Archiv für den Monat März 2019

Paul und der Krieg

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Im Februar 1943 mitten im kalten Winter während des zweiten Weltkrieges werden der fünfzehnjährige Paul Haentjes   und seine Mitschüler aus einer Kölner Schule wie deutschlandweit  34000 andere Jungen zwischen 15 und 17 Jahren aus ihrem Schüler-Alltag herausgerissen und als Luftwaffenhelfer der Flak (= Flugabwehrkanonen) einberufen.

Zunächst ist es Spannung und Abenteuerlust, die in der Luft liegt, als sich die Jungen der Klasse 6 der Oberschule (entspricht der heutigen Klasse 10) in Erwartung der neuen Aufgabe an der Bahnstation versammeln.  Über seine Zukunftspläne nach dem Abitur hat Paul sich zu diesem Zeitpunkt noch keine allzu konkreten Vorstellungen, vielleicht würde er  einmal Architektur studieren  oder Journalist werden wollen. Doch nun muss das Schmieden von Zukunftsplänen erst einmal in den Hintergrund treten, im Kriegsgeschehen zählen mehr die ständige Sorge um die Angehörigen und Freunde, den nächsten Tag oder das Überleben an sich, wie Paul bald merken wird.

Nachdem bei der Schlacht um Stalingrad 150 000 deutsche Soldaten ums Leben kamen und weitere 110 000 in Gefangenschaft gerieten, braucht die deutsche Wehrmacht dringend neue Kämpfer. Die bisherigen Soldaten der Luftabwehr werden ins Feld abkommandiert und sollen durch Schüler wie Paul ersetzt werden.

Pauls Erlebnisse in den darauf folgenden zwei Jahren bis zum Kriegsende werden anhand von Briefen an seinen Bruder Werner, zeitgeschichtlichen oder privaten Fotografien und Dokumenten, Erklärungen zur Einordnung der historischen Zusammenhänge und Erläuterungen der Autorin, der Tochter von Paul, auf höchst interessante und anschauliche Weise den jugendlichen Leser*innen nahegebracht. Auch Pauls allmähliche Wandlung vom indoktrinierten Hitlerjungen zum durch die erlebten Schrecken des Krieges zunehmend nachdenklicher und erwachsener werdenden Soldaten werden eindrücklich deutlich.

Pauls zeitlebens gepflegtes Hobby des Sammelns, Archivierens und Fotografierens und seine zahlreichen Briefe liefern die Basis für das dokumentarische Buch der Tochter über den Vater als einen Stellverteter der immer rarer werdenden Zeitzeugen und als eine Quelle der Vermittlung historischer Ereignisse und Zusammenhänge, die hoch interessant für das jugendliche Lesepublikum, aber auch weit darüber hinaus,  vermittelt werden und sich als Mahnung vor den Grauen eines Krieges ins Gedächtnis einschreiben, mehr als es je ein trockenes Lehrbuch vermag.

 

Paul und der Krieg

Als15-jähriger im Zweiten Weltkrieg

von Dorothee Haentjes- Holländer

arsEdition, 2019

 

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Alles war See

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Eine Frau und ein Mann leben in scheinbar idyllischer Beschauligkeit  und liebevoller gegenseitiger Achtsamkeit zusammen mit ihren Tieren – Hühner, Katze, Hund, Tauben, Schafe und Kaninchen – in einem alten kleinen Haus, welches sie lieben, hegen und pflegen ebenso wie ihre Tiere und den umgebenden Garten. Eigentlich ist es an der Zeit, den Blumenkohl zu pflanzen, aber draußen tobt der Sturm …

Alle, der Mann und die Frau und ihre Tiere, müssen im schützenden Haus bleiben. Als der Sturm vorüber ist, merken sie, dass das Hausdach repariert werden muss und sie machen sich an die Arbeit. Sie schmieden Pläne für ein neues Haus unten am See und setzen sie alsbald in die Tat um, der Blumenkohl muss weiter warten. Als das nächste Unwetter mit sintflutartigem Regen alles unter Wasser setzt, beschließen sie, das neue Haus ganz oben auf den Berg zu versetzen und schaffen das scheinbar Unmögliche mit vereinten Kräften, selbst die Tiere helfen mit. Doch auch da steigt das Wasser bedrohlich an, so dass sie wieder einen Umbau beschließen. Mehr und mehr nimmt das Haus die Gestalt eines Schiffes an – einer Art Arche Noah, die nun auch die aus Wald und Feld vor dem Wasser flüchtenden Tiere aufnimmt.

