Archiv der Kategorie: Bilderbuch

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

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Auch solche Tage gibt es

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Aus ungewöhnlicher Perspektive schauen wir von oben auf folgende Szenerie: Ein kleiner rotbrauner Bär mit gelben Stiefeln läuft einen Weg entlang durch einen beängstigend dunklen Wald. Ganz winzig und verloren sieht er im Vergleich zu den hohen Bäumen des Waldes aus. Und so fühlt er sich auch – sehr allein. In der Ich-Form kommentiert der kleine Bär dem Bilderbuchleser seine bedrückende Befindlichkeit. Sein Gang wird immer schwerer, sein Kopf gesenkt und voller Kummer. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und es beginnt zu donnern. Die Körperhaltung des kleinen Bären drückt tiefes Leid aus und ihn umgeben immer dunkler werdende  Farben der Trostlosigkeit. Der kleine Bär beginnt zu weinen und mit dem einsetzenden Regen, der sich in seiner Stärke mehr und mehr steigert, wird auch sein Weinen immer mehr. Völlig erschöpft und schluchzend lässt er sich am Ufer eines Sees zu Boden sinken – ein herzerweichendes Bild des Jammers. Vom anderen Ufer des Sees wird er von einem kleinen grünen Frosch, der einen regenbogenbunten Schirm hält, beobachtet. Der Frosch kommt näher, nun bemerkt ihn auch der kleine Bär, welcher aus seiner misslichen Lage heraus einen vorsichtigen Blick aus tränennassen Augen zum Frosch riskiert. Und schon beginnen die Farben des Himmels sich zu verändern – aus Schwarz wird Grau, aus Grau wird Weiß. Und mit der heller werdenden Himmelsfarbe werden auch die Farben der Umgebung freundlicher. Inzwischen ist der Frosch auf den Kopf des sich nun schon aufrichtenden Bären gekrabbelt und versucht, seinen ziemlich kleinen regenbogenbunten Schirm schützend über diesen zu halten – ein rührender, hoffnungsvoller Anblick. Die Sonne kommt wieder  und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, gleich einen Regenbogen zu sehen. Alles wird gut … Jetzt patschen Bär und Frosch vergnügt und übermütig durch die Pfützen. Den Weg zurück nehmen die Beiden Hand in Hand in einem berührenden Abschlussbild –das Erinnerungen an eine Szene aus Winnie-Puh-Büchern weckt- durch einen nun blütenbunten und sonnendurchfluteten Wald. Der aufgespannte Schirm bleibt liegen. Vielleicht braucht ihn noch jemand anderes?

Im Anschluss an die metaphernreiche Bilderbuchgeschichte wendet sich der Frosch in einfühlsamen Worten in Briefform noch einmal direkt an einen „Kleinen Freund“ und versucht diesem zu verdeutlichen, dass man mit ähnlichem Kummer nicht allein sei, sondern Viele mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert werden, damit umgehen müssen, diese aber auch überwinden können. Man solle sich die Einsamkeit einfach mal als Regen vorstellen und den regenbogenbunten Schirm als alles, was diese überwinden hilft.  Weiterhin gibt es einige hilfreiche  Hinweise und Fragen- bzw. kreative Aufgabenstellungen für Eltern und/oder Therapeuten und die Kinder selbst.

Die liebenswert erzählte und sehr ausdrucksstark bebilderte Geschichte hilft Kindern und ihren Bezugspersonen, über  Gefühle der Einsamkeit oder Traurigkeit miteinander ins Gespräch zu kommen, diese quasi als  „unangemeldete Besucher“ zu akzeptieren und gibt ihnen damit die Möglichkeit, mit Verstimmungsgefühlen besser umgehen zu lernen.

 

Auch solche Tage gibt es

Von Young-ah Kim (Text) und Ji-soo Shin (Illustration)

Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer

aracariVerlag, 2018

In der Nacht, wenn der Hamster erwacht

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Was machen eigentlich all die Tiere da draußen nachts, wenn wir schlafen? Viele von ihnen schlafen so wie wir, manche aber werden jetzt erst so richtig aktiv.

