Archiv der Kategorie: Familienbuch

Me & the cubes

Inspiration als Ausgangspunkt künstlerischer Kreativität funktioniert am besten, wenn einerseits das inspirierende Objekt einen gewissen Rahmen vorgibt, in dem die Ideen fließen können, andererseits die Umsetzung dieser Ideen so wenig wie möglich Grenzen gesetzt werden.

Der Rahmen ist in diesem Falle ein broschiertes Buch, etwa im A4-Format mit schlichtem weißen Cover, dessen Inhalt auf einer genialen Idee beruht, über 500 Papierbauteile und 2000 Sticker enthält und mit diesen auf die Gestaltungsfreude und den Phantasiereichtum derer setzt, die dieses Buch geschenkt bekommen oder sich damit selbst beschenken.

In beiden Fällen geschieht dies vermutlich deshalb, weil schon das Cover ansprechend gestaltet ist und der Titel sowie die abgebildeten Figuren -in fünf Reihen untereinander angeordnete froschähnliche oder roboterhafte tanzende oder hüpfende  Gestalten, undefinierbare Vierbeiner mit langen Schwänzen und geometrischen Köpfen, Stachel-, Meer- oder sonstige Schweine, Libellen mit Hüten und gehörnte Monsterwesen- irgendwie neugierig auf den Inhalt machen. Dieser besteht lediglich aus einer Menge festen weißen Papiers mit vorgestanzten Formen sowie drei farbigen, jeweils von hell zu dunkler changierenden  Stickerbögen.

Die Bauteile, aus denen die abgebildeten sowie –je nach Ausprägung individueller Vorstellungskraft- unzählige weitere Wesen erschaffen werden können, sind vorgestanzte und zum Teil vorgefalzte Strukturen, aus denen unterschiedlich große Würfel, Quader, Prismen, Polyeder sowie weitere geometrische Formen und Anbauteile, die vorsichtig aus den Papierbögen herausgelöst und dann zu Körpern gefaltet bzw. angeklebt werden können. Wie die Bauteile entlang der Falzlinien zu falten sind, ist einer schematischen Darstellung zu entnehmen oder ergibt sich durch Probieren eigentlich auch meist von selbst. Am besten, man baut von allen geometrischen Körpern schon mal einige auf Vorrat, um sie dann frei nach Lust und Laune kombinieren zu können und dabei zu überlegen, was daraus entstehen könnte. Mit verschiedenen Anbauteilen wie Hörnern, Stacheln, Beinen, Schwänzen und weiterem mehr können die halbfertigen Körper dann noch ergänzt, vervollkommnet oder verschönert und mit Kleber fixiert werden. Zum Abschluss bieten sich die farbigen Stickerbögen mit zahlreichen Formen noch dazu an, den erschaffenen Wesen Gesichter oder Verzierungen zu verpassen. Der Gestaltungsvielfalt sind hierbei kaum Grenzen gesetzt.

Und es macht einen Riesenspaß, auf diese Weise eine ganze Armada von Phantasiewesen zu erschaffen, so dass vom Buchinhalt bestenfalls nur noch ein Gerippe aus Negativformen übrig bleibt. Eine geniale Idee für große und kleine kreative Köpfe zum Sich-selbst-oder-weiter-verschenken!

Me & the Cubes

Das Baukastenprinzip aus Papier

Idee und Konzept: Sebastian Weiss-Laughton

Kunstmann, 2020

König der Kinder / Tänze der Untertanen

Ja, die Begegnung mit Lyrik kann riesengroßen Spaß machen! Besonders dann, wenn sie als erhellende Begegnung mit Sprache und Reimen überhaupt nicht sperrig daherkommt, sondern voller Lebenslust und Lebensklugheit wie in dieser wunderbaren Anthologie  in Form zweier Büchlein mit Gedichten für Kinder und Jugendliche, eigentlich aber für alle, denen das mal blödelnde, mal tiefsinnige akrobatische Spiel mit Sprache, wie wir es etwa von Morgenstern, Ringelnatz, Tucholsky oder Guggenmoos kennen, einfach immer wieder unbändige Freude bereitet.

Nils Mohl, ein mit zahlreichen Preisen bedachter Schriftsteller und Drehbuchautor, veröffentlichte erste Texte schon in der Schülerzeitung, wozu seine Mitschülerin Katharina Greve, inzwischen  ebenfalls preisgekrönte Comiczeichnerin, auch damals schon die Illustrationen beisteuerte. Wie schön, dass die Beiden noch immer zusammenarbeiten.

