Archiv für den Monat Dezember 2019

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019

Affe Bär Zebra

Das Porträt eines Zebras vor einem in dunklen Rot- und Blautönen gehaltenen Hintergrund, der das verwendete Medium Holz in feinen Maserungen erkennen lässt, zeigt das in rotes Leinen eingefasste Buchcover. An der Art der Verarbeitung zeigt sich bereits auf bemerkenswert schöne Weise, wieviel Augenmerk dieses neue ABC-Bilderbuch auf hochwertige künstlerische Qualität setzt.

Abgesehen von dem schöne blaue Eier legenden und bei den Indianern göttlich verehrten Quetzal, dem besser als Ameisenbär bekannten Vermilingua oder Xiphias Gladius, dem Schwertfisch – jene Tiere, die in diesem Buch für die Buchstaben Q, V und X stehen – erwarten uns hier eher weniger extravagante Überraschungen, sondern es begegnen uns jene Tiere, die uns meist spontan zuerst einfallen, wenn nach solchen, deren Namen mit A, B, C oder Z beginnen, gefragt wird –  also A wie Affe, B wie Bär, C wie Chamäleon bis hin zu Z wie Zebra.

Was ist es dann, das dieses ABC-Bilderbuch so besonders macht, dass es sich aus der Masse derartiger Bücher (und ja, es gibt wirklich viele davon …) hervorhebt?

Vor allem sind es die wirklich schönen und ansprechenden, meist nur in drei oder vier Farben gehaltenen Illustrationen der Tiere in Form von wunderbaren Holzschnitten ohne jeglichen Schnickschnack, verbunden mit dem Selbstporträt der Tiere in Versform, liebevoll geschrieben, behutsam aus dem Niederländischen übersetzt und trotz der Kürze durchaus überraschende und interessante Informationen zum Leben der jeweiligen Tiere enthaltend, dazu als optische Ergänzung wunderbar klar gestaltete Lettern in Groß- und Kleinschreibweise, korrespondierend mit den im Bild verwendeten Farben – und das alles auf hochwertigem Papier in exzellenter Verarbeitung.

Zusätzlich Wissenswertes zu den vorgestellten Tieren findet sich in einem ebenso ansprechend gestalteten dreiseitigen Kurzregister am Buchende, wo wir beispielsweise erfahren, dass Affen ziemlich gute Augen haben, Bären keinen richtigen Winterschlaf halten, Chämäleons vor allem entsprechend ihren Gefühlen und weniger der Tarnung wegen die Farben wechseln oder das Streifenmuster der Zebras bei jedem Exemplar ganz individuell wie bei unserem Fingerabdruck  ist.

Auch auf die Gefahr hin, sich das x-te ABC-Buch ins Regal zu stellen – dieses ist eine kleine Buch-Kostbarkeit, die Kinder wie Erwachsene erfreut und deren Anschaffung sich für alle Sinne lohnen wird.

 

Affe Bär Zebra

Illustration: Henriette Boerendans

Text: Bette Westera

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracariverlag, 2019

Verlorene Arten

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir auf der Erde von einer Vielzahl von Tieren umgeben sind, die es infolge von Klimaveränderungen und zunehmender Zerstörung ihrer Lebensräume möglicherweise in naher Zukunft nicht mehr geben wird, betrachten wir ein Buch über verlorene Arten mit anderen Augen, zumal wir Menschen oft nicht ganz unbeteiligt am Verschwinden dieser Tiere sind.

Die britische Tierärztin und Autorin Jess French hat zusammen mit dem Illustrator Daniel Long ein  gestalterisch wie  inhaltlich bemerkenswertes Bilderbuch-Kompendium solcher ausgestorbenen Tiere geschaffen.

Ein riesiger Vertreter dieser verschwundenen Spezies, ein Mammut, dominiert das Titelbild und scheint uns aus dem Jenseits zu beobachten und direkt in die Augen zu blicken.

Auf der ersten Seite des farben- und detailreich bebilderten Sachbuchs begegnen wir einem Velociraptor und einem Protoceratops, der eine ein gefährlicher Fleisch- und der andere ein friedlicher Pflanzenfresser, beide bereits vor 70 Millionen Jahren ausgestorben, in einer Szene, wie sie sich damals zugetragen haben könnte. Ob sie tatsächlich so oder ein wenig anders ausgesehen haben, obliegt mehr oder weniger der Phantasie der Nachwelt-Geborenen oder hier des Illustrators, da die Erkenntnisse über den Körperbau dieser Tiere auf Fossilien-Funden basieren, wie die Autorin in einführenden Worten zum Buch erläutert.

Bei den vor etwa 4000 Jahren ausgestorbenen Wollmammuts wissen wir schon wesentlich mehr über deren exaktes Aussehen, weil darüber Funde verstorbener ganzer Exemplare im Eis Sibiriens und Alaskas Auskunft geben können.

Erst in der jüngeren Vergangenheit hingegen gelten die chinesischen Flussdelfine als ausgestorben, nachdem ihre Bestände durch widrige Umweltbedingungen, Schiffsverkehr und Fischerei zunehmend zahlenmäßig zurückgingen, bis kein einziges dieser ausgesprochen freundlich aussehenden Tiere mehr übrigblieb.