Der titelgebende Hamster zwinkert uns einladend auf dieses schöne Bilderbuch freundlich von der Titelseite zu. Im Buch sehen wir dann vor nachtschwarzer Kulisse  eine Katze durchs Revier streifen, eine niedliche Igelfamilie im Reisighaufen nach Futter suchen, eine Nachtigall im Mondschein inbrünstig ihr Nachtlied schmettern, die angehende Familie Dachs nach einer geeigneten neuen Wohnung suchen, viele Glühwürmchen sternengleich durch die Finsternis tanzen, Fledermäuse wie Säcke hängend oder flatternd,  Frösche im nächtlichen Seerosenteich von Blatt zu Blatt hüpfen, ein Wolfsrudel den Mond anheulen, den Feuersalamander eine Industrie-Silhouette vorm Abendhimmel betrachten, eine Eule nach Mäusen jagen, einen Hamster beim Hamstern bzw. Befüllen seiner Backentaschen mit Früchten und Samen, sieben Siebenschläfer beim Kirschenstibitzen, in Dächern und Autos wuselnde Marder, eine possierliche Hasenfamilie, einen streifenden Fuchs im Birkenwäldchen und noch manche andere Nachtschwärmer bei ihren Aktivitäten.

Jede der gereimten Tiervorstellungen könnte auch eine separate Bilderbuchgeschichte sein. In ihrer Gesamtheit sind die liebevoll und sehr ansprechend illustrierten Tierporträts, in denen leuchtende Farben mit der nächtlichen Dunkelheit in einem interessanten Kontrast stehen, eine schöne Sammlung von Tiergedichten zum Vorlesen und Immer-wieder-Anschauen.

 

In der Nacht, wenn der Hamster erwacht

Von Iris Schürmann-Mock (Text) und Mareike Engelke (Illustration)

Knesebeck, 2018

Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Iris ist eine neugierige junge Schwalbe, die im Frühling immer als Erste in ihren Heimatwald zurückkehrt, um bald schon über die blühenden Kirschbäume zu fliegen und im Sommer den Insektenschwärmen nachzujagen und die Kirschen reifen zu sehen.

Als sich im Herbst wie immer alle Schwalben zum Abflug in den Süden versammeln, wird Iris nachdenklich. Sie fragt sich und die anderen, was eigentlich in ihrem schönen Wald geschieht, wenn die Schwalben nicht da sind. Weil keine Schwalbe jemals im Winter dageblieben ist, kann niemand ihre Frage beantworten. Iris aber möchte auch den Winter einmal erleben und beschließt dazubleiben. Zum Abschied schenkt ihr die alte Schwalbe eine goldene Eichel-Kette. (Zum Glück, wie sich später erweisen wird …)

Iris erlebt nun, wie die Insekten immer weniger werden, wie sich die Blätter färben und von den Bäumen fallen, wie es immer ruhiger im Wald wird, wie es immer kälter wird und eines Tages der erste Schnee fällt. Die kleine Schwalbe friert und schläft erschöpft am Fuße eines Baumes ein, in dem Sam das Eichhörnchen wohnt. Sam interessiert sich für die golden glitzernde Eichel, die da im Schnee am Boden liegt. Von Iris selbst ist außer der goldenen Eichelkette  in der weißen Schneedecke fast nichts mehr zu sehen. Beinahe hätte Iris´ Entdeckerdrang sie das Leben gekostet, wenn das Eichhörnchen sie nicht gerade noch rechtzeitig zu sich in den warmen Bau geholt, beruhigende Geschichten erzählt und zusammen mit Iris nach Eicheln und letzten Insekten unterm Schnee gesucht hätte.

So kann Iris im nächsten Frühling gemeinsam mit ihrem neuen Freund Sam die aus dem Süden heimkehrenden Schwalben begrüßen und wieder die Kirschbäume blühen sehen, im Sommer reichlich Insekten jagen und den Herbst kommen sehen. Diesmal zieht sie wieder mit den Schwalben mit und es heißt, Abschied von Sam zu nehmen. Aber nicht für immer, denn im nächsten Frühling wird Iris bereits sehnsüchtig von Sam erwartet …

Der ewige Kreislauf der Jahreszeitenwechsel wird in dieser wunderbar bebilderten Geschichte eindrucksvoll deutlich gemacht. Wir sehen die erwachende Natur in ihrer ganzen Fülle, die leuchtenden Farben des Sommers, das Mysterium der Sternenbilder, feuerrot und golden leuchtende Herbstbäume und die  beinahe farblose winterliche Kargheit.

