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Das ChaMALeon ist Maskottchen der Kunstwerkstatt MALKASTL, einem Raum für kreatives Denken und Tun, Experimentieren und Entspannen. Aus dem prallgefüllten Atelier-Bücherregal präsentiert es seine Entdeckungen. www.MALKASTL.de

Der Wolf im Schafspelz

Seit Tagen hat der Wolf missmutig nur Nudelsuppe mit Karotten zu sich genommen und so langsam wird der Hunger auf eine richtige Wolfsmahlzeit übermächtig – er braucht jetzt dringend ein Schaf! Weil er davon hörte, dass es in der Umgebung eine Schafsweide gäbe, macht sich der Wolf auf die Suche danach und wird bald fündig. Verkleidet mit einem in der Scheune gefundenen Schafsfell und einer bunten Pudelmütze auf dem Kopf gibt sich der Wolf als mutiges Schaf aus, das einem Wolf entfliehen konnte, was auch den ihm anhaftenden Wolfsgeruch erklärt. Nun gilt er als Held unter den Schafen, die ihn freundlich umsorgen, was er irgendwie zu genießen beginnt. Ein ungewohnt wohliges Gefühl beginnt sich mehr und mehr in ihm auszubreiten …

Als der Wolf ein verlorengegangenes Lämmchen „wiederfindet“ (welches er eigentlich fressen wollte), kennt die Dankbarkeit der Schafsherde kaum noch Grenzen. Und wieder ist da dieses unbekannt wohlige Gefühl. Andererseits … er ist schließlich ein Wolf. Und ein Wolf hat nun mal Appetit auf Schafe. Ein echtes Dilemma!

Wie dieser Wolf immer wieder gegen seine aufkeimende Sympathie für die Schafe anzukämpfen versucht, die im Widerstreit zu seinem quälenden Appetit auf eine zünftige Wolfsmahlzeit steht, beschreibt diese Bilderbuchgeschichte auf liebevolle und anrührende Weise, so dass man beinahe Mitleid mit dem hungrigen Wolf verspürt, ebenso aber auch hofft, dass den liebenswerten Schafen nichts Schlimmes passieren möge.

Wunderbar fantasievolle und farbenfrohe Illustrationen mit zahlreichen zusätzlichen kleinen Details, die auf ihre Entdeckung warten und zum erzählerischen Weiterspinnen einladen, begleiten die herzerwärmende Geschichte, die ein gewisses Lieblingsbuch- Potential hat und bestimmt kleinen wie größeren Bilderbuchlesern große Freude bereiten wird.

 

Text: Barbara Rose

Illustration: Amrei Fiedler

Tulipan, 2019

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Malen, Basteln, Staunen – Bäume/Insekten

In Zeiten des Klimawandels rückt die Bedeutung unserer Umwelt  wieder verstärkt in unseren Blickwinkel – mehr denn je gilt es die Natur zu schätzen und zu schützen.

Kinderbücher, die zum aktiven Wissenserwerb einladen, fördern die Beschäftigung mit Themen des Naturschutzes. Die erfolgreiche Buchreihe „Expedition Natur – Malen, Basteln, Staunen“ vermittelt mit zwei neuen Mitmachbüchern entsprechende Lerninhalte – nun zu den Themen Bäume und Insekten – auf spielerische Art und Weise.

Die als Broschüren im Schulbuch-Format gestalteten Bücher laden auf jeweils 40 Seiten mit für Kinder verständlich erklärten und interessanten Sachinformationen, ansprechend gestalteten detailreichen Illustrationen sowie speziellen Anregungen zum Ausmalen, Ausschneiden und Ausfüllen zur intensiven Auseinandersetzung mit den Themen „Bäume“ und „Insekten“ ein.

Auftaktgebend ist jeweils eine auf die innere Umschlagseite gedruckte tiefgründige Fabel vom Kolibri, der mit einem Wassertropfen in seinem winzigen Schnabel seinen eigenen kleinen Beitrag zur Löschung eines Waldbrandes leistet; verbunden mit der Frage an das lesende Kind, ob es selbst so ein kleiner Kolibri sei, der zum respektvollen Umgang mit der Natur beitragen will – ein schöner einführender Impuls zum Nachdenken.

