Archiv der Kategorie: Bilderbuch

Blödes Bild!

„Blödes Bild!“ – mitunter höre ich derartige Ausrufe auch in meinen Malgruppen. Dann ist der Moment gekommen, dem oder der verzweifelten Künstlerin zu Hilfe zu eilen, um ihn oder sie davon zu überzeugen, dass das Werk gelungen ist oder aber noch gelingen kann, denn so mancher kleine „Unfall“ entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als überraschende Inspirationsquelle, bekannt als so genannter „happy accident“. So geschieht es auch der kleinen Minze…

Sie sitzt zusammen mit ihrem großen Bruder Max am Küchentisch voller Buntstifte und hadert mit ihrem leeren Blatt Papier. Max hat im Gegensatz zu Minze immer tolle Ideen zum Malen und malt überhaupt viel schöner als sie – findet Minze. Mit seinem Arm hat der Bruder eine Barrikade um sein Bild errichtet, damit die neugierige kleine Schwester keinen Blick zu seinem Werk erhaschen kann, um es dann womöglich wieder abzumalen. Aber eine eigene Idee zum Malen will Minze einfach nicht in den Sinn kommen. Und als sie dann nach langem Überlegen endlich doch eine Idee hat und die schönste Schneeflocke der Welt zu Papier bringt, geschieht ein Missgeschick nach dem anderen und in einem Anfall geballter Wut –auf den Bruder, der sowieso immer schöner malt, der alles weiß  und dem alles gelingt, auf die Katze, die auf den Tisch springt und auf die Blumenvase, die umfällt- knüllt Minze ihr Blatt zu einem Papierball und weil die Wut auch dann noch nicht abebbt, schneidet sie noch ein Loch hinein.

Und damit nicht genug, nun präsentiert ihr der geniale Bruder auch noch SEINE schönste Schneeflocke der Welt. Doch Max sagt, es wäre IHRE eigene, die  aus dem wütend zerschnittenen Schneeball entstanden ist. Minze staunt, dass sie „aus Versehen“ so etwas Schönes produziert hat und freut sich. Und umso mehr freut sie sich, als Max nun endlich sein Geheimnis lüftet und ihr sein fertiges Bild zeigt: Max hat etwas gemalt, das er wirklich sehr mag, nämlich MINZE, seine kleine nervige Schwester. Und als sie dann gemeinsam noch mehr solcher Schneeflocken basteln und endlich auch mal die kleine Schwester dem großen Bruder was zeigen kann, ist alles wieder gut.

Dass kreatives Schaffen sowohl mit Lust als auch mit Frust einhergehen kann und dass das Zusammenleben mit großen Brüdern, auf die man mitunter neidisch oder sogar richtig wütend sein kann, eigentlich doch ganz toll ist, weil sie kleinen Schwestern manchmal auch zeigen, wie lieb sie sie doch haben und dass sie viel mehr können als sie sich selbst zutrauen, erzählt diese wunderbare, ausdrucksstark und witzig illustrierte Bilderbuchgeschichte auf derart liebevolle Weise, dass einem ganz warm ums Herz wird.

 

Text: Johanna Thydell

Illustration: Emma Adbåge

Übersetzung aus dem Schwedischen: Maike Dörries

Kunstmann, 2019

 

Hollie & Fux

Hollie lebt mit ihrer Großmutter in einem alten Holzhaus am Stadtrand in Schweden. Ihre Eltern sieht sie nur ganz selten, weil diese als Schauspieler durch die Welt touren und Hollie von überallher Postkartengrüße zusenden. Die Sehnsucht nach ihren Eltern ist ebenso groß wie ihre ständig wachsende Postkartensammlung. Einmal im Jahr, zu Hollies Geburtstag, kommen ihre Eltern zu Besuch. Ihr einziger Geburtstagswunsch ist es aber, dass sie endlich alle als Familie zusammenwohnen, doch von Jahr zu Jahr vertrösten sie Hollie, denn es muss immer noch irgendein wichtiges Filmprojekt verwirklicht werden.

