges Gebilde  – lebt auf einem fernen Planeten und spielt dort am liebsten Space-Ball oder erkundet mit seinem Raumschiff die Umgebung. Manchmal muss er kleine Besorgungen für seine Mutter erledigen wie Milch holen von den Mondkühen oder Pflücken von Andromeda-Äpfeln.

Unterwegs hat Tokkis Raumschiff eine Panne, der Schwupskompensator ist kaputt. Auf dem Planeten Erde muss Tokki notlanden und fragt dort im Haus eines Erfinders um Rat. Rein zufällig hat der Erfinder gerade einen Schwupskompensator – was auch immer das ist – entwickelt und würde ihn für einen selbstgebackenen Kuchen aus den Andromedaäpfeln hergeben. Weil Tokki nicht backen kann, fragt er einen Bäcker, der aber keine Milch mehr hat. Nun fragt Tokki eine Kuh, die, bevor sie ihre Milch hergibt, gerne frisches Gras hätte. Der Bauer, welcher frisches Gras auf seiner Wiese hat, braucht dringend Öl für den eingerosteten Rasenmäher. Auch beim Mechaniker, den Tokki nun nun um Öl bittet, gibts nichts umsonst – ein frisches Ei für den Mechanikerhunger muss her. Selbst die Hühner sind geschäftstüchtig und verlangen Körner für das Ei. Da findet Tokki einen Kakadu im Käfig, der reichlich Körner im Napf hat und sich nach Freiheit sehnt …

Eine klassische Tauschgeschichte, wie Kinder sie mögen, wird hier spannend erzählt und liebevoll illustriert.

Deren Vorstellung in unseren Kindermalgruppen hat große Freude und Lust zum Malen galaktisch schöner Tokki-Bilder ausgelöst.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Die tollkühnen Schafe in ihrer fliegenden Kiste

Text: Peter Bentley

Illustration: David Roberts

Übersetzung aus dem Englischen: Salah Naoura

Verlag: Knesebeck, 2017

 

Man sollte sich die Freude nicht entgehen lassen, diese mit feinem Humor und lustigen Illustrationen bestückte, rasant und spannend erzählte Bilderbuchgeschichte in Reimen wirklich VORZULESEN!

Am Ort des Geschehens, einer Schafweide inmitten von grasgrünen Hügeln, geht es zunächst ruhig und beschaulich zu. Eine Gruppe von 8 Schafen -jedes von ihnen ein Charakterkopf vom stattlichen Widder bis zum obligatorischen schwarzen Schaf, dem Kleinsten- tut in Seelenruhe das, was sie wahrscheinlich tagtäglich und am liebsten tut: Grasen.

Ein unerwarteter Höllenlärm, verursacht von einem brummenden, fliegenden und wohl nie zuvor gesehenen Etwas, unterbricht die friedliche Idylle und lässt die Schafe namens Lamm-Bert, Olga, Morten, Mabs, Bart, Ben und Babs und den alten Herrn Rammbock zuerst verdutzt aufblicken und dann neugierig dessen Ursache auf den Grund gehen: Ein Wettflug mit allerlei Gästen, Brimborium und Blaskapellenmusik findet auf der Nachbarwiese statt! Erstaunt verfolgen die Schafe das Geschehen und bald entdecken sie etwas abseits des Spektakels ein unbewachtes gelbes Flugzeug. Das wäre doch mal was, einfach so davonzufliegen …

Gedacht, getan, … zumindest ein Probesitzen muss dann schon sein. Doch in der Enge drückt eines der Schafe versehentlich auf den Startknopf. „Alarm! rief ein Herr. Eine Bande Betrüger in weißen Pullovern entführt meinen Flieger!“ – und schon geht sie los, die unverhoffte Weltreise! Alsbald wird in der atemberaubenden Geschwindigkeit eines Actionfilms  zuerst wild in Frankreich getanzt, dann in Spanien ein Stierkampf verfolgt, bevor man in Gizeh beim Picknicken von hungrigen Mumien gestört wird, in Tibet Schneegras kostet, welches sich als Haarpracht eines Yetis entpuppt, in Indien beinahe im Kochtopf landet und in Florida eine Schiffspartie auf einem Krokodilrücken erlebt.

Nach all diesen spannenden und aufregenden Abenteuern vermissen die Schafe dann aber doch irgendwann die sonst gewohnte Beschaulichkeit, das Rumstehen auf der Weide, das Kauen und die Stille. So kehren sie glücklich zurück auf ihre Weide und grasen weiter, als wäre nichts geschehen.