Um etwas bewirken zu können, ist zunächst umfassende  Information zur Thematik gefragt: Sachwissen über Unterschiede von Tieren und Pflanzen, Aufbau und Eigenheiten der Bäume, ihre Veränderung im Verlauf der Jahreszeiten, Gegenüberstellungen von Blättern und Früchten verschiedener Baumarten können sich die mit dem Baum-Buch beschäftigenden Kinder Schritt für Schritt erarbeiten und über Handlungsimpulse – wie etwa ein Baum-Kunstwerk zu gestalten, die Höhe eines Baumes zu bestimmen oder eine Eiche zu pflanzen – auch selbst aktiv werden.

Entsprechend ähnlich ist auch das Insekten-Buch gestaltet und aufgebaut; hier kann beispielsweise eine große Feuerwanze mit Farbstiften ausgemalt, wissenschaftliche Insektennamen vergeben und eine Schwebfliege mit einer Wespe verglichen werden. Am Beispiel des Marienkäfers wird anschaulich der Lebenszyklus eines Insekts erklärt und illustriert. Welche Insekten es in unserer Umgebung gibt, wo sie wohnen, wovon sie sich ernähren, wie sie zur Pflanzenvermehrung beitragen,  was wir selbst tun können, um Insekten zu schützen und vieles mehr kann hier ausführlich ergründet werden.

So sind auch diese beiden schön gestalteten Sachbuch-Broschüren der Kolibri-Fabel gemäß ein kleiner, aber wichtiger Beitrag dazu, kindgerecht Naturwissen zu vermitteln und die Sensibilität der heranwachsenden Generation für die Belange unserer Erde zu entwickeln.

 

Expedition Natur Malen, Basteln, Staunen – Bäume

und

Expedition Natur Malen, Basteln, Staunen – Insekten

Text: Francois Lasserre

Illustration: Isabelle Simler

Moses. Verlag, 2019

Pilze

Wir erfreuen uns bei einem Waldspaziergang an ihrem Aussehen, wir sammeln sie, wir essen sie, sie begegnen uns in vielfältigen Formen etwa als Schimmel auf dem Käse oder an Hauswänden: Pilze – weder Pflanzen noch Tiere, sondern eine eigene, faszinierende Welt mit vermutlich vielen noch unentdeckten Geheimnissen und Potentialen. Noch bis in die sechziger Jahre wurden sie zu den Pflanzen gezählt, dabei sind sie sogar näher mit den Tieren verwandt, wie man inzwischen weiß. Wie bei gepanzerten Insekten und anderen Gliederfüßern vorkommend, bestehen ihre Zellwände aus Chitin. Und ebenso wie Tiere speichern sie als Energiereserve Glykogen und Fett. Andere tierische Merkmale, wie die Fähigkeit sich zu bewegen, fehlen jedoch.  Pilze stellen neben Flora und Fauna sogar eines der größten Reiche in der Natur dar, wobei noch nicht einmal alle Pilzarten beschrieben worden sind, erst 7 % Prozent der Pilze sind bekannt – welch ein Mysterium! Grund genug, ein Buch ganz den Pilzen zu widmen und ihre Geheimnisse näher zu beleuchten.

Nach Erläuterungen zum Aufbau der Pilze befassen sich weitere Kapitel mit Speise- und Giftpilzen sowie seltenen und gefährdeten Exemplaren. Auffällig ist, dass die Pilze oft sehr lustige oder seltsame Namen tragen, in die spezielle Beobachtungen der Forscher eingeflossen sind. So lesen wir, dass der Name „Hallimasch“ beispielsweise von der rustikalen Redewendung „heil im Arsch“ herrührt, weil er hilfreich bei Hämorrhoiden sei.

Wir erfahren, wie man Pilze im Garten, Keller oder der Garage selber züchten kann, was beim Sammeln im Wald zu beachten ist, welche gefährlichen Doppelgänger von Speisepilzen es gibt, wie Pilze haltbar gemacht werden können sowie leckere Pilzrezepte.

Allerlei Interessantes und Wissenswertes wird  von den Baumpilzen berichtet – mit manchen von ihnen kann man sogar Feuer anzünden oder Blutungen stillen. Auch von den Trüffeln als den teuersten Pilzen ist Interessantes zu erfahren. Mit etwas Geschick kann man seinen Hund zum Trüffelsucher dressieren.

Eine Doppelseite wird allein den Fliegenpilzen gewidmet und erklärt, was es mit sogenannten Hexenringen und Feenkreisen auf sich hat.

