Archiv der Kategorie: erzählendes Sachbuch

Die Sinne

Verschlungene ornamentale Muster, welche sich bei genauerem Hinschauen als Zellen oder Organellen erweisen, ranken sich vor dunkelrotem Hintergrund um den Buchtitel. In stärkerer Vergrößerung, jetzt in Schwarz-Weiß, erscheinen ähnliche Strukturen kontrastreich im Vorsatzpapier, bevor der Prolog zu diesem bemerkenswerten Wissenschafts-Comic über die Sinne uns in die Handlung führt. Der Autor, Dr. Matteo Farinella, kombiniert auf einzigartige Weise sein illustratorisches Talent mit berufsbedingtem neurowissenschaftlichen Fachwissen zu einer auch für Laien hochinteressanten und ebenso unterhaltsamen Graphic Novel.

Die Protagonistin der Story ist Diane, eine Wissenschaftlerin, die über ihre Arbeit im Labor, VR-bebrillt und gefesselt vom Testen ihres beinahe fertigen Augmented-Virtual-Reality-Systems im Selbstversuch, beinahe den Bezug zur Realität zu verlieren scheint, als sie das Angebot einer Freundin, zu deren benachbarter Party zu kommen, hinausschiebt, um sogleich wieder in ihre virtuelle Welt der Sinne einzutauchen.

Die komplexen Funktionsweisen des Tastens, Schmeckens, Riechens, Hörens und Sehens werden uns über Dianes Erlebnisse in den von ihr selbst kreierten Sinneswelten nahegebracht, in denen sie wie eine Forschungsreisende durch Landschaften aus Nerven, Zellen, Papillen, Botenstoffen und Rezeptoren wandert, dabei Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Kreaturen und Strukturen macht, um mit diesen und über diese auch mit uns in Dialog zu treten.

Da doziert eine Riesenmaus über die Unzulänglichkeit des menschlichen Tastsinns, da tauchen Rezeptoren mit professoralem menschlichen Antlitz auf, um sich zu erklären, dort wandert Diane mit einem ritterlichen Begleiter durch überdimensionale Geschmacksknospen oder trifft auf das in Wunderbeeren enthaltene geheimnisvolle Miraculin, welches es schafft, einen vermeintlich süßen Geschmack zu schaffen, indem es sich an Süßrezeptoren in inniger Umarmung anheftet und es so schafft, sie als Antwort auf Säuremoleküle zu aktivieren – was damit illustrativ verdeutlicht wird, dass Dianes Begleiter es nur mit sanfter Gewalt  schafft, die beiden Frischverliebten voneinander zu trennen. An anderer Stelle trifft Diane Kikuma Ikeda, welcher den köstlichen Geschmack Umami jenseits von Süß, Bitter, Sauer oder Salzig in japanischer Algenbrühe entdeckte und damit das Glutamat als deren geheime Ingredienz ausmachen konnte. Mit einem schlappohrigen Hund reist Diane in die phantastische Welt der Gerüche mit einer Fledemaus in jene der Geräusche, ein Vogel erklärt das Prinzip der Verarbeitung von Musik im Gehirn, bevor Diane letztlich mit einem neuen Begleiter die erstaunlichen Mechanismen des Sehens ergründet.

In einem Epilog verfolgen wir Dianes allmähliche Rückkehr aus dem Virtuellen, bei der die kreative Kraft ihres Geistes – höchst anschaulich und unterhaltend in Bilder und Dialoge gefasst- vermag, in die Organellen der fünf Sinne einzutauchen und damit auch unser Verständnis für diese hochkomplexen Zusammenhänge schärft, zurück ins Reale.

Wenn wissenschaftliche Zusammenhänge derart aufbereitet den Weg zu unseren Sinnen finden, ist auch unsere Realität ein stückweit bereichert.

Die Sinne, Illustration & Text: Dr. Matteo Farinella, Kunstmann, 2019

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Gäste in meinem Garten

Es ist ein Refugium des Grünens und Blühens, des Zwitscherns, Summens, Brummens, Scharrens  und Gackerns, welches die Autorin mit ihrem Kraft- und Rückzugsort, ihrem geliebten Stadt-Garten, so  plastisch, kenntnisreich, humorvoll und unterhaltsam beschreibt, dass man sich lesend augenblicklich an diesen wunderbaren, energiespendenden Ort versetzt fühlt und sich mit ihr um alle seine Bewohner aus Flora und Fauna zu sorgen beginnt.

