Archiv für den Monat Oktober 2019

Wild & Wise

Welche Lektionen wir von den eher wenig beachteten, weil unscheinbaren, weniger schönen bis hässlichen oder gar giftigen Tieren, Pflanzen und anderen Phänomenen der Natur lernen können, erfahren wir in dem 160seitigen handlichen Büchlein mit dem graphisch ansprechenden türkisfarbenen Cover, auf dem sich drei Schlangen umeinander winden.

Insgesamt 70 solcher „Underdogs der Natur“  werden auf je einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich zum Text jeweils eine ganzseitige Illustration als dessen künstlerische Interpretation gesellt. Zwischen den Porträts finden sich darüber hinaus zuweilen im kontrastreichen Gegensatz zum Aussagegehalt des Geschriebenen stehende künstlerisch sehr aufwändig gestaltete Doppelseiten, die philosophisch mehr oder weniger tiefgründige Fragen wie „Was, bitte sehr, wäre die Welt ohne Sauerkraut?“ oder die persönliche Sammlung unnützen Wissens bereichernde Fakten oder Erkenntnisse wie „Kaum jemand verliert ein nettes Wort über das Tollwut-Virus.“ oder „Die Hausmaus kotzt niemals, selbst wenn sie die eigenen Köttel frisst.“ aufwerfen.

Angefangen mit der minder beliebten Küchenschabe, von welcher wir lernen können auf Zeit zu spielen, und die seit 320 Millionen Jahren ziemlich anspruchslos vor sich hin lebt, die sich sogar im Weltraum vermehrt und die einen Atomkrieg locker überleben würde, über die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnende und doch überdurchschnittlich oft als widerlich schleimige Kreatur empfundene und von Hobbygärtnern gehasste Nacktschnecke, die Raffinesse des Tollwut-Virus, die Intelligenz der Wanderratte, die durch die Beine atmende Kellerassel, Gedanken zum faszinierenden Zustand des Vakuums, den leicht entflammbaren Stechginster, den allseits unbeliebten Mix aus Regen und nassem Schnee alias Schneeregen, den sich Aufzucht- und Erziehungspflichten entziehenden cleveren Kuckuck (Merke: „Hast du mal darauf geachtet, wie Kinder sind? Schreckliche Brut. Der Kuckuck ist gar nicht so dumm.“), die Stubenfliege, welche  Informationen um ein Vielfaches schneller als der Mensch verarbeitet, über Bakterien, rätselhafte Flechten, die Kopflaus oder den minderbegabten, depressiven Fasan  bis hin schließlich zum sich selbst als klügstes Lebewesen betrachtenden Mensch werden mit einer reichlichen Portion subtilen Humors aus den Eigenarten der Spezies mehr oder minder hilfreiche Schlussfolgerungen für mehr oder minder ernstgemeinte Lebensweisheiten  gezogen und in Merksätzen zusammengefasst.

Damit werden die mit einer Prise Augenzwinkern gewürzten Tier-, Pflanzen- und Naturporträts zu einer gelungenen, künstlerisch hochwertig illustrierten und recht unterhaltsamen Melange aus Wissenschafts- und Sprachakrobatik plus „Lebenshilfe“.

 

Wild & Wise – Clevere Lektionen von den Underdogs der Natur

Text: Dixe Wills

Illustration: Katie Ponder

Übersetzung aus dem Englischen:  Claudia Arlinghaus

Knesebeck, 2019

Mein Mauerfall

Wer zu Zeiten des Mauerfalls etwa zwischen 10 und 20 Jahre alt war, ist heute, 30 Jahre später, vielleicht Mutter oder Vater eines Jugendlichen dieser Altersgruppe, an die sich auch dieses erzählende Sachbuch über die Zeit vor, während und nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten und mitten durch Berlin insbesondere richtet.

Geschrieben hat es Juliane Breinl, die sich schon 2011 mit ihrem Buchdebüt „Die Feuerbälle – Kinderbande im geteilten Deutschland“ der speziellen Problematik eines geteilten Landes widmete und der sich zur Zeit der Wende als damals Achtzehnjährige die Bilder des Mauerfalls vom 9.November 1989 ebenso prägend wie surreal erschienen, hatte sie doch nur fünf Jahre zuvor ihrer Heimatstadt Leipzig gemeinsam mit ihrer Familie über einen Ausreiseantrag scheinbar für immer den Rücken gekehrt, um der Willkür und den Repressalien des DDR-Regimes zu entkommen.

Auf 140 Seiten des broschierten Buches, dessen Inhalt in 4 größere Themenbereiche aufgeteilt ist, werden die damaligen Geschehnisse, begleitet von zahlreichen Fotos, Grafiken und Übersichten, lebendig beschrieben. Den Handlungsrahmen bildet die Schilderung des in der Jetzt-Zeit lebenden zwölfjährigen Ich-Erzählers Theo Schumann, der – allgemein sehr interessiert an historischen Themen und Zusammenhängen und aktuell angeregt durch eine Familienfahrt zum 50.Geburtstag der Mutter und deren Zwillingsschwester, welcher dort gefeiert werden soll, wo die Schwestern aufwuchsen, nämlich in einem direkt an der damaligen deutsch-deutschen Grenze gelegenen DDR-Kaff –  eine Faktensammlung zum Thema Mauerfall erstellt, wobei sich die Sicht auf die damaligen Ereignisse innerfamiliär als durchaus unterschiedlich erweist, was immer wieder zu Streitigkeiten führt. Theo aber ist einer, der Klarheit will und erlangt sie nach und nach immer mehr zusammen mit seinem Lesepublikum, was die Lektüre nicht nur interessant und lehrreich, sondern gleichermaßen sehr unterhaltsam werden lässt.

Dabei kommen unter anderem immer wieder sogenannte „Histeos“  als geschichtserklärende YouTube-Videos eines Rollstuhlfahrers namens Jo zur Sprache, ebenso wie eingestreute persönliche Erinnerungen der Autorin oder Erlebnisberichte von Zeitzeugen, was die Handlung in Kombination mit weiteren Querverweisen auf geschickte Art und Weise in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzt. So ergibt sich von Erläuterungen zu den Ursachen und Anfängen des geteilten Deutschlands über  die Schilderung der unterschiedlichen Entwicklung der beiden deutschen Staaten bis hin zur friedlichen Revolution im Osten und der anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Mauerfalls durchaus berechtigt gestellten Frage, ob es noch immer „Ossis“ und „Wessies“ oder eine Mauer in den Köpfen gäbe.

Damit auch diese unsichtbare Mauer in den Köpfen irgendwann zum Einsturz kommt, sind Bücher wie dieses  ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung und das von Juliane Breinl im besonderen ein angenehm persönlich gehaltener,  diskursiv und informativ gezeichneter Abriss zum Thema Mauerfall, welcher nicht nur für die eigentliche Zielgruppe, sondern weit darüber hinaus bereichernd und erhellend ist.

 

Juliane Breinl: Mein Mauerfall

arsEdition, 2019