Wie Pilze in anderen Kulturen verwendet werden, wie sie als Heilmittel oder bei der Käseherstellung eingesetzt werden, wie sie aus Teig Brot werden lassen, welche Pilze Krankheiten verursachen, was Raubpilze und deren „Jagdtechniken“ sind, Wissenswertes über Flechten, Leuchtpilze, Pilzrekorde, wie Pilze mit Pflanzen oder Tieren Teamwork betreiben und viele weitere interessante Fakten wie Pilze als mögliches „Plastik der Zukunft“ erläutern weitere Doppelseiten. Selbst „unechte Pilze“ wie Stopfpilze, pilzförmige Felsen- oder Wolkenformationen werden thematisiert.

Mit einer Fülle an hochinteressanten Informationen, die erstaunen lassen und wunderbar detailreichen Illustrationen, welche sich nicht nur auf die korrekte Wiedergabe der Pilzanatomie beschränken, sondern darüber hinaus wohldosiert humorvolle künstlerische Extras platzieren, gelingt es auf sehr bereichernde und unterhaltsame  Weise, in die faszinierende Welt der Pilze einzutauchen.

 

Titel: Pilze – Verrückte Fakten über Fliegenpilz, Hefe & Co.

Text: Liliana Fabisinska

Illustration: Asia Gwis

Übersetzung aus dem Polnischen: Thomas Weiler

Knesebeck, 2019

Mein märchenhaftes Suchbilderbuch

Vor dem schwarzen Hintergrund erscheinen die auf dem Buchcover abgebildeten liebenswert und lustig gezeichneten  Figuren – unschwer als Märchen entstammenden Charakteren zu erkennen – kontrastreich und farbenfroh. So reitet in flottem Galopp ein gestiefelter Kater auf dem weißen Zugpferd, das eine Kutsche in Erdbeerenform mit darin befindlicher Prinzessin bewegt. Im gesamten Bilderbuch, dessen märchenhafte Geschichte ganz ohne Begleittext auskommt und allein über die lebendigen Bilder erzählt wird, setzt sich diese farbliche Gestaltung fort und entwickelt damit einen ganz besonderen optischen Reiz.

Beginnend mit einer städtischen Szenerie – eine Mutter macht sich mit ihrer Tochter, welche ein rotes Käppchen trägt, auf den Weg zum nahe der Stadt gelegenen Wald, in welchem schon erwartungsvoll ein Wolf hinter einem der Baumstämme hervorlugt – setzt sich die ideenreich in Bildern erzählte Märchen-Kombinations-Geschichte mit steigender Spannung und dynamischer Dramaturgie entlang des Waldweges fort, um schließlich in einem furiosen (und zum Glück freudigen) Finale zu enden.

Während die aus bekannten Märchen ( wie Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein, Rapunzel, Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Dornröschen, Schneewittchen und Der kleine Däumling) vertrauten Elemente nebst einigen zusätzlichen Accessoires (wie rotes Fahrrad,  Eule, rotes Auto, Katze, Vogel, Fliegenpilz oder ein ziemlich großer Schuh samt grünkariertem Hosenbein) sich nach und nach in die Geschehnisse rund um die anfangs beginnende Rotkäppchen-Handlung einreihen, parallel weiterentwickeln, miteinander kombinieren, verweben und mitunter zu überraschenden Wendungen führen, entsteht im Prinzip ein neues Märchen, dessen Verlauf zu entdecken und zu verfolgen ein großer gemeinsamer Such- und Rätselspaß werden kann, wobei es natürlich von Vorteil ist, die ursprünglichen Märchen schon ein wenig zu kennen.

 

Mein märchenhaftes Suchbilderbuch

Illustration: Caroline Ellerbeck

aracari Verlag, 2019

Die Sinne

Verschlungene ornamentale Muster, welche sich bei genauerem Hinschauen als Zellen oder Organellen erweisen, ranken sich vor dunkelrotem Hintergrund um den Buchtitel. In stärkerer Vergrößerung, jetzt in Schwarz-Weiß, erscheinen ähnliche Strukturen kontrastreich im Vorsatzpapier, bevor der Prolog zu diesem bemerkenswerten Wissenschafts-Comic über die Sinne uns in die Handlung führt. Der Autor, Dr. Matteo Farinella, kombiniert auf einzigartige Weise sein illustratorisches Talent mit berufsbedingtem neurowissenschaftlichen Fachwissen zu einer auch für Laien hochinteressanten und ebenso unterhaltsamen Graphic Novel.

