Archiv für den Monat Mai 2017

Matisse und sein Garten

Text: Samantha Friedman

Illustration: Cristina Amodeo

-mit acht abgebildeten Original-Scherenschnitten von Henri Matisse-

Titel der Originalausgabe: Matisse´s Garden, Museum of Modern Art, New York, 2014

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Kati Hertzsch

Verlag: Diogenes Verlag Zürich, 2017

 

Samantha Friedman, Assistenzkuratorin im MOMA in New York, hat eine Bilderbuchgeschichte über Henri Matisse geschrieben, die Kindern dessen beeindruckendes Arbeiten mit Scherenschnitten in seinen späteren Lebensjahren nahebringt.

Die Mailänder Illustratorin Cristina Amodeo schuf zur Illustration dieser Geschichte wunderbare Scherenschnitt-Collagen, welche ganz im Stil von Matisse zeigen, wie sich seine Begeisterung für Scherenschnitte entwickelte. Einige der Buchseiten, in die auch acht wunderschöne Original-Scherenschnitte von Matisse (u.a. „Der Papagei und die Meerjungfrau oder „Die Bienen“) integriert wurden, sind zu größeren Formaten ausklappbar und erlangen dadurch zusätzlich eine besondere Ausdruckskraft.

In satten Farben fällt bereits das Hardcover-Titelbild ins Auge, welches mit einem identisch gestalteten Schutzumschlag versehen wurde, was in buchgestalterischer Hinsicht immer etwas gediegen wirkt und dem Buch zusätzlich Exklusivität verleiht. Hinter überdimensional großen Blüten und Blättern -alle aus buntem Papier geschnitten- schaut ein älterer Herr mit Bart und Brille hervor – Henri Matisse.

Durch eine schwere Erkrankung ans Bett gefesselt, beginnt der Künstler mit der Schere zu „malen“. Über einen Fleck an der Wand lässt Matisse einen weißen Vogel kleben, welchen er zuvor aus Papier geschnitten hatte und diesen nicht wegwerfen wollte. Bald gesellen sich zu dem Vogel viele weitere aus Papier geschnittene Formen, die Vögel und Pflanzen darstellen. Matisse probiert verschiedene Variationen aus – weiße Formen auf farbien Untergründen, farbige Formen auf weißen Untergründen oder Kombinationen verschiedener Farben miteinander, wobei sich die Beziehungen zwischen den einzelnen Farben in besonderer Weise offenbaren.

So wie Matisse um sich herum einen Garten schafft, in dem er mit den Augen spazierengehen kann und der ihn glücklich macht, so ist auch dieses wunderschöne Bilderbuch ein Kunstwerk für sich und ein glücklichmachender Augen-Spaziergang durch die Welt der Formen und Farben.

Hanna Nebe-Rector :: MALKASTL.de

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Kleiner Dreckspatz Aurelia

Titel: Kleiner Dreckspatz Aurelia – Wasch dich doch mal!

Text: Dorothea Flechsig

Illustration: Suse Bauer

Verlag: Glückschuh Verlag, 2017

 

Genüsslich lehnen auf der einen Seite ein rothaariges Mädchen in ebenso roten Gummistiefeln und auf der anderen Seite ein Braunbär an Baumstämmen; am Fuß des einen Stammes hockt ein kleiner Hase und scheint den Betrachter des Titelbildes direkt anzuschauen.

Dass die Autorin in Bezug auf Tiere und Natur sowohl Liebe als auch Sachkenntnis in ihre Geschichten für Kinder einfließen lässt, zeigte sich bereits in ihren bisherigen Veröffentlichungen, die zum Beispiel vom Küken Pünktchen oder der Naturforscherin Petronella Glückschuh erzählen und ist in diesem Bilderbuch, welches sich diesmal an die kleineren Bilderbuchleser – insbesondere unter ihnen die kleinen Dreckspatzen-  richtet, nun ein amüsanter wie lehrreicher Nebeneffekt.

Es geht um einen kleinen Dreckspatz namens Aurelia, das rothaarige Mädchen, für das die persönliche Sauberkeit gänzlich unwichtig zu sein scheint, denn sie mag weder Waschen, noch Duschen oder Baden. Viel lieber spielt Aurelia mit Steinen, Rinde, Schlamm und Wasser und erlebt dabei spannende Abenteuer. Aurelias Papa aber rümpft die Nase und erwähnt, dass sich selbst der größte Dreckspatz irgendwann mal saubermacht. Und schon will die wissbegierige Aurelia genauer wissen, wie das denn ein Spatz eigentlich macht. Oder ein Elefant, eine Katze, eine Schlange, ein Bär oder ein Eichelhäher … Papa erklärt alles geduldig und wartet dabei mit überraschender Sachkenntnis auf. Sogleich probiert das aufgeweckte und abenteuerlustige Mädchen alles aus, badet wie der Spatz im Staub, wäscht sich voller Hingabe wie ein Elefant im Schlamm, wie eine Katze mit Spucke, reibt sich wie ein Bär an Bäumen oder wie eine Schlange an Steinen und schließlich wie ein Eichelhäher in Ameisenpipi. Als sich die Folgen der Ameisenausscheidungen juckend bemerkbar machen, verlangt Aurelia plötzlich freiwillig nach einem Wannenbad, in dessen Folge sie blitzsauber und frisch gekämmt im Bett liegend von neuen wilden Abenteuern träumt.