 

Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte

Text und Illustration von Philip Giordano

Aus dem Französischen von Ingrid Ickler

Knesebeck, 2018

Bäume

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Das imposante Porträt eines Eichen-Baumriesen-Gesichts schmückt das Cover dieses fantastischen Sachbilderbuchs von Piotr Socha und macht sogleich neugierig auf den Inhalt.

Nachdem uns Socha vor zwei Jahren mit seinem grandiosen Bienen-Buch begeisterte, gelingt ihm das nun mit dem ebenso großformatigen wie großartigen Bäume-Buch, in dem er auf farbigen Bildtafeln, begleitet von wissenswerten Informationen (diese in Fließtext-Spalten neben den Bildtafeln) von Wojciech Grajkowski, die faszinierende Welt der Bäume beleuchtet. Ihre erstaunliche Vielfalt wird uns mit detailreichen Illustrationen und  interessanten Informationen ausführlich vor Augen geführt:

Beginnend mit einem großen ornamentalen und  farbenprächtigen Bild eines mexikanischen Lebensbaumes, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, widmet sich jede der darauffolgenden Doppelseiten speziellen Themengebieten wie solchen, in denen Bäume von Nicht-Bäumen unterschieden, Blattformen, Früchte, Wurzeln oder Baumkronenformen miteinander verglichen oder jahreszeitliche Veränderungen der Bäume erkundet werden und vieles andere mehr. Hochinteressante Fakten wie die Tatsache, dass eine Riesenschildkröte auf Mauritius das Aussterben der dort ansässigen Ebenholzbäume verhinderte, dass manche Baumarten nur in sehr eng begrenzten Arealen der Erde vorkommen, dass Baobab-Bäume in ihren voluminösen flaschenartigen Stämmen große Wassermengen speichern oder dass in den Kronen marokkanischer Arganbäume Ziegen hausen, führen zu überraschenden Erkenntnissen. Sehr anschaulich werden die Dimensionen der verschiedenen Bäume vermittelt, wenn wir sie in unmittelbarer Nachbarschaft der Cheops-Pyramide, von Big Ben oder eines gewöhnlichen Einfamilienhauses vorfinden und vergleichen können oder uns die gewaltige Dicke eines Baumstammes vorstellen, um den sich kreisbildend mehr als 20 an den Händen fassende  Menschen ranken. Die Altersbestimmung heute noch lebender Bäume und deren Gegenüberstellung zugehöriger kultureller Epochen stellt einen interessanten, vernetztes Denken fördernden  Ansatz der Naturbetrachtung dar. Ausführlich wird weiterhin auf den aus Bäumen gewonnenen Rohstoff Holz  über Betrachtungen zur Arbeit der Holzfäller,  hölzerne Gebäude, Objekte, Musikinstrumente oder Kunstwerke aus Holz eingegangen, wobei abenteuerlustige Kinder wohl besonders die Vorstellung verschiedenster Baumhäuser begeistern wird. Auch Interessantes über Bonsais und andere „frisierte Bäume, Darwins Lebensbaum, Stammbäume, Bäume in Religionen, heilige Bäume, Waldlegenden, Baumungeheuer oder Urwälder ist zu erfahren und lässt immer wieder staunen.

Ein Plädoyer für das Bäume-Pflanzen rundet dieses wunderbare Sachbilderbuch ab, für das sich Kinder wie Erwachsene  in gleichem Maße begeistern und damit immer wieder aus einer umfangreichen Wissens-Schatzquelle schöpfen können.

 

Bäume

von Piotr Socha (Illustration) und Wojciech Grajkowski (Text)

Übersetzung aus dem Polnischen von Thomas Weiler

Gerstenberg Verlag, 2018

Blauer Hund

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die als eines der stärksten Bilderbuchgeschichte im Moritz-Programm inzwischen mehrfach aufgelegte  Bilderbuchgeschichte der 1955 in Ägypten geborenen und später im Libanon und in Frankreich lebenden  Autorin und Illustratorin Nadja ist  bereits ein Klassiker und erinnert in der Erzählweise zuweilen an ein Märchen:

