Archiv der Kategorie: Bilderbuch

Der blaue Vogel

Ganz allein im Dunklen und Kalten, dort, wo kein Sonnenstrahl mehr den Waldboden berührt, lebt ein kleiner trauriger blauer Vogel. Das Fliegen scheint er längst verlernt zu haben und auch schon fast vergessen zu haben, wie es ist, mit den anderen Vögeln hoch oben in den Baumwipfeln zu spielen und gemeinsam durch die Lüfte zu jagen. Mit ihm kann man keinen Spaß mehr haben, meinen sie. Und scheinen ihn zu vergessen.

Eines Tages aber flattert ein kleiner gelber Vogel in den Wald. Wo immer dieser sich niederlässt, ist er von goldenem Licht umgeben und die grünen Blätter fangen an zu wachsen. Erst bemerkt ihn der blaue Vogel gar nicht, aber dann vernimmt er sein melodisches Zwitschern, das für ihn wie ein Weckruf ist. Als sich der gelbe Vogel schließlich zu ihm gesellt und ihn sanft berührt, wird dem blauen Vogel ganz warm ums Herz und zögerlich beginnt  er wieder, aus seiner Lethargie zu erwachen und zu singen. Bald singen sie zusammen eine hoffnungsvolle Melodie, die den ganzen Wald erfüllt und bis in die Baumwipfel dringt. Als dann auch endlich der Tag kommt, an dem der blaue Vogel wieder seine Flügel ausbreitet, erheben sie sich gemeinsam ins Licht …

Mit wunderschönen Illustrationen, die in der Dunkelheit beginnen und von Seite zu Seite heller und farbenfroher werden, verdeutlicht die poetische Bilderbuchgeschichte die Umkehr aus einer tiefen Traurigkeit in Gefühle  der Hoffnung, Freude und Zuversicht. Und ein Teil des magischen Goldstaubs des gelben Vogels landet inmitten der Herzen der kleinen und großen Bilderbuchleser*innen.

Der blaue Vogel

Text und Illustration: Britta Teckentrup

arsEdition, 2020

Silberfunken

Maras Papa war lange weg. Sie weiß nicht, ob sie sich über seine Rückkehr so richtig freuen kann, denn sie weiß, dass er jetzt ganz anders ist als vor seiner Hirnverletzung. Danach sagte Maras Papa erstmal gar nichts mehr, später sprach er Mara mit einem falschen Namen an. Das Bild, was Mara ihrem Papa als Willkommensgruß gemalt hat, beachtet er kaum. Und Mama hat auch kaum noch Zeit für Mara, weil sie jetzt alles allein machen muss und immerzu arbeitet. Dieses Jahr wird Maras Papa auch nicht mehr den Kindergeburtstagsclown spielen wie sonst immer. Als er es dann doch tut und alle ihn auslachen, weil er so seltsam spricht, schämt sich Mara. Es gibt diesmal auch keinen Sommerurlaub, kein lustiges Spielen mit Papa, wie sonst. Mara ist wütend und sagt schlimme Sachen zu Papa, wofür sie Hausarrest bekommt. Mit Nachbar Sergio aber kann sie reden. Er stellt Mara nicht so viele Fragen oder sagt ihr, wie sie sein soll, sondern nur, dass er sie gut verstehen kann, weil er auch oft traurig ist und erzählt  von seiner Tochter, deren Schicksal ähnlich wie das ihres Papas ist. Sergio berichtet von traurigen, aber auch schönen Momenten mit der Tochter und Mara erzählt ihm von ihrem Papa, wie er früher war und wie er heute ist. Als Mara Sergio eine Zeichnung zeigt, die ihre Gefühle verdeutlicht, versteht er ganz genau, wie es ihr geht. Eines Tages entdeckt Mara silberne Funken in seinen Augen und weiß plötzlich, dass Papa zwar manchmal etwas schräg ist, aber immer ihr Papa sein wird.