Die Protagonistin der Story ist Diane, eine Wissenschaftlerin, die über ihre Arbeit im Labor, VR-bebrillt und gefesselt vom Testen ihres beinahe fertigen Augmented-Virtual-Reality-Systems im Selbstversuch, beinahe den Bezug zur Realität zu verlieren scheint, als sie das Angebot einer Freundin, zu deren benachbarter Party zu kommen, hinausschiebt, um sogleich wieder in ihre virtuelle Welt der Sinne einzutauchen.

Die komplexen Funktionsweisen des Tastens, Schmeckens, Riechens, Hörens und Sehens werden uns über Dianes Erlebnisse in den von ihr selbst kreierten Sinneswelten nahegebracht, in denen sie wie eine Forschungsreisende durch Landschaften aus Nerven, Zellen, Papillen, Botenstoffen und Rezeptoren wandert, dabei Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Kreaturen und Strukturen macht, um mit diesen und über diese auch mit uns in Dialog zu treten.

Da doziert eine Riesenmaus über die Unzulänglichkeit des menschlichen Tastsinns, da tauchen Rezeptoren mit professoralem menschlichen Antlitz auf, um sich zu erklären, dort wandert Diane mit einem ritterlichen Begleiter durch überdimensionale Geschmacksknospen oder trifft auf das in Wunderbeeren enthaltene geheimnisvolle Miraculin, welches es schafft, einen vermeintlich süßen Geschmack zu schaffen, indem es sich an Süßrezeptoren in inniger Umarmung anheftet und es so schafft, sie als Antwort auf Säuremoleküle zu aktivieren – was damit illustrativ verdeutlicht wird, dass Dianes Begleiter es nur mit sanfter Gewalt  schafft, die beiden Frischverliebten voneinander zu trennen. An anderer Stelle trifft Diane Kikuma Ikeda, welcher den köstlichen Geschmack Umami jenseits von Süß, Bitter, Sauer oder Salzig in japanischer Algenbrühe entdeckte und damit das Glutamat als deren geheime Ingredienz ausmachen konnte. Mit einem schlappohrigen Hund reist Diane in die phantastische Welt der Gerüche mit einer Fledemaus in jene der Geräusche, ein Vogel erklärt das Prinzip der Verarbeitung von Musik im Gehirn, bevor Diane letztlich mit einem neuen Begleiter die erstaunlichen Mechanismen des Sehens ergründet.

In einem Epilog verfolgen wir Dianes allmähliche Rückkehr aus dem Virtuellen, bei der die kreative Kraft ihres Geistes – höchst anschaulich und unterhaltend in Bilder und Dialoge gefasst- vermag, in die Organellen der fünf Sinne einzutauchen und damit auch unser Verständnis für diese hochkomplexen Zusammenhänge schärft, zurück ins Reale.

Wenn wissenschaftliche Zusammenhänge derart aufbereitet den Weg zu unseren Sinnen finden, ist auch unsere Realität ein stückweit bereichert.

Die Sinne, Illustration & Text: Dr. Matteo Farinella, Kunstmann, 2019

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

Applejucy

Sie ist ein kreatives Allroundtalent: Tina Birgitta Lauffer schreibt und zeichnet, macht Musik, ist Puppenspielerin und Bauchrednerin. Dass ihr Toleranz und Menschlichkeit ein großes Anliegen sind, wird in jedem ihrer Werke überaus deutlich – so auch in ihrem neuen Abenteuer-Roman für Kinder, der uns mit seiner Geschichte um das aufgeweckte, sehr sympathische  und sich stets für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzende Hexenmädchen Applejucy in die Welt des 18.Jahrhunderts nach Amerika versetzt, in die Zeit des Sklavenhandels.

Als auf der Hexeninsel Green Witch Island das zwölfjährige Mädchen Applejucy – welches so genannt wird, weil es  sich vor allem im Herbeizaubern von Äpfeln sehr talentiert zeigt, während es mit dem Herbeizaubern anderer Dinge wohl noch ein wenig üben muss – eines Tages auf zwei Menschenkinder, die Geschwister Jomo und Nana, trifft und zunächst sehr beunruhigt ist, weil es Menschenkinder eigentlich gar nicht geben soll, merkt Applejucy jedoch schnell, dass alle Angst vor ihnen völlig unbegründet ist. Die aus Afrika kommenden Geschwister, deren Mutter von Sklavenhändlern nach Amerika verschleppt wurde, werden schnell Jucys Freunde und sie beschließt, ihnen bei der Suche nach ihrer Mutter zu helfen, wobei sie auch ihre –mal mehr und mal weniger gut gelingenden- Hexenkünste zum Einsatz bringt.

