Archiv der Kategorie: Humor

Als die Tiere im Wald noch nackig waren

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Dass es sich bei diesem entzückenden Bilderbuch  mehr um eine mit einem gehörigen Augenzwinkern (vor-) zu lesende Geschichte und eher weniger auf zoologische Wissensvermittlung gerichtete Kinderliteratur handelt, wird schnell auch den ganz Kleinen klar, wenn sie hören und sehen, dass die Tiere des Waldes früher alle nackig waren und – ohne Fell oder Gefieder – genau das taten, was Waldtiere eben normalerweise so  machen: sich in der Sonne bräunen lassen oder Federballspielen zum Beispiel. Wenn man sich dazu noch die urkomischen Illustrationen der haar- und federlosen Tiere näher betrachtet, ist das Kichern schon auf der ersten Doppelseite garantiert.

In Anbetracht des nahenden Herbstes und der darauf unvermeidlich folgenden Kälte des Winters probieren die Tiere allerlei Möglichkeiten aus, sich zu wärmen – etwa durch kräftiges Schütteln einen Baum zu entlauben, um sich dann in den entstehenden Blätterhaufen zu kuscheln oder sich gemeinsam in Eules  Schal- oder Sonnentuch zu wickeln. Dumm nur, dass man dann nicht mehr so gut Federballspielen kann …

Was also tun? Der Biber weiß zum Glück Rat, denn er betreibt unweit des Waldes eine kleine Schneiderei und hat noch einige Stoffe übrig.  Nun dürfen sich die Tiere alle  etwas aussuchen, aus dem der Biber wärmende Kleider schneidert: für den Igel einen gelben Stoff mit Streifen, für den Tiger lange spitze Stacheln, für den Frosch eine Federboa, etwas Grünes für die Eule, etwas Flauschiges für die Schlange, etwas Enges für den Bären und etwas Weißes für die Schnecke. Doch bald stellt sich die neue Kleidung als ziemlich unpraktisch heraus. Die kluge Eule aber findet die Lösung und lädt zu einer lustigen Kleidertauschparty ein, auf der solange nach Herzenslust getauscht wird, bis alle letztendlich zufrieden sind. Nun wissen wir endlich des Rätsels Lösung, wie die Tiere zu ihren Fellen kamen und darüber hinaus endlich auch, was sie sonst noch so heimlich tun, wenn keiner hinschaut. Und als besonderes Sahnehäubchen gibt es noch eine kleine Überraschung am Buchende: dort findet sich ein eingelegter Anziehpuppen-Bastelbogen zum Ausschneiden, mit dem man nackige Bären und Tiger lustig einkleiden kann, vielfach kombinierbar im Schuppen- oder Streifenlook und für darunter sogar wahlweise eine Herzchen- oder eine Leopardenmuster-Unterhose. Das sorgt für zusätzlichen Spaß und bringt auf viele weitere kreative Ideen für Tiger- oder Bärenmode mit entsprechenden Accesoires.

Ein ziemlich witziges und  originelles, rundum gelungenes Bilderbuch, an dem Kleine und auch Größere große Freude haben und immer wieder neue lustige Details entdecken können.

 

Elfe Marie Opiela

Als die Tiere im Wald noch nackig waren

annette betz, 2019

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Hackes Tierleben

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Axel Hackes Tierkunde-Klassiker von 1995 gibt es wieder- aktualisiert und in neuem Format.

Ob der Leser oder die Leserin nun ausgesprochenen tierlieb ist oder eher tierfern lebt – nach der Lektüre (für Hacke-Fans natürlich Pflichtliteratur) wird man das Buch, welches sich mit 26 mehr oder weniger ernstgemeinten oder wissenschaftlich fundierten Charakterstudien und Psychogrammen von Tieren befasst, die Michael Sowa mit wunderbaren Illustrationen begleitet, liebevoll in seine Bibliothek einreihen oder als Geschenk an liebe Freunde weiterreichen wollen, um sie mit dem Hacke-Virus zu infizieren.