Wir erleben mit, wie Regina, die Bienenkönigin samt Hofstaat dort Residenz bezieht und fragen uns, ob sie sich wohl wie erhofft mit den bereits Ansässigen, Hund Erbse und den Hühnern, vertragen  und an den üppig vorhandenen Blüten laben sowie alle mit Stichen verschonen wird. Wir versetzen uns in das Gefühl ihrer Vorfreude im Frühling auf alles, was da jetzt kommen und ans Licht drängen möge, die Freude über die ersten Schneeglöckchen und Schmetterlinge und den Auftritt der Krokusse, der wie ein Fest zelebriert wird. Die Hühner, die Namen tragen wie Ida, Irmchen oder Dorchen, wachsen uns mit jeder erzählten Begebenheit aus ihrem Zusammenleben mit der Gartenbesitzerin ein Stück mehr ans Herz. Wir begeben uns mit ihr mit wachsendem detektivischem Spürsinn auf die Suche nach einem geheimnisvollen Übeltäter, welcher frech Löcher in zarte Pflänzchen knipst, amüsieren uns über die rührend tollpatschige kleine Henne Dorchen, lassen uns von  imaginären Farben und Düften im Überschwang wachsender Blumen und Früchte betören, genießen das Gold des einziehenden Herbstes und die Stille des Winters hautnah mit.

Wer bis jetzt noch kein Sehnen nach einem paradiesischen Garten wie diesem verspürte, wird es spätestens bei der Lektüre dieses wunderbar geschriebenen und farbenfroh illustrierten kleinen Büchleins tun, mit dem man sich am liebsten in eine Hängematte im Grünen zurückziehen und von dieser Idylle träumen möchte.

 

Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln Huhn und Star

Text: Susanne Wiborg

Illustration: Rotraut Susanne Berner

Kunstmann, 2019

 

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

Vom magischen Leuchten des Glühwürmchens bei Mitternacht

Wer würde vermuten, dass aus der symbiotischen Beziehung zweier Organismen, gemeint sind hier Algen und Pilze, aus der sich hochinteressante Gebilde wie Flechten formen, ebenso poetische Geschichten formen lassen?

Wer hätte gewusst, dass Wanderdrosseln ein heimliches Doppelleben führen, dass wir von Quallen nur sehr verschwommene Vorstellungen haben, dass Libellen geradezu außerirdische Fähigkeiten besitzen oder dass man mit Glühwürmchen sprechen kann?

Wer würde ahnen, dass es Leute gibt, die den Geruch von Stinktieren lieben oder solche, die Loblieder auf Fliegen singen?

Wer hätte geglaubt, wie spannend Spaziergänge an winterlichen Stränden werden können?

Dass die Natur unzählige kleine Wunder birgt, die es nur aufzuspüren und zu entdecken gilt und uns zum Schwärmen und Staunen bringen können, versteht die vielfach ausgezeichnete amerikanische Naturforscherin und Buchautorin Sy Montgomery ( sehr erfolgreich z.B. mit „Rendezvous mit einem Oktopus“) in 45 kleinen Geschichten aus vier Jahreszeiten derart unterhaltsam, mitreißend, interessant und poetisch zu erzählen, dass es ein freudiges Erlebnis und großes Leseabenteuer ist, mit ihr in die Geheimnisse aus der Tier- und Pflanzenwelt wie in einen spannenden Roman einzutauchen und sich von deren Magie und den wunderschönen begleitenden Illustrationen bezaubern zu lassen.

 

Text: Sy Montgomery

Illustrationen: Tine Pagenberg

Übersetzung: Dr. Cornelia Panzacchi

Knesebeck, 2019

Rabe, Buntspecht, Pinguin

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Bereits sieben Titel dieser schönen Buchreihe aus dem Gerstenberg-Verlag  sind schon erschienen, unter ihnen solche, die sich der Pflanzenwelt widmen wie „Lavendel, Lilie, Löwenzahn“ oder solche, die uns die Tierwelt näherbringen wie „Fliege, Falter, Honigbiene“. Der neue achte Band widmet sich nun der interessanten Welt der Vögel. Von den weltweit vorkommenden etwa 10 000 Vogelarten werden im Buch knapp 80 vorgestellt, stellvertretend für diese stehen titelgebend Rabe, Buntspecht und Pinguin.

