Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf

„Genauso wie der Künstler ein unstillbares Verlangen zu malen in sich fühlt und der Poet seinen Gedanken freien Lauf lassen muss, fühlte ich mich gedrängt von einem unbezwinglichen Wunsch, die Welt zu sehen.“

So beschreibt sich Ida Pfeiffer, eine insbesondere in ihrer Zeit außergewöhnliche Frau, geboren 1797 in Wien, welche entgegen aller Konventionen und ohne finanzielles Vermögen  ihren von Kindheit an bestehenden großen Traum vom Weltreisen und Forschen mit 44 Jahren zum ersten Mal und als erste Frau in die Tat umsetzte. Von der erfolgreichen Veröffentlichung ihrer Reisebeschreibungen finanzierte sie weitere Reisen nach Palästina, Ägypten, Indonesien, Madagaskar und Mauritius, während derer sie sich intensiv  Tier- und Pflanzenstudien, verschiedenen Sprachen und der Fotografie widmete.

Dem ungewöhnlichen Lebensweg Lisa Pfeiffers mit ihrem unbändigen Abenteuer- und Forscherdrang hat Linda Schwalbe, die in Halle und Berlin Illustration studierte und sich ganz ähnlich wie Ida Pfeiffer von Entdeckungen, Abenteuern, Musik und Natur inspirieren lässt, ein bemerkenswert schönes und Fernweh weckendes Bilderbuch gewidmet mit vielen ausdrucksstarken, vor allem in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb gehaltenen, an Kinderzeichnungen erinnernden Illustrationen, die noch sehr viel mehr über den Text hinausgehende Dinge erzählen und Lust zum Entdecken entfachen.

Beginnend  im Jahr 1802 in Wien beschreibt sich darin die fünfjährige Ida als „nicht schüchtern, sondern wild wie ein Junge und beherzter und vorwitziger als meine Brüder“ mit einem Kopf  voller Abenteuer, die sie sich mit Blick auf die Berge sinnierend am Fenster eines türkisblauen und stuckverzierten Hauses  erträumt und in einer orangeroten Gedankenblase zu Buch-Bildern werden. Wie würde wohl die Welt hinterm Kaiserzipf aussehen? Das will die kleine Ida unbedingt wissen und ist sich sicher, eines Tages als Urwaldforscherin unbekannte Schmetterlingsarten zu entdecken, was sie in Expeditions-Spielen mit ihren Brüdern und Insekten-Sammeln schon mal vorweg auslebt und in zahlreichen Zeichnungen festhält, die von exotischen Abenteuern künden. Idas Mutter hingegen ist vom Abenteuerdrang der Tochter wenig begeistert und findet, sie solle lieber zu Hause bleiben und sich darum kümmern, ein „vorbildliches Fräulein“ zu werden. Also wird Ida zunächst ein „anständiges“ Mädchen, sie heiratet und bekommt Kinder. Erst als diese ihre eigenen Wege gehen, besinnt sich Ida ihrer fast vergessenen Träume und packt ihre Abenteuer-Koffer. Sie umsegelt die ganze Welt, ernährt sich wie die Matrosen von Erbsensuppe und Salzfleisch, entdeckt Orte voller Geheimnisse, trifft auf Delfine, sucht im Dschungel nach dem Zipfelflügeligen Schnalzfalter, begegnet freundlichen Menschen wie Ayu und ihren Freunden, erforscht die Natur, lernt  viele Kulturen kennen – und zehrt von ihren Eindrücken und Erlebnissen ein Leben lang. Zufrieden lächelnd und sinnierend sitzt die ältere Ida, mit einer Feder schreibend und umgeben von Erinnerungsstücken in einem türkisblauen Zimmer …

Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf

Text und Illustration: Linda Schwalbe

NordSued Verlag, 2020

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