Wo die Geschichten wohnen

Text: Oliver Jeffers

Illustration: Sam Winston

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Jakobeit

Verlag: mixtvision, 2017

 

Wer das dunkelrote Buchcover mit dem darauf abgebildeten leuchtend roten Buch, auf welchem eine ins Ferne blickende blaue Mädchengestalt sitzt, zum ersten Mal sieht, beginnt beinahe automatisch zu dem goldenen Schloss zu greifen. So plastisch ist der Eindruck, dass man sich zu vergewissern versucht, ob es nicht vielleicht doch ein reales Schloss, in das man einen realen Schlüssel stecken kann, ist. Und schon bewegen sich die Überlegungen des Betrachters zum Gehalt dessen, was man mit der Symbolik eines Schlosses in besonderer Weise wertschätzen wollte: die in den Büchern wohnenden Geschichten, welche wir uns einerseits „erschließen“ können und die uns andererseits als Schlüssel selbst die Tore zur Welt öffnen, die uns  Freude oder Trost geben, Mut machen und in den Schlaf begleiten – die Geschichten, die uns wachsen lassen und ein Leben lang prägen.

Wie wunderbar, wenn schon ein Buchcover derart zum Philosophieren einladen kann! Hervorragend sind ebenso die Vorsatzseiten gestaltet: sie bestehen aus in scheinbar endloser Folge und in sehr kleiner Schrift abgedruckten Titeln von Geschichten, die uns allen bekannt sind wie der Zauberer von Oz, die Schatzinsel, die drei Musketiere, Robinson Crusoe, Schneeweißchen und Rosenrot oder Rapunzel und zahlreiche mehr sowie der Nennung der jeweiligen Verfasser.

Die Widmungen mit den ihnen zugeordneten erhellenden oder berührenden Zitaten (diese natürlich aus Büchern!) öffnen gleichsam neue Welten. Die dazu korrespondierende fotorealistische Darstellung eines geöffneten Tintenfasses, einer Schreibfeder und eines vergilbten noch unbeschriebenen Papierbogens weckt vielfältige weitere Assoziationen.

Und dann, wie wunderschön federleicht gezeichnet und beschrieben, die Vorstellung des nun auf einem Floß sitzenden und lesenden kleinen Buchmädchens: „Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten.“ Ihre ins Wasser reichenden Beine umspielt eine Gischt aus Buchstaben, die sich erst zu einem Geschichtenanfang formt, um sich dann ins Unendliche und Unleserliche zu verlieren: „Es war einmal ein Kind, das Bücher liebte …“ Und dann, die nächste Doppelseite, bei der wir angesichts des wogenden Meeres aus Buchstaben und Textpassagen, auf denen das Mädchen auf ihrem fragilen Floß segelt, beinahe den Atem anhalten vor Erstaunen. Worte werden in der Folge zu Wegen, türmen sich zu Buchstabengebirgen auf, auf welche das Mädchen mit ihrem Begleiter, einem kleinen Jungen, klettert, sie formen sich zu Höhlen, Zauberwäldern aus Büchern, werden mal zu Ungeheuern in verwunschenen Schlössern, mal zu Traumwolken und schließlich zur ganzen Welt – derjenigen, die aus Geschichten gebaut ist, in der jeder willkommen ist, weil Phantasie frei ist.

Eine derart schöne, poetische, berührende und künstlerisch hervorragend gestaltete Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Geschichten – wahrhaft ein Schatz für Kinder wie Erwachsene-  ist mir bisher noch nicht begegnet.

 

 

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s