Charley Harpers Tierwelt

Buchbesprechung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die weltweit bekannten Tier- und Naturdarstellungen von Charley Harper (1922-2007), dessen Motive bis in die heutige Zeit auf Postkarten und Postern zu sehen sind, charakterisieren eine zuweilen verblüffende, ganz auf Reduktion ausgerichtete und dennoch oder gerade deshalb außerordentlich starke Bildsprache. Aus den verschiedenen Tierspezies destilliert Harper deren  Charakteristik, ihre eigentliche Essenz, vor allem dadurch heraus, dass er sich, alles Überflüssige weglassend, ganz auf ihre jeweilige Körperform und Farbigkeit konzentriert und  mittels interessanten grafischen Effekten aus geometrischen Formen und Mustern in Szene setzt.

Die faszinierenden Porträts von Vögeln, Fischen, Lurchen, Kriech- und Säugetieren –unter diesen häufig Waschbären in vielerlei Variationen, Koalas, Giraffen, Zebras, Tiger, Elefanten und viele mehr- inmitten ihrer minimalistisch stilisierten Umgebung schaffen hochästhetische Bildwelten, die sich ins Gedächtnis des Betrachtenden einbrennen.

Da bilden zum Beispiel zahlreiche Zweipunkt-Marienkäfer –einander zugewandt- einen exakten roten Kreis, aus dem sich ein einzelner Käfer –dieser im Gegensatz zu den anderen mit roten Punkten auf schwarzem Untergrund- von der Masse abhebt und von den anderen abwendet, dennoch aber Bestandteil des Kreises bleibt.

Da leuchten signalgelbe Augenpaare aus dem nachtdunklen Dickicht und richten ihren Blick gleichzeitig auf den Betrachter wie auf ihre Beute, eine Antilope. Dass es die Augen von Raubkatzen sind, ist zweifellos erkennbar, obwohl völlig auf die Konturierung der Körperformen verzichtet wurde.

Da sitzt auf parallel verlaufenden, über den ganzen Bildhintergrund in unterschiedlichen Abständen angeordneten Telefondrähten ein graues Turtel-Taubenpaar –geformt aus Kreisen, Halbkreisen und Dreiecken und doch deutlich als Tauben erkennbar- vor grauem Hintergrund, denen als farblicher Kontrapunkt ein orangeroter Kreis zugesellt worden ist, und  beim Betrachten ist intuitiv spürbar, dass dieser Kreis unbedingt ins Bild gehört.

Die optische Verwirrung, welche sich beim Anblick einer Zebraherde in der afrikanischen Serengeti nicht nur bei deren potentiellen Fressfeinden, sondern auch beim Betrachten von Harpers sowohl grafisch als auch humorvoll kommentierend übersetztem „ Serengeti-Spaghetti“ einstellt, die es nahezu unmöglich macht, einzelne Individuen zu identifizieren, ist eine beeindruckende Erfahrung.

Mit jedem weiteren Motiv versinkt man mehr in Harpers erstaunlichen bildnerischen Kosmos und dessen gleichzeitig schlichte wie mehrschichtige, zuweilen tiefgründige metaphorische Bildsprache.

Einer Hommage an das Lebenswerk des Vaters gleich berührt das Vorwort des Sohnes Brett Harper zu dem 132seitigen Bildband mit über 100 Siebdrucken, welche ergänzt werden durch unterhaltsame, wortwitzige Kommentierungen zu den jeweils abgebildeten Tieren. Zusätzlich geben eine Einführung von Roger Caras sowie ein Interview, welches Charley Harper mit sich selbst führt, interessante Einblicke in Harpers Denk- und Arbeitsweise.

Ein Ehrenplatz im Bücherregal  für diesen wunderbaren Bildband ist bereits reserviert.

 

Charley Harpers Tierwelt

erschienen im Knesebeck Verlag, 2018

ISBN: 978-3-95728-082-4

 

 

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