Das sehr schön gestaltete und neugierig auf den Buchinhalt machende mintfarbene Cover zeigt die rothaarige Applejucy mit ihrem Papagei vor maritimem Hintergrund mit einem historischen Segelschiff am Horizont, eingerahmt von floralen Intarsien, die auch in den umrahmten Seitenzahlen wiederkehren und gut zur Zeit der Romanhandlung passen. In 18 Kapiteln auf über 200 Seiten, versehen mit gelegentlichen eingestreuten Schwarz-Weiß-Illustrationen, begleiten wir mit zunehmender Spannung die drei Kinder nebst vorwitzigem Papagei Luis – wobei ihnen wie ein schützender Engel zuweilen Jucys neues Kindermädchen Miss Tuamoto zu Hilfe eilt – auf ihrer abenteuerlichen Mission nach Amerika und hoffen, bangen und lachen mit ihnen. Im Laufe der atemberaubenden Handlung erfahren wir – kindgerecht erläutert – einiges über die historischen Gegebenheiten aus der Zeit des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert und dessen unfassbare Unmenschlichkeit.

Sehr ambitioniert, detailreich, schwungvoll, spannend und mit viel Situationskomik erzählt, ist dieser abenteuerliche Kinderroman, der sicher viele Mädchen und Jungen begeistern wird und auf Fortsetzungen hoffen lässt, ein großes Lesevergnügen und gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer für Menschlichkeit und gegen jegliche Form von Rassismus.

 

Titel: Applejucy – Abenteuer in Amerika

Text: Tina Birgitta Lauffer

Illustration: Stephanie Röttger

Verlag Monika Fuchs, 2019

Gäste in meinem Garten

Es ist ein Refugium des Grünens und Blühens, des Zwitscherns, Summens, Brummens, Scharrens  und Gackerns, welches die Autorin mit ihrem Kraft- und Rückzugsort, ihrem geliebten Stadt-Garten, so  plastisch, kenntnisreich, humorvoll und unterhaltsam beschreibt, dass man sich lesend augenblicklich an diesen wunderbaren, energiespendenden Ort versetzt fühlt und sich mit ihr um alle seine Bewohner aus Flora und Fauna zu sorgen beginnt.

Wir erleben mit, wie Regina, die Bienenkönigin samt Hofstaat dort Residenz bezieht und fragen uns, ob sie sich wohl wie erhofft mit den bereits Ansässigen, Hund Erbse und den Hühnern, vertragen  und an den üppig vorhandenen Blüten laben sowie alle mit Stichen verschonen wird. Wir versetzen uns in das Gefühl ihrer Vorfreude im Frühling auf alles, was da jetzt kommen und ans Licht drängen möge, die Freude über die ersten Schneeglöckchen und Schmetterlinge und den Auftritt der Krokusse, der wie ein Fest zelebriert wird. Die Hühner, die Namen tragen wie Ida, Irmchen oder Dorchen, wachsen uns mit jeder erzählten Begebenheit aus ihrem Zusammenleben mit der Gartenbesitzerin ein Stück mehr ans Herz. Wir begeben uns mit ihr mit wachsendem detektivischem Spürsinn auf die Suche nach einem geheimnisvollen Übeltäter, welcher frech Löcher in zarte Pflänzchen knipst, amüsieren uns über die rührend tollpatschige kleine Henne Dorchen, lassen uns von  imaginären Farben und Düften im Überschwang wachsender Blumen und Früchte betören, genießen das Gold des einziehenden Herbstes und die Stille des Winters hautnah mit.

Wer bis jetzt noch kein Sehnen nach einem paradiesischen Garten wie diesem verspürte, wird es spätestens bei der Lektüre dieses wunderbar geschriebenen und farbenfroh illustrierten kleinen Büchleins tun, mit dem man sich am liebsten in eine Hängematte im Grünen zurückziehen und von dieser Idylle träumen möchte.

 

Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln Huhn und Star

Text: Susanne Wiborg

Illustration: Rotraut Susanne Berner

Kunstmann, 2019

 

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019