Archiv der Kategorie: Familienbuch

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020

Komm doch, lieber Frühling!

Noch ist es kalt und grau und windig draußen, doch die ersten Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge und sonstigen pflanzlichen Farbtupfer spitzen schon den nahenden Frühling verkündend aus der Erde.

Wer den Frühling herbeisehnt, kann sich diesen schon jetzt ins Zimmer zaubern – zum Beispiel mit tollen Basteleien aus dem neuen Buch von Sabine Lohf, von der bereits viele wunderbare Bastelbücher, die sich von anderen vor allem durch ihre besondere Originalität und immer wieder verblüffenden Einfallsreichtum unterscheiden, erschienen sind. Hier wimmelt es von gebastelten Frühlingsblumen, Bienen, Schmetterlingen, Vögeln, Käfern und anderen kleinen Tieren, welche im Frühling aus ihren Verstecken kommen.

Den jahreszeitlichen Abläufen in der Natur folgend beginnt das Buch mit der Schneeschmelze, welche mittels Blüten, Eis und Folie wunderschön als Landschaft arrangiert wird. Angesichts dieser Landschaft bietet sich ein dazu passendes Getränk in Form von Gänseblümchen-Bowle mit Blüten-Eiswürfeln, die aus einem mit Sonnengesicht verzierten Strohhalm geschlürft werden kann, an. Dazu kann der Winter singend, zaubernd, mit einem Osterfeuer oder mit Bastel-Spielen verjagt werden. Weiter geht es mit dem launigen April, in dem passend zum wechselnden Wetter eine Wetteruhr oder ein Wetterfrosch aus Zweigen gebastelt werden kann. Aus Freude über die ersten Frühlingsboten kann eine Girlande mit Frühlingsmotiven entstehen. Wie das geht und welche Materialien verwendet werden können, wird kinderleicht und Schritt für Schritt beschrieben und in zahlreichen Abbildungen liebevoll in Szene gesetzt.

Lustige Gartenzwerge, dekorative Blüten aus Papier, Grasfiguren, ein entzückender Miniaturgarten in einer ausrangierten Obstkiste, ein originelles Froschfangspiel, reizende Osteraccesoires, niedliche Vogelkinder und vieles mehr laden zum Nachbasteln ein.

Ein abschließendes Wort an die erwachsenen Mitbastler ermuntert Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, sich gemeinsam mit den Kindern direkt in die Natur auf die Suche nach geeignetem Bastelmaterial zu begeben, über gemeinsame Naturbeobachtungen ins Gespräch zu kommen, mithilfe der inspirierenden Bastelvorschläge eigene Kreationen zu schaffen und damit zu spielen.

Ein Buch voller wunderbarer Anregungen für viele schöne gemeinsame (Bastel-)Stunden!

 

Komm doch, lieber Frühling!

Idee, Konzept, Text , Fotos & Gestaltung: Sabine Lohf

Gerstenberg, 2020

Heinrich will brüten!

Heinrich übt sich darin, ein stolzer Hahn wie sein Papa zu werden und seine Kräh-Versuche klappen auch immer besser. Nur mit der Lautstärke hapert es noch etwas.

Wer später auf den Hühnerhof achtgeben, die Hühnerschar vor Feinden warnen oder die Katze verjagen will, muss laut krähen können, sagt Heinrichs Papa. Und Heinrichs Mama meint, dass der Hahn kräht und die Hennen Eier legen, ist nun mal eben so. Heinrich erinnert sich, wie liebevoll Mama auf ihn aufgepasst hat. Er stellt sich vor, wie toll es wäre, auch auf kleine Küken aufpassen zu können. Eigentlich mag er sogar viel lieber Küken hüten als den Hühnerhof bewachen …

Heinrich braucht ein Ei zum Ausbrüten! Erste Versuche mit einem auf der Kuhweide gefundenen Fußball scheitern. Schließlich zeigt Mama Erbarmen und überlässt Heinrich eines ihrer Eier zum Ausbrüten. Nun merkt Heinrich, dass das Brüten ein recht anstrengendes Geschäft ist. Aber er hält tapfer durch und wird schließlich ein stolzer „Bruderpapa“. Sein „Bruderküken“ nimmt sich vor, schön laut krähen zu lernen wie seine beiden Papas. Und falls es mal brüten will, kann ihm bestimmt sein „Bruderpapa“ Heinrich dabei helfen.