Als alles um sie herum zum See wird, löst sich das Haus-Schiff vom Berg und schwimmt davon, hin zu neuen Ufern und zu einem neuen Anfang in einer neuen mediterran aussehenden Heimat , in der sie wieder glücklich zu sein scheinen  und glauben, dass alles gut werden wird und wo sie beschließen, dem Schiff noch Flügel zu bauen – und so der Blumenkohl weiter warten muss.

Die wie eine biblische Metapher anmutende poetische Geschichte wird begleitet von wunderbaren Bildern, die teilweise recht humorvoll und in hervorragender künstlerischer Qualität noch weitaus mehr als der Text erzählen und die märchenhafte Handlung illustrieren.  Die nahende Bedrohung durch Naturgewalten (automatisch drängt sich hier ein Bezug zum Klimawandel auf) wird weder verharmlost, noch wird je die Hoffnung auf neue Lösungen aufgegeben. Die treibende Kraft dabei aber, trotz aller Widrigkeiten nie mutlos zu werden oder gar aufzugeben, scheint allein eine allumfassende Liebe zu sein.

Alles war See

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Sonja Bougaeva

atlantis, 2019

 

Hackes Tierleben

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Axel Hackes Tierkunde-Klassiker von 1995 gibt es wieder- aktualisiert und in neuem Format.

Ob der Leser oder die Leserin nun ausgesprochenen tierlieb ist oder eher tierfern lebt – nach der Lektüre (für Hacke-Fans natürlich Pflichtliteratur) wird man das Buch, welches sich mit 26 mehr oder weniger ernstgemeinten oder wissenschaftlich fundierten Charakterstudien und Psychogrammen von Tieren befasst, die Michael Sowa mit wunderbaren Illustrationen begleitet, liebevoll in seine Bibliothek einreihen oder als Geschenk an liebe Freunde weiterreichen wollen, um sie mit dem Hacke-Virus zu infizieren.

Eine Hommage gilt der Giraffe, der das Buchcover gewidmet ist – dem  stillen Tier, welches den Wolken Gedichte zuflüstert. Ebenso dem berühmtesten deutschen Wellensittich Putzi Ragotzi, dessen Sprachschatz 300 Wörter umfasste und der Worte wie Schnupperle und Pupperle  eigenständig zu Schnuppupperle zusammensetzen konnte, gilt es einfach gebührende Aufmerksamkeit und bleibendes Gedenken zu schenken.

Hackes nachdenkliche Betrachtungen über den sich ganzjährig mit Paarungsvorbereitungen befassenden Rothirsch münden in Überlegungen zur Sicherung von Filmrechten für einen potentiellen Hollywood-Schinken, in dem der von den Rehen unverstandene, von den Hirschen geächtete und von den Feldhasen verlachte kahlköpfige Hirschbock wirren Gemüts auf einer verschneiten Lichtung in den Armen seines Revierförsters verendet. Wem würde es angesichts dieser Vorstellung nicht Tränen in die Augen treiben? Doch damit nicht genug – das Sinnieren über die bildliche Vorstellung eines Geweih-bewehrten Menschen-Mannes, dem Hacke schlussendlich gar eine Art Freud´schen Geweih-Neids unterstellt, der eine Herausforderung für die heimische Hut-Industrie oder das Friseurhandwerk und problematisch in der U-Bahn oder beim Fahren japanischer Autos wäre, andererseits aber neue Möglichkeiten für das Tragen von Aktentaschen mit sich brächte, bringt uns zum Philosophieren und den zu Lachkrämpfen Neigenden an die Grenzen des Aushaltbaren.

Betrachtungen zum Wal führen neben dem Ausdenken von Bestrafungsszenarien für walfangende Nationen zur nüchternen Feststellung, dass ein Pottwal einen Mann im Ganzen schlucken könne, umgekehrt aber, falls der Mensch einen Pottwal essen wolle, diesen kleinschneiden müsse – die Rückkehr aus dem Magen des Fressenden also nur in dem einen Fall theoretisch möglich wäre. Wie gut zu wissen.

Wie rührend die Geschichte vom treuen Regenwurm Erich, der unter der Erde all unsere Wege verfolgt, um ab und zu gegen unseren großen Zeh zu stubsen. Poetisch fabuliert Hacke über eine geheime Regenwurmwelt nahe am Erdmittelpunkt, wo die Würmer an der Garderobe ihre braune Haut abgeben, aus dieser ein wunderschönes regenbogenfarbenes Geschöpf zum Vorschein kommt, um Regenwurmorgien zu feiern. Rechtzeitig bevor wir weiter in schwärmerisches Sinnieren abgleiten, werden wir mit der Feststellung, dass die Erde letztlich nichts als ein gigantischer Haufen Regenwurmscheiße ist, in die Realität zurückgeführt.

