Archiv der Kategorie: erzählendes Sachbuch

Atlas der Gelassenheit

In unserer mitunter hektischen und problembelasteten Welt ist die Sehnsucht des Menschen nach Ruhe und Gelassenheit groß. Manchen fällt es schwer, zu ihrem inneren Gleichgewicht zu finden.

Bei der Lektüre des Buches stellt sich dieses beinahe schon beim Lesen ein. Es versammelt als „Atlas der Gelassenheit“ Weisheiten und Praktiken aus aller Welt, denen gemeinsam ist,  Ruhe, Entspannung, Wohlbefinden, Geduld und Ausgeglichenheit bewirken zu können.

 So erfahren wir von Shu, der konfuzianischen Tugend des Mitgefühls und der Rücksichtnahme, von Ayliak, der bulgarischen Kunst, bedächtig und anstfrei zu leben, vom sogenannten Flow, dem angenehmen Zustand höchster Konzentration und Versunkenheit in eine Tätigkeit, von Ho´ponopono, was in Hawaii das In-Ordnung-Bringen und geistige Reinigung durch Vergebung beschreibt, von Capoeira, einer afrobrasilianischen Praxis, welche Musik, Tanz, Akrobatik und Kampfsport miteinander verbindet, vom indischen Lachyoga als bewährtem Stresskiller, vom schwedischen Fika, einer gemeinsamen Kaffeepause mit Gebäck samt einem leckeren Zimtschnecken-Rezept und von der hebräischen Mizwa, dem moralischen Handeln oder der guten Tat, mit der man sich ebenso selbst Gutes tut. In Norwegen wird zur Erlangung von Gelassenheit Utepils praktiziert, was nichts anderes bedeutet, als sich mit Freunden an der frischen Luft auf ein Bier zu treffen. In Spanien werden sonntägliche Aktivitäten oder das bewusste Nichtstun am Sonntag Dominguear empfohlen. Das japanische Nuchi Gusui beschreibt gesunde Nahrung als Medizin für seelisches und körperliches Wohlbefinden und langes Leben. In Finnland ist das Geheimrezept ein sogenannter Wollsockentag, der Villasukkapäivä und in Dänemark werden Fredagsmys, die Freitags-Gemütlichkeit oder Morgenfrisk, also morgenfrisch in den Tag zu starten, hochgehalten. Diese und viele weitere Sitten und Gebräuche aus aller Welt können uns allerlei Gedanken- und Handlungsimpulse geben, um ruhiger und ausgeglichener zu werden.

Fantasievolle und ausdrucksstarke Illustrationen begleiten die informativ und unterhaltsam geschriebenen Texte und verdeutlichen die Abläufe verschiedener Übungen.

Wir erhalten interessante Einblicke in verschiedene Kulturen und können – je nach persönlichem Geschmack und Temperament – uns davon zu eigenem Tun und neuen Einsichten inspirieren lassen.

Atlas der Gelassenheit

Text: Megan Hayes

Illustration: Amelia Flower

Übersetzung aus dem Englischen: Ingrid Ickler

Knesebeck, 2020

Der supersüße Zeichenkurs

Niedlich, kindlich, süß heißt im Japanischen „Kawaii“. Die gleichnamigen Figuren zu zeichnen ist ein in letzter Zeit immer beliebter werdender Trend. Typische Kawaiis sind rundlich, haben einen kindlichen Gesichtsausdruck, wirken sehr emotional und kommen überwiegend in Pastellfarben daher – angelehnt an die Süßigkeiten, Obst oder Alltagsgegenstände, welche in Japan oft diesen typischen Kawaii-Ausdruck mit niedlichen Kulleraugen und knuffigen Gestalten verliehen bekommen. Für manchen Geschmack vielleicht etwas überzuckert, aber was soll´s – viele und vor allem Kinder und Frauen lieben sie und in schwierigen Zeiten bedarf es wohl mitunter der Überhöhung des Sorglosen, des Zelebrierens von Süßem und Harmlosem. Und um die Kawaiis nicht nur zu lieben, sondern selbst auch zeichnen zu lernen, bieten Anleitungen in Büchern wie diesem eine gute Grundlage.