Dorothea Flechsig erzählt in kindgerechter Sprache, mit liebevollem Augenzwinkern und begleitet von farbenfrohen Illustrationen von Suse Bauer (deren Bildideen auf dem Vorsatzpapier, welches Aurelia in verschiedenen kecken oder eher nachdenklichen Posen zeigt, mir dabei am besten gefallen) eine nette kleine Geschichte für alle kleinen Dreckspatzen, die nebenbei gleich noch interessante Eigenheiten von Tieren kennenlernen.

Die inhaltliche Aussage, dass nicht immer nur die Jungen die sogenannten Dreckspatzen sind und die Mädchen nicht ausschließlich Prinzessin spielen und Rosa tragen, ist realistisch und sympathisch und trägt dazu bei, dass sich vorurteilsbesetzte Rollenklischees nicht unnötigerweise über Buchgeschichten verfestigen.

Hans im Glück

Titel: Hans im Glück und andere Märchen der Brüder Grimm

Text und Illustration: Felix Hoffmann

Verlag: NordSüd, 2017

 

Sieben Märchen der Brüder Grimm – Rapunzel, Der Wolf und die sieben Geisslein, Dornröschen, Die sieben Raben, König Drosselbart, Der Däumling und Hans im Glück – versammeln sich in diesem wunderschön illustrierten Märchenbuch.

Das Besondere daran sind die ausdrucksstarken Illustrationen Hoffmanns aus den Jahren 1949 bis 1975, die von Wärme und Menschlichkeit geprägt sind und so in einem interessanten Kontrast zu den für Märchen charakteristischen, mitunter derb-drastischen inhaltlichen Entwicklungen stehen.

Meisterhaft drücken Hoffmanns Illustrationen starke Gefühle aus – wie im sehnsuchtsvollen Blick von Rapunzels Mutter, in der sich in Rapunzels Augen spiegelnden Melancholie beim Schweifen ihres Blickes vom Turm über die weite, für sie unerreichbare Landschaft, in der mütterlichen Besorgtheit der Geiß beim Verabschieden ihrer Kinder, in der Beflissenheit des Krämers beim Bedienen des Wolfes, in der Liebe, die aus der zärtlichen Umarmung des Königsvaters mit seinem Kind Dornröschen spricht, in der sich in Blick und Haltung ausdückenden  Verzweiflung  der korbflechtenden Frau im Märchen vom König Drosselbart, in der zaghaften Freude der Eltern über das winzige Däumlinskind, in der naiv-beschwingten Sorglosigkeit von Hans im Glück … Jedes dieser Bilder ist ein meisterhaft gezeichnetes Kunstwerk für sich.

Wunderbar stimmungsvolle Landschaften wie in der Geschichte von den sieben Raben, spannungsreiche Bildkompositionen, zahlreiche Details und  schöne Gestaltungselemente  beim Übergang von einem Märchen zum folgenden überraschen den Betrachter immer wieder aufs Neue und machen dieses schöne Märchenbilderbuch zu einem Gesamtkunstwerk.

 

John F. Kennedy – Zeit zu handeln

Text: Shana Corey

Illustration: R.Gregory Christie

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Elisa Martins

NordSüd Verlag, 2017

 

Am 29.Mai 2017 wird anlässlich des 100.Geburtstags von John F.Kennedy, dem 35.Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gedacht, dessen besonderes Charisma, untrennbar verbunden mit seinen Bemühungen und Verdiensten um die Bürgerrechte, wieder verstärkt in unser aller Blickfeld rücken. So wie uns heute die aktuelle amerikanische Präsidentschaft aus vielerlei Gründen nicht unberührt lässt, war auch Kennedy in einer der bewegtesten Zeiten der Weltgeschichte amtierender Präsident. Diese Zeiten und deren Umstände auch für das kindliche Verständnis in einem Bilderbuch wieder aufleben zu lassen und erklärbar zu machen, ist an sich schon anerkennens- und begrüßenswert; kann ein solches Buch doch verstärkt Anlass dazu geben, miteinander über Fragen von Rassismus, Ausgrenzung und Menschenrechten ins Gespräch zu kommen.

Im farbig illustrierten Buch begleiten wir John F.Kennedy, der bereits als Kind gern Geschichtsbücher las, und im Buch nur kurz John genannt wird, womit wir ihm gewissermaßen auf Augenhöhe begegnen, als einen Menschen, der Geschichte schrieb. Dass diese die Weltgeschichte bewegenden Personen auch ganz normale Menschen wie du und ich sein können, streicht der  durchweg interessant und verständlich geschriebene Text in besonderer Weise heraus.