Ein geheimnisvoller großer Hund mit blauem Fell und grünen Augen besucht eines Tages das kleine Mädchen Charlotte, als sie spielend mit ihrer Puppe auf der Treppe vorm Hauseingang sitzt. Sie streichelt und füttert den Hund und spielt mit ihm. Von nun an kommt der Hund täglich abends zu Charlotte. Die Mutter jedoch möchte den blauen Streuner nicht im Haus haben und verbietet der Tochter mit ihm zu spielen. Schweren Herzens schickt das Mädchen den Hund weg, als er sie wieder abends am Fenster besucht. Als sich Charlotte aber beim Beerenpflücken im Wald verirrt, ist es der blaue Hund, der sie vor dem Nachtgeist in Gestalt eines schwarzen Panthers beschützt, mit diesem kämpft und am nächsten Morgen wieder sicher zu den besorgten Eltern nach Hause bringt. Aus Dankbarkeit erlauben die Eltern Charlotte nun doch, den Hund zu behalten.

Die Illustrationen zur Geschichte sind ausgesprochen ausdrucksstark und  naturalistisch, wobei der blaue Hund mit seinem unergründlichen und  geheimnisvollen Blick und der ungewöhnliche Farbe an eines der Tierwesen von Franz Marc erinnert, dazu in interessantem und eigenwilligem Kontrast steht. Die kräftigen Farben, allen voran das in vielen Motiven immer wieder auftauchende hell leuchtende Gelb, das Orange, verschiedene Grüntöne und das kräftig satte Blau des Hunde lassen Assoziationen zu expressionistischen Gemälden entstehen und sind wunderschön. Die Kampfszene mit dem Panther könnte zartbesaitete kleine Bilderbuchgucker wegen ihrer arg realistischen Darstellung der scharfen Krallen, funkelnden Augen und blitzenden Fangzähne allerdings auch ein wenig ängstigen – hier muss der Blick vielleicht dann besser nicht allzu lange verweilen.

Mit Spannung und farbgewaltigen Bildern, die sich magisch ins Gedächtnis brennen, schafft  es diese Bilderbuchgeschichte, dass die Kinder mit der tapferen kleinen Protagonistin hoffen und bangen und sich letztlich über den glücklichen Ausgang umso mehr freuen.

 

Blauer Hund

Text und Illustration: Nadja

Moritz Verlag, 3. Auflage der Neuausgabe in verändertem Format, 2013

Schlaft recht schön

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Fünf Tierfamilien werden in diesem Pappbilderbuch für die ganz Kleinen in den Winterschlaf verabschiedet. Bevor sie sich zur Ruhe legen, beobachten wir sie bei den Vorbereitungen für die lange Schlafenszeit:

Eine Marienkäferfamilie trägt mit großem Eifer gemeinsam Reisig und Blätter zusammen und bereitet sich daraus ein gemütliches Bett, bevor wir ihnen zurufen: „Schlaft recht schön, ihr Marienkäfer!“ Die Froschfamilie bettet sich genüsslich auf Seerosenblätter und Familie Eichhörnchen legt sich Wintervorräte aus Zapfen, Beeren und Nüssen an, bevor sie sich im Blätterbett zusammenkuschelt. Eine Igelfamilie macht sich bereit für den Winter, indem für alle Löcher als gemütliches Schlaflager gegraben wird. Noch ein herzhaftes Gähnen, dann kann der Schlaf kommen. Und die Bärenfamilie ist im Wald auf der Suche nach Ästen, die später als Kopfkissen dienen.          Auf der letzten Doppelseite schauen wir auf eine verschneite Winterlandschaft und in die Schlafstätten, in denen die fünf Tierfamilien friedlich schlummern, bis es wieder Frühling wird.

Besonders schön an dieser warmherzigen Gute-Nacht-Geschichte sind die liebevoll gezeichneten Bilder der japanischen Illustratorin Tomoko Ohmura, mit denen kleine Menschenkinder wunderbar in den Schlaf begleitet werden können.