Das gelbe Bändchen mit dem Titel „König der Kinder“ lädt in konsequenter Kleinschreibung unter anderem zum Nachsinnen darüber ein, was „zirpen grillen“ (Fleischspieße oder Vegetarisches?) und was sie danach tun (natürlich Chillen und den Grillen beim Zirpen zuhören!), beschreibt Abenteuerliches beim Reifenwechsel auf der Autobahn und popcornspeiende Vulkanausbrüche , dokumentiert erste Sprechversuche eines Ferkels, lässt überlegen, was ein nimmersatter Klops in der Lunchbox verstaut, lässt Blische fubbern, Pechte spochen, Ramster hadeln oder Bröwen lüllen, führt uns alles-auf-„oben“-reimend in ein Theater, wo sich ein Rudel Pudel mit fantastischen Roben auf der Bühne zum Proben und auf einen Kater trifft, lehrt uns, was ein durchs Unterschrümm grabunkelnder Golbert oder ein Donnerling ist oder was flatterfreitags zu tun ist und dass Opa, der Märchenriese und König der Kinder einer ist, der aus Kissen Traumpaläste baut, gibt Tipps für Spatzenhirnige, die Angst vorm Blödeln haben und ein Statement zur Besserwisser-Sprache, und schlussendlich einen Beweis dafür, dass ein Märchen auch nur mal aus vier Worten (nämlich  Frosch, Kuss, Prinz und Schluss) bestehen kann.

Für die Größeren gibt es das grüne Bändchen, die „Tänze der Untertanen“. Darin unter anderem ein astreiner Spruch für Transparente, höhenrauschartige Traumfliegerei, ein nihilistisches Gedicht mit vielen Nö´s und Ö´s, Knickidiknack als Füllwort für Liebe ( „zig knickidiknacker hats schon dahingerafft dies gemütsphänomen elementarster kraft …“), exquisite Expertisen („exkinder sind erwachsen, exfahrer nutzen taxen, exhosen sitzen enger, exkurse dauern länger …“), ein poetisches Nordseerauschen, in dem „alles einfach Insel“ ist, Dünen vor sich hinhügeln, man ummöwt meernah strandet oder unterm Leuchtturm mondbetuschtes Land, Meeresbrisen, salzige Wiesen und aufgeheizter Sand  zu einem olfaktorisch vorstellbaren Erlebnis werden. Wunderbar und bildhaft im wahrsten Wortsinn (mit einer Illustation der auf die materiellen Folgen von Seekrankheit lauernden Fische) auch ein nautisches Seegedicht, ein Zungenbrecher über Kahlkopf Karl, ein pornografisches Haiku, das allein auf die Vorstellungskraft des/der Lesenden setzt, eine grafisch so simpel wie genial umgesetzte Auskunft über das Gelände, die Tänze der Untertanen, die den Grobianen den Mittelfinger zeigen, uns Königskinder und Kopftitanen werden lässt und poetische Anstösse über Wahrheiten, Gewissheiten, Hörensagen, Glaubensfragen, Hoffnungen und Wünsche vermittelt.

König der Kinder/Tänze der Untertanen

Nils Mohl und Katharina Greve, mixtvision Verlag, 2020

Auch Affen wollen schlafen

Das stilvoll in schwarzes Leinen eingefasste Buchcover zeigt in dunklen Rot- und Orange-Tönen einen auf Blätter gebetteten, friedlich schlummernden  Affen. Passend zum Einband und zur nächtlichen Stimmung ist auch das Vorsatzpapier ganz in Schwarz gehalten. Das unaufdringlich schöne Bilderbuch von Henriette Boerendans mit dem etwas sperrigen Titel  „Auch Affen wollen schlafen“ widmet sich den unterschiedlichen Schlaf- und sonstigen Lebensgewohnheiten der Tiere.

