Archiv für den Monat Mai 2019

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

Werbeanzeigen

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

Ein Haus für Harry

Harry, ein etwas übergewichtiger Stubenkater, hat die Welt da draußen bisher immer nur vom sicheren Fensterplatz aus beobachtet und noch nie draußen gespielt. Das freundliche Angebot des Schmetterlings Vera zum gemeinsamen Fangenspielen ist sehr verlockend – also spaziert Harry kurzentschlossen durch das geöffnete Fenster übers Dach nach draußen, immer Vera hinterher, doch die ist nicht zu erwischen und Stunden später plötzlich verschwunden. Nun realisiert Harry, dass er sich verirrt hat und läuft panisch durch die Straßen der unbekannten Stadt, um nach Hause zurückzufinden, bis ihm ganz schwindlig wird. Harry braucht erstmal einen Unterschlupf, den er zunächst in einem Pappkarton findet – bis dieser im Regen aufweicht. Weitere Behausungen für Harry finden sich auf einem Baum (bis der Ast abbricht), unter einem Auto (bis es wegfährt), in einer Hundehütte (bis der rechtmäßige Bewohner ihn davonjagt)und schließlich in einer Mülltonne. In den benachbarten Mülltonnen haben Straßenkatzen ihr Zuhause gefunden. Ihnen erzählt Harry von Vera, die ihm den Weg zurück zu seinem Zuhause zeigen könnte. Die Straßenkatzen kennen Vera und begleiten Harry zum Park, wo Vera wohnt. Nach erneutem gemeinsamen Fangenspielen mit Vera und der ganzen Katzenbande (die ihm Spieleifer gar nicht merkt, dass schon überall auf Plakaten mit Vermisstenanzeigen nach Harry gesucht wird), geht es zurück zu Harrys Haus, wo er freudig begrüßt wird. Harry verabschiedet sich von seinen neuen Freunden und verspricht, morgen wieder zum Spielen rauszukommen.

Begleitet von lustigen Illustrationen erzählt die vergnügliche und spannende Bilderbuchgeschichte von den Abenteuern der Freiheit und davon, wie schön es ist, ein Zuhause und gute Freunde zu haben.

 

Text und Illustration: Leo Timmers

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Aracari Verlag, 2019

Neon Leon

Erst mit einiger Verspätung (aber besser spät als nie) sind wir auf ein weiteres schönes Chamäleon-Bilderbuch, welches in unserer Sammlung natürlich nicht fehlen darf, aufmerksam geworden.

Es erzählt von Leon, einem besonderen Chamäleon, welches – während sich dessen Gefährten ganz nach Chamäleonart in der zur Umgebung passenden Farbe zeigen – stetig in einem knalligen Orange präsentiert und damit ziemlich auffällt. Leon wird nicht grün wie die anderen Chamäleons im Blätterdschungel, er wird nicht sandgelb in der Wüste und auch in den grauen felsigen Bergen bleibt Leon neon-orange und ist darüber selbst nicht glücklich. In der Nacht strahlt Leon derart neon-hell, dass die anderen Chamäleons schon ganz ärgerlich werden, weil sie durch Neon-Leons Strahlen nicht gut einschlafen können. Und auch Leon wird immer trauriger über seine farbliche Eigenart. Weil er sich an keinen Ort anpassen kann, sucht Leon nun  einen Ort, der zu ihm passt. Ob er ihn wohl bei den leuchtend orangenen Vögeln findet? Leider nein – die Vögel flattern davon in den strahlend blauen Himmel, vor dem der nun wieder alleingelassene Leon sich besonders kontrastreich abhebt,  verzagt den Kopf hängen lässt und wir mit ihm mitleiden. Ein bisschen lässt er sich aufmuntern, als wir ihm zuflüstern, dass alles gut wird.

Und das wird es: Dort, wo alle Blumen leuchtend orange sind, strahlt Leon schon recht glücklich, weil er endlich einen Ort gefunden hat, an den er passt.

Und noch glücklicher beginnt Leon zu strahlen, als er an dem Ort, an den er passt, jemanden trifft, zu dem er passt – ein zweites orange leuchtendes Chamäleon!

Wunderbar ausdrucksstarke und farbenfrohe Illustrationen komplettieren die liebenswerte Bilderbuchgeschichte, in der die kleinen Leser immer wieder direkt angesprochen werden, um Leon aufzumuntern und ihm beizustehen, beispielsweise indem sie ihm eine gute Nacht wünschen, ihm zuflüstern, dass alles gut wird, mit ihm zählend nach einem geeigneten Ort suchen und sich zu guter Letzt erleichtert mit Leon freuen, dass er mit seinem neuen Freund glücklich neon-orange um die Wette strahlen kann.

 

Text: Jane Clark

Illustration: Britta Teckentrup

annette betz, 2017

Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht

Wer würde vermuten, dass aus der symbiotischen Beziehung zweier Organismen, gemeint sind hier Algen und Pilze, aus der sich hochinteressante Gebilde wie Flechten formen, ebenso poetische Geschichten formen lassen?

Wer hätte gewusst, dass Wanderdrosseln ein heimliches Doppelleben führen, dass wir von Quallen nur sehr verschwommene Vorstellungen haben, dass Libellen geradezu außerirdische Fähigkeiten besitzen oder dass man mit Glühwürmchen sprechen kann?

Wer würde ahnen, dass es Leute gibt, die den Geruch von Stinktieren lieben oder solche, die Loblieder auf Fliegen singen?

Wer hätte geglaubt, wie spannend Spaziergänge an winterlichen Stränden werden können?

Dass die Natur unzählige kleine Wunder birgt, die es nur aufzuspüren und zu entdecken gilt und uns zum Schwärmen und Staunen bringen können, versteht die vielfach ausgezeichnete amerikanische Naturforscherin und Buchautorin Sy Montgomery ( sehr erfolgreich z.B. mit „Rendezvous mit einem Oktopus“) in 45 kleinen Geschichten aus vier Jahreszeiten derart unterhaltsam, mitreißend, interessant und poetisch zu erzählen, dass es ein freudiges Erlebnis und großes Leseabenteuer ist, mit ihr in die Geheimnisse aus der Tier- und Pflanzenwelt wie in einen spannenden Roman einzutauchen und sich von deren Magie und den wunderschönen begleitenden Illustrationen bezaubern zu lassen.

 

Text: Sy Montgomery

Illustrationen: Tine Pagenberg

Übersetzung: Dr. Cornelia Panzacchi

Knesebeck, 2019

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Aus dem Schatten des nächtlichen Waldes tritt ein Fuchs.

Suchend („Ihm war nach Farbe“ …) blickt er sich um. Sein Weg führt ihn zu den Schlafstellen der Paradiesvögel, einer davon zwitschert leise der Stille der Nacht entgegen, sich ebenfalls nach Farbe sehnend. Zu zweit führt der Weg die schlaflosen Gefährten weiter, sie rasten unter dem Nachthimmel auf einer Sonnenblumenwiese, bevor sie durch Schilf und Dickicht ziehen oder sich übermütig springend und flatternd inmitten an Halmen schlafender Käfer wiederfinden und abermals an einem Boot am See kurz zur Ruhe kommen, um in ihren Gedanken und Träumen zu versinken. Weiter geht es über Berge und Täler, und die Nacht scheint ewig zu währen. Alles sieht so anders aus, „viel zu schön um zu sein“. Fasziniert blickt der Fuchs auf seltsame Wesen, die wohl seiner Phantasie entspringen – gelbe Kühe mit überlangen Hörnen als einziger Farbtupfer im monotonen Schwarz-Weiß der Landschaft. Und dort, noch ein Wesen, diesmal ein menschliches – ein sternschnuppensuchender Junge oben auf dem Ast eines Baumes sitzend. Die Abwesenheit der Farben erzeugt Melancholie und Einsamkeit. Einsam auch das Gehöft mitten im Wald, an dem der Fuchs nun verweilt, eine unbestimmte Hoffnung im Herzen tragend. Noch kämpft er gegen die Müdigkeit an und ergibt sich dann doch der Nacht und dem Schlaf in einer Felsspalte. Nach dem Erwachen folgt er dem Geruch einer Fährte, der anders als alles Bisherige ist. Und siehe da – eine Farbe erscheint und intuitiv weiß der Fuchs, dass es seine Farbe ist. Sie gehört zum Schwanz eines anderen Fuchses, welcher in einer Höhle verschwindet. Während Fuchs und Füchsin dem nahenden Morgen entgegentollend ihre Bestimmung und Erfüllung gefunden zu haben scheinen, singt der Paradiesvogel noch immer sehnsuchtsvolle Lieder.

Die detailreichen, beinahe filigranen Illustrationen der Landschaften, Pflanzen und Tiere sind eine eigenwillige Melange aus naturalistischen und surrealistischen Elementen und entwickeln beim Betrachter einen eigenwillig betörenden Sog, der sich durch die metaphorische, zum Teil gereimte Sprache noch verstärkt. Seltsame Schilder mit Nummern, Buchstaben oder Mustern, Sprechblasen, lädierte Puppen oder –noch verwirrender- aus Blüten ragende Kindsköpfe mit traurigen Gesichtern geben unerklärliche Rätsel auf.

Ein poetisches Bilderbuch, das die Kraft der Sprache mit der Kraft der Kunst in wunderbaren magischen und rätselhaften Bildern verbindet und insbesondere ältere Kinder und Erwachsene zu bezaubern vermag.

 

Illustration und Text: Einar Turkowski

Gerstenberg, 2019