 

Tomoko Ohmura: Schlaft recht schön

Moritz, 2018

ISBN 978 3 89565 364 3

Raupe Berta hoch im Baum

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Hoch oben im Baum (dieser übrigens ganz unkonventionell mit knallig rosafarbener Rinde)sitzt die türkisfarbene Raupe Berta und widmet sich der Körperpflege – genauer gesagt, sie rasiert sich ihren Haarflaum mit einem elektrischen Rasierapparat (der Strom dazu kommt aus der Steckdose im Baumstamm). Erschreckt durch einen Vogelklecks von noch weiter oben verliert Berta ihren Rasierer und dieser purzelt in die Tiefe. Zwecks der Suche nach dem Rasierapparat klettert Berta abwärts, wobei sie verschiedenen Tieren (auch diese überwiegend wieder in ungewöhnlicher Farbgebung) in den unteren Baum-Etagen begegnet und diese nach dem herabgefallenen Teil befragt. Knapp geben die Tiere auch darüber Auskunft, wollen Berta jedoch viel lieber in Gesprächsthemen zu ihren eigenen Befindlichkeiten verwickeln. Und so berichtet ein pinkfarbener Tausendfüßler mit orangenen Schuhen voller Stolz über seine Fortschritte beim Üben des Schuhschleifen-Bindens, die mit bunten Farbklecksen übersäte orangefarbene Schnecke braucht eine Farbberatung beim Streichen ihres Häuschens, wobei sie sich nebenbei noch über den Verlust ihres Eimers mit der violetten Farbe beklagt, den der herabfallende Rasierer mit sich gerissen hat, der Sprecht fordert Bewunderung für sein Schnitzkunstwerk ein und die Spinne, welche mit dem Flicken ihres Netzes, durch das der Rasierer gefallen ist, beschäftigt ist, versucht die Raupe –erfolglos- in ihr Netz zu locken. Schließlich landet  Berta etwas unsanft unten bei den Baumwurzeln an, wo sich auch der Rasierer wiederfindet. Mit diesem hat sich inzwischen ein Igel eine flotte Frisur verpasst. Und wer beim Lesen und Schauen gut aufgepasst hat, errät nun auch, warum der Igel violette Stacheln hat.

Mit viel Situationskomik nimmt die in flotten Reimen spannend erzählte und farbenfroh bebilderte Geschichte ihren Lauf, wobei eine besondere Dynamik entsteht, die Leser und Vorleser mitreißt und zum Lachen bringt.

 

Raupe Berta hoch im Baum

Dirk Schmidt (Illustration) & Barbara Schmidt (Text)

Kunstmann, 2018

 

Edison

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Hinter den prallvollen Regalen einer zeitlos schönen Buchhandlung gibt es eine geheime Universität – die Universität der Mäuse. Unzählige  Mäusestudenten  lauschen dort hochkonzentriert den wissenschaftlichen Vorträgen ihres Mäuseprofessors.

Eine dieser wissbegierigen Mäuse, Pete, ein etwas schüchterner junger Mäuserich, nimmt all seinen Mut zusammen und bittet nach einer Vorlesung den Professor um dessen Hilfe. Pete ist auf der Suche nach einem Schatz. Einer seiner Vorfahren hat einen geheimnisvollen Zettel hinterlassen, der auf einen Schatz und eine Reise nach Amerika hinweist. Seit langer Zeit ist dieser Zettel nun schon in Familienbesitz und der neugierige Pete will der Sache endlich auf den Grund gehen. Der Professor hilft Pete und sucht in alten Aktenordnern nach entsprechenden Hinweisen. Wie sich herausstellt, hat Petes Vorfahre versucht, mit dem Schiff über den Atlantik nach Amerika zu gelangen, aber das Schiff verunglückte. Glücklicherweise wurden aber alle Passagiere gerettet. Ob aber auch Mäuse zu den geretteten Passagieren zählten? Alles deutet darauf hin, dass der besagte Schatz mit dem Schiff  auf den Meeresgrund gesunken ist. Am liebsten will sich Pete zusammen mit dem Professor sogleich dorthin auf den Weg machen, aber  der Professor  fühlt sich für derartige Forschungsreisen schon zu alt. Aber Pete gibt nicht auf. In der Badewanne unternimmt er erste Tauch-Experimente mit einer von ihm entwickelten Tauchglocke, was beinahe schiefgeht. Jedoch ist der Professor rechtzeitig zur Stelle. Ihm imponiert Petes Forscherdrang und nun will er doch bei der Schatzsuche behilflich sein. Jetzt wird gemeinsam weitergeforscht und so mancher Ansatz nach Missgeschicken wieder verworfen, bis schließlich der Plan eines U-Boot-Baus in die Tat umgesetzt wird. Als blinde Passagiere gehen die beiden Mäuse an Bord eines Schiffes, von dem aus sie an der passenden Stelle mit ihrem selbstgebauten U-Boot über Bord gehen wollen. Von Fischschwärmen umkreist gehen sie auf Tauchgang, bis sie an die Stelle des damals versunkenen Schiffes, welches nun als Wrack auf dem Meeresboden liegt, gelangen. Und dort entdecken sie tatsächlich eine Mäuse-Schatzkiste und darin das Tagebuch eines Erfinders, bei dem die letzten Seiten fehlen. Mit detektivischem Gespür kommen die Mäuse schließlich hinter das Geheimnis seiner Erfindung.