Erhellend auch das Wissen um die Bedeutung des Goldhamsters, der tausendfach in Laufrädern  radelnd  in Kellern unter Finanzfilialen diese mit Strom versorgt und zu der Überlegung Anlass gibt, ob von der unverschämten Gebührenpolitik der Banken Enttäuschte dereinst erbost die Hamsterkeller in Frankfurt stürmen.

Bewundernd betrachten wir die multiplen Fähigkeiten des sich entsprechend seiner Gemütslage lila vor Behagen verfärbende Chamäleon, welches auf dem Sofa liegend mit dem linken Auge einen Liebesfilm sehend und mit dem rechten Auge ein Buch lesend dann und wann seine Schwungfederzunge in die Schale mit den Kartoffelchips hinüberhüpfen lässt – ein Sinnbild des Genusses!

Ebenso genüsslich sollten wir uns dieser Lektüre widmen, die uns neben den genannten noch über Charakteristiken vieler weiterer Tiere wie Bären, Flamingos, Schafe, Kakerlaken, Hyänen, Hühner, Heringe, Möpse und anderer Arten aufklärt und schmunzeln lässt und uns  nie mehr Matjes nach Hausfrauenart ohne schlechtes Gewissen verzehren oder Schokohasen im Kühlschrank neben der Wurst aufbewahren lässt.

 

Hackes Tierleben

Text: Axel Hacke

Illustration: Michael Sowa

Verlag: Kunstmann, 2019

Dornröschen

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Es gibt Bücher, die möchte man wie kleine Kostbarkeiten behandeln – das Märchenbilderbuch „Dornröschen“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri ist so eines.

Wie schon das vorangegangene „Aschenputtel“ (Knesebeck, 2016) ist das frei nach den Gebrüdern Grimm nacherzählte Märchen vom Dornröschen begleitet von atemberaubend schönen Scherenschnitten und silhouettenartigen Illustrationen, welche wunderbar mit dem Text und der Buchgestaltung samt Schutzumschlag korrespondieren und beim Umblättern der Buchseiten eindrucksvolle Spiele mit Licht und Schatten ermöglichen.

Die Dimension des rauschenden Festes, welches das Königspaar zur großen Freude über die Geburt der langersehnten Tochter ausrichtet, wird augenblicklich deutlich durch die unzähligen Silhouetten emporgereckter Hände, die im Überschwang des Feierns Hüte, Blumen und Girlanden in die Höhe werfen. Auch zwölf Feen – diese in unterschiedlichen Erscheinungsformen nebeneinander aufgereiht in einem Scherenschnitt – sind zum Fest geladen und beschenken allesamt das gefeierte Kind mit guten Wünschen. Die dreizehnte Fee aber wird wegen des fehlenden dreizehnten goldenen Tellers ausgeladen. Dennoch erscheint sie zum Fest und verkündet aus Wut über den Affront ihren unheilvollen Fluch, den die letzte der guten Feen nur noch etwas abmildern, aber nicht aufheben kann: Im Alter von 15 Jahren soll sich die Königstochter an einer Spindel stechen und mitsamt dem ganzen Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Ausdrucksstark ist das Bild der unzähligen aufgetürmten Spinnräder, welche der König in seiner verständlichen Sorge um die Königstochter vernichten lassen will. Eines jedoch übersah der König und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Die um das in den Schlaf versunkene Königshaus bedrohlich wuchernde Dornenhecke wird fühl- und greifbar in den nun folgenden Scherenschnitten (die sich beim Blättern jedoch leider recht schnell mal ineinander verhaken – hier ist Fingerspitzengefühl beim Entwirren des filigranen Geflechts gefragt oder aber vorsorglich ein Blatt Papier zum Dazwischenlegen). Mit den Jahren wird das Ereignis zur Legende. Nach hundert Jahren aber -wieder einmal ist ein Königssohn (auf einem prächtigen Scherenschnitt-Ross) unterwegs zum Dornröschen-Schloss – tut sich ein Meer von duftenden Rosen vor dem Prinzen auf und macht den Weg frei zur schlafenden Prinzessin, welche durch seinen Kuss erwacht und mit ihr das ganze Königreich. Und wieder wird ein rauschendes Fest gefeiert.

Ein Fest für die Sinne ist auch diese märchenhaft schöne Bilderbuch-Kostbarkeit, die beim Betrachten ein ästhetisches Erlebnis verspricht.

 

Dornröschen

von Christina Laube und Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2019