Eine Hommage gilt der Giraffe, der das Buchcover gewidmet ist – dem  stillen Tier, welches den Wolken Gedichte zuflüstert. Ebenso dem berühmtesten deutschen Wellensittich Putzi Ragotzi, dessen Sprachschatz 300 Wörter umfasste und der Worte wie Schnupperle und Pupperle  eigenständig zu Schnuppupperle zusammensetzen konnte, gilt es einfach gebührende Aufmerksamkeit und bleibendes Gedenken zu schenken.

Hackes nachdenkliche Betrachtungen über den sich ganzjährig mit Paarungsvorbereitungen befassenden Rothirsch münden in Überlegungen zur Sicherung von Filmrechten für einen potentiellen Hollywood-Schinken, in dem der von den Rehen unverstandene, von den Hirschen geächtete und von den Feldhasen verlachte kahlköpfige Hirschbock wirren Gemüts auf einer verschneiten Lichtung in den Armen seines Revierförsters verendet. Wem würde es angesichts dieser Vorstellung nicht Tränen in die Augen treiben? Doch damit nicht genug – das Sinnieren über die bildliche Vorstellung eines Geweih-bewehrten Menschen-Mannes, dem Hacke schlussendlich gar eine Art Freud´schen Geweih-Neids unterstellt, der eine Herausforderung für die heimische Hut-Industrie oder das Friseurhandwerk und problematisch in der U-Bahn oder beim Fahren japanischer Autos wäre, andererseits aber neue Möglichkeiten für das Tragen von Aktentaschen mit sich brächte, bringt uns zum Philosophieren und den zu Lachkrämpfen Neigenden an die Grenzen des Aushaltbaren.

Betrachtungen zum Wal führen neben dem Ausdenken von Bestrafungsszenarien für walfangende Nationen zur nüchternen Feststellung, dass ein Pottwal einen Mann im Ganzen schlucken könne, umgekehrt aber, falls der Mensch einen Pottwal essen wolle, diesen kleinschneiden müsse – die Rückkehr aus dem Magen des Fressenden also nur in dem einen Fall theoretisch möglich wäre. Wie gut zu wissen.

Wie rührend die Geschichte vom treuen Regenwurm Erich, der unter der Erde all unsere Wege verfolgt, um ab und zu gegen unseren großen Zeh zu stubsen. Poetisch fabuliert Hacke über eine geheime Regenwurmwelt nahe am Erdmittelpunkt, wo die Würmer an der Garderobe ihre braune Haut abgeben, aus dieser ein wunderschönes regenbogenfarbenes Geschöpf zum Vorschein kommt, um Regenwurmorgien zu feiern. Rechtzeitig bevor wir weiter in schwärmerisches Sinnieren abgleiten, werden wir mit der Feststellung, dass die Erde letztlich nichts als ein gigantischer Haufen Regenwurmscheiße ist, in die Realität zurückgeführt.

Erhellend auch das Wissen um die Bedeutung des Goldhamsters, der tausendfach in Laufrädern  radelnd  in Kellern unter Finanzfilialen diese mit Strom versorgt und zu der Überlegung Anlass gibt, ob von der unverschämten Gebührenpolitik der Banken Enttäuschte dereinst erbost die Hamsterkeller in Frankfurt stürmen.

Bewundernd betrachten wir die multiplen Fähigkeiten des sich entsprechend seiner Gemütslage lila vor Behagen verfärbende Chamäleon, welches auf dem Sofa liegend mit dem linken Auge einen Liebesfilm sehend und mit dem rechten Auge ein Buch lesend dann und wann seine Schwungfederzunge in die Schale mit den Kartoffelchips hinüberhüpfen lässt – ein Sinnbild des Genusses!