Angefangen mit der Vorstellung geeigneter Materialien, über erste Übungen im Formenzeichnen, Darstellungen von Emotionen, kleine Fingerübungen und verständlich erklärte Schritt-für-Schritt-Anleitungen zur niedlichen Personalisierung von Melonenstücken, Erdbeeren, Avocados, Donuts, Pizzastücken und vielem mehr, über Übungen zum Zeichnen süßer Kawaii-Tiere wie Fledermäuse, Schafe, Elefanten, Hasen, Pinguine oder Igel mit Karnevalsmützen, liefert dies vielleicht schon so manche Anregung für die kreative oder kulinarische Ausgestaltung von Kindergeburtstagen oder anderen Festen. Weitere Schritte für Geübtere folgen, wie die Gestaltung in Kombination mit Schrift für lustige Gruß- oder Spruchkarten oder die Illustration lustiger, dekorativer oder mitunter etwas skurriler Dinge wie blumengeschmückte Oldtimer, Vogelhäuser, Blumenballons oder Schildkröten in Flaschen. Drei Doppelseiten sind speziell dem Darstellung verschiedener Emotionen gewidmet. Den zeichnerischen Abschluss des Kawaii-Schnellkurses bildet die schrittweise erklärte Darstellung eines sogenannten Grummelkaters. Wer die Ergebnisse seines kreativen Kawaii-Lehrgangs anschließend auf Instagram & Co. Zeigen möchte, wird dazu ausdrücklich ermuntert und mit den entsprechenden Links versorgt.

Allen, die Lust haben, das Kawaii-Zeichnen auszuprobieren oder zu vervollkommnen, bekommt mit dem Buchkurs eine anschauliche Anleitung zum Nachmachen und Weiterspinnen.

Der supersüße Zeichenkurs

Schritt für Schritt niedliche Motive zeichnen

von Tanja Geier

Frechverlag, 2020

Nette Skelette

Arie van´t Riet, der bis zu seiner Pensionierung als klinischer Strahlenphysiker tätig war und seitdem Röntgengeräte verwendet, um sogenannte Bioramen – Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen- herzustellen, gehört zu den bestimmt nur wenigen Menschen, die man mit einer toten Maus beglücken kann.  Aus Röntgenaufnahmen  arrangiert er fantastische Bilder, die wie Kunstwerke aussehen und bereits weltweit ausgestellt und bewundert wurden. Zusammen mit den interessanten und unterhaltsamen, humorvollen Texten von dem erfolgreichen Sachbuchautor Jan Paul Schutten entstand daraus ein ungewöhnliches und gestalterisch ausgesprochen schönes Buch. Die eindrucksvollen  Aufnahmen von mit Röntgenstrahlen durchleuchteten verstorbenen Tieren und filigranen  Pflanzenteilen, mit denen van´t Riet kompositorisch experimentiert, bis es ihm gelingt, in einer Bildkomposition gleichzeitig  hauchdünne, filigrane Blütenblätter und stabile Knochenstrukturen abzubilden, sind ein wahres Fest für die Sinne und geben faszinierende Einblicke in eine unseren Augen normalerweise verborgene Welt.

Während wir die wunderbar ästhetischen Bilder betrachten, erfahren wir aus den begleitenden Texten Hochinteressantes aus den Reichen der Gliederfüßer und Weichtiere, Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere: wie rührend sich Skorpionmütter um ihren Nachwuchs kümmern, wie unglaublich viele Beine Garnelen haben, dass dicke Hummeln unsichtbare Wespentaillen haben, dass Libellen erstaunliche Flugkünstler sind, was Schnecken und Menschen unterscheidet, weshalb man im Restaurant niemals Seezunge mit süßen Früchten bestellen sollte, dass Seepferdchen innen und außen Skelette haben, dass Frösche die besseren Prinzen sind, dass man durch Zählen von Fingerknochen Amphibien und Reptilien voneinander unterscheiden kann, dass die Jesus-Christus-Echse tatsächlich übers Wasser laufen kann, Erstaunliches über Chamäleonzungen, den Stoffwechsel von Schildkröten oder ziegenfressende Schlangen, dass  Vögel wahre Bodybuilder sind, Maulwürfe einen zusätzlichen Daumen haben, Knochen lebenslang wachsen und vieles, vieles mehr.