Wir erleben hier John F.Kennedy als einen Menschen, der sich schon frühzeitig für seine Mitmenschen interessierte und einsetzte – anfänglich am Beispiel der bemerkenswerten Rettung von Schiffbrüchigen unter Einsatz des eigenen Lebens oder als aufstrebender junger Senator, der nebenbei ein vielbeachtetes Buch über Zivilcourage schrieb und sich schließlich 1960 -in den schwierigen Zeiten des Kampfes der schwarzen amerikanischen Bevölkerung um die Bürgerrechte- um das Amt des Präsidenten bewarb, welches er mit nur 42 Jahren dann auch antrat. Im Sinne Abraham Lincolns versprach Kennedy, sich für die Rechte aller Bürger, also auch der schwarzen Bevölkerung, einsetzen zu wollen. Engagiert bemühte er sich gegen die Inhaftierung des Bürgerrechtlers Martin Luther King. Kennedys Antrittsrede, die inhaltlich die Bürgerrechte hochhob, wurde legendär: „Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, heißt es darin und ist heute nicht minder aktuell.

Wir erfahren weiter, wie intensiv Kennedy an friedlichen Beziehungen zur damaligen Sowjetunion arbeitete, von seiner berühmten „Ich bin ein Berliner“-Rede, aber auch davon, dass er hin und wieder zauderte, wenn es um die Einhaltung seiner Versprechen um die Bürgerrechte ging. Erst ein Jahr nach seinem tragischen Tod -seiner Ermordung im Jahr 1963- wurden die geforderten Rechte schließlich in einem Bürgerrechtsgesetz festgeschrieben, aber auch noch heute, wie wir wissen, nicht vollumfänglich eingehalten.

Dass Geschichte nicht nur aus Worten besteht, sondern wir selbst sie Tag für Tag verändern und damit selbst Geschichtsschreiber werden können, unsere Stimme erheben und für unsere Werte einstehen sollten, ist eine klare und deutliche Botschaft am Buchende, die auch schon Kinder verstehen und verinnerlichen können.

Inhaltlich hat mich, nicht zuletzt auch wegen der für Kinder sehr gut verständlichen Sprache, das Buch sehr beeindruckt, die Illustrationen hingegen überzeugen mich nur bedingt, erzeugen sie doch durch eine zuweilen allzu aufgesetzt wirkende Plakativität und zum Teil wenig nachvollziehbare Proportionalitätsverschiebungen bei mir eine merkwürdige Ambivalenz. Andererseits bestechen einige der Abbildungen gerade durch eine besonders starke Ausdruckskraft und interessante Dynamik und Farbigkeit. Meinen Kindern -und damit der Zielgruppe- haben die Illustrationen jedoch durchweg gut gefallen.

Hanna Nebe-Rector, http://www.malkastl.de

 

Der fabelhafte Schirm

Text: Jackie Azua Kramer

Illustration: Maral Sassouni

NordSüd Verlag, 2017

 

Regenwetter! Wie gut, da einen Schirm zu haben. Dass ein Schirm noch viel mehr kann, als dessen Träger vor dem Regen zu schützen, davon erzählt das Bilderbuchdebüt von Jackie Azua Kramer, die als Schauspielerin, Sängerin und Beratungslehrerin arbeitete, bevor sie sich vom Umgang mit Kindern inspiriert dem Schreiben zuwandte und nach deren Aussage sich ihre besten Ideen in der Badewanne einstellen.

Die phantasievollen und ideenreichen Illustrationen zur regennassen Bilderbuchgeschichte stammen von Maral Sassouni, die in ihren Arbeiten eine Mischtechnik aus Elementen in Acryl- und Ölfarbe sowie Papiercollagen verwendet.

Ein rosa Elefant, mit seinem Rüssel einen grünen Schirm haltend, schwebt auf dem Titelbild mit verklärtem Blick beinahe traumwandlerisch vor der bläulichen Silhouette einer verregneten Stadt. Was mag das  für ein fabelhafter Schirm sein, der ihn offenbar so glücklich macht?

An einem regengrauen Tag geht der rosa Elefant spazieren mit seinem grünen Schirm. Unterwegs begegnet er verschiedenen Tieren – Igel, Katze, Bär und Hase. Der Regenschirm bietet immer wieder Gesprächsstoff, denn für jedes der Tiere hat der Schirm eine andere Bedeutung, weckt Erinnerungen und Sehnsüchte. So ist der Schirm mal Boot, mal Zelt, Flugmaschine, Schwert oder Gehstock und die Tiere behaupten, ihn als ihr Eigentum wiederzuerkennen, zu dem ihnen sogleich die phantastischsten Erlebnisse  einfallen. Geduldig klärt der rosa Elefant die Tiere über ihren Irrtum auf, bietet aber sehr freundlich das Teilen des Schirms zum Regenschutz und bald darauf als Sonnenschirm, unter dem man gemütlich picknicken, Tee trinken und sich dabei abenteuerliche Geschichten vom gemeinsamen Segeln, Zelten, Fliegen oder Klettern erzählen kann, an.

Damit lädt die liebenswerte und herzerwärmende Bilderbuchgeschichte auch ihre kleinen und großen Leser und Betrachter zum gemeinsamen Träumen und Geschichtenerzählen ein – bei jedem Wetter!