Bevor es an die Vorstellung der einzelnen Vogelarten geht, befasst sich eine einleitende Vogelkunde zunächst allgemein mit dem Bau des Vogelkörpers und seiner Federn sowie der unterschiedlichen Arten des Fliegens. Auf den darauf folgenden 59 Tafeln werden in zwei Teilen die einzelnen Vögel behandelt. Der erste Teil mit den Tafeln 1-23 widmet sich den Sperlingsvögeln, während der zweite Teil mit den Tafeln 24-59 schlicht mit „Andere Vögel“ überschrieben wurde, von denen es wiederum 19 verschiedene Unterarten, beispielsweise die Kuckucksvögel, die Spechtvögel, die Greifvögel oder die Papageien gibt.

Zu den Sperlingsvögeln zählen nicht nur die Sperlinge im engeren Sinne, sondern auch Meisen, Rotkehlchen, Raben, Schwalben, Finken, Nachtigallen und einige andere mehr. Eine große Gruppe unter ihnen ist die der sogenannten Singvögel und wir erfahren, dass sie ihr stärker entwickelter Kehlkopf zum „Singen“  befähigt. Ihr Gesang, mit dem sie ihr Revier markieren, wird bei der Vorstellung der einzelnen Vögel näher beschrieben. So zwitschert die Blaumeise ein „Tü-ti-ti-tirr“, piept der Haussperling ein „Tschip-tschip“, singt die Amsel ein „Tik-tik-tik-tik-tik“, während der Buchfink ein „Hüitt-hüitt-hüitt“ pfeift oder aber ein lautes  „Pink“ ruft.

Neben den zarten, detailreichen Illustrationen aus Tusche und Aquarellfarben gibt es zu jedem Vogel Informationen zum lateinischen Namen, zur Körperlänge und Flügelspannweite, zur Lebensweise sowie zu jeweiligen spezifischen Besonderheiten. So erfahren wir zum Beispiel, dass Blaumeisen mitunter in Briefkästen nisten, dass Sperlinge keine Zugvögel sind, aber in Schwärmen leben, dass Stieglitze ihren Namen dem Lautbild ihres Rufes „Stiglit-stiglit“ zu verdanken haben, dass Kolkraben die weltweit größten Singvögel sind, dass das australische Prachtstaffelschwanz-Männchen sein auserwähltes Weibchen mit selbstgepflückten gelben Blüten zu beeindrucken versucht, dass Buntspechte mit bis zu 20 Schlägen pro Sekunde auf Holz trommeln, dass die Rufe des Uhus bis zu 5 km weit zu hören sind, dass das Nest eines Kolibris in eine halbe Nussschale passt oder dass der hellrote Ara ein Vegetarier ist.

Ein wunderschön gestaltetes und sehr interessantes Nachschlagewerk für alle, die noch weitaus mehr  über Vögel als dass diese fliegen können und Eier legen, wissen wollen.

 

Rabe, Buntspecht, Pinguin

Die Welt der Vögel

von Virginie Aladjadi (Text) und Emmanuelle Tchoukriel (Illustration)

Gerstenberg, 2019

 

Professor Albert und das Geheimnis der Quantenphysik

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Zusammen mit Professor Albert, einem rundlichen, weißhaarigen und -bärtigen , Einstein nicht unähnlichem Wissenschaftler entdecken wir bzw.  stellvertretend für uns,  aufgeweckte Kinder wie neugierig gebliebene Erwachsene gleichermaßen, ein wissbegieriges kleines Mädchen mit Pferdeschwanz-Frisur begeben wir uns auf eine spannende Entdeckungsreise in die erstaunliche Welt der Quantenphysik. Ohne diese nämlich wären Erfindungen, denen wir mittlerweile wie selbstverständlich in unserem Alltag begegnen, wie Smartphone und Computer, Röntgenaufnahmen, LED-Lampen, Lasergeräte, Mikrowellen- oder Induktionsherde nicht möglich gewesen oder künftige Entwicklungen wie Nanoroboter oder Teleportation nicht vorstellbar.