Und zum Abschluss erfahren wir, in einer kleinen Geschichte verpackt, noch etwas über den Entdecker der Röntgenstrahlen, dessen Zufallsentdeckung nicht nur bahnbrechend für Medizin und Wissenschaft wurde, sondern letztlich auch die Entstehung dieses wunderschönen Buches ermöglichte, welches Kinder wie Erwachsene  gleichermaßen begeistern kann.

Nette Skelette

Röntgenbilder von Tieren und Pflanzen

Bilder: Arie van´t Riet

Text: Jan Paul Schutten

Mixtvision, 2020

Ich schreibe mich gesund

Ein Rezept, so einfach wie genial: zwölf Wochen lang fünfzehn Minuten täglich schreiben. Nicht, um einen Bestseller zu produzieren, sondern um gesund zu werden.

Die Ärztin und Schreibtherapeutin Silke Heimes gibt den Leser- und zukünftigen SchreiberInnen mit ihrem 240seitigen Schreibratgeber (im handlichen Taschenbuchformat mit flexiblem hellgrünen Hardcover, auf dem der Titel in goldenen Schreibschriftzeilen präsentiert wird) das entsprechende Handwerkszeug mit auf den Weg. Auf den ersten 70 Seiten führt sie ausführlich in die Thematik ein, bevor mit konkreten Schreibimpulsen für jeden einzelnen Tag der kommenden 12 Wochen sowie Wochen-, Etappen- und Abschlussreflektionen der praktische Teil folgt. Wer mag, kann seine Schreibübungen direkt im Buch tätigen.

Hintergrund des ambitionierten Vorhabens einer Gesundung durch Schreiben ist der revolutionäre Gedanke, Menschen als lebendige, fühlende, denkende, kreative und ganzheitliche Individuen zu sehen, deren persönliche Wünsche, Träume und Lebensgeschichten ebenso wie deren körperliche Symptomatik in die Therapie ihrer Beschwerden einfließen zu lassen. Dass wir noch sehr weit entfernt davon sind, eine Umsetzung dieses Gedankens in unserem Apparate- und Medikamente- basierten Gesundheitswesen zu erleben, muss uns nicht davon abhalten, die heilsame Wirkung des Schreibens in eigener Erfahrung zu erleben; in diesem Falle mit einem Buch als Hilfe zur Selbsthilfe.

Wer sich dem heilsamen Schreiben hingeben will, wird erfahren, dass durch das Aufschreiben dessen, was einen beschäftigt, das Belastende zunächst erst einmal aus dem Kopf heraus aufs Papier wandert, um von dort in aller Ruhe näher betrachtet werden zu können. Ebenso lassen sich schwierige Lebenssituationen umso besser gedanklich vorwegnehmen, indem sie aufgeschrieben und dann von allen Seiten beleuchtet werden können, wobei sich kreative Problemlösungsstrategien und neue Ideen oder Pläne fast wie von selbst einstellen.

Am Ende dieser 12wöchigen  Schreibreise liegt ein erfahrungs- und erkenntnisreicher Prozess hinter denen, die sich auf das Schreibabenteuer eingelassen haben. Und vielleicht werden sie das tägliche Schreiben nicht mehr missen wollen.

Prof. Dr. med. Silke Heimes

Ich schreibe mich gesund

Dtv, 2020

Multitalent Gouache

 

Dass die Gouachefarbe  ein wahres Multitalent ist, zeigt uns der renommierte Illustrator Aljoscha Blau in einem wunderbaren, 184seitigen Arbeitsbuch aus dem für besonders schön gestaltete Bücher bekannten Verlag Hermann Schmidt. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen seines reichen Erfahrungsschatzes, so wie er es sich in seiner Studienzeit selbst gern in Form von Büchern seiner Lieblingskünstler gewünscht hätte. So ist das nun vorliegende Buch sowohl ein Geschenk an den jungen Kunststudenten von damals und gleichzeitig an alle von heute, die gern mehr über Goachefarben und –techniken wissen wollen und sich lesend und lernend mit Stift und Pinsel zu  inspirieren erhoffen.