Eines Tages beginnt Hollie, sich mit einem Stadtfuchs anzufreunden, der in den Mülltonnen vor Hollies Haus nach Futter sucht. Sie bietet ihm Pfannkuchen und Kakao und bald auch einen Platz in ihrem Zuhause an. Nun fühlt sich Hollie nicht mehr so einsam. Die beiden neuen Freunde lesen sich Geschichten vor, machen kleine Ausflüge, reisen zum Meer und gehen miteinander ins Kino. Dort läuft ein Film, in dem Hollie ihre Eltern in einem Haus mitten im Wald und Fux eine Waldfüchsin sieht – und beide bekommen großes Heimweh. Als sie später auf dem Dachboden in alten Fotos stöbern, entdecken sie auf einem der Fotos genau so ein Waldhaus wie im Film, denn in diesem lebte früher mal Hollies Großmutter mit ihrer Mutter, als sie klein war. Dieses Haus wollen sie suchen. Nun wird Hollie zur Detektivin und Fux zum Spürfuchs – und tatsächlich finden sie in einem Wald Großmutters altes Haus und damit beide ihren Sehnsuchtsort – noch nicht wissend, dass ihre Träume schon bald Wirklichkeit werden …

Nini Alaskas Buch-Debüt mit einem wunderbaren Happy End erzählt, begleitet von liebenswerten und detailreichen Illustrationen im Retro-Stil, eine anrührende Bilderbuchgeschichte voller Herzenswärme, in der Liebe, Sehnsucht, Freundschaft und Zusammenhalt eine große Rolle spielen.

 

Hollie & Fux

Text & Illustration: Nini Alaska

Tulipan, 2019

Der Wolf im Schafspelz

Seit Tagen hat der Wolf missmutig nur Nudelsuppe mit Karotten zu sich genommen und so langsam wird der Hunger auf eine richtige Wolfsmahlzeit übermächtig – er braucht jetzt dringend ein Schaf! Weil er davon hörte, dass es in der Umgebung eine Schafsweide gäbe, macht sich der Wolf auf die Suche danach und wird bald fündig. Verkleidet mit einem in der Scheune gefundenen Schafsfell und einer bunten Pudelmütze auf dem Kopf gibt sich der Wolf als mutiges Schaf aus, das einem Wolf entfliehen konnte, was auch den ihm anhaftenden Wolfsgeruch erklärt. Nun gilt er als Held unter den Schafen, die ihn freundlich umsorgen, was er irgendwie zu genießen beginnt. Ein ungewohnt wohliges Gefühl beginnt sich mehr und mehr in ihm auszubreiten …

Als der Wolf ein verlorengegangenes Lämmchen „wiederfindet“ (welches er eigentlich fressen wollte), kennt die Dankbarkeit der Schafsherde kaum noch Grenzen. Und wieder ist da dieses unbekannt wohlige Gefühl. Andererseits … er ist schließlich ein Wolf. Und ein Wolf hat nun mal Appetit auf Schafe. Ein echtes Dilemma!

Wie dieser Wolf immer wieder gegen seine aufkeimende Sympathie für die Schafe anzukämpfen versucht, die im Widerstreit zu seinem quälenden Appetit auf eine zünftige Wolfsmahlzeit steht, beschreibt diese Bilderbuchgeschichte auf liebevolle und anrührende Weise, so dass man beinahe Mitleid mit dem hungrigen Wolf verspürt, ebenso aber auch hofft, dass den liebenswerten Schafen nichts Schlimmes passieren möge.

Wunderbar fantasievolle und farbenfrohe Illustrationen mit zahlreichen zusätzlichen kleinen Details, die auf ihre Entdeckung warten und zum erzählerischen Weiterspinnen einladen, begleiten die herzerwärmende Geschichte, die ein gewisses Lieblingsbuch- Potential hat und bestimmt kleinen wie größeren Bilderbuchlesern große Freude bereiten wird.

 

Text: Barbara Rose

Illustration: Amrei Fiedler

Tulipan, 2019

Mein märchenhaftes Suchbilderbuch

Vor dem schwarzen Hintergrund erscheinen die auf dem Buchcover abgebildeten liebenswert und lustig gezeichneten  Figuren – unschwer als Märchen entstammenden Charakteren zu erkennen – kontrastreich und farbenfroh. So reitet in flottem Galopp ein gestiefelter Kater auf dem weißen Zugpferd, das eine Kutsche in Erdbeerenform mit darin befindlicher Prinzessin bewegt. Im gesamten Bilderbuch, dessen märchenhafte Geschichte ganz ohne Begleittext auskommt und allein über die lebendigen Bilder erzählt wird, setzt sich diese farbliche Gestaltung fort und entwickelt damit einen ganz besonderen optischen Reiz.

