Archiv der Kategorie: Essay

Die Wurzeln der Welt

Einer umfänglichen Betrachtung der Pflanzen als den eigentlichen „Erschaffern der Welt“ und ihrem bemerkenswerten Einfluss auf unser Sein widmet sich Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte in Paris und ehemaliger Schüler einer italienischen Landwirtschaftsschule, in einem erstaunliche Denkanstöße gebenden Essay. Das preisgekrönte Buch, welches hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Problematik des Klimawandels wichtige philosophische Grundlagen zu liefern vermag, ist bei dtv im handlichen Taschenbuch-Format erschienen.

Coccia sieht die Pflanze als „intensivste, radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins“, als das „klarste Observatorium, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu beobachten“. Pflanzen formen Materie, Luft und Sonnenlicht zum Lebensraum aller anderen Lebewesen um – zum Atem der Lebewesen; Atem als Paradigma einer gegenseitigen Verschränkung. Ausgehend vom Leben der Pflanzen, die die Materie formen und gestalten, die aus dem Samen Wurzeln, Zweige und Blätter bilden, möchte Coccia die Frage nach der Welt neu stellen. Einerseits ist die Natur immer weniger Gegenstand philosophischer Betrachtungen, andererseits aber ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur. Insofern ist der Mensch als Maß aller Dinge als Gegenstand philosophischer Betrachtungen möglicherweise ein überholter Ansatz, denn „die Welt an sich wird man nie erkennen können, ohne dabei auf die Vermittlung von etwas Lebendigem zurückzugreifen“. Aus dieser Erkenntnis schlussfolgert Coccia, dass der Versuch, eine neue Kosmologie zu begründen, die einzige als legitim zu betrachtende Form der Philosophie, mit einer Erkundung der Pflanzenwelt beginnen muss. Dieser widmet er sich eingehend, indem er Teile der Pflanzen, Blatt, Wurzel und Blüte, in den Gesamtzusammenhang eines organischen Ganzen setzt.

Dass Alles mit Allem im Zusammenhang steht und Alles in Allem enthalten ist, wird uns bei der hochinteressanten, zutiefst erhellenden und zuweilen poetischen Annäherung an Coccias philosophische Sichtweisen umso eindringlicher bewusst.

 

Emanuele Coccia

Die Wurzeln der Welt

dtv, 2020

 

Axel Hacke: Wozu wir da sind

Der Autor Walter Wemut  – welch passende Namensgebung! – veröffentlicht jeden Samstag unter der Rubrik „Die Toten der Woche“ Nachrufe auf das Leben Verstorbener und macht dies so gut, dass ihm selbst überlassen wird, wen oder wieviele er jeweils auswählt, prominente oder ganz normale Menschen.

Der nun erteilte  Auftrag , eine Rede zum achtzigsten Geburtstag einer Freundin vorzubereiten, um damit etwas ganz allgemein über das gelungene Leben zu sagen, wird zu einer neuen Herausforderung, die ihn gedanklich zu verschiedensten Menschen springen lässt, welche in der Vergangenheit mehr oder minder seinen eigenen Lebensweg tangierten oder dies aktuell noch tun, wobei er – auch  bedingt durch seine Sammelleidenschaft in Bezug auf literarische Fundstücke verschiedenster Art  und  Versuche, diese wiederzufinden –  mitunter den Faden zu verlieren scheint und doch immer wieder zielgerichtet an vorangegangene Gedankensplitter anzuknüpfen vermag. So kommt er monologisch in anekdotenhaften Erzählungen zu den persönlichen, filmischen, musikalischen oder literarischen Begegnungen, Freunden und Weggefährten seines Lebens wie etwa den drei Zeitungshändlern, die er in dreißig Jahren in seiner Straße erlebt hat, zu seinem lebensklugen Friseur Agim, zu Simenon, ja selbst zu  Schotty dem Tatortreiniger oder dem einsamen Mann auf der Parkbank, der nur darauf zu warten schien, dass mal jemand fragt, wie es ihm geht,  dem Freund, der sich 25jährig vor die U-Bahn warf oder dem Mann, der mit einem Lottoschein zugleich einen Millionengewinn wegwarf.

Es sind bemerkenswerte, mal tieftraurige, mal poetische, mal  skurrile oder überaus lustige Anekdoten und Gedankenassoziationen, die Walter Wemut in den Sinn kommen, ihn über ein gelungenes Leben mit verblüffender Leichtigkeit philosophieren lassen und uns als Lesende derart wunderbar unterhalten und bereichern, dass es durchaus passieren kann, nach Ende dieser großartigen Lektüre sogleich wieder von vorn beginnen zu wollen.

 

Wozu wir da sind

Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

von Axel Hacke

Kunstmann, 2019

 

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Text: Axel Hacke

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Das kleine, beinahe unscheinbare Büchlein im schlichten weißen Einband beherbergt Axel Hackes literarische Erkundungen über den Anstand – sehr ambitioniert, sehr ernsthaft und sehr unterhaltsam.

Anstand – was ist das eigentlich? Ist der Anständige zunehmend der Dumme? Wie können wir leben, wenn wir trotz  zunehmender Rücksichtslosigkeit, Lügen, Wut und Hass in der gegenwärtigen Gesellschaft dennoch anständig bleiben wollen?

Anhand zahlreicher interessanter literarischer und philosophischer Bezüge – zu Kästner, Fallada, Camus, Knigge, Kant, Marc Aurel und anderen- und bemerkenswerter Dialoge mit einem imaginären Freund betrachtet Hacke die grundlegenden Motive und Regeln des menschlichen Anstands und dessen Gefährdung durch eine zunehmend sich verändernde und verrohende Kultur des Umgangs, wie wir sie beispielsweise momentan durch eine Flut von Wut- und Hassreden, Gepöbel, Fake-News oder befremdliches Gebaren eines twitternden Präsidenten erleben.

Für diejenigen, die auch in schwierigen Zeiten anständig bleiben wollen, die sich zuweilen als Gutmenschen und Naivlinge verhöhnen lassen müssen, die Sinnsuchenden oder die Zweifelnden im Strudel zunehmender Polarisierung ist Hackes Plädoyer für den Anstand eine sehr empfehlenswerte und bereichernde Lektüre.

Für die anderen -wahrscheinlich diejenigen, denen man es aus bekannten Gründen  dringend nahelegen würde- wohl leider vergeblich.