Mit einem kindgerechten Text und detailreichen, lustigen Zeichnungen zeigt das Bilderbuch auf liebenswerte Weise, dass festgeschriebene Vater- und Mutter- Rollenmodelle nicht in Stein gemeißelt sein müssen.

 

Text: Annette Thumser

Illustration: Nikolai Renger

Magellan, 2020

Letzte Runde Geisterstunde

Eine bunte Truppe amorpher Gestalten blickt uns vom Buchcover entgegen. Der größte unter den neun Geistern hat die Form eines blauen Baumes mit großen gelben Augen angenommen. Weitere Vertreter seiner Spezies versammeln sich in imposanter Weise das Vorsatzpapier bedeckend, während sich im Nachsatz allerlei illustre Geisterporträts mit namentlicher Kennzeichnung (wie Hektor, Roberto, Liese oder Flocke) zeigen. Auf dem Buchrücken formt sich aus dem Dampf eines Teekessels eine indifferent blickende Geistergestalt und dazu die mit der Bilderbuchlektüre zu ergründende Frage, woher sie denn eigentlich kommen, diese Geister.

Nadia Budde versucht dieser Frage  in ihrem ganz eigenen und unverwechselbaren, von Humor und Augenzwinkern geprägten erzählerischen und gestalterischen Stil auf den Grund zu kommen. Verschiedene Arten von Geistern, in verschiedensten Farrben, Formen und Mustern, solo oder in Gruppen, erleben wir in verschiedensten Fortbewegungs- und Lebensformen – wie sie Geisterbus fahren,  sich  mit feuchten Händen durch Kellerwände schieben, schwere Eisenketten schleppen, unter Gitterbetten klopfen, mit verstellten Stimmen seufzend ihre gelben Augen glimmen lassen, nachts durch Geisterschiffe schleichen, über morsche Knochen jammern, Geistergulasch kochen, in der Geisterbahn schuften, schlecht bekleidet sind und fast nie Urlaub machen.

Die vielen Wald-, Luft-, Nebel-, Polter-, Wasser- , Feuer-, Plage-, Flaschen- und sonstigen Geister (und nicht zu vergessen die Geistermeister) sowie die sich stellenden Fragen, woher sie denn nun eigentlich stammen – aus Geisterländern, von Förderbändern, aus Kitteltaschen oder leeren Flaschen … ??? – bleiben im Nebulösen wie die Geister selbst, doch entscheidend  ist vielmehr die sich einstellende Erkenntnis, dass wir sie entweder bleiben lassen (weil sie bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht so unsympathisch oder beängstigend sind) oder aber auch ziemlich wirksam (und zwar mit ihren eigenen Methoden) vertreiben können. Sehr beruhigend zu wissen.

 

Letzte Runde Geisterstunde

Illustration & Text: Nadia Budde

Kunstmann, 2020

 

 

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019

Binette Schroeder – Bilderbuchbrunnen

In einem gewichtigen Jubiläums-Sammelband, der mehr als 300 Buchseiten umfasst und genau 1725 Gramm auf die Waage bringt, sind unter dem poetischen Titel „Bilderbuchbrunnen“ zwölf großartige Bilderbücher aus fünf Jahrzehnten versammelt, die allesamt von Binette Schröder entstammen und  anlässlich ihres diesjährigen 80. Geburtstages im NordSüd-Verlag erscheinen – eine sehr schöne und angemessene Form der Wertschätzung ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrem Erstling, dem natürlich auch im Band vertretenen, inzwischen zum Klassiker gewordenen „Lupinchen“, welches von einem zarten Puppenmädchen und dessen Abenteuern mit dem treuen Vogel Robert, dem von englischen Kinderreimen inspirierten eiförmigen Männchen Humpty Dumpty und dem Schachtelmann Herrn Klappaufundzu erzählt und bildnerisch an einem Brunnen stehend die Titelseite schmückt, sowie  weitere Protagonisten und Details ihrer Geschichten zeigt, erreichte Binette Schröder große Aufmerksamkeit.