Insgesamt dreizehn Tierarten werden vorgestellt – angefangen mit dem niedlichen kulleräugigen  Gespenstertier, welches so klein ist, dass es in eine Brotdose passen würde, nachts auf Abenteuer geht und in der den Text begleitenden Illustration sich im bläulichen Mondlicht mit vergleichsweise großen Händen beinahe ängstlich an einen Ast klammert, über liebevoll im Winterschlaf aneinandergeschmiegte Dachse, drei Zwergmäuse in Knetgummigröße in ihrem gemütlichen Schlafnest aus Getreidehalmen, einen (vielleicht von Herrchens Gummistiefeln) träumenden Dackel, ein nachts nach Futter suchendes Erdferkel, den schlummernden Schimpansen vom Titelbild, von dem wir erfahren, wie geschickt er seine Schlafstätte aus Zweigen und Laub baut, einen Orang-Utan mit Riesenblatt-Regenschirm, zwei im Meer jagende (und dort auch schlafende) Seeotter, ein kopfüber schlafendes Dreifingerfaultier, zwei Eichhörnchen in einem ihrer Baumnester (sie haben nämlich mehrere Schlafstätten), zwei Spechte beim Bauen ihrer Baumstammhöhle, einen Seeadler auf seinem Horst bis hin zur wochenlang aus Fürsorge nicht schlafenden Blauwalmutter mit ihrem Kind.

Die jeweiligen Eigenheiten der Tiere beim Schlafen und Wachen werden liebevoll anhand interessanter Details und Vergleiche beschrieben. Wunderbare Holzschnitte in einer eigenwillig-schönen Farbgebung illustrieren die einzelnen Tierporträts.

Die Abbildung eines schlafenden Menschenkindes am Ende und gute Wünsche für die Nacht runden das  Ganze zu einem friedlich in die Nacht begleitenden Einschlaf-Bilderbuch ab.

 

Auch Affen wollen schlafen

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracari verlag, 2020

 

Der Zyklop

Ein echsenartiges grünliches Wesen nimmt vor schwarzem Hintergrund beinahe die gesamte Titelseite des Bilderbuchs ein. Dem Buchtitel zufolge, welcher sich als weißer Schriftzug auf dem Bauch des sich lässig halbliegend drapierenden  Echsenwesens ausbreitet, ist es ein Zyklop, ein einäugiger Riese, auch bekannt als Gestalt der griechischen Mythologie. In seinen froschartigen Echsenfingern hält der Zyklop, schon mal genüsslich daran leckend, einen gelb-schwarz-gepunkteten Käfer, welchen er wohl gleich zu verspeisen trachtet, während ein Artgenosse desselben entsetzt vom rechten Bildrand aus den Vorgang beobachtet.

Nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern durch tastbare Strukturen auch haptisch erlebbar präsentiert sich das Spannung versprechende Buchcover. Auch die inneren Umschlagseiten, welche wie unter dem Mikroskop vergrößert die Grafik der Echsenhaut verdeutlichen und die sich über zwei Buchseiten erstreckende Abbildung des riesigen wie bedrohlichen gelben Zyklopenauges ziehen die BetrachterInnen magisch ins Geschehen.

Am Ortseingang des Dörfchens Krümelspritz sitzt der Zyklop am Ufer eines Flusses sein Spiegelbild betrachtend und missmutig über seine mindere Sehkraft sinnierend – fast wirkt er ein wenig mitleiderregend. Wärenddessen geht es im Insektendörfchen Krümelspritz, in dem sich jeder seiner Bewohner geschäftig seinen alltäglichen speziellen Aufgaben widmet,  recht beschaulich zu: Die Seidenraupe spinnt Bettdecken, die Kakerlake sammelt die vollgekackten Eimerchen ein, die Rote Kreuzspinne versorgt die Kranken, die Wasserjungfer verteilt Gläser mit Getränken, die Fleischfliege macht Rauchwürste …

Aber dann wird das Idyll gestört, als plötzlich das ganze Dorf bebt und alles durcheinanderwirbelt. Das vermeintliche Erdbeben hat der plump ins Örtchen hereintrampelnde Zyklop ausgelöst, der sich dabei den Fuß verletzt, als er auf das Häuschen der Seidenraupe tritt, sich dann am Kirchturm stößt, über einen Bus stolpert und ermattet an der zerstörten Kirche lehnend innehält. Statt nun aber erbost und wütend zu sein, kommen die Krümelspritzer aus ihren Verstecken und sorgen sich trotz der Zerstörungen zunächst erst einmal um die Gesundheit des matten fremden Herrns in erstaunlicher Arglosigkeit und rührender Höflichkeit. Der schlaue Käferjunge Karl erkennt, was der Herr wirklich braucht – nämlich eine Brille. Die überaus netten und hilfsbereiten Krümelspritzer machen sich sogleich gemeinschaftlich an die Arbeit und bauen dem Zyklopen eine Brille, mit welcher er plötzlich alles deutlich sehen kann.