Torben Kuhlmann, der Autor und Illustrator dieser spannenden Mäuse- Abenteuer- und Wissenschafts-Bilderbuchgeschichte, hat schon zuvor große Erfolge mit weiteren Mäuse-Abenteuerbüchern wie „Lindbergh- Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ (2012) und „Armstrong – Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ (2016) feiern können. Mit dem neuen Mäuseabenteuer, das diesmal in die Tiefe des Meeres geht, wird er seine Leser bestimmt wieder ähnlich begeistern können. Wie schon in den vorhergehenden Bänden sind diese gefesselt von den wunderbaren Zeichnungen, welche Szenarien aus Mäuseperspektive in atmosphärischer Dichte zeigen, die  verwoben sind mit zahlreichen Details der jeweiligen Zeit und bereichert durch zahlreiche wissenschaftliche Skizzen und Notizen, welche an Aufzeichnungen eines Leonardo da Vinci erinnern.

Dass die Protagonisten niedliche Mäuse sind, macht die Geschichte zugänglicher und geschmeidiger für ein Bilderbuch, für das sich Kinder wie Erwachsene gleichermaßen begeistern können.

 

Torben Kuhlmann: Edison – Das Rätsel des verschollenen Mauseschatzes

Verlag NordSüd, 2018

 

Opa Rainer weiß nicht mehr

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Es ist bitter für alle Beteiligten, wenn in Familien  ein Mitglied plötzlich vieles nicht mehr so kann und weiß wie früher. Dann kehren sich Verantwortlichkeiten um und ändern sich so manche Abläufe. Mit der neuen Situation gelassen und achtsam umzugehen, müssen alle erst allmählich lernen.

Früher haben Opa Rainer und Mia Wettläufe auf dem Weg zur Schule gemacht und Opa war immer der Gewinner. Aber nun passiert Opa  so manches Malheur und er weiß oft nicht mehr, wo seine Schuhe sind, was er mit dem Stecker vom Wasserkocher anstellen soll, wie man richtig isst, welcher Tag heute ist oder wer eigentlich all die Leute um ihn herum sind. Nicht einmal den Namen seiner Enkelin Mia weiß Opa mehr.

Dass es wenig Sinn macht, Opa noch verändern zu wollen, sondern dass alle viel mehr Freude aneinander haben können, wenn sie sich Opas neuer Gefühls- und Gedankenwelt anpassen , macht diese einfühlsam erzählte, behutsame und berührende, von humorvollen Illustrationen – in denen Opas Wirrwarr im Kopf durch ihn wild umkreisende, farbgewaltige Pinselstrichspuren verdeutlicht werden – begleitete Bilderbuchgeschichte deutlich. So wird Opa, der nicht mehr weiß, wofür ein Unterhemd da ist und es sich über den Pullover zieht, kurzerhand zum Anführer einer verrückten Unterhemdenbande erklärt und Mia und ihr Bruder machen es einfach Opa mit seiner unkonventionellen Bekleidung nach – man kann ein Unterhemd schließlich auch mal um den Kopf gewickelt als Turban tragen …

Dass Früher eben Früher war und nie mehr so sein wird, dass Schokoladenkekse eben Schokoladenkekse waren und völlig unkompliziert zu essen, sie heute aber für Opa „aufgemacht“ werden, ist ein pragmatischer Erkenntnisgewinn.

Liebevoll und nachsichtig, unterstützt durch detailreiche und ausdrucksstarke Bilder, nähert sich die Geschichte auf kindgerechte Weise einem allgegenwärtigen Familienthema und kann so  unterstützende Hilfe sowie Anlass zum Nachdenken, für Gespräche und gelassen-humorvollen Umgang miteinander sein.

 

Text: Kirsten John

Illustration: Katja Gehrmann

Verlag: Knesebeck, 2018

ISBN: 9 783957 280640