Archiv für den Monat Juni 2017

Die Rückkehr

Illustration: Aaron Becker

Verlag: Gerstenberg, 2017

http://www.gerstenberg-verlag.de

 

„Die Rückkehr“ ist der dritte Teil einer märchenhaften, ganz ohne Worte auskommenden Bilderbuch-Trilogie.

Im ersten Teil („Die Reise“) wünscht sich ein kleines Mädchen aus einem grauen Alltag, in dem die Eltern viel zu beschäftigt sind, als das Kind mit wirklich wahrzunehmen, hinein in eine zauberhafte Phantasiewelt, welche es sich mit einem roten Stift zu erschaffen beginnt; eine Traumwelt, in der es mutig ist und Abenteuerliches erlebt. Gemeinsam mit einem Freund, der mit einem violetten Stift die roten Zeichnungen des Mädchens ergänzt, setzt sich das phantastische Abenteuer im zweiten Band („Die Suche“) fort, in dem es ihnen gelingt, den König des Zauberreiches zu retten. Von derart magischen Bildern, in denen man staunend versinkt, kann man gar nicht genug bekommen – und so ist auch der dritte Teil wieder ein Fest der Träume.

Nun findet auch der Vater des Mädchens, welches ihm eine Spur aus roten Zeichen legt, Zugang in ihre Zauberwelt, in der sie diesmal gemeinsame Abenteuer bestehen und in der der Vater mit einem schwarzen Stift seinen zeichnerischen Anteil beisteuert. Denn nur gemeinsam können sie die phantastische Welt retten!

Die wunderschönen Bilder der Trilogie vermögen Große und Kleine zugleich zu verzaubern und zu berühren und können auch bei wiederholtem Betrachten eine beständige Quelle neuer Entdeckungen und Einsichten sein.

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Greta, Lotti & Bauer Hansen

Text & Bilder: Carsten Eichler

Verlag: Knesebeck, 2017

http://www.knesebeck-verlag.de

 

Greta und Lotti, die Kühe von Bauer Hansen, sind keine gewöhnlichen Kühe. Frühmorgens beginnen sie den Weidetag mit einer Gymnastikstunde. Im Gegensatz zu seinen sportlichen und auch sonst überdurchschnittlich begabten Kühen ist dem Bauer Hansen die Energie etwas abhanden gekommen. Den Grund dafür gesteht der Bauer seinen Kühen beim gemeinsamen Morgentee und Kartenspiel auf der Dachterasse: Er, der von der Küste stammt, sehne sich nach dem Meer, wohin er wegen der vielen Arbeit auf dem Bauernhof, gar nicht mehr komme. Im Tüftlerschuppen der  erfinderisch und handwerklich begabten schwesterlichen Kühe werden alsbald geheime Pläne geschmiedet und in die Tat umgesetzt – es wird eine Woche lang gesägt, gehämmert und geschraubt, was das Zeug hält, bis schließlich ein fertiges Flugzeug einsatzbereit auf dem Bauernhof steht. Beladen mit Liegestühlen, Rucksäcken, Proviant sowie den drei Passagieren hebt das Fluggerät mit Raketenantrieb Richtung Meer ab, wo man gemeinsam einen ganzen Tag lang Sandburgen baut, picknickt, Drachen steigen sowie die Seele baumeln lässt – bevor es beglückt und voller neuer Energie zum heimischen Bauernhof zurückgeht.

Vor allem besticht die ungewöhnliche, turbulente und amüsante Bilderbuchgeschichte durch die Gestaltung der Szenerien mit aufwändigen Arrangements und Figuren aus Knete, Silikon und Draht im Stil der britischen Aardman-Studio-Helden Wallace & Groomit. Mit sichtbarer Liebe zum Detail und Einfallsreichtum werden die Protagonisten um in  mühevoller Kleinarbeit gebastelte Häuser, Landschaften, Mobiliar und Werkzeuge gruppiert. Einige Szenerien erscheinen ganzseitig, andere wie eingeklebte Erinnerungsfotos in einem Familienalbum.

Zum Glück hat der Erfinder dieser sympathischen Charaktere „nicht mehr alle Nadeln an der Tanne“ (wie er in seiner doppelseitigen Danksagung an alle Mitwirkenden mehrfach betont) , so dass er uns hoffentlich auch weiterhin mit  neuen lustigen Abenteuern von Greta, Lotti und Bauer Hansen beglücken kann.

Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas

Text und Illustration: Øyvind Torseter

Übersetzung aus dem Norwegischen: Maike Dörries

Verlag: Gerstenberg, 2017

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Ein König hatte sieben Söhne; sechs von ihnen waren in die Welt gezogen und sollten dem zu Hause verbliebenen Bruder eine Prinzessin als Braut von der Reise mitbringen, doch es kam anders. Sie kehrten nicht nach Hause zurück, denn ein furchterregender Troll hatte die Königssöhne samt ihrer Bräute in Steine verwandelt. Nun machte sich also der zurückgebliebene siebente Bruder auf den Weg, um die Vermissten zu suchen …

Was zunächst wie ein herkömmliches Märchen beginnt, wird zu einer recht skurrilen Comicgeschichte. Der Prinz mit der seltsamen Physiognomie eines Gesichts, das hauptsächlich aus Nase besteht, begibt sich mit einem klapprigen Gaul, mit welchem er unterwegs den Leser sehr erheiternde Zwiegespräche führt, nach seinen Brüdern suchend auf den Weg, auf dem das illustre Paar seltsame Dinge wie ein herumliegendes Saxophon oder einen Elefanten mit in einem Baumstumpf eingeklemmten Rüssel findet. Das Saxophon wird mitgenommen – wer weiß, wofür es noch nützlich sein könnte – und ganz nach Märchenmanier verspricht auch der befreite Elefant zukünftige Hilfe in Notlagen. Nach der Begegnung mit einem rüpelhaften Wolf, dem sie trickreich einen Hinweis zum Fundort der Trollhöhle und hilfreiche Tipps zum Umgang mit dem Troll -nämlich dessen Herz zu vernichten- entlocken, ist das erstrebte Ziel bald gefunden. Der lässige Gaul zieht es vor, draußen Wache zu schieben, während der Prinz zu allem entschlossen die Höhle inspiziert. Dort befindet sich neben den versteinerten Brüdern und Prinzessinnen ein lebendiges weibliches Wesen, welches vom Troll gefangengehalten wird und sich sogleich freundlich anbietet, dem Prinzen noch schnell die Höhle zu zeigen, bevor sein letztes Stündlein geschlagen hat. Überdies weiß sie zu berichten, dass sich das Herz des Trolls, welches es zu vernichten gilt, nicht in der Trollbrust, sondern in einem Marmeladenglas befände. Wo dieses zu finden ist, wäre nun noch gemeinsam zu ergründen. Nun kommen Elefant und Saxophon ins Spiel …

Wie zu erwarten, findet letztlich alles ein märchenhaftes Happy End. Wunderbar erfrischend ist vor allem Torseters zeichnerisches Fabulieren, mit dem sich dem Leser noch weit mehr als über die textlichen Informationen aus den Sprechblasen erschließt und das auch beim wiederholten Betrachten -dessen man angesichts der Einzigartigkeit der Bilder nimmermüde wird – immer wieder Neues, teils herrlich Absurdes in unzähligen zeichnerischen Details zutage bringt.

Ein ungewöhnliches, intelligentes, tiefgründiges und vor allem sehr unterhaltsames Märchen-Vergnügen!