Zur Einführung in die faszinierende Thematik werden Modelle verschiedener Kulturen zum Weltverständnis vorgestellt. Mit Newton und Galilei begann eine wissenschaftliche Betrachtung der Rätsel der Welt. Newtons Gravitationsgesetz zum Beispiel konnte nun wissenschaftlich erklären, warum Dinge zu Boden fallen oder Planeten um die Sonne kreisen und seine drei Bewegungsgesetze begründen, wie und warum sich Dinge bewegen. So lassen sich mit Naturgesetzen fast alle Erscheinungen mathematisch erklären. Die Forschungen von Max Planck, der Quanten als unteilbare Energiepakete beschrieb, ließen erahnen, dass die Welt noch ganz anderen Gesetzen gehorcht, als bisher vermutet wurde. Über Rückblicke auf die Geheimnisse des Lichts und dessen merkwürdiges Verhalten erfolgt eine Annäherung an die Quantentheorie.

Der Aufbau der Atome und Moleküle und das Periodensystem der Elemente werden, begleitet von zahlreichen, hervorragend gestalteten farbigen Abbildungen, ebenso erklärt wie atomare Spektren, erste Vorstellungen vom quantisierten Atom, das Doppelspaltexperiment, der eigenartige Versuchsaufbau mit Schrödingers Katze, Heisenbergs Unschärferelation, das Geheimnis der Antimaterie, Quantenverschränkung, Radioaktivität, Tunneleffekt und Teilchenbeschleuniger – und zwar erfreulicherweise so, dass auch physikalische Laien etwas damit anfangen können, erhellende Aha-Effekte erleben und vielleicht sogar ein wenig  mehr Begeisterung für Physik entwickeln können.

 

Professor Albert und das Geheimnis der Quantenphysik

Sheddad Kaid-Salah Ferron/Eduard Altarriba

Knesebeck, 2019

Paul und der Krieg

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Im Februar 1943 mitten im kalten Winter während des zweiten Weltkrieges werden der fünfzehnjährige Paul Haentjes   und seine Mitschüler aus einer Kölner Schule wie deutschlandweit  34000 andere Jungen zwischen 15 und 17 Jahren aus ihrem Schüler-Alltag herausgerissen und als Luftwaffenhelfer der Flak (= Flugabwehrkanonen) einberufen.

Zunächst ist es Spannung und Abenteuerlust, die in der Luft liegt, als sich die Jungen der Klasse 6 der Oberschule (entspricht der heutigen Klasse 10) in Erwartung der neuen Aufgabe an der Bahnstation versammeln.  Über seine Zukunftspläne nach dem Abitur hat Paul sich zu diesem Zeitpunkt noch keine allzu konkreten Vorstellungen, vielleicht würde er  einmal Architektur studieren  oder Journalist werden wollen. Doch nun muss das Schmieden von Zukunftsplänen erst einmal in den Hintergrund treten, im Kriegsgeschehen zählen mehr die ständige Sorge um die Angehörigen und Freunde, den nächsten Tag oder das Überleben an sich, wie Paul bald merken wird.

Nachdem bei der Schlacht um Stalingrad 150 000 deutsche Soldaten ums Leben kamen und weitere 110 000 in Gefangenschaft gerieten, braucht die deutsche Wehrmacht dringend neue Kämpfer. Die bisherigen Soldaten der Luftabwehr werden ins Feld abkommandiert und sollen durch Schüler wie Paul ersetzt werden.

Pauls Erlebnisse in den darauf folgenden zwei Jahren bis zum Kriegsende werden anhand von Briefen an seinen Bruder Werner, zeitgeschichtlichen oder privaten Fotografien und Dokumenten, Erklärungen zur Einordnung der historischen Zusammenhänge und Erläuterungen der Autorin, der Tochter von Paul, auf höchst interessante und anschauliche Weise den jugendlichen Leser*innen nahegebracht. Auch Pauls allmähliche Wandlung vom indoktrinierten Hitlerjungen zum durch die erlebten Schrecken des Krieges zunehmend nachdenklicher und erwachsener werdenden Soldaten werden eindrücklich deutlich.