Ebenso genüsslich sollten wir uns dieser Lektüre widmen, die uns neben den genannten noch über Charakteristiken vieler weiterer Tiere wie Bären, Flamingos, Schafe, Kakerlaken, Hyänen, Hühner, Heringe, Möpse und anderer Arten aufklärt und schmunzeln lässt und uns  nie mehr Matjes nach Hausfrauenart ohne schlechtes Gewissen verzehren oder Schokohasen im Kühlschrank neben der Wurst aufbewahren lässt.

 

Hackes Tierleben

Text: Axel Hacke

Illustration: Michael Sowa

Verlag: Kunstmann, 2019

Wir gehen in eine Ausstellung

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Es geht darum, präzise Antworten auf neugierige Kinderfragen zu finden und damit Schlüsselthemen unserer Zeit wie Themen zeitgenössischer Kunst zu verstehen. Die neue „Mistkäfer“-Buchreihe verspricht mit einem „Neue-Wörter-Leseprogramm“, Fähigkeiten des Kindes, wie etwa lange Wörter und schwierige Konzepte zu erinnern, deutlich zu verbessern. Sogenannte „Lernwörter sollen dabei helfen, grundsätzliche Konzepte zu identifizieren. Es wird empfohlen, „diese Wörter so oft wie möglich mit Ihrem Kind zu lesen. So werden die einzigartigen Meinungen Ihres Kindes allmählich zermürbt und angemessene, zeitgemäße Fähigkeiten des kritischen Denkens entwickelt.“ – Spätestens jetzt wird denjenigen, die es nicht schon vorher wussten, wohl allmählich klar, dass sie mit diesem  kleinen Kunstbüchlein eher keinen netten und gefälligen Kunstbetrachtungs-Ratgeber und schon erst recht kein Kinderbuch in den Händen halten, sondern vielmehr eine herrlich bitterböse Persiflage auf moderne Kunstbetrachtung und den modernen Kunstbetrieb.

Wir begleiten die Kinder Susan und John, welche mit ihrer Mutti eine Kunstausstellung besuchen, amüsieren uns insgeheim über Muttis Bildbetrachtungen und -deutungen und sind zuweilen gleichzeitig ebenso wie die Kinder verunsichert über Muttis schonungslos nüchterne wie frappierende Art, ihre angesichts der betrachteten Werke auftauchenden Fragen zu beantworten und damit überraschend treffend moderne Kunst zu beschreiben und  zu analysieren.

Eher harmlos beginnend mit Muttis Aussagen, dass Schönheit in der Kunst nicht wichtig und Verstehen eher kontraproduktiv sei und sich steigernd mit einer schnippischen Bemerkung auf Johns Einwurf, dass er etwas genauso malen könnte wie der Künstler („Hast du aber nicht.“) werden wir alsbald Zeugen von Muttis sich steigerndem Glück und dazu proportional permanenter  Verwirrung seitens der Kinder angesichts leerer Räume, nackter Körper, existenzieller Satzfragmente, übergroßer Vaginen und Penisse, halbierter Hasen, schreiender Gestalten, Ölflecken und stinkenden Mülls und Muttis profunder Deutungen und Zuschreibungen wie etwa „Das ist der Gestank unserer verrottenden westlichen Zivilisation“ , „Weil Gott tot und alles Sex ist.“ oder „Es ist Zeit für die Objektifizierung des Körpers.“ Zunehmend fühlen wir uns  ähnlich „komisch“ wie Susan und John, woraufhin Mutti nur lapidar bemerkt, dass dies der moderne Zustand sei. Gesellschaftskritisch entlarvend  und sarkastisch auch die Beantwortung der Frage, ob Mutti eine Künstlerin sei: „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe.“

Unpassender –und damit zugleich wunderbar passend!- könnten die begleitenden farbigen Illustrationen gar nicht sein. Wunderbar retro, heiter, gefällig und ziemlich bieder kommen sie unschuldig daher und erinnern ein wenig an die heile Welt aus Zeugen-Jehovas-Heftchen oder Versandhauskatalogen der 60er Jahre.