Auch der extrem scheue, früher in Taiwan lebende chinesische Nebelparder, dem wohl sein wunderschönes Fell und die Zerstörung seiner Lebensräume zum Verhängnis wurde, gilt seit 2013 als ausgestorben, nachdem trotz mehrjähriger Suche keine lebenden Exemplare mehr gesichtet wurden.

Unbekannt hingegen ist die Zeit des Aussterbens eines gepanzerten, mit Warzen bedeckten kleinen Sauriers, dem Kumbarrasaurus. Weitere zu unterschiedlichen Zeiten ausgestorbene Tiere wie die über drei Meter großen straußenähnlichen, aber flügellosen Riesenmoas, tasmanische Beutelwölfe, Magenbrüterfrösche, Spinosaurier, Koalalemuren, Dodos, Säbelzahnkatzen und viele andere bis hin zur bekannten einsamen Riesenschildkröte namens „Lonesome George“ werden vorgestellt und die unterschiedlichen Ursachen ihres Verschwindens beleuchtet – ein hochinteressanter und nachdenklich stimmender Einblick in die manchmal unausweichlichen, manchmal aber auch zu beeinflussenden Geschehnisse, die evolutionäre Veränderungen bewirken können.

 

Verlorene Arten

Text: Jess French

Illustration: Daniel Long

Knesebeck, 2019

 

Binette Schroeder – Bilderbuchbrunnen

In einem gewichtigen Jubiläums-Sammelband, der mehr als 300 Buchseiten umfasst und genau 1725 Gramm auf die Waage bringt, sind unter dem poetischen Titel „Bilderbuchbrunnen“ zwölf großartige Bilderbücher aus fünf Jahrzehnten versammelt, die allesamt von Binette Schröder entstammen und  anlässlich ihres diesjährigen 80. Geburtstages im NordSüd-Verlag erscheinen – eine sehr schöne und angemessene Form der Wertschätzung ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrem Erstling, dem natürlich auch im Band vertretenen, inzwischen zum Klassiker gewordenen „Lupinchen“, welches von einem zarten Puppenmädchen und dessen Abenteuern mit dem treuen Vogel Robert, dem von englischen Kinderreimen inspirierten eiförmigen Männchen Humpty Dumpty und dem Schachtelmann Herrn Klappaufundzu erzählt und bildnerisch an einem Brunnen stehend die Titelseite schmückt, sowie  weitere Protagonisten und Details ihrer Geschichten zeigt, erreichte Binette Schröder große Aufmerksamkeit.

Die meisterhaften Illustrationen von Binette Schröder sind Kunstwerke voller Magie, Poesie und ungeheurer Ausdruckskraft. Mit beachtlicher Präzision und  Detailreichtum stattet sie ihre bildnerischen Szenerien aus, die vor surrealen Landschaften wie Bühnenbilder anmuten und märchenhafte, phantastische, zuweilen auch humorvoll-satirische oder comicartige und schriftgestaltende Elemente aufweisen.

Die erste Bilderbuchgeschichte von Lelebum, dem blauen Elefant, der alles versucht, um normal und elefantengrau zu werden, es dennoch nicht schafft, aber seinen Frieden damit findet, hebt sich im Illustrationsstil, der hier geprägt  von starker Abstraktion und Reduktion, aber nicht minder ausdrucksstark ist, deutlich von den folgenden ab. Der Autor dieser Geschichte, wie auch einiger weiterer, ist Schröders Ehemann Peter Nickl.

Die Illustrationen in der folgenden Geschichte („Archibald und sein kleines Rot“) wechseln zwischen zart und akribisch ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen als einziger Farbtupfer Archibals rote Wangen imponieren und farblich durchkomponierten Bildern ab.

Nach dem bereits erwähnten Lupinchen geht es weiter mit der Geschichte von Pferd Florian und Max, dem Traktor, welcher den tüchtigen Florian sukzessive ersetzen soll, was diesen eifersüchtig werden, aber letztlich dennoch nicht nutzlos bleiben lässt. Weitere Geschichten erzählen von einer kleinen Lok, die davon träumt, um die Welt zu fahren, von einem Krokodil, das eine fürchterliche Entdeckung in einem Kroko-Laden macht und sich entsprechend zu revanchieren weiß (diese eher nichts für allzu Zartbesaitete …), vom – erstaunlich detailreich bebildert – sich zum Prinzen wandelnden Froschkönig, vom sich ihren Ängsten stellenden Mädchen Laura, von einem rüstigen und einem rostigen Ritter, welche sich erbittert um eine Riesenblume streiten und vom Zauberlehrling,

dem ein Drachenei vor die Füße fällt und der mit Rotkäppchen picknickt. Den Abschluss geben Bildergeschichten im Comic-Stil von Zebra Zebby, welches im Sturm seine Streifen verliert, von Hund Tuffa, der eine Schweinehaxe stibitzt und weiteren Abenteuern sowie ein ausführliches und interessantes Nachwort von Christiane Raabe zu Binette Schröders Illustrationskunst.

Binette Schröders Bilderwelten, in denen sich so herrlich schwelgen, phantasieren, rätseln  und staunen lässt, sind zeitlos schön und einem Brunnen vergleichbar, der niemals versiegen sollte, weil er großartige Schätze birgt, die noch viele – kleine und große – Kinder bergen sollten.

 

Binette Schröder Bilderbuchbrunnen

Illustrationen: Binette Schroeder

Text: Binette Schroeder & Peter Nickl sowie Brüder Grimm (Froschkönig)

NordSüd, 2019