Beginnend mit einer städtischen Szenerie – eine Mutter macht sich mit ihrer Tochter, welche ein rotes Käppchen trägt, auf den Weg zum nahe der Stadt gelegenen Wald, in welchem schon erwartungsvoll ein Wolf hinter einem der Baumstämme hervorlugt – setzt sich die ideenreich in Bildern erzählte Märchen-Kombinations-Geschichte mit steigender Spannung und dynamischer Dramaturgie entlang des Waldweges fort, um schließlich in einem furiosen (und zum Glück freudigen) Finale zu enden.

Während die aus bekannten Märchen ( wie Rotkäppchen, Der Wolf und die sieben Geißlein, Rapunzel, Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Dornröschen, Schneewittchen und Der kleine Däumling) vertrauten Elemente nebst einigen zusätzlichen Accessoires (wie rotes Fahrrad,  Eule, rotes Auto, Katze, Vogel, Fliegenpilz oder ein ziemlich großer Schuh samt grünkariertem Hosenbein) sich nach und nach in die Geschehnisse rund um die anfangs beginnende Rotkäppchen-Handlung einreihen, parallel weiterentwickeln, miteinander kombinieren, verweben und mitunter zu überraschenden Wendungen führen, entsteht im Prinzip ein neues Märchen, dessen Verlauf zu entdecken und zu verfolgen ein großer gemeinsamer Such- und Rätselspaß werden kann, wobei es natürlich von Vorteil ist, die ursprünglichen Märchen schon ein wenig zu kennen.

 

Mein märchenhaftes Suchbilderbuch

Illustration: Caroline Ellerbeck

aracari Verlag, 2019

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

Ein Haus für Harry

Harry, ein etwas übergewichtiger Stubenkater, hat die Welt da draußen bisher immer nur vom sicheren Fensterplatz aus beobachtet und noch nie draußen gespielt. Das freundliche Angebot des Schmetterlings Vera zum gemeinsamen Fangenspielen ist sehr verlockend – also spaziert Harry kurzentschlossen durch das geöffnete Fenster übers Dach nach draußen, immer Vera hinterher, doch die ist nicht zu erwischen und Stunden später plötzlich verschwunden. Nun realisiert Harry, dass er sich verirrt hat und läuft panisch durch die Straßen der unbekannten Stadt, um nach Hause zurückzufinden, bis ihm ganz schwindlig wird. Harry braucht erstmal einen Unterschlupf, den er zunächst in einem Pappkarton findet – bis dieser im Regen aufweicht. Weitere Behausungen für Harry finden sich auf einem Baum (bis der Ast abbricht), unter einem Auto (bis es wegfährt), in einer Hundehütte (bis der rechtmäßige Bewohner ihn davonjagt)und schließlich in einer Mülltonne. In den benachbarten Mülltonnen haben Straßenkatzen ihr Zuhause gefunden. Ihnen erzählt Harry von Vera, die ihm den Weg zurück zu seinem Zuhause zeigen könnte. Die Straßenkatzen kennen Vera und begleiten Harry zum Park, wo Vera wohnt. Nach erneutem gemeinsamen Fangenspielen mit Vera und der ganzen Katzenbande (die ihm Spieleifer gar nicht merkt, dass schon überall auf Plakaten mit Vermisstenanzeigen nach Harry gesucht wird), geht es zurück zu Harrys Haus, wo er freudig begrüßt wird. Harry verabschiedet sich von seinen neuen Freunden und verspricht, morgen wieder zum Spielen rauszukommen.

Begleitet von lustigen Illustrationen erzählt die vergnügliche und spannende Bilderbuchgeschichte von den Abenteuern der Freiheit und davon, wie schön es ist, ein Zuhause und gute Freunde zu haben.

 

Text und Illustration: Leo Timmers

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Aracari Verlag, 2019

Neon Leon

Erst mit einiger Verspätung (aber besser spät als nie) sind wir auf ein weiteres schönes Chamäleon-Bilderbuch, welches in unserer Sammlung natürlich nicht fehlen darf, aufmerksam geworden.