Als ich diese schräge Bilderbuchgeschichte, in die ich mich sofort verliebte, erstmals in einer meiner Kindermalgruppen mit entsprechender Begeisterung und Emphase vortrug, sich meine jungen Zuhörer sogleich vor Lachen kringelten und anschließend ebenso lustige Schafe in Fliegern malten, bestätigte mir dies einmal wieder meine Vermutung über das vielfältig inspirierende Potential, das guten Geschichten  innewohnt.

Hanna Nebe-Rector, malkastl.de

 

Wir haben einen Hut

Text und Illustration: Jon Klassen

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bilderbuchliebhaber werden bereits die beiden preisgekrönten Bücher „Wo ist mein Hut“ und „Das ist nicht mein Hut“ von Jon Klassen kennen. Nun gesellt sich ein drittes mit der Hut-Thematik – „Wir haben einen Hut“ – dazu.

Zwei Schildkröten, in der Wüste unterwegs, finden einen weißen Hut. Abwechselnd probieren sie aus, wie gut dieser ihnen steht, stellen jedoch zugleich fest, dass es nicht gerecht wäre, wenn nur eine von ihnen diesen Hut trüge und die andere unbehütet bliebe. Schweren Herzens trennen sie sich von dem Fundstück, ziehen weiter und beschliessen, nicht mehr daran zu denken. Wenn das so einfach wäre …

Jon Klassen ist ein Meister der Reduktion. Farblich beschränkt er sich in diesem Buch überwiegend auf Braun- und Grau-Töne, aus denen der besagte weiße Hut und das im begehrlichen Blick nach dem ersehnten Objekt aufblitzende Augenweiß der Schildkröten sowie das leuchtende Apricot der untergehenden Sonne umso kontrastreicher und damit deutlicher hervortreten. Bei der darstellerischen Umgebungsbeschreibung beschränkt sich Klassen auf wenige Details wie Steine, Pflanzenhalme, Kakteen und zahllose im Dunkel der Nacht weißleuchtende Sternenpunkte. Auch der begleitende Text ist sehr reduziert und  mit Bedacht gewählt. Teilweise ist einzelnen kurzen Sätzen eine ganze Buchseite vorbehalten, was diesen entsprechendes Gewicht verleiht und sehr elegant erscheint. Gleichzeitig überraschend und überzeugend ist die Entscheidung, den sparsamen Text nochmals  durch drei Kapitelüberschriften (Den Hut finden –  Den Sonnenuntergang betrachten –  Schlafen gehen) inhaltlich zu ordnen und abzugrenzen.

Nichts Aufregendes oder Bedeutendes passiert hier – lediglich das Dilemma, zwei Köpfe, doch nur einen Hut zu haben und die sich daraus ergebenden realen und emotionalen Konsequenzen werden zum gedankenanstossenden Bilderbuchthema, über welches sich bestens miteinander philosophieren lässt.

Dass Begehrlichkeiten sich mit Rücksicht auf den Anderen nicht immer erfüllen, aber immerhin erträumen lassen, erschliesst sich in der wunderbaren Symbolik des in den  sternenfunkelnden Nachthimmel fliegenden doppelt behüteten Schildkrötenpaares.

 

 

Metropolen

Text & Illustration: Benoit Tardif

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bevor wir Bilder malen, reisen wir in die Welt unserer inneren Bilder. Innere Bilder speisen sich aus äußeren Bildern – Bildern von Erlebnissen wie Reisen …

Mit dem Bilderbuch „Metropolen“ können wir uns auf 32 Bildtafeln auf eine bunte Bilderbuch-Weltreise begeben. Metropolen wie London, Paris, New York, Tokio oder Sydney und viele weitere werden überblicksartig auf je einer Doppelseite mit den bekanntesten Sehenswürdigkeiten und Eigenheiten in kräftig bunten Farben und Zeichnungen, die ein wenig an Piktogramme erinnern, charakterisiert. Knappgehaltene Textinformationen weisen auf Besonderheiten hin. So ist zu erfahren, dass es in London häufig regnet, dass der Eiffelturm 324 Meter misst, dass die Amsterdamer Fahrad-Fans sind, dass es überall in Berlin bemalte Bären, in Zürich einen aus Containern gebauten Turm oder in Barcelona eine Eidechsenstatue gibt. Auf den Vorsatzseiten geben farbige Weltkarten einen  Überblick über die geografische Lage der Städte und Länder.

Ein grafisch sehr schön gestaltetes Nachschlagewerk, welches sich zum großen Teil über die Bilder erschließt, das große Lust aufs Welt-Entdecken macht und zugleich eine wunderbare Inspirationsquelle zum Träumen oder Malen ist.