Archiv für den Monat Juni 2020

Auch Affen wollen schlafen

Das stilvoll in schwarzes Leinen eingefasste Buchcover zeigt in dunklen Rot- und Orange-Tönen einen auf Blätter gebetteten, friedlich schlummernden  Affen. Passend zum Einband und zur nächtlichen Stimmung ist auch das Vorsatzpapier ganz in Schwarz gehalten. Das unaufdringlich schöne Bilderbuch von Henriette Boerendans mit dem etwas sperrigen Titel  „Auch Affen wollen schlafen“ widmet sich den unterschiedlichen Schlaf- und sonstigen Lebensgewohnheiten der Tiere.

Insgesamt dreizehn Tierarten werden vorgestellt – angefangen mit dem niedlichen kulleräugigen  Gespenstertier, welches so klein ist, dass es in eine Brotdose passen würde, nachts auf Abenteuer geht und in der den Text begleitenden Illustration sich im bläulichen Mondlicht mit vergleichsweise großen Händen beinahe ängstlich an einen Ast klammert, über liebevoll im Winterschlaf aneinandergeschmiegte Dachse, drei Zwergmäuse in Knetgummigröße in ihrem gemütlichen Schlafnest aus Getreidehalmen, einen (vielleicht von Herrchens Gummistiefeln) träumenden Dackel, ein nachts nach Futter suchendes Erdferkel, den schlummernden Schimpansen vom Titelbild, von dem wir erfahren, wie geschickt er seine Schlafstätte aus Zweigen und Laub baut, einen Orang-Utan mit Riesenblatt-Regenschirm, zwei im Meer jagende (und dort auch schlafende) Seeotter, ein kopfüber schlafendes Dreifingerfaultier, zwei Eichhörnchen in einem ihrer Baumnester (sie haben nämlich mehrere Schlafstätten), zwei Spechte beim Bauen ihrer Baumstammhöhle, einen Seeadler auf seinem Horst bis hin zur wochenlang aus Fürsorge nicht schlafenden Blauwalmutter mit ihrem Kind.

Die jeweiligen Eigenheiten der Tiere beim Schlafen und Wachen werden liebevoll anhand interessanter Details und Vergleiche beschrieben. Wunderbare Holzschnitte in einer eigenwillig-schönen Farbgebung illustrieren die einzelnen Tierporträts.

Die Abbildung eines schlafenden Menschenkindes am Ende und gute Wünsche für die Nacht runden das  Ganze zu einem friedlich in die Nacht begleitenden Einschlaf-Bilderbuch ab.

 

Auch Affen wollen schlafen

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracari verlag, 2020

 

Der Zyklop

Ein echsenartiges grünliches Wesen nimmt vor schwarzem Hintergrund beinahe die gesamte Titelseite des Bilderbuchs ein. Dem Buchtitel zufolge, welcher sich als weißer Schriftzug auf dem Bauch des sich lässig halbliegend drapierenden  Echsenwesens ausbreitet, ist es ein Zyklop, ein einäugiger Riese, auch bekannt als Gestalt der griechischen Mythologie. In seinen froschartigen Echsenfingern hält der Zyklop, schon mal genüsslich daran leckend, einen gelb-schwarz-gepunkteten Käfer, welchen er wohl gleich zu verspeisen trachtet, während ein Artgenosse desselben entsetzt vom rechten Bildrand aus den Vorgang beobachtet.

Nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern durch tastbare Strukturen auch haptisch erlebbar präsentiert sich das Spannung versprechende Buchcover. Auch die inneren Umschlagseiten, welche wie unter dem Mikroskop vergrößert die Grafik der Echsenhaut verdeutlichen und die sich über zwei Buchseiten erstreckende Abbildung des riesigen wie bedrohlichen gelben Zyklopenauges ziehen die BetrachterInnen magisch ins Geschehen.

Am Ortseingang des Dörfchens Krümelspritz sitzt der Zyklop am Ufer eines Flusses sein Spiegelbild betrachtend und missmutig über seine mindere Sehkraft sinnierend – fast wirkt er ein wenig mitleiderregend. Wärenddessen geht es im Insektendörfchen Krümelspritz, in dem sich jeder seiner Bewohner geschäftig seinen alltäglichen speziellen Aufgaben widmet,  recht beschaulich zu: Die Seidenraupe spinnt Bettdecken, die Kakerlake sammelt die vollgekackten Eimerchen ein, die Rote Kreuzspinne versorgt die Kranken, die Wasserjungfer verteilt Gläser mit Getränken, die Fleischfliege macht Rauchwürste …

Aber dann wird das Idyll gestört, als plötzlich das ganze Dorf bebt und alles durcheinanderwirbelt. Das vermeintliche Erdbeben hat der plump ins Örtchen hereintrampelnde Zyklop ausgelöst, der sich dabei den Fuß verletzt, als er auf das Häuschen der Seidenraupe tritt, sich dann am Kirchturm stößt, über einen Bus stolpert und ermattet an der zerstörten Kirche lehnend innehält. Statt nun aber erbost und wütend zu sein, kommen die Krümelspritzer aus ihren Verstecken und sorgen sich trotz der Zerstörungen zunächst erst einmal um die Gesundheit des matten fremden Herrns in erstaunlicher Arglosigkeit und rührender Höflichkeit. Der schlaue Käferjunge Karl erkennt, was der Herr wirklich braucht – nämlich eine Brille. Die überaus netten und hilfsbereiten Krümelspritzer machen sich sogleich gemeinschaftlich an die Arbeit und bauen dem Zyklopen eine Brille, mit welcher er plötzlich alles deutlich sehen kann.

Und was macht der Zyklop? Der hat nichts Besseres zu tun, als gleich noch den Rest der halb kaputten Häuser vollends plattzutreten – weil er ja nun richtig erkennen kann, was er da tut. Und selbst angesichts der weiteren Zerstörung wahrt der Krümelspritzer Bürgermeister Contenance und Höflichkeit. Auf den Einwand, dass das ja nicht gerade nett gewesen sei, entgegnet der Zyklop, dass er ja schließlich ein Zyklop und nicht nett sei. Und dass vielleicht sie, die Krümelspritzer eine Brille bräuchten, wenn sie das nicht gesehen hätten. Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass das aus der Sicht des  Zyklopen durchaus logisch klingt, jedoch überwiegt dann doch eine gewisse Empörung über derartig undankbare Dreistigkeit, versetzt man sich in die Lage der Geschädigten.

So tsunamihaft das Geschehen gekommen ist, so schnell ist es auch schon wieder vorüber und eine gewisse Verblüffung über den für die Dorfbewohner wahrlich ungerechten Ausgang bahnt sich an. Fassungslos – und selbst dann noch mitfühlend, weil er ja so einsam ist, der Herr  Zyklop – schauen sie dem nun das Dörfchen verlassenden Riesen hinterher. Während dieser sinnierend am Flussufer sitzt und noch immer nichts anderes als nur sich selbst sieht, machen sich die liebenswürdigen Dorfbewohner schon wieder freudig an die Arbeit, um alles wieder aufzubauen.

Das außergewöhnliche Bilderbuch besticht einerseits durch den überraschenden Fatalismus seiner Grundaussage und darüber hinaus vor allem durch die ausdrucksstarke und detailreiche bildnerische Gestaltung, welche mittels sparsam in Pastelltönen colorierten Linoldrucken wie in einem Comic umgesetzt wird und Kleinen wie Großen eine wahre Freude beim Anschauen macht.

 

Der Zyklop

Text: Daan Remmerts de Vries

Illustration: Floor Rieder

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020