Archiv für den Monat Juli 2019

Die Sinne

Verschlungene ornamentale Muster, welche sich bei genauerem Hinschauen als Zellen oder Organellen erweisen, ranken sich vor dunkelrotem Hintergrund um den Buchtitel. In stärkerer Vergrößerung, jetzt in Schwarz-Weiß, erscheinen ähnliche Strukturen kontrastreich im Vorsatzpapier, bevor der Prolog zu diesem bemerkenswerten Wissenschafts-Comic über die Sinne uns in die Handlung führt. Der Autor, Dr. Matteo Farinella, kombiniert auf einzigartige Weise sein illustratorisches Talent mit berufsbedingtem neurowissenschaftlichen Fachwissen zu einer auch für Laien hochinteressanten und ebenso unterhaltsamen Graphic Novel.

Die Protagonistin der Story ist Diane, eine Wissenschaftlerin, die über ihre Arbeit im Labor, VR-bebrillt und gefesselt vom Testen ihres beinahe fertigen Augmented-Virtual-Reality-Systems im Selbstversuch, beinahe den Bezug zur Realität zu verlieren scheint, als sie das Angebot einer Freundin, zu deren benachbarter Party zu kommen, hinausschiebt, um sogleich wieder in ihre virtuelle Welt der Sinne einzutauchen.

Die komplexen Funktionsweisen des Tastens, Schmeckens, Riechens, Hörens und Sehens werden uns über Dianes Erlebnisse in den von ihr selbst kreierten Sinneswelten nahegebracht, in denen sie wie eine Forschungsreisende durch Landschaften aus Nerven, Zellen, Papillen, Botenstoffen und Rezeptoren wandert, dabei Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Kreaturen und Strukturen macht, um mit diesen und über diese auch mit uns in Dialog zu treten.

Da doziert eine Riesenmaus über die Unzulänglichkeit des menschlichen Tastsinns, da tauchen Rezeptoren mit professoralem menschlichen Antlitz auf, um sich zu erklären, dort wandert Diane mit einem ritterlichen Begleiter durch überdimensionale Geschmacksknospen oder trifft auf das in Wunderbeeren enthaltene geheimnisvolle Miraculin, welches es schafft, einen vermeintlich süßen Geschmack zu schaffen, indem es sich an Süßrezeptoren in inniger Umarmung anheftet und es so schafft, sie als Antwort auf Säuremoleküle zu aktivieren – was damit illustrativ verdeutlicht wird, dass Dianes Begleiter es nur mit sanfter Gewalt  schafft, die beiden Frischverliebten voneinander zu trennen. An anderer Stelle trifft Diane Kikuma Ikeda, welcher den köstlichen Geschmack Umami jenseits von Süß, Bitter, Sauer oder Salzig in japanischer Algenbrühe entdeckte und damit das Glutamat als deren geheime Ingredienz ausmachen konnte. Mit einem schlappohrigen Hund reist Diane in die phantastische Welt der Gerüche mit einer Fledemaus in jene der Geräusche, ein Vogel erklärt das Prinzip der Verarbeitung von Musik im Gehirn, bevor Diane letztlich mit einem neuen Begleiter die erstaunlichen Mechanismen des Sehens ergründet.

In einem Epilog verfolgen wir Dianes allmähliche Rückkehr aus dem Virtuellen, bei der die kreative Kraft ihres Geistes – höchst anschaulich und unterhaltend in Bilder und Dialoge gefasst- vermag, in die Organellen der fünf Sinne einzutauchen und damit auch unser Verständnis für diese hochkomplexen Zusammenhänge schärft, zurück ins Reale.

Wenn wissenschaftliche Zusammenhänge derart aufbereitet den Weg zu unseren Sinnen finden, ist auch unsere Realität ein stückweit bereichert.

Die Sinne, Illustration & Text: Dr. Matteo Farinella, Kunstmann, 2019

Werbeanzeigen