Das Besondere der Gouache-Technik ist, dass sie die Vorteile der Malerei und des Aquarellierens in sich vereint. Um sie uns entsprechend nahezubringen, teilt der Autor wie in einer Analogie zum Kochbuch seine Ausführungen in fünf Bereiche: zuerst philosophische und historische Bezüge, dann Materialkunde, danach erste Schritte, später spezielle Techniken und schließlich besondere Expertentipps.

Blau gesteht, dass Gouache, eine deckende Wasserfarbe mit Gummi arabicum als Bindemittel und weiteren Zusätzen wie Kreide, seine absolute Lieblingstechnik sei, womit er sich in guter Gesellschaft vieler alter und moderner Meister wie etwa Dürer, Matisse oder Chagall befindet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Gouache zu DER Farbe für Illustratoren und Buchkünstler, aber auch zeitgenössische Künstler wie beispielsweise David Hockney arbeiten insbesondere in ihren Skizzen und Vorentwürfen bevorzugt mit Gouache, die sich in Künstlerqualität durch ihre samtene Oberfläche, gleichmäßigen Farbauftrag, das Leuchten der stark pigmentierten Farben und ihre hohe Deckkraft auszeichnet, wie Blau betont.

Zunächst gibt er Hilfestellungen, wie man zu seiner Lieblingsmarke finden kann, welche Informationen aus dem Etikett herauszulesen sind, welche Papiere geeignet sind, vergleicht diverse Pinsel, weitere Malutensilien und verschiedene Malmittel. Weiter erfahren wir, wie Papier aufgezogen wird, machen einen Ausflug in die Farbenlehre und richten unseren Arbeitsplatz optimal ein, wobei der Autor ein überzeugendes Plädoyer für eine gewisse „visuelle Hygiene“ hält. Zum Planen des Bildes empfiehlt Blau, wie die Synästhetiker „Farbklänge zu skizzieren“, um die Wirkung verschiedener Farbkombinationen zu erspüren, um im nächsten Schritt die Arbeitsetappen zu überlegen, womit das Malen mit Gouache gewissermaßen auch zu einem intellektuellen Abenteuer werden kann, denn die spezifischen Eigenschaften der Farbe bedingen auch den Bildaufbau. Wie unterschiedlich dies funktionieren kann, wird an vielen konkreten Beispielen gezeigt. Ausführlich folgen verschiedene Techniken der Gouachemalerei von transparent bis deckend – vom Lasieren und Lavieren über Dunkel-zu-Hell-Malerei, Verwendung von Schablonen und Drucktechniken bis hin zu Experimenten mit Bürsten, Lappen, Zweigen oder trockenen Pinseln. Auch Rohrfederzeichnungen mit Gouache erweisen sich als vielversprechende und nachahmenswerte Technik. Noch mehr Übung verlangen an ausdrucksstarken Beispielen vorgestellte Auswasch-, Auskratz-,  Spritz- und weitere Techniken unter Verwendung von Maskiermitteln, Kombination mit Pastellstiften, Aquarell- oder Ölfarben wie auch die Monotypie.

Der letzte Teil widmet sich der kreativen Umsetzung des bereits Gelernten an Beispielen, zum Teil in gut nachvollziehbaren Schritt-für-Schritt-Demonstrationen, im Hinblick auf die Darstellung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Objekten, Landschaften oder Schriftgestaltungen als hilfreiche Anleitung und Anregung zum eigenen Ausprobieren und Weiterentwickeln.

Sehr überzeugend und überaus inspirierend gelingt es Aljoscha Blau mit seinem Buch, die Lust zu wecken, das Multitalent Gouache in all seinen Facetten kennenzulernen, seine Arbeitsvorschläge nachzumachen, damit zu experimentieren und individuell  mit eigenen Ideen neu zu erobern.