Und was macht der Zyklop? Der hat nichts Besseres zu tun, als gleich noch den Rest der halb kaputten Häuser vollends plattzutreten – weil er ja nun richtig erkennen kann, was er da tut. Und selbst angesichts der weiteren Zerstörung wahrt der Krümelspritzer Bürgermeister Contenance und Höflichkeit. Auf den Einwand, dass das ja nicht gerade nett gewesen sei, entgegnet der Zyklop, dass er ja schließlich ein Zyklop und nicht nett sei. Und dass vielleicht sie, die Krümelspritzer eine Brille bräuchten, wenn sie das nicht gesehen hätten. Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass das aus der Sicht des  Zyklopen durchaus logisch klingt, jedoch überwiegt dann doch eine gewisse Empörung über derartig undankbare Dreistigkeit, versetzt man sich in die Lage der Geschädigten.

So tsunamihaft das Geschehen gekommen ist, so schnell ist es auch schon wieder vorüber und eine gewisse Verblüffung über den für die Dorfbewohner wahrlich ungerechten Ausgang bahnt sich an. Fassungslos – und selbst dann noch mitfühlend, weil er ja so einsam ist, der Herr  Zyklop – schauen sie dem nun das Dörfchen verlassenden Riesen hinterher. Während dieser sinnierend am Flussufer sitzt und noch immer nichts anderes als nur sich selbst sieht, machen sich die liebenswürdigen Dorfbewohner schon wieder freudig an die Arbeit, um alles wieder aufzubauen.

Das außergewöhnliche Bilderbuch besticht einerseits durch den überraschenden Fatalismus seiner Grundaussage und darüber hinaus vor allem durch die ausdrucksstarke und detailreiche bildnerische Gestaltung, welche mittels sparsam in Pastelltönen colorierten Linoldrucken wie in einem Comic umgesetzt wird und Kleinen wie Großen eine wahre Freude beim Anschauen macht.

 

Der Zyklop

Text: Daan Remmerts de Vries

Illustration: Floor Rieder

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020

Komm doch, lieber Frühling!

Noch ist es kalt und grau und windig draußen, doch die ersten Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge und sonstigen pflanzlichen Farbtupfer spitzen schon den nahenden Frühling verkündend aus der Erde.

Wer den Frühling herbeisehnt, kann sich diesen schon jetzt ins Zimmer zaubern – zum Beispiel mit tollen Basteleien aus dem neuen Buch von Sabine Lohf, von der bereits viele wunderbare Bastelbücher, die sich von anderen vor allem durch ihre besondere Originalität und immer wieder verblüffenden Einfallsreichtum unterscheiden, erschienen sind. Hier wimmelt es von gebastelten Frühlingsblumen, Bienen, Schmetterlingen, Vögeln, Käfern und anderen kleinen Tieren, welche im Frühling aus ihren Verstecken kommen.

Den jahreszeitlichen Abläufen in der Natur folgend beginnt das Buch mit der Schneeschmelze, welche mittels Blüten, Eis und Folie wunderschön als Landschaft arrangiert wird. Angesichts dieser Landschaft bietet sich ein dazu passendes Getränk in Form von Gänseblümchen-Bowle mit Blüten-Eiswürfeln, die aus einem mit Sonnengesicht verzierten Strohhalm geschlürft werden kann, an. Dazu kann der Winter singend, zaubernd, mit einem Osterfeuer oder mit Bastel-Spielen verjagt werden. Weiter geht es mit dem launigen April, in dem passend zum wechselnden Wetter eine Wetteruhr oder ein Wetterfrosch aus Zweigen gebastelt werden kann. Aus Freude über die ersten Frühlingsboten kann eine Girlande mit Frühlingsmotiven entstehen. Wie das geht und welche Materialien verwendet werden können, wird kinderleicht und Schritt für Schritt beschrieben und in zahlreichen Abbildungen liebevoll in Szene gesetzt.

Lustige Gartenzwerge, dekorative Blüten aus Papier, Grasfiguren, ein entzückender Miniaturgarten in einer ausrangierten Obstkiste, ein originelles Froschfangspiel, reizende Osteraccesoires, niedliche Vogelkinder und vieles mehr laden zum Nachbasteln ein.

Ein abschließendes Wort an die erwachsenen Mitbastler ermuntert Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, sich gemeinsam mit den Kindern direkt in die Natur auf die Suche nach geeignetem Bastelmaterial zu begeben, über gemeinsame Naturbeobachtungen ins Gespräch zu kommen, mithilfe der inspirierenden Bastelvorschläge eigene Kreationen zu schaffen und damit zu spielen.

Ein Buch voller wunderbarer Anregungen für viele schöne gemeinsame (Bastel-)Stunden!

 

Komm doch, lieber Frühling!

Idee, Konzept, Text , Fotos & Gestaltung: Sabine Lohf

Gerstenberg, 2020

Heinrich will brüten!

Heinrich übt sich darin, ein stolzer Hahn wie sein Papa zu werden und seine Kräh-Versuche klappen auch immer besser. Nur mit der Lautstärke hapert es noch etwas.

Wer später auf den Hühnerhof achtgeben, die Hühnerschar vor Feinden warnen oder die Katze verjagen will, muss laut krähen können, sagt Heinrichs Papa. Und Heinrichs Mama meint, dass der Hahn kräht und die Hennen Eier legen, ist nun mal eben so. Heinrich erinnert sich, wie liebevoll Mama auf ihn aufgepasst hat. Er stellt sich vor, wie toll es wäre, auch auf kleine Küken aufpassen zu können. Eigentlich mag er sogar viel lieber Küken hüten als den Hühnerhof bewachen …

Heinrich braucht ein Ei zum Ausbrüten! Erste Versuche mit einem auf der Kuhweide gefundenen Fußball scheitern. Schließlich zeigt Mama Erbarmen und überlässt Heinrich eines ihrer Eier zum Ausbrüten. Nun merkt Heinrich, dass das Brüten ein recht anstrengendes Geschäft ist. Aber er hält tapfer durch und wird schließlich ein stolzer „Bruderpapa“. Sein „Bruderküken“ nimmt sich vor, schön laut krähen zu lernen wie seine beiden Papas. Und falls es mal brüten will, kann ihm bestimmt sein „Bruderpapa“ Heinrich dabei helfen.

Mit einem kindgerechten Text und detailreichen, lustigen Zeichnungen zeigt das Bilderbuch auf liebenswerte Weise, dass festgeschriebene Vater- und Mutter- Rollenmodelle nicht in Stein gemeißelt sein müssen.

 

Text: Annette Thumser

Illustration: Nikolai Renger

Magellan, 2020

Letzte Runde Geisterstunde

Eine bunte Truppe amorpher Gestalten blickt uns vom Buchcover entgegen. Der größte unter den neun Geistern hat die Form eines blauen Baumes mit großen gelben Augen angenommen. Weitere Vertreter seiner Spezies versammeln sich in imposanter Weise das Vorsatzpapier bedeckend, während sich im Nachsatz allerlei illustre Geisterporträts mit namentlicher Kennzeichnung (wie Hektor, Roberto, Liese oder Flocke) zeigen. Auf dem Buchrücken formt sich aus dem Dampf eines Teekessels eine indifferent blickende Geistergestalt und dazu die mit der Bilderbuchlektüre zu ergründende Frage, woher sie denn eigentlich kommen, diese Geister.

Nadia Budde versucht dieser Frage  in ihrem ganz eigenen und unverwechselbaren, von Humor und Augenzwinkern geprägten erzählerischen und gestalterischen Stil auf den Grund zu kommen. Verschiedene Arten von Geistern, in verschiedensten Farrben, Formen und Mustern, solo oder in Gruppen, erleben wir in verschiedensten Fortbewegungs- und Lebensformen – wie sie Geisterbus fahren,  sich  mit feuchten Händen durch Kellerwände schieben, schwere Eisenketten schleppen, unter Gitterbetten klopfen, mit verstellten Stimmen seufzend ihre gelben Augen glimmen lassen, nachts durch Geisterschiffe schleichen, über morsche Knochen jammern, Geistergulasch kochen, in der Geisterbahn schuften, schlecht bekleidet sind und fast nie Urlaub machen.

Die vielen Wald-, Luft-, Nebel-, Polter-, Wasser- , Feuer-, Plage-, Flaschen- und sonstigen Geister (und nicht zu vergessen die Geistermeister) sowie die sich stellenden Fragen, woher sie denn nun eigentlich stammen – aus Geisterländern, von Förderbändern, aus Kitteltaschen oder leeren Flaschen … ??? – bleiben im Nebulösen wie die Geister selbst, doch entscheidend  ist vielmehr die sich einstellende Erkenntnis, dass wir sie entweder bleiben lassen (weil sie bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht so unsympathisch oder beängstigend sind) oder aber auch ziemlich wirksam (und zwar mit ihren eigenen Methoden) vertreiben können. Sehr beruhigend zu wissen.

 

Letzte Runde Geisterstunde

Illustration & Text: Nadia Budde

Kunstmann, 2020