Miriam und Ezra Elia ist eine genial bissige und eigenwillig komische Kunst-Persiflage gelungen – ein wunderbares Geschenk für  Künstler und Kunstliebhaber mit Sinn für Humor!

 

Wir gehen in eine Ausstellung

von Miriam und Ezra Elia (Text) und Miriam Elia (Illustration)

Kunstmann, 2018

Das feministische Mach-Mit-Buch

Illustration und Text: Gemma Correll

Übersetzung aus dem Englischen: Ruth Keen

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Wenn Feminismus und Frauenpower Spaß machen soll, dann auf jeden Fall mit dem neuen Mal- und Kritzelbuch von Gemma Correll!

Das Cover des äußerst amüsanten kleinen Kreativbüchleins versammelt auf scharzem Grund umherfliegende Attribute der Weiblichkeit in Pink und Weiß. Tampons, Bikinioberteile, zweckentfremdete Menstruationstassen und andere diverse Utensilien, die sonst wohl auf Titelbildern eher unterrepräsentiert sind, machen neugierig auf den Buchinhalt. Und der hat es in sich: Weiblicher Widerstand gegen Frauenverachtung und Sexismus kann sich hier lustvoll und augenzwinkernd über kreative Inspirationen anbahnen, formieren und abarbeiten lassen. Sei es mit einem Kritzel-ABC des Feminismus, Menstruationsobjekte, die respektlos zu stylischen Hütchen für kleine Haustiere und anderen sinnvollen Accesoires umfunktioniert werden, herrlich albernen Kondomdesigns, Suchbildern, Ausmal-Kämpfen gegen Werbe-Verarsche, feministischen Playlists, T-Shirt-Parolen oder Verdienstorden zum Selbermachen, Buchstabenrätseln, Labyrinthen, Männernippeln, Wutseiten, Sexspielzeug zum Ausmalen, Bastelbögen und weiteren Kuriositäten rund um die feministische Lebenswelt – hier kann frau mal richtig kreativ-subversiv Dampf ablassen und Lachfältchen kultivieren.

Für Bücherfreunde

Illustration & Text: Sempé

Verlag: Diogenes, 2017

 

Bücherfreunde werden es lieben: Sempé´s beste Cartoons über Schriftsteller, Buchhändler, Leser und den Literaturbetrieb in einem kleinen handlichen Büchlein, welches sich bequem in der Hand-, Akten-, Reise- oder sonstiger Tasche transportieren lässt, um die Freude darüber mit anderen Buchbesessenen zu teilen oder es an solche zu verschenken.

Sei es der im elegant geschwungenen S-Sessel kontemplativ versinkende Buchnarr, der vorfreudig seiner Lektüre einen eigenen Platz vorhält, die gespannte Erwartung feinsinniger blumenkleidgewandeter Damen mittleren Alters im Schreibseminar während der Erläuterung der klassischen Hammelkeule-Schreibübung, das desillusionistische Zwiegespräch des leidgeprüften Autorinnen-Ehegatten auf der Haustreppe mit einem männlichen Vertrauten (während im oberen Stockwerk die Gattin dem Finale entgegenschreibt und nach heimlicher Leseprobe nicht vermuten lässt, in ihrem Werk der ehelichen Liebe ein literarisches Denkmal zu setzen), die sich offenbarende Dramatik angesichts der drohenden Blockade einer literarischen Mission, die schelmischen  bis bitterbösen Notizen des schreibenden Philosophen zu alltäglichen Missgeschicken der Angetrauten unter dem Arbeitstitel „Kleine Glücksmomente“, die eigenwillige Poesie einer Bahnhofsdurchsage zur Buchmesse, die Paradoxie der modernen Hausfrau in ihrer Hochtechnologie-Küche im Moment des Studiums eines  „Kalbsfrikassee nach Großmutterart“ – Kochrezeptes und noch viele weitere phantastische Cartoons im Buch-Kontext – sie alle halten der Buchwelt aus verschiedenen Perspektiven einen ironisch-charmanten Spiegel vor und sind dabei einfach umwerfend komisch in ihrer stilsicheren Einzigartigkeit und treffsicheren Menschenkenntnis.

Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas

Text und Illustration: Øyvind Torseter

Übersetzung aus dem Norwegischen: Maike Dörries

Verlag: Gerstenberg, 2017

 

Ein König hatte sieben Söhne; sechs von ihnen waren in die Welt gezogen und sollten dem zu Hause verbliebenen Bruder eine Prinzessin als Braut von der Reise mitbringen, doch es kam anders. Sie kehrten nicht nach Hause zurück, denn ein furchterregender Troll hatte die Königssöhne samt ihrer Bräute in Steine verwandelt. Nun machte sich also der zurückgebliebene siebente Bruder auf den Weg, um die Vermissten zu suchen …

Was zunächst wie ein herkömmliches Märchen beginnt, wird zu einer recht skurrilen Comicgeschichte. Der Prinz mit der seltsamen Physiognomie eines Gesichts, das hauptsächlich aus Nase besteht, begibt sich mit einem klapprigen Gaul, mit welchem er unterwegs den Leser sehr erheiternde Zwiegespräche führt, nach seinen Brüdern suchend auf den Weg, auf dem das illustre Paar seltsame Dinge wie ein herumliegendes Saxophon oder einen Elefanten mit in einem Baumstumpf eingeklemmten Rüssel findet. Das Saxophon wird mitgenommen – wer weiß, wofür es noch nützlich sein könnte – und ganz nach Märchenmanier verspricht auch der befreite Elefant zukünftige Hilfe in Notlagen. Nach der Begegnung mit einem rüpelhaften Wolf, dem sie trickreich einen Hinweis zum Fundort der Trollhöhle und hilfreiche Tipps zum Umgang mit dem Troll -nämlich dessen Herz zu vernichten- entlocken, ist das erstrebte Ziel bald gefunden. Der lässige Gaul zieht es vor, draußen Wache zu schieben, während der Prinz zu allem entschlossen die Höhle inspiziert. Dort befindet sich neben den versteinerten Brüdern und Prinzessinnen ein lebendiges weibliches Wesen, welches vom Troll gefangengehalten wird und sich sogleich freundlich anbietet, dem Prinzen noch schnell die Höhle zu zeigen, bevor sein letztes Stündlein geschlagen hat. Überdies weiß sie zu berichten, dass sich das Herz des Trolls, welches es zu vernichten gilt, nicht in der Trollbrust, sondern in einem Marmeladenglas befände. Wo dieses zu finden ist, wäre nun noch gemeinsam zu ergründen. Nun kommen Elefant und Saxophon ins Spiel …

Wie zu erwarten, findet letztlich alles ein märchenhaftes Happy End. Wunderbar erfrischend ist vor allem Torseters zeichnerisches Fabulieren, mit dem sich dem Leser noch weit mehr als über die textlichen Informationen aus den Sprechblasen erschließt und das auch beim wiederholten Betrachten -dessen man angesichts der Einzigartigkeit der Bilder nimmermüde wird – immer wieder Neues, teils herrlich Absurdes in unzähligen zeichnerischen Details zutage bringt.

Ein ungewöhnliches, intelligentes, tiefgründiges und vor allem sehr unterhaltsames Märchen-Vergnügen!

Die tollkühnen Schafe in ihrer fliegenden Kiste

Text: Peter Bentley

Illustration: David Roberts

Übersetzung aus dem Englischen: Salah Naoura

Verlag: Knesebeck, 2017

 

Man sollte sich die Freude nicht entgehen lassen, diese mit feinem Humor und lustigen Illustrationen bestückte, rasant und spannend erzählte Bilderbuchgeschichte in Reimen wirklich VORZULESEN!