Es erzählt von Leon, einem besonderen Chamäleon, welches – während sich dessen Gefährten ganz nach Chamäleonart in der zur Umgebung passenden Farbe zeigen – stetig in einem knalligen Orange präsentiert und damit ziemlich auffällt. Leon wird nicht grün wie die anderen Chamäleons im Blätterdschungel, er wird nicht sandgelb in der Wüste und auch in den grauen felsigen Bergen bleibt Leon neon-orange und ist darüber selbst nicht glücklich. In der Nacht strahlt Leon derart neon-hell, dass die anderen Chamäleons schon ganz ärgerlich werden, weil sie durch Neon-Leons Strahlen nicht gut einschlafen können. Und auch Leon wird immer trauriger über seine farbliche Eigenart. Weil er sich an keinen Ort anpassen kann, sucht Leon nun  einen Ort, der zu ihm passt. Ob er ihn wohl bei den leuchtend orangenen Vögeln findet? Leider nein – die Vögel flattern davon in den strahlend blauen Himmel, vor dem der nun wieder alleingelassene Leon sich besonders kontrastreich abhebt,  verzagt den Kopf hängen lässt und wir mit ihm mitleiden. Ein bisschen lässt er sich aufmuntern, als wir ihm zuflüstern, dass alles gut wird.

Und das wird es: Dort, wo alle Blumen leuchtend orange sind, strahlt Leon schon recht glücklich, weil er endlich einen Ort gefunden hat, an den er passt.

Und noch glücklicher beginnt Leon zu strahlen, als er an dem Ort, an den er passt, jemanden trifft, zu dem er passt – ein zweites orange leuchtendes Chamäleon!

Wunderbar ausdrucksstarke und farbenfrohe Illustrationen komplettieren die liebenswerte Bilderbuchgeschichte, in der die kleinen Leser immer wieder direkt angesprochen werden, um Leon aufzumuntern und ihm beizustehen, beispielsweise indem sie ihm eine gute Nacht wünschen, ihm zuflüstern, dass alles gut wird, mit ihm zählend nach einem geeigneten Ort suchen und sich zu guter Letzt erleichtert mit Leon freuen, dass er mit seinem neuen Freund glücklich neon-orange um die Wette strahlen kann.

 

Text: Jane Clark

Illustration: Britta Teckentrup

annette betz, 2017

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Aus dem Schatten des nächtlichen Waldes tritt ein Fuchs.

Suchend („Ihm war nach Farbe“ …) blickt er sich um. Sein Weg führt ihn zu den Schlafstellen der Paradiesvögel, einer davon zwitschert leise der Stille der Nacht entgegen, sich ebenfalls nach Farbe sehnend. Zu zweit führt der Weg die schlaflosen Gefährten weiter, sie rasten unter dem Nachthimmel auf einer Sonnenblumenwiese, bevor sie durch Schilf und Dickicht ziehen oder sich übermütig springend und flatternd inmitten an Halmen schlafender Käfer wiederfinden und abermals an einem Boot am See kurz zur Ruhe kommen, um in ihren Gedanken und Träumen zu versinken. Weiter geht es über Berge und Täler, und die Nacht scheint ewig zu währen. Alles sieht so anders aus, „viel zu schön um zu sein“. Fasziniert blickt der Fuchs auf seltsame Wesen, die wohl seiner Phantasie entspringen – gelbe Kühe mit überlangen Hörnen als einziger Farbtupfer im monotonen Schwarz-Weiß der Landschaft. Und dort, noch ein Wesen, diesmal ein menschliches – ein sternschnuppensuchender Junge oben auf dem Ast eines Baumes sitzend. Die Abwesenheit der Farben erzeugt Melancholie und Einsamkeit. Einsam auch das Gehöft mitten im Wald, an dem der Fuchs nun verweilt, eine unbestimmte Hoffnung im Herzen tragend. Noch kämpft er gegen die Müdigkeit an und ergibt sich dann doch der Nacht und dem Schlaf in einer Felsspalte. Nach dem Erwachen folgt er dem Geruch einer Fährte, der anders als alles Bisherige ist. Und siehe da – eine Farbe erscheint und intuitiv weiß der Fuchs, dass es seine Farbe ist. Sie gehört zum Schwanz eines anderen Fuchses, welcher in einer Höhle verschwindet. Während Fuchs und Füchsin dem nahenden Morgen entgegentollend ihre Bestimmung und Erfüllung gefunden zu haben scheinen, singt der Paradiesvogel noch immer sehnsuchtsvolle Lieder.