 

Multitalent Gouache

Aljoscha Blau

Verlag Hermann Schmidt, 2020

Affe Bär Zebra

Das Porträt eines Zebras vor einem in dunklen Rot- und Blautönen gehaltenen Hintergrund, der das verwendete Medium Holz in feinen Maserungen erkennen lässt, zeigt das in rotes Leinen eingefasste Buchcover. An der Art der Verarbeitung zeigt sich bereits auf bemerkenswert schöne Weise, wieviel Augenmerk dieses neue ABC-Bilderbuch auf hochwertige künstlerische Qualität setzt.

Abgesehen von dem schöne blaue Eier legenden und bei den Indianern göttlich verehrten Quetzal, dem besser als Ameisenbär bekannten Vermilingua oder Xiphias Gladius, dem Schwertfisch – jene Tiere, die in diesem Buch für die Buchstaben Q, V und X stehen – erwarten uns hier eher weniger extravagante Überraschungen, sondern es begegnen uns jene Tiere, die uns meist spontan zuerst einfallen, wenn nach solchen, deren Namen mit A, B, C oder Z beginnen, gefragt wird –  also A wie Affe, B wie Bär, C wie Chamäleon bis hin zu Z wie Zebra.

Was ist es dann, das dieses ABC-Bilderbuch so besonders macht, dass es sich aus der Masse derartiger Bücher (und ja, es gibt wirklich viele davon …) hervorhebt?

Vor allem sind es die wirklich schönen und ansprechenden, meist nur in drei oder vier Farben gehaltenen Illustrationen der Tiere in Form von wunderbaren Holzschnitten ohne jeglichen Schnickschnack, verbunden mit dem Selbstporträt der Tiere in Versform, liebevoll geschrieben, behutsam aus dem Niederländischen übersetzt und trotz der Kürze durchaus überraschende und interessante Informationen zum Leben der jeweiligen Tiere enthaltend, dazu als optische Ergänzung wunderbar klar gestaltete Lettern in Groß- und Kleinschreibweise, korrespondierend mit den im Bild verwendeten Farben – und das alles auf hochwertigem Papier in exzellenter Verarbeitung.

Zusätzlich Wissenswertes zu den vorgestellten Tieren findet sich in einem ebenso ansprechend gestalteten dreiseitigen Kurzregister am Buchende, wo wir beispielsweise erfahren, dass Affen ziemlich gute Augen haben, Bären keinen richtigen Winterschlaf halten, Chämäleons vor allem entsprechend ihren Gefühlen und weniger der Tarnung wegen die Farben wechseln oder das Streifenmuster der Zebras bei jedem Exemplar ganz individuell wie bei unserem Fingerabdruck  ist.

Auch auf die Gefahr hin, sich das x-te ABC-Buch ins Regal zu stellen – dieses ist eine kleine Buch-Kostbarkeit, die Kinder wie Erwachsene erfreut und deren Anschaffung sich für alle Sinne lohnen wird.

 

Affe Bär Zebra

Illustration: Henriette Boerendans

Text: Bette Westera

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracariverlag, 2019

Verlorene Arten

Gerade jetzt, in einer Zeit, in der wir auf der Erde von einer Vielzahl von Tieren umgeben sind, die es infolge von Klimaveränderungen und zunehmender Zerstörung ihrer Lebensräume möglicherweise in naher Zukunft nicht mehr geben wird, betrachten wir ein Buch über verlorene Arten mit anderen Augen, zumal wir Menschen oft nicht ganz unbeteiligt am Verschwinden dieser Tiere sind.

Die britische Tierärztin und Autorin Jess French hat zusammen mit dem Illustrator Daniel Long ein  gestalterisch wie  inhaltlich bemerkenswertes Bilderbuch-Kompendium solcher ausgestorbenen Tiere geschaffen.

Ein riesiger Vertreter dieser verschwundenen Spezies, ein Mammut, dominiert das Titelbild und scheint uns aus dem Jenseits zu beobachten und direkt in die Augen zu blicken.