Am Ort des Geschehens, einer Schafweide inmitten von grasgrünen Hügeln, geht es zunächst ruhig und beschaulich zu. Eine Gruppe von 8 Schafen -jedes von ihnen ein Charakterkopf vom stattlichen Widder bis zum obligatorischen schwarzen Schaf, dem Kleinsten- tut in Seelenruhe das, was sie wahrscheinlich tagtäglich und am liebsten tut: Grasen.

Ein unerwarteter Höllenlärm, verursacht von einem brummenden, fliegenden und wohl nie zuvor gesehenen Etwas, unterbricht die friedliche Idylle und lässt die Schafe namens Lamm-Bert, Olga, Morten, Mabs, Bart, Ben und Babs und den alten Herrn Rammbock zuerst verdutzt aufblicken und dann neugierig dessen Ursache auf den Grund gehen: Ein Wettflug mit allerlei Gästen, Brimborium und Blaskapellenmusik findet auf der Nachbarwiese statt! Erstaunt verfolgen die Schafe das Geschehen und bald entdecken sie etwas abseits des Spektakels ein unbewachtes gelbes Flugzeug. Das wäre doch mal was, einfach so davonzufliegen …

Gedacht, getan, … zumindest ein Probesitzen muss dann schon sein. Doch in der Enge drückt eines der Schafe versehentlich auf den Startknopf. „Alarm! rief ein Herr. Eine Bande Betrüger in weißen Pullovern entführt meinen Flieger!“ – und schon geht sie los, die unverhoffte Weltreise! Alsbald wird in der atemberaubenden Geschwindigkeit eines Actionfilms  zuerst wild in Frankreich getanzt, dann in Spanien ein Stierkampf verfolgt, bevor man in Gizeh beim Picknicken von hungrigen Mumien gestört wird, in Tibet Schneegras kostet, welches sich als Haarpracht eines Yetis entpuppt, in Indien beinahe im Kochtopf landet und in Florida eine Schiffspartie auf einem Krokodilrücken erlebt.

Nach all diesen spannenden und aufregenden Abenteuern vermissen die Schafe dann aber doch irgendwann die sonst gewohnte Beschaulichkeit, das Rumstehen auf der Weide, das Kauen und die Stille. So kehren sie glücklich zurück auf ihre Weide und grasen weiter, als wäre nichts geschehen.

Als ich diese schräge Bilderbuchgeschichte, in die ich mich sofort verliebte, erstmals in einer meiner Kindermalgruppen mit entsprechender Begeisterung und Emphase vortrug, sich meine jungen Zuhörer sogleich vor Lachen kringelten und anschließend ebenso lustige Schafe in Fliegern malten, bestätigte mir dies einmal wieder meine Vermutung über das vielfältig inspirierende Potential, das guten Geschichten  innewohnt.

Hanna Nebe-Rector, malkastl.de

 

Hier kommt keiner durch!

Text: Isabel Minhos Martins

Illustration: Bernardo P.Cavalho

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Franziska Hauffe

Verlag: Klett Kinderbuch, 2016

 

Die Eingangszenerie auf dem Titelbild zeigt gleich unmissverständlich, was Sache ist: „Hier kommt keiner durch!“, brüllt energisch der General hoch zu Ross (namens Ramba-Zamba) in Phantasieuniform, welcher zu gern Held in einem Kinderbuch wäre, wie man bald erfahren wird. Und vor lauter Bestimmereifer sind sein Gesicht und vor allem die lange Nase bereits tiefrot angelaufen.

An wen sich die autoritäre Botschaft richtet, ist die illustre Gesellschaft, die auf den Vorsatzpapierseiten in kindlich-naiven Tuschestiftkritzeleien vorgestellt wird. Hier erscheinen -sogar namentlich- zahlreiche kleine und große Menschen wie die Fußballjungen Marc, Silvio, Hassan und Rafaelