Archiv für den Monat September 2017

Rätselhafte Labyrinthe

Illustration: Christoph Hoppenbrock

Verlag: moses., 2017

 

Aus der Zeitschrift Geolino, welche Kinder sehr engagiert an vielfältige Themen aus Natur, Technik, Geschichte, Kultur und Zeitgeschehen heranführt, stammen die beliebten phantasievollen und farbenfrohen  Labyrinthe von Christoph Hoppenbrock, die erfreulicherweise nun in einem broschierten 80seitigen Buch zusammengefasst wurden.

Es gilt, den richtigen Weg zum Ziel durch 24 rätselhafte Irrgärten zu finden. Unterwegs gibt es dabei allerlei Überraschendes zu entdecken oder spannende und knifflige Rätsel zu lösen. Verschiedene Symbole sind zu beachten, die jedoch auch mal in die Irre führen können, Buchstaben einzusammeln und in die richtige Reihenfolge zu bringen, Zahlen zu Formen zu verbinden, versteckte Worte zu suchen und vieles mehr. Dabei können  Kinder eine Menge aus verschiedenen Wissensgebieten lernen und obendrein viel Spaß haben.

Schade nur, dass die Bindung einige Details verdeckt. Diese werden nur sichtbar bei sehr starkem Auseinanderpressen der Broschüre, was jedoch schnell zum Auseinanderreißen und damit zur getrübten Rätselfreude führen könnte. Die Altersempfehlung ist mit  8 Jahren angegeben, was mir recht optimistisch erscheint, da die Rätsel doch mitunter recht anspruchsvoll sind. Mit etwas (menschlicher und/oder medialer) Hilfe kann das Lösen der Aufgaben jedoch gut gelingen und zur Freude an der gemeinsamen Herausforderung beitragen.

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Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Text: Axel Hacke

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Das kleine, beinahe unscheinbare Büchlein im schlichten weißen Einband beherbergt Axel Hackes literarische Erkundungen über den Anstand – sehr ambitioniert, sehr ernsthaft und sehr unterhaltsam.

Anstand – was ist das eigentlich? Ist der Anständige zunehmend der Dumme? Wie können wir leben, wenn wir trotz  zunehmender Rücksichtslosigkeit, Lügen, Wut und Hass in der gegenwärtigen Gesellschaft dennoch anständig bleiben wollen?

Anhand zahlreicher interessanter literarischer und philosophischer Bezüge – zu Kästner, Fallada, Camus, Knigge, Kant, Marc Aurel und anderen- und bemerkenswerter Dialoge mit einem imaginären Freund betrachtet Hacke die grundlegenden Motive und Regeln des menschlichen Anstands und dessen Gefährdung durch eine zunehmend sich verändernde und verrohende Kultur des Umgangs, wie wir sie beispielsweise momentan durch eine Flut von Wut- und Hassreden, Gepöbel, Fake-News oder befremdliches Gebaren eines twitternden Präsidenten erleben.

Für diejenigen, die auch in schwierigen Zeiten anständig bleiben wollen, die sich zuweilen als Gutmenschen und Naivlinge verhöhnen lassen müssen, die Sinnsuchenden oder die Zweifelnden im Strudel zunehmender Polarisierung ist Hackes Plädoyer für den Anstand eine sehr empfehlenswerte und bereichernde Lektüre.

Für die anderen -wahrscheinlich diejenigen, denen man es aus bekannten Gründen  dringend nahelegen würde- wohl leider vergeblich.

ZWEET

Text: Marit Kaldhol

Übersetzung aus dem Norwegischen:  Maike Dörries

Verlag: Mixtvision, 2017

 

ZWEET, ein ganz außergewöhnlicher bemerkenswerter Jugendroman von Marit Kaldhol, die zum Beispiel mit ihrem 1986 erschienenen berührenden Kinderbuch „Abschied von Rune“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und vielen weiteren Preisen ausgezeichnet wurde, behandelt Themen, die sich um Anderssein, Mobbing und die erste Liebe ranken.

Das wunderbar gestaltete Cover mit einer silhouettenhaften, in einer Bienenwabe hockenden, geflügelten Menschengestalt stimmt auf die Geschichte ein, welche mich von der ersten bis zur letzten Zeile magisch in ihren Bann zieht. Durch die klare wie poetische Sprache , die sich spannungsreich zuspitzenden äußeren Ereignisse, die innere Gedankenwelt eines ungewöhnlichen Mädchens und zweier  auf unterschiedliche Weise mit ihr verbundener Menschen wird die erzeugte besondere Atmosphäre beinahe hautnah spürbar.

Drei junge Menschen kommen nacheinander zu Wort und beschreiben aus ihrer jeweiligen Perspektive  eindringlich ihre Sichtweise und Reflexion auf erschütternde Ereignisse.

Den Anfang macht die Außenseiterin Lill-Miriam, die von ihren Mitschülern „das Biest“ genannt wird und doch so weit entfernt von einem solchen zu sein scheint, wie man sich nur vorstellen kann. Sie ist anders, einsam, hochsensibel und verletzlich und spinnt sich -vor allem in ihrem Versteck auf dem Dachboden der Schule, wo sie ihren philosophischen und naturwissenschaftlichen Betrachtungen nachgeht- in ihrer Phantasiewelt der Bienen und Insekten in einen Kokon, der sie immer mehr von den anderen abgrenzt.

Susan quält sich mit Schuldgefühlen und Erinnerungen an das, was sie und ihre Freundinnen der verhassten Außenseiterin einst Schreckliches angetan haben.

Ruben sorgt sich um Lill-Miriam, die seit dem Katastrophenalarm an der Schule verschwunden bleibt. Der kubanische Junge fühlt sich zu dem sonderbaren Mädchen hingezogen. Er sinniert darüber, wie ihre erste zarte Beziehung entstand, die Beziehung zweier seelenverwandter Inselmenschen, die zueinanderfanden und sich ohne viele Worte verstanden.

Selten hat mich eine Geschichte derart sogartig eingenommen und berührt wie diese und sehr nachdenklich zurückgelassen. Sie wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

 

 

Ich male mir ein seltsames Tier

Text: Sarah Neuman

Illustration: Renate Habinger

Verlag: NordSüd Verlag, 2017

 

Bunte Tupfen, Linien und Kreise dominieren das Titelbild. Alles erscheint irgendwie unfertig und experimentell. Das Mädchen -jenes, welches aus lauter Langeweile und Frust beschließt, sich selbst ein seltsames Tier zu malen- sieht selbst ein wenig seltsam, ja beinahe tierisch aus mit seinen spitzen Ohren und einem hinter dem Röckchen hervorblitzenden Schwänzchen.

Skizzenhafte Alltagsszenen bestimmen die ersten beiden Doppelseiten: durch den Regen marschierende Kuscheltiere samt Schirm in Begleitung ihrer Besitzerin, Kleider, Schuhe und Spieltiere auf der Wäscheleine, Putzutensilien, Bügelbrett, Waschmaschine, Klammern und Bügelbrett offenbaren einen minder spannenden Tag – fast möchte man meinen, hier die Lebenswirklichkeit einer gestressten Hausfrau zu entdecken.

Sodann beschließt die kleine, nun mit einem Riesenbuntstift ausgerüstete kleine „Hausfrau“ aus jenem Alltagseinerlei auszubrechen, indem sie sich in Begleitung ihrer Kuschelkameraden forsch ans Werk macht, um ein „seltsames Tier“ zu malen. Beginnend mit vielen bunten Kreisen, die nach und nach mit Augen, Mündern und Ohren versehen und damit zu Gesichtern werden und später Körperformen bekommen, bis sich ein elefantenartiges Wesen beim Kritzeln, Tupfen und Malen herauskristallisiert, das nun zum Spielen aufgefordert werden kann.

Schließlich dankt das Mädchen nicht nur dem Tier, sondern sich selbst: „Ich sage danke zu ihm und sage danke zu mir, denn ohne mich wäre das Tier ja nicht hier.“

Ein bemerkenswert schöner Gedanke, sich bei sich selbst für das gemalte Bild zu bedanken …

Und wir -die Kinder meiner Malgruppen und ich- bedanken uns für diese schöne, verspielt-fröhliche und anregende Bilderbuchgeschichte in Reimen, welche auf phantasievolle und unaufdringliche Weise zum Malen inspiriert, mit dem man auf dem beigelegten Malbogen oder anderswo sogleich beginnen möchte.

Hanna Nebe-Rector  – http://www.MALKASTL.de