Pauls zeitlebens gepflegtes Hobby des Sammelns, Archivierens und Fotografierens und seine zahlreichen Briefe liefern die Basis für das dokumentarische Buch der Tochter über den Vater als einen Stellverteter der immer rarer werdenden Zeitzeugen und als eine Quelle der Vermittlung historischer Ereignisse und Zusammenhänge, die hoch interessant für das jugendliche Lesepublikum, aber auch weit darüber hinaus,  vermittelt werden und sich als Mahnung vor den Grauen eines Krieges ins Gedächtnis einschreiben, mehr als es je ein trockenes Lehrbuch vermag.

 

Paul und der Krieg

Als15-jähriger im Zweiten Weltkrieg

von Dorothee Haentjes- Holländer

arsEdition, 2019

 

Hackes Tierleben

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Axel Hackes Tierkunde-Klassiker von 1995 gibt es wieder- aktualisiert und in neuem Format.

Ob der Leser oder die Leserin nun ausgesprochenen tierlieb ist oder eher tierfern lebt – nach der Lektüre (für Hacke-Fans natürlich Pflichtliteratur) wird man das Buch, welches sich mit 26 mehr oder weniger ernstgemeinten oder wissenschaftlich fundierten Charakterstudien und Psychogrammen von Tieren befasst, die Michael Sowa mit wunderbaren Illustrationen begleitet, liebevoll in seine Bibliothek einreihen oder als Geschenk an liebe Freunde weiterreichen wollen, um sie mit dem Hacke-Virus zu infizieren.

Eine Hommage gilt der Giraffe, der das Buchcover gewidmet ist – dem  stillen Tier, welches den Wolken Gedichte zuflüstert. Ebenso dem berühmtesten deutschen Wellensittich Putzi Ragotzi, dessen Sprachschatz 300 Wörter umfasste und der Worte wie Schnupperle und Pupperle  eigenständig zu Schnuppupperle zusammensetzen konnte, gilt es einfach gebührende Aufmerksamkeit und bleibendes Gedenken zu schenken.

Hackes nachdenkliche Betrachtungen über den sich ganzjährig mit Paarungsvorbereitungen befassenden Rothirsch münden in Überlegungen zur Sicherung von Filmrechten für einen potentiellen Hollywood-Schinken, in dem der von den Rehen unverstandene, von den Hirschen geächtete und von den Feldhasen verlachte kahlköpfige Hirschbock wirren Gemüts auf einer verschneiten Lichtung in den Armen seines Revierförsters verendet. Wem würde es angesichts dieser Vorstellung nicht Tränen in die Augen treiben? Doch damit nicht genug – das Sinnieren über die bildliche Vorstellung eines Geweih-bewehrten Menschen-Mannes, dem Hacke schlussendlich gar eine Art Freud´schen Geweih-Neids unterstellt, der eine Herausforderung für die heimische Hut-Industrie oder das Friseurhandwerk und problematisch in der U-Bahn oder beim Fahren japanischer Autos wäre, andererseits aber neue Möglichkeiten für das Tragen von Aktentaschen mit sich brächte, bringt uns zum Philosophieren und den zu Lachkrämpfen Neigenden an die Grenzen des Aushaltbaren.

Betrachtungen zum Wal führen neben dem Ausdenken von Bestrafungsszenarien für walfangende Nationen zur nüchternen Feststellung, dass ein Pottwal einen Mann im Ganzen schlucken könne, umgekehrt aber, falls der Mensch einen Pottwal essen wolle, diesen kleinschneiden müsse – die Rückkehr aus dem Magen des Fressenden also nur in dem einen Fall theoretisch möglich wäre. Wie gut zu wissen.

Wie rührend die Geschichte vom treuen Regenwurm Erich, der unter der Erde all unsere Wege verfolgt, um ab und zu gegen unseren großen Zeh zu stubsen. Poetisch fabuliert Hacke über eine geheime Regenwurmwelt nahe am Erdmittelpunkt, wo die Würmer an der Garderobe ihre braune Haut abgeben, aus dieser ein wunderschönes regenbogenfarbenes Geschöpf zum Vorschein kommt, um Regenwurmorgien zu feiern. Rechtzeitig bevor wir weiter in schwärmerisches Sinnieren abgleiten, werden wir mit der Feststellung, dass die Erde letztlich nichts als ein gigantischer Haufen Regenwurmscheiße ist, in die Realität zurückgeführt.

Erhellend auch das Wissen um die Bedeutung des Goldhamsters, der tausendfach in Laufrädern  radelnd  in Kellern unter Finanzfilialen diese mit Strom versorgt und zu der Überlegung Anlass gibt, ob von der unverschämten Gebührenpolitik der Banken Enttäuschte dereinst erbost die Hamsterkeller in Frankfurt stürmen.