Auf der ersten Seite des farben- und detailreich bebilderten Sachbuchs begegnen wir einem Velociraptor und einem Protoceratops, der eine ein gefährlicher Fleisch- und der andere ein friedlicher Pflanzenfresser, beide bereits vor 70 Millionen Jahren ausgestorben, in einer Szene, wie sie sich damals zugetragen haben könnte. Ob sie tatsächlich so oder ein wenig anders ausgesehen haben, obliegt mehr oder weniger der Phantasie der Nachwelt-Geborenen oder hier des Illustrators, da die Erkenntnisse über den Körperbau dieser Tiere auf Fossilien-Funden basieren, wie die Autorin in einführenden Worten zum Buch erläutert.

Bei den vor etwa 4000 Jahren ausgestorbenen Wollmammuts wissen wir schon wesentlich mehr über deren exaktes Aussehen, weil darüber Funde verstorbener ganzer Exemplare im Eis Sibiriens und Alaskas Auskunft geben können.

Erst in der jüngeren Vergangenheit hingegen gelten die chinesischen Flussdelfine als ausgestorben, nachdem ihre Bestände durch widrige Umweltbedingungen, Schiffsverkehr und Fischerei zunehmend zahlenmäßig zurückgingen, bis kein einziges dieser ausgesprochen freundlich aussehenden Tiere mehr übrigblieb.

Auch der extrem scheue, früher in Taiwan lebende chinesische Nebelparder, dem wohl sein wunderschönes Fell und die Zerstörung seiner Lebensräume zum Verhängnis wurde, gilt seit 2013 als ausgestorben, nachdem trotz mehrjähriger Suche keine lebenden Exemplare mehr gesichtet wurden.

Unbekannt hingegen ist die Zeit des Aussterbens eines gepanzerten, mit Warzen bedeckten kleinen Sauriers, dem Kumbarrasaurus. Weitere zu unterschiedlichen Zeiten ausgestorbene Tiere wie die über drei Meter großen straußenähnlichen, aber flügellosen Riesenmoas, tasmanische Beutelwölfe, Magenbrüterfrösche, Spinosaurier, Koalalemuren, Dodos, Säbelzahnkatzen und viele andere bis hin zur bekannten einsamen Riesenschildkröte namens „Lonesome George“ werden vorgestellt und die unterschiedlichen Ursachen ihres Verschwindens beleuchtet – ein hochinteressanter und nachdenklich stimmender Einblick in die manchmal unausweichlichen, manchmal aber auch zu beeinflussenden Geschehnisse, die evolutionäre Veränderungen bewirken können.

 

Verlorene Arten

Text: Jess French

Illustration: Daniel Long

Knesebeck, 2019

 

Kein Stress!

 

Mit welchen Methoden lassen sich Stress und Angstgefühle reduzieren? Welche Denkmuster sind es, die immer wieder Stresszustände verursachen? Matthew Johnstone, Autor von Bestsellern wie beispielsweise „Mein schwarzer Hund“ oder „Mit dem schwarzen Hund leben“ erläutert dies auf der Grundlage eigener Erfahrungen zusammen mit dem Psychologen Dr.Michael Player , welcher wirksame Techniken zur Stressbewältigung entwickelte, in einem zugleich wissenschaftlich fundierten wie humorvollen knapp 200seitigen, reich illustrierten Ratgeber.

Zu Beginn wird zunächst geklärt, was Stress überhaupt genau ist, welche Anzeichen, Symptome und alltäglichen Auslöser von Stress es gibt und wie Gehirn und Geist als Verarbeiter des Stresses funktionieren. Weiterhin wird gezeigt, wie Angstreaktionen, die Stress auslösen, deaktiviert werden können. Dem Faktor Zeit kommt hinsichtlich von Stressreaktionen eine besondere Bedeutung zu, insofern ebenso dem Erlernen von Prioritätensetzung und Zeitmanagement. Ebenso wird erläutert, wie ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Schlaf und Bewegung sowie optimaler Ernährung stressminimierend wirken kann oder wie Beziehungsstress in der Partnerschaft über eine Hinwendung zu fürsorglicher und unterstützender Beziehungsstruktur vermieden bzw. reduziert werden kann. Abschließend erfahren wir, wie wir unser Bestes zum Vorschein bringen, wie wir unsere Potenziale entfalten, uns mit neuer Energie aufladen und Resilienz entwickeln können, um uns wieder lebendig und gut zu fühlen.