Mit einfühlsamer Sprache und sehr schönen berührenden Zeichnungen greift das Bilderbuch ein schwieriges Thema auf, das nichts verniedlicht oder beschönigt, sondern zeigt, womit Betroffene sich in einer solchen Situation auseinandersetzen müssen: mit Überforderung, Gereiztheit, Wut, Trauer oder Gefühlen der Ohnmacht und Hilflosigkeit. Gefühle, die nicht einfach wegdiskutiert werden können oder mit guten Ratschlägen einfach verschwinden. Es zeigt aber auch, dass sich die heftigen Gefühle mit der Zeit relativieren und Gespräche mit verständnisvollen Menschen dabei sehr helfen und manches leichter machen können.

Das Bilderbuch kann kleinen und großen Menschen mit ähnlichen familiären Schicksalsschlägen eine wertvolle Hilfe sein, um miteinander über ambivalente Gefühle ins Gespräch zu kommen, Verständnis füreinander zu entwickeln und die Situation insgesamt besser verarbeiten zu können.

Silberfunken

Plötzlich ist alles anders

Text: Juliana Campas

Illustration: Daniela Costa

Verlag aracari, 2020

Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf

„Genauso wie der Künstler ein unstillbares Verlangen zu malen in sich fühlt und der Poet seinen Gedanken freien Lauf lassen muss, fühlte ich mich gedrängt von einem unbezwinglichen Wunsch, die Welt zu sehen.“

So beschreibt sich Ida Pfeiffer, eine insbesondere in ihrer Zeit außergewöhnliche Frau, geboren 1797 in Wien, welche entgegen aller Konventionen und ohne finanzielles Vermögen  ihren von Kindheit an bestehenden großen Traum vom Weltreisen und Forschen mit 44 Jahren zum ersten Mal und als erste Frau in die Tat umsetzte. Von der erfolgreichen Veröffentlichung ihrer Reisebeschreibungen finanzierte sie weitere Reisen nach Palästina, Ägypten, Indonesien, Madagaskar und Mauritius, während derer sie sich intensiv  Tier- und Pflanzenstudien, verschiedenen Sprachen und der Fotografie widmete.

Dem ungewöhnlichen Lebensweg Lisa Pfeiffers mit ihrem unbändigen Abenteuer- und Forscherdrang hat Linda Schwalbe, die in Halle und Berlin Illustration studierte und sich ganz ähnlich wie Ida Pfeiffer von Entdeckungen, Abenteuern, Musik und Natur inspirieren lässt, ein bemerkenswert schönes und Fernweh weckendes Bilderbuch gewidmet mit vielen ausdrucksstarken, vor allem in den Grundfarben Rot, Blau und Gelb gehaltenen, an Kinderzeichnungen erinnernden Illustrationen, die noch sehr viel mehr über den Text hinausgehende Dinge erzählen und Lust zum Entdecken entfachen.

Beginnend  im Jahr 1802 in Wien beschreibt sich darin die fünfjährige Ida als „nicht schüchtern, sondern wild wie ein Junge und beherzter und vorwitziger als meine Brüder“ mit einem Kopf  voller Abenteuer, die sie sich mit Blick auf die Berge sinnierend am Fenster eines türkisblauen und stuckverzierten Hauses  erträumt und in einer orangeroten Gedankenblase zu Buch-Bildern werden. Wie würde wohl die Welt hinterm Kaiserzipf aussehen? Das will die kleine Ida unbedingt wissen und ist sich sicher, eines Tages als Urwaldforscherin unbekannte Schmetterlingsarten zu entdecken, was sie in Expeditions-Spielen mit ihren Brüdern und Insekten-Sammeln schon mal vorweg auslebt und in zahlreichen Zeichnungen festhält, die von exotischen Abenteuern künden. Idas Mutter hingegen ist vom Abenteuerdrang der Tochter wenig begeistert und findet, sie solle lieber zu Hause bleiben und sich darum kümmern, ein „vorbildliches Fräulein“ zu werden. Also wird Ida zunächst ein „anständiges“ Mädchen, sie heiratet und bekommt Kinder. Erst als diese ihre eigenen Wege gehen, besinnt sich Ida ihrer fast vergessenen Träume und packt ihre Abenteuer-Koffer. Sie umsegelt die ganze Welt, ernährt sich wie die Matrosen von Erbsensuppe und Salzfleisch, entdeckt Orte voller Geheimnisse, trifft auf Delfine, sucht im Dschungel nach dem Zipfelflügeligen Schnalzfalter, begegnet freundlichen Menschen wie Ayu und ihren Freunden, erforscht die Natur, lernt  viele Kulturen kennen – und zehrt von ihren Eindrücken und Erlebnissen ein Leben lang. Zufrieden lächelnd und sinnierend sitzt die ältere Ida, mit einer Feder schreibend und umgeben von Erinnerungsstücken in einem türkisblauen Zimmer …

Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf

Text und Illustration: Linda Schwalbe

NordSued Verlag, 2020

Mein großes Buch der Pferde

Rezi: Mein großes Buch der Pferde (Gerstenberg, 2020)

 

Das interaktive Pop-Up-Bilderbuch aus der Reihe „Klappen, Spielen, Staunen“ mit über 40 Klappen und Spielelementen zum Schieben, Ziehen und Drehen gibt spannende und wissenswerte Einblicke in die Welt der Pferde.

Auf neun großformatigen Doppelseiten mit zahlreichen farbigen Illustrationen und kurzen Texterklärungen erfahren kleine Pferdeliebhaber alles zu ihrem Lieblingsthema: Wie war und ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd früher und heute? Wie ernähren sich Pferde? Wie ist ihr Körper aufgebaut? Gibt es so etwas wie eine Pferdesprache? Wie verhalten sich Pferde untereinander? Was passiert in einer Pferdeklinik oder beim Hufschmied? Was ist beim Reiten und der Pflege der Pferde zu beachten? Welche Reiterwettbewerbe gibt es? Wie werden Pferde gezüchtet? Wie wird mit Pferden gearbeitet? Wie laufen Pferderennen ab? Welche Pferderassen gibt es? – All diese Fragen und noch viel mehr werden sehr ausführlich und interessant beantwortet und durch detailreiche Zeichnungen, informative Erläuterungen und viele interaktive Elemente spielerisch vertieft, so dass kleine und auch größere Pferdefans mit diesem Buch sich über ein tolles Nachschlagewerk zum Immer-wieder-Anschauen freuen können.

 

Sandra Laboucarie/Helene Convert: Mein großes Buch der Pferde

Verlag Gerstenberg, 2020

 

 

Von 1 bis 10

Ein Bauch, zwei Ohren, drei Punkte, vier Flügel, fünf Finger, sechs Beine, sieben Streifen, acht Arme, neun Zähne und zehn Schnurrhaare – mehr braucht es manchmal nicht für ein wunderschönes Zähl-Bilderbuch für die Kleinsten; zumal, wenn es Mies van Hout illustriert hat.

Vor einem Hintergrund in leuchtendem Pink zeigt  ein freundliches leuchtgrünes Krokodil seine neun spitzen Zähne auf dem Cover des Pappbilderbuchs zum Schauen und Zählen-Lernen. Stolz präsentieren weiterhin der liebenswerte Teddybär seinen dicken roten Bauch, das schüchterne Häschen seine langen gelben Ohren, der nette Marienkäfer drei große Punkte in verschiedenen Rottönen, der koboldköpfige Schmetterling seine bunten Flügel, das lustige Äffchen seine grün-gepunktete Hand, das flauschige Bienchen seine Beine, der freundliche Fisch seine schwarzen Streifen, der niedliche Oktopus seine bunt-gemusterten Fangarme, das Krokodil sich nun in voller Länge und das rote Kätzchen seinen Schnurrbart.

Vor allem die liebenswerten, ausdrucksstarken und farbenfrohen Illustrationen von Mies van Hout sind es, die immer wieder zum Anschauen (und vielleicht auch Nach-Malen …) einladen, so dass das Zählen-Lernen nebenbei ganz von selbst passiert.

 

Mies van Hout: Von 1 bis 10

Verlag aracari, 2020

Auch Affen wollen schlafen

Das stilvoll in schwarzes Leinen eingefasste Buchcover zeigt in dunklen Rot- und Orange-Tönen einen auf Blätter gebetteten, friedlich schlummernden  Affen. Passend zum Einband und zur nächtlichen Stimmung ist auch das Vorsatzpapier ganz in Schwarz gehalten. Das unaufdringlich schöne Bilderbuch von Henriette Boerendans mit dem etwas sperrigen Titel  „Auch Affen wollen schlafen“ widmet sich den unterschiedlichen Schlaf- und sonstigen Lebensgewohnheiten der Tiere.

Insgesamt dreizehn Tierarten werden vorgestellt – angefangen mit dem niedlichen kulleräugigen  Gespenstertier, welches so klein ist, dass es in eine Brotdose passen würde, nachts auf Abenteuer geht und in der den Text begleitenden Illustration sich im bläulichen Mondlicht mit vergleichsweise großen Händen beinahe ängstlich an einen Ast klammert, über liebevoll im Winterschlaf aneinandergeschmiegte Dachse, drei Zwergmäuse in Knetgummigröße in ihrem gemütlichen Schlafnest aus Getreidehalmen, einen (vielleicht von Herrchens Gummistiefeln) träumenden Dackel, ein nachts nach Futter suchendes Erdferkel, den schlummernden Schimpansen vom Titelbild, von dem wir erfahren, wie geschickt er seine Schlafstätte aus Zweigen und Laub baut, einen Orang-Utan mit Riesenblatt-Regenschirm, zwei im Meer jagende (und dort auch schlafende) Seeotter, ein kopfüber schlafendes Dreifingerfaultier, zwei Eichhörnchen in einem ihrer Baumnester (sie haben nämlich mehrere Schlafstätten), zwei Spechte beim Bauen ihrer Baumstammhöhle, einen Seeadler auf seinem Horst bis hin zur wochenlang aus Fürsorge nicht schlafenden Blauwalmutter mit ihrem Kind.

Die jeweiligen Eigenheiten der Tiere beim Schlafen und Wachen werden liebevoll anhand interessanter Details und Vergleiche beschrieben. Wunderbare Holzschnitte in einer eigenwillig-schönen Farbgebung illustrieren die einzelnen Tierporträts.

Die Abbildung eines schlafenden Menschenkindes am Ende und gute Wünsche für die Nacht runden das  Ganze zu einem friedlich in die Nacht begleitenden Einschlaf-Bilderbuch ab.

 

Auch Affen wollen schlafen

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracari verlag, 2020

 

Der Zyklop

Ein echsenartiges grünliches Wesen nimmt vor schwarzem Hintergrund beinahe die gesamte Titelseite des Bilderbuchs ein. Dem Buchtitel zufolge, welcher sich als weißer Schriftzug auf dem Bauch des sich lässig halbliegend drapierenden  Echsenwesens ausbreitet, ist es ein Zyklop, ein einäugiger Riese, auch bekannt als Gestalt der griechischen Mythologie. In seinen froschartigen Echsenfingern hält der Zyklop, schon mal genüsslich daran leckend, einen gelb-schwarz-gepunkteten Käfer, welchen er wohl gleich zu verspeisen trachtet, während ein Artgenosse desselben entsetzt vom rechten Bildrand aus den Vorgang beobachtet.

Nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern durch tastbare Strukturen auch haptisch erlebbar präsentiert sich das Spannung versprechende Buchcover. Auch die inneren Umschlagseiten, welche wie unter dem Mikroskop vergrößert die Grafik der Echsenhaut verdeutlichen und die sich über zwei Buchseiten erstreckende Abbildung des riesigen wie bedrohlichen gelben Zyklopenauges ziehen die BetrachterInnen magisch ins Geschehen.

Am Ortseingang des Dörfchens Krümelspritz sitzt der Zyklop am Ufer eines Flusses sein Spiegelbild betrachtend und missmutig über seine mindere Sehkraft sinnierend – fast wirkt er ein wenig mitleiderregend. Wärenddessen geht es im Insektendörfchen Krümelspritz, in dem sich jeder seiner Bewohner geschäftig seinen alltäglichen speziellen Aufgaben widmet,  recht beschaulich zu: Die Seidenraupe spinnt Bettdecken, die Kakerlake sammelt die vollgekackten Eimerchen ein, die Rote Kreuzspinne versorgt die Kranken, die Wasserjungfer verteilt Gläser mit Getränken, die Fleischfliege macht Rauchwürste …

Aber dann wird das Idyll gestört, als plötzlich das ganze Dorf bebt und alles durcheinanderwirbelt. Das vermeintliche Erdbeben hat der plump ins Örtchen hereintrampelnde Zyklop ausgelöst, der sich dabei den Fuß verletzt, als er auf das Häuschen der Seidenraupe tritt, sich dann am Kirchturm stößt, über einen Bus stolpert und ermattet an der zerstörten Kirche lehnend innehält. Statt nun aber erbost und wütend zu sein, kommen die Krümelspritzer aus ihren Verstecken und sorgen sich trotz der Zerstörungen zunächst erst einmal um die Gesundheit des matten fremden Herrns in erstaunlicher Arglosigkeit und rührender Höflichkeit. Der schlaue Käferjunge Karl erkennt, was der Herr wirklich braucht – nämlich eine Brille. Die überaus netten und hilfsbereiten Krümelspritzer machen sich sogleich gemeinschaftlich an die Arbeit und bauen dem Zyklopen eine Brille, mit welcher er plötzlich alles deutlich sehen kann.

Und was macht der Zyklop? Der hat nichts Besseres zu tun, als gleich noch den Rest der halb kaputten Häuser vollends plattzutreten – weil er ja nun richtig erkennen kann, was er da tut. Und selbst angesichts der weiteren Zerstörung wahrt der Krümelspritzer Bürgermeister Contenance und Höflichkeit. Auf den Einwand, dass das ja nicht gerade nett gewesen sei, entgegnet der Zyklop, dass er ja schließlich ein Zyklop und nicht nett sei. Und dass vielleicht sie, die Krümelspritzer eine Brille bräuchten, wenn sie das nicht gesehen hätten. Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass das aus der Sicht des  Zyklopen durchaus logisch klingt, jedoch überwiegt dann doch eine gewisse Empörung über derartig undankbare Dreistigkeit, versetzt man sich in die Lage der Geschädigten.

So tsunamihaft das Geschehen gekommen ist, so schnell ist es auch schon wieder vorüber und eine gewisse Verblüffung über den für die Dorfbewohner wahrlich ungerechten Ausgang bahnt sich an. Fassungslos – und selbst dann noch mitfühlend, weil er ja so einsam ist, der Herr  Zyklop – schauen sie dem nun das Dörfchen verlassenden Riesen hinterher. Während dieser sinnierend am Flussufer sitzt und noch immer nichts anderes als nur sich selbst sieht, machen sich die liebenswürdigen Dorfbewohner schon wieder freudig an die Arbeit, um alles wieder aufzubauen.

Das außergewöhnliche Bilderbuch besticht einerseits durch den überraschenden Fatalismus seiner Grundaussage und darüber hinaus vor allem durch die ausdrucksstarke und detailreiche bildnerische Gestaltung, welche mittels sparsam in Pastelltönen colorierten Linoldrucken wie in einem Comic umgesetzt wird und Kleinen wie Großen eine wahre Freude beim Anschauen macht.

 

Der Zyklop

Text: Daan Remmerts de Vries

Illustration: Floor Rieder

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020