Bewundernd betrachten wir die multiplen Fähigkeiten des sich entsprechend seiner Gemütslage lila vor Behagen verfärbende Chamäleon, welches auf dem Sofa liegend mit dem linken Auge einen Liebesfilm sehend und mit dem rechten Auge ein Buch lesend dann und wann seine Schwungfederzunge in die Schale mit den Kartoffelchips hinüberhüpfen lässt – ein Sinnbild des Genusses!

Ebenso genüsslich sollten wir uns dieser Lektüre widmen, die uns neben den genannten noch über Charakteristiken vieler weiterer Tiere wie Bären, Flamingos, Schafe, Kakerlaken, Hyänen, Hühner, Heringe, Möpse und anderer Arten aufklärt und schmunzeln lässt und uns  nie mehr Matjes nach Hausfrauenart ohne schlechtes Gewissen verzehren oder Schokohasen im Kühlschrank neben der Wurst aufbewahren lässt.

 

Hackes Tierleben

Text: Axel Hacke

Illustration: Michael Sowa

Verlag: Kunstmann, 2019

Wir gehen in eine Ausstellung

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Es geht darum, präzise Antworten auf neugierige Kinderfragen zu finden und damit Schlüsselthemen unserer Zeit wie Themen zeitgenössischer Kunst zu verstehen. Die neue „Mistkäfer“-Buchreihe verspricht mit einem „Neue-Wörter-Leseprogramm“, Fähigkeiten des Kindes, wie etwa lange Wörter und schwierige Konzepte zu erinnern, deutlich zu verbessern. Sogenannte „Lernwörter sollen dabei helfen, grundsätzliche Konzepte zu identifizieren. Es wird empfohlen, „diese Wörter so oft wie möglich mit Ihrem Kind zu lesen. So werden die einzigartigen Meinungen Ihres Kindes allmählich zermürbt und angemessene, zeitgemäße Fähigkeiten des kritischen Denkens entwickelt.“ – Spätestens jetzt wird denjenigen, die es nicht schon vorher wussten, wohl allmählich klar, dass sie mit diesem  kleinen Kunstbüchlein eher keinen netten und gefälligen Kunstbetrachtungs-Ratgeber und schon erst recht kein Kinderbuch in den Händen halten, sondern vielmehr eine herrlich bitterböse Persiflage auf moderne Kunstbetrachtung und den modernen Kunstbetrieb.

Wir begleiten die Kinder Susan und John, welche mit ihrer Mutti eine Kunstausstellung besuchen, amüsieren uns insgeheim über Muttis Bildbetrachtungen und -deutungen und sind zuweilen gleichzeitig ebenso wie die Kinder verunsichert über Muttis schonungslos nüchterne wie frappierende Art, ihre angesichts der betrachteten Werke auftauchenden Fragen zu beantworten und damit überraschend treffend moderne Kunst zu beschreiben und  zu analysieren.

Eher harmlos beginnend mit Muttis Aussagen, dass Schönheit in der Kunst nicht wichtig und Verstehen eher kontraproduktiv sei und sich steigernd mit einer schnippischen Bemerkung auf Johns Einwurf, dass er etwas genauso malen könnte wie der Künstler („Hast du aber nicht.“) werden wir alsbald Zeugen von Muttis sich steigerndem Glück und dazu proportional permanenter  Verwirrung seitens der Kinder angesichts leerer Räume, nackter Körper, existenzieller Satzfragmente, übergroßer Vaginen und Penisse, halbierter Hasen, schreiender Gestalten, Ölflecken und stinkenden Mülls und Muttis profunder Deutungen und Zuschreibungen wie etwa „Das ist der Gestank unserer verrottenden westlichen Zivilisation“ , „Weil Gott tot und alles Sex ist.“ oder „Es ist Zeit für die Objektifizierung des Körpers.“ Zunehmend fühlen wir uns  ähnlich „komisch“ wie Susan und John, woraufhin Mutti nur lapidar bemerkt, dass dies der moderne Zustand sei. Gesellschaftskritisch entlarvend  und sarkastisch auch die Beantwortung der Frage, ob Mutti eine Künstlerin sei: „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe.“

Unpassender –und damit zugleich wunderbar passend!- könnten die begleitenden farbigen Illustrationen gar nicht sein. Wunderbar retro, heiter, gefällig und ziemlich bieder kommen sie unschuldig daher und erinnern ein wenig an die heile Welt aus Zeugen-Jehovas-Heftchen oder Versandhauskatalogen der 60er Jahre.

Miriam und Ezra Elia ist eine genial bissige und eigenwillig komische Kunst-Persiflage gelungen – ein wunderbares Geschenk für  Künstler und Kunstliebhaber mit Sinn für Humor!

 

Wir gehen in eine Ausstellung

von Miriam und Ezra Elia (Text) und Miriam Elia (Illustration)

Kunstmann, 2018

Bäume

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Das imposante Porträt eines Eichen-Baumriesen-Gesichts schmückt das Cover dieses fantastischen Sachbilderbuchs von Piotr Socha und macht sogleich neugierig auf den Inhalt.

Nachdem uns Socha vor zwei Jahren mit seinem grandiosen Bienen-Buch begeisterte, gelingt ihm das nun mit dem ebenso großformatigen wie großartigen Bäume-Buch, in dem er auf farbigen Bildtafeln, begleitet von wissenswerten Informationen (diese in Fließtext-Spalten neben den Bildtafeln) von Wojciech Grajkowski, die faszinierende Welt der Bäume beleuchtet. Ihre erstaunliche Vielfalt wird uns mit detailreichen Illustrationen und  interessanten Informationen ausführlich vor Augen geführt:

Beginnend mit einem großen ornamentalen und  farbenprächtigen Bild eines mexikanischen Lebensbaumes, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, widmet sich jede der darauffolgenden Doppelseiten speziellen Themengebieten wie solchen, in denen Bäume von Nicht-Bäumen unterschieden, Blattformen, Früchte, Wurzeln oder Baumkronenformen miteinander verglichen oder jahreszeitliche Veränderungen der Bäume erkundet werden und vieles andere mehr. Hochinteressante Fakten wie die Tatsache, dass eine Riesenschildkröte auf Mauritius das Aussterben der dort ansässigen Ebenholzbäume verhinderte, dass manche Baumarten nur in sehr eng begrenzten Arealen der Erde vorkommen, dass Baobab-Bäume in ihren voluminösen flaschenartigen Stämmen große Wassermengen speichern oder dass in den Kronen marokkanischer Arganbäume Ziegen hausen, führen zu überraschenden Erkenntnissen. Sehr anschaulich werden die Dimensionen der verschiedenen Bäume vermittelt, wenn wir sie in unmittelbarer Nachbarschaft der Cheops-Pyramide, von Big Ben oder eines gewöhnlichen Einfamilienhauses vorfinden und vergleichen können oder uns die gewaltige Dicke eines Baumstammes vorstellen, um den sich kreisbildend mehr als 20 an den Händen fassende  Menschen ranken. Die Altersbestimmung heute noch lebender Bäume und deren Gegenüberstellung zugehöriger kultureller Epochen stellt einen interessanten, vernetztes Denken fördernden  Ansatz der Naturbetrachtung dar. Ausführlich wird weiterhin auf den aus Bäumen gewonnenen Rohstoff Holz  über Betrachtungen zur Arbeit der Holzfäller,  hölzerne Gebäude, Objekte, Musikinstrumente oder Kunstwerke aus Holz eingegangen, wobei abenteuerlustige Kinder wohl besonders die Vorstellung verschiedenster Baumhäuser begeistern wird. Auch Interessantes über Bonsais und andere „frisierte Bäume, Darwins Lebensbaum, Stammbäume, Bäume in Religionen, heilige Bäume, Waldlegenden, Baumungeheuer oder Urwälder ist zu erfahren und lässt immer wieder staunen.

Ein Plädoyer für das Bäume-Pflanzen rundet dieses wunderbare Sachbilderbuch ab, für das sich Kinder wie Erwachsene  in gleichem Maße begeistern und damit immer wieder aus einer umfangreichen Wissens-Schatzquelle schöpfen können.

 

Bäume

von Piotr Socha (Illustration) und Wojciech Grajkowski (Text)

Übersetzung aus dem Polnischen von Thomas Weiler

Gerstenberg Verlag, 2018