Zahlreiche Achtsamkeits- und Entspannungsübungen werden vorgestellt, von denen sich die jeweils individuell Passendsten in den persönlichen Alltag integrieren lassen. Verschiedene „Lektionen“ in Form kleiner Anekdoten aus dem Alltag laden zum Nach- und Weiterdenken ein. Die humorvollen Illustrationen im Comic-Stil unterstreichen den Text und geben hilfreiche optische Unterstützung und Auflockerung.

Für gestresste oder vom Stress bedrohte Menschen kann das verständlich, unterhaltsam und einfühlsam geschriebene Buch ein wertvoller Begleiter und Ratgeber werden.

 

Matthew Johnstone & Dr. Michael Player: Kein Stress!

Kunstmann, 2019

 

Wild & Wise

Welche Lektionen wir von den eher wenig beachteten, weil unscheinbaren, weniger schönen bis hässlichen oder gar giftigen Tieren, Pflanzen und anderen Phänomenen der Natur lernen können, erfahren wir in dem 160seitigen handlichen Büchlein mit dem graphisch ansprechenden türkisfarbenen Cover, auf dem sich drei Schlangen umeinander winden.

Insgesamt 70 solcher „Underdogs der Natur“  werden auf je einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich zum Text jeweils eine ganzseitige Illustration als dessen künstlerische Interpretation gesellt. Zwischen den Porträts finden sich darüber hinaus zuweilen im kontrastreichen Gegensatz zum Aussagegehalt des Geschriebenen stehende künstlerisch sehr aufwändig gestaltete Doppelseiten, die philosophisch mehr oder weniger tiefgründige Fragen wie „Was, bitte sehr, wäre die Welt ohne Sauerkraut?“ oder die persönliche Sammlung unnützen Wissens bereichernde Fakten oder Erkenntnisse wie „Kaum jemand verliert ein nettes Wort über das Tollwut-Virus.“ oder „Die Hausmaus kotzt niemals, selbst wenn sie die eigenen Köttel frisst.“ aufwerfen.

Angefangen mit der minder beliebten Küchenschabe, von welcher wir lernen können auf Zeit zu spielen, und die seit 320 Millionen Jahren ziemlich anspruchslos vor sich hin lebt, die sich sogar im Weltraum vermehrt und die einen Atomkrieg locker überleben würde, über die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnende und doch überdurchschnittlich oft als widerlich schleimige Kreatur empfundene und von Hobbygärtnern gehasste Nacktschnecke, die Raffinesse des Tollwut-Virus, die Intelligenz der Wanderratte, die durch die Beine atmende Kellerassel, Gedanken zum faszinierenden Zustand des Vakuums, den leicht entflammbaren Stechginster, den allseits unbeliebten Mix aus Regen und nassem Schnee alias Schneeregen, den sich Aufzucht- und Erziehungspflichten entziehenden cleveren Kuckuck (Merke: „Hast du mal darauf geachtet, wie Kinder sind? Schreckliche Brut. Der Kuckuck ist gar nicht so dumm.“), die Stubenfliege, welche  Informationen um ein Vielfaches schneller als der Mensch verarbeitet, über Bakterien, rätselhafte Flechten, die Kopflaus oder den minderbegabten, depressiven Fasan  bis hin schließlich zum sich selbst als klügstes Lebewesen betrachtenden Mensch werden mit einer reichlichen Portion subtilen Humors aus den Eigenarten der Spezies mehr oder minder hilfreiche Schlussfolgerungen für mehr oder minder ernstgemeinte Lebensweisheiten  gezogen und in Merksätzen zusammengefasst.

Damit werden die mit einer Prise Augenzwinkern gewürzten Tier-, Pflanzen- und Naturporträts zu einer gelungenen, künstlerisch hochwertig illustrierten und recht unterhaltsamen Melange aus Wissenschafts- und Sprachakrobatik plus „Lebenshilfe“.

