In Extremis

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Mitten in eine Konferenz, bei welcher der Protagonist Thomas fern der Heimat im Kreise von niederländischen Physiotherapeutinnen  weilt, um einen Vortrag zu halten sowie theoretisch und praktisch eine bizarre Form der  Massage zur Beseitigung männlicher Altersbeschwerden zu erlernen, platzt eine Nachricht seiner Schwester, dass die Mutter im Sterben liege.

Hin- und hergerissen zwischen privaten und beruflichen Pflichtgefühlen, Abwägungen und Reflexionen, die sich durch alle seine Lebensbereiche ziehen und ihn dem eigentlichen Leben mehr oder weniger hinterherhetzen lassen, erlebt Thomas, ein Mann um die Fünfzig und Literaturprofessor, einen psychischen und physischen Extremzustand. Gebeutelt von ständigen Schmerzen und zunehmend quälendem Harndrang einerseits und ihn bedrängenden Fragen andererseits -wie jenen, ob er der im Sterben liegenden Mutter die Tatsache, dass er längst getrennt von Ehefrau und Familie und stattdessen mit einer ziemlich jungen Freundin lebe, mitteilen sollte oder ob er nicht doch besser zur Ex-Ehefrau zurückkehren sollte- lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Dass die Mutter, eine tiefgläubige ehemalige Laienpredigerin mit entsprechend hohen moralischen Ansprüchen und mit der offensichtlich bis zuletzt drängenden Hoffnung, den atheistischen Sohn auf den rechten Weg des Glaubens zurückzubringen, macht die Sache für ihn nicht einfacher.

Zugleich drängen ständig eingehende SMS zu immer wieder abzuwägenden Entscheidungen: Da ist die Ehefrau des besten Freundes, die Probleme mit dem halberwachsenen Sohn hat, und Thomas um Hilfe bittet. Da ist der beste Freund selbst, der sich in einem Lebensknoten verstrickt hat. Da ist die Liebe zur Mutter und das ständige Gefühl, dieser nicht gerecht zu werden. Da ist das Hin- und Hergerissensein zwischen Zuneigung zur jungen Geliebten und Ex-Ehefrau. Da ist die schrecklich nette, aufopferungsvolle und moralisch korrekte Familie seiner Schwester. Und da ist die Frage, ob er den Leichnam der Mutter besichtigen sollte oder nicht.

In der Unfähigkeit, zu rechter Zeit Entscheidungen  zu treffen, wählt Thomas den dritten Weg und stürzt sich in Geschäftigkeit, fliegt über Ländergrenzen hinweg Hals-über-Kopf direkt vom Sterbebett der Mutter zu einer Konferenz und wieder zurück und kommt dabei  zunehmend an seine eigenen psychischen und physischen Grenzen.

Tim Parks entwickelt über die Reflexionen seines Protagonisten in seiner verblüffenden Art und Weise, Komisches und Tragisches kunstvoll miteinander zu verweben, einen unglaublich spannenden und berührenden Sog des Erzählens, dem man sich kaum entziehen kann.

 

Tim Parks: In Extremis

Kunstmann, 2018

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