Die meisterhaften Illustrationen von Binette Schröder sind Kunstwerke voller Magie, Poesie und ungeheurer Ausdruckskraft. Mit beachtlicher Präzision und  Detailreichtum stattet sie ihre bildnerischen Szenerien aus, die vor surrealen Landschaften wie Bühnenbilder anmuten und märchenhafte, phantastische, zuweilen auch humorvoll-satirische oder comicartige und schriftgestaltende Elemente aufweisen.

Die erste Bilderbuchgeschichte von Lelebum, dem blauen Elefant, der alles versucht, um normal und elefantengrau zu werden, es dennoch nicht schafft, aber seinen Frieden damit findet, hebt sich im Illustrationsstil, der hier geprägt  von starker Abstraktion und Reduktion, aber nicht minder ausdrucksstark ist, deutlich von den folgenden ab. Der Autor dieser Geschichte, wie auch einiger weiterer, ist Schröders Ehemann Peter Nickl.

Die Illustrationen in der folgenden Geschichte („Archibald und sein kleines Rot“) wechseln zwischen zart und akribisch ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen als einziger Farbtupfer Archibals rote Wangen imponieren und farblich durchkomponierten Bildern ab.

Nach dem bereits erwähnten Lupinchen geht es weiter mit der Geschichte von Pferd Florian und Max, dem Traktor, welcher den tüchtigen Florian sukzessive ersetzen soll, was diesen eifersüchtig werden, aber letztlich dennoch nicht nutzlos bleiben lässt. Weitere Geschichten erzählen von einer kleinen Lok, die davon träumt, um die Welt zu fahren, von einem Krokodil, das eine fürchterliche Entdeckung in einem Kroko-Laden macht und sich entsprechend zu revanchieren weiß (diese eher nichts für allzu Zartbesaitete …), vom – erstaunlich detailreich bebildert – sich zum Prinzen wandelnden Froschkönig, vom sich ihren Ängsten stellenden Mädchen Laura, von einem rüstigen und einem rostigen Ritter, welche sich erbittert um eine Riesenblume streiten und vom Zauberlehrling,

dem ein Drachenei vor die Füße fällt und der mit Rotkäppchen picknickt. Den Abschluss geben Bildergeschichten im Comic-Stil von Zebra Zebby, welches im Sturm seine Streifen verliert, von Hund Tuffa, der eine Schweinehaxe stibitzt und weiteren Abenteuern sowie ein ausführliches und interessantes Nachwort von Christiane Raabe zu Binette Schröders Illustrationskunst.

Binette Schröders Bilderwelten, in denen sich so herrlich schwelgen, phantasieren, rätseln  und staunen lässt, sind zeitlos schön und einem Brunnen vergleichbar, der niemals versiegen sollte, weil er großartige Schätze birgt, die noch viele – kleine und große – Kinder bergen sollten.

 

Binette Schröder Bilderbuchbrunnen

Illustrationen: Binette Schroeder

Text: Binette Schroeder & Peter Nickl sowie Brüder Grimm (Froschkönig)

NordSüd, 2019

Blödes Bild!

„Blödes Bild!“ – mitunter höre ich derartige Ausrufe auch in meinen Malgruppen. Dann ist der Moment gekommen, dem oder der verzweifelten Künstlerin zu Hilfe zu eilen, um ihn oder sie davon zu überzeugen, dass das Werk gelungen ist oder aber noch gelingen kann, denn so mancher kleine „Unfall“ entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als überraschende Inspirationsquelle, bekannt als so genannter „happy accident“. So geschieht es auch der kleinen Minze…

Sie sitzt zusammen mit ihrem großen Bruder Max am Küchentisch voller Buntstifte und hadert mit ihrem leeren Blatt Papier. Max hat im Gegensatz zu Minze immer tolle Ideen zum Malen und malt überhaupt viel schöner als sie – findet Minze. Mit seinem Arm hat der Bruder eine Barrikade um sein Bild errichtet, damit die neugierige kleine Schwester keinen Blick zu seinem Werk erhaschen kann, um es dann womöglich wieder abzumalen. Aber eine eigene Idee zum Malen will Minze einfach nicht in den Sinn kommen. Und als sie dann nach langem Überlegen endlich doch eine Idee hat und die schönste Schneeflocke der Welt zu Papier bringt, geschieht ein Missgeschick nach dem anderen und in einem Anfall geballter Wut –auf den Bruder, der sowieso immer schöner malt, der alles weiß  und dem alles gelingt, auf die Katze, die auf den Tisch springt und auf die Blumenvase, die umfällt- knüllt Minze ihr Blatt zu einem Papierball und weil die Wut auch dann noch nicht abebbt, schneidet sie noch ein Loch hinein.

Und damit nicht genug, nun präsentiert ihr der geniale Bruder auch noch SEINE schönste Schneeflocke der Welt. Doch Max sagt, es wäre IHRE eigene, die  aus dem wütend zerschnittenen Schneeball entstanden ist. Minze staunt, dass sie „aus Versehen“ so etwas Schönes produziert hat und freut sich. Und umso mehr freut sie sich, als Max nun endlich sein Geheimnis lüftet und ihr sein fertiges Bild zeigt: Max hat etwas gemalt, das er wirklich sehr mag, nämlich MINZE, seine kleine nervige Schwester. Und als sie dann gemeinsam noch mehr solcher Schneeflocken basteln und endlich auch mal die kleine Schwester dem großen Bruder was zeigen kann, ist alles wieder gut.

Dass kreatives Schaffen sowohl mit Lust als auch mit Frust einhergehen kann und dass das Zusammenleben mit großen Brüdern, auf die man mitunter neidisch oder sogar richtig wütend sein kann, eigentlich doch ganz toll ist, weil sie kleinen Schwestern manchmal auch zeigen, wie lieb sie sie doch haben und dass sie viel mehr können als sie sich selbst zutrauen, erzählt diese wunderbare, ausdrucksstark und witzig illustrierte Bilderbuchgeschichte auf derart liebevolle Weise, dass einem ganz warm ums Herz wird.

 

Text: Johanna Thydell

Illustration: Emma Adbåge

Übersetzung aus dem Schwedischen: Maike Dörries

Kunstmann, 2019

 

Hollie & Fux

Hollie lebt mit ihrer Großmutter in einem alten Holzhaus am Stadtrand in Schweden. Ihre Eltern sieht sie nur ganz selten, weil diese als Schauspieler durch die Welt touren und Hollie von überallher Postkartengrüße zusenden. Die Sehnsucht nach ihren Eltern ist ebenso groß wie ihre ständig wachsende Postkartensammlung. Einmal im Jahr, zu Hollies Geburtstag, kommen ihre Eltern zu Besuch. Ihr einziger Geburtstagswunsch ist es aber, dass sie endlich alle als Familie zusammenwohnen, doch von Jahr zu Jahr vertrösten sie Hollie, denn es muss immer noch irgendein wichtiges Filmprojekt verwirklicht werden.

Eines Tages beginnt Hollie, sich mit einem Stadtfuchs anzufreunden, der in den Mülltonnen vor Hollies Haus nach Futter sucht. Sie bietet ihm Pfannkuchen und Kakao und bald auch einen Platz in ihrem Zuhause an. Nun fühlt sich Hollie nicht mehr so einsam. Die beiden neuen Freunde lesen sich Geschichten vor, machen kleine Ausflüge, reisen zum Meer und gehen miteinander ins Kino. Dort läuft ein Film, in dem Hollie ihre Eltern in einem Haus mitten im Wald und Fux eine Waldfüchsin sieht – und beide bekommen großes Heimweh. Als sie später auf dem Dachboden in alten Fotos stöbern, entdecken sie auf einem der Fotos genau so ein Waldhaus wie im Film, denn in diesem lebte früher mal Hollies Großmutter mit ihrer Mutter, als sie klein war. Dieses Haus wollen sie suchen. Nun wird Hollie zur Detektivin und Fux zum Spürfuchs – und tatsächlich finden sie in einem Wald Großmutters altes Haus und damit beide ihren Sehnsuchtsort – noch nicht wissend, dass ihre Träume schon bald Wirklichkeit werden …

Nini Alaskas Buch-Debüt mit einem wunderbaren Happy End erzählt, begleitet von liebenswerten und detailreichen Illustrationen im Retro-Stil, eine anrührende Bilderbuchgeschichte voller Herzenswärme, in der Liebe, Sehnsucht, Freundschaft und Zusammenhalt eine große Rolle spielen.

 

Hollie & Fux

Text & Illustration: Nini Alaska

Tulipan, 2019