Die detailreichen, beinahe filigranen Illustrationen der Landschaften, Pflanzen und Tiere sind eine eigenwillige Melange aus naturalistischen und surrealistischen Elementen und entwickeln beim Betrachter einen eigenwillig betörenden Sog, der sich durch die metaphorische, zum Teil gereimte Sprache noch verstärkt. Seltsame Schilder mit Nummern, Buchstaben oder Mustern, Sprechblasen, lädierte Puppen oder –noch verwirrender- aus Blüten ragende Kindsköpfe mit traurigen Gesichtern geben unerklärliche Rätsel auf.

Ein poetisches Bilderbuch, das die Kraft der Sprache mit der Kraft der Kunst in wunderbaren magischen und rätselhaften Bildern verbindet und insbesondere ältere Kinder und Erwachsene zu bezaubern vermag.

 

Illustration und Text: Einar Turkowski

Gerstenberg, 2019

Rabe, Buntspecht, Pinguin

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Bereits sieben Titel dieser schönen Buchreihe aus dem Gerstenberg-Verlag  sind schon erschienen, unter ihnen solche, die sich der Pflanzenwelt widmen wie „Lavendel, Lilie, Löwenzahn“ oder solche, die uns die Tierwelt näherbringen wie „Fliege, Falter, Honigbiene“. Der neue achte Band widmet sich nun der interessanten Welt der Vögel. Von den weltweit vorkommenden etwa 10 000 Vogelarten werden im Buch knapp 80 vorgestellt, stellvertretend für diese stehen titelgebend Rabe, Buntspecht und Pinguin.

Bevor es an die Vorstellung der einzelnen Vogelarten geht, befasst sich eine einleitende Vogelkunde zunächst allgemein mit dem Bau des Vogelkörpers und seiner Federn sowie der unterschiedlichen Arten des Fliegens. Auf den darauf folgenden 59 Tafeln werden in zwei Teilen die einzelnen Vögel behandelt. Der erste Teil mit den Tafeln 1-23 widmet sich den Sperlingsvögeln, während der zweite Teil mit den Tafeln 24-59 schlicht mit „Andere Vögel“ überschrieben wurde, von denen es wiederum 19 verschiedene Unterarten, beispielsweise die Kuckucksvögel, die Spechtvögel, die Greifvögel oder die Papageien gibt.

Zu den Sperlingsvögeln zählen nicht nur die Sperlinge im engeren Sinne, sondern auch Meisen, Rotkehlchen, Raben, Schwalben, Finken, Nachtigallen und einige andere mehr. Eine große Gruppe unter ihnen ist die der sogenannten Singvögel und wir erfahren, dass sie ihr stärker entwickelter Kehlkopf zum „Singen“  befähigt. Ihr Gesang, mit dem sie ihr Revier markieren, wird bei der Vorstellung der einzelnen Vögel näher beschrieben. So zwitschert die Blaumeise ein „Tü-ti-ti-tirr“, piept der Haussperling ein „Tschip-tschip“, singt die Amsel ein „Tik-tik-tik-tik-tik“, während der Buchfink ein „Hüitt-hüitt-hüitt“ pfeift oder aber ein lautes  „Pink“ ruft.

Neben den zarten, detailreichen Illustrationen aus Tusche und Aquarellfarben gibt es zu jedem Vogel Informationen zum lateinischen Namen, zur Körperlänge und Flügelspannweite, zur Lebensweise sowie zu jeweiligen spezifischen Besonderheiten. So erfahren wir zum Beispiel, dass Blaumeisen mitunter in Briefkästen nisten, dass Sperlinge keine Zugvögel sind, aber in Schwärmen leben, dass Stieglitze ihren Namen dem Lautbild ihres Rufes „Stiglit-stiglit“ zu verdanken haben, dass Kolkraben die weltweit größten Singvögel sind, dass das australische Prachtstaffelschwanz-Männchen sein auserwähltes Weibchen mit selbstgepflückten gelben Blüten zu beeindrucken versucht, dass Buntspechte mit bis zu 20 Schlägen pro Sekunde auf Holz trommeln, dass die Rufe des Uhus bis zu 5 km weit zu hören sind, dass das Nest eines Kolibris in eine halbe Nussschale passt oder dass der hellrote Ara ein Vegetarier ist.

Ein wunderschön gestaltetes und sehr interessantes Nachschlagewerk für alle, die noch weitaus mehr  über Vögel als dass diese fliegen können und Eier legen, wissen wollen.

 

Rabe, Buntspecht, Pinguin

Die Welt der Vögel

von Virginie Aladjadi (Text) und Emmanuelle Tchoukriel (Illustration)

Gerstenberg, 2019