 

Wild & Wise – Clevere Lektionen von den Underdogs der Natur

Text: Dixe Wills

Illustration: Katie Ponder

Übersetzung aus dem Englischen:  Claudia Arlinghaus

Knesebeck, 2019

Mein Mauerfall

Wer zu Zeiten des Mauerfalls etwa zwischen 10 und 20 Jahre alt war, ist heute, 30 Jahre später, vielleicht Mutter oder Vater eines Jugendlichen dieser Altersgruppe, an die sich auch dieses erzählende Sachbuch über die Zeit vor, während und nach dem Fall der Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten und mitten durch Berlin insbesondere richtet.

Geschrieben hat es Juliane Breinl, die sich schon 2011 mit ihrem Buchdebüt „Die Feuerbälle – Kinderbande im geteilten Deutschland“ der speziellen Problematik eines geteilten Landes widmete und der sich zur Zeit der Wende als damals Achtzehnjährige die Bilder des Mauerfalls vom 9.November 1989 ebenso prägend wie surreal erschienen, hatte sie doch nur fünf Jahre zuvor ihrer Heimatstadt Leipzig gemeinsam mit ihrer Familie über einen Ausreiseantrag scheinbar für immer den Rücken gekehrt, um der Willkür und den Repressalien des DDR-Regimes zu entkommen.

Auf 140 Seiten des broschierten Buches, dessen Inhalt in 4 größere Themenbereiche aufgeteilt ist, werden die damaligen Geschehnisse, begleitet von zahlreichen Fotos, Grafiken und Übersichten, lebendig beschrieben. Den Handlungsrahmen bildet die Schilderung des in der Jetzt-Zeit lebenden zwölfjährigen Ich-Erzählers Theo Schumann, der – allgemein sehr interessiert an historischen Themen und Zusammenhängen und aktuell angeregt durch eine Familienfahrt zum 50.Geburtstag der Mutter und deren Zwillingsschwester, welcher dort gefeiert werden soll, wo die Schwestern aufwuchsen, nämlich in einem direkt an der damaligen deutsch-deutschen Grenze gelegenen DDR-Kaff –  eine Faktensammlung zum Thema Mauerfall erstellt, wobei sich die Sicht auf die damaligen Ereignisse innerfamiliär als durchaus unterschiedlich erweist, was immer wieder zu Streitigkeiten führt. Theo aber ist einer, der Klarheit will und erlangt sie nach und nach immer mehr zusammen mit seinem Lesepublikum, was die Lektüre nicht nur interessant und lehrreich, sondern gleichermaßen sehr unterhaltsam werden lässt.

Dabei kommen unter anderem immer wieder sogenannte „Histeos“  als geschichtserklärende YouTube-Videos eines Rollstuhlfahrers namens Jo zur Sprache, ebenso wie eingestreute persönliche Erinnerungen der Autorin oder Erlebnisberichte von Zeitzeugen, was die Handlung in Kombination mit weiteren Querverweisen auf geschickte Art und Weise in einen zeitgeschichtlichen Zusammenhang setzt. So ergibt sich von Erläuterungen zu den Ursachen und Anfängen des geteilten Deutschlands über  die Schilderung der unterschiedlichen Entwicklung der beiden deutschen Staaten bis hin zur friedlichen Revolution im Osten und der anlässlich des 30jährigen Jubiläums des Mauerfalls durchaus berechtigt gestellten Frage, ob es noch immer „Ossis“ und „Wessies“ oder eine Mauer in den Köpfen gäbe.

Damit auch diese unsichtbare Mauer in den Köpfen irgendwann zum Einsturz kommt, sind Bücher wie dieses  ein wichtiger Beitrag zur Aufklärung und das von Juliane Breinl im besonderen ein angenehm persönlich gehaltener,  diskursiv und informativ gezeichneter Abriss zum Thema Mauerfall, welcher nicht nur für die eigentliche Zielgruppe, sondern weit darüber hinaus bereichernd und erhellend ist.

 

Juliane Breinl: Mein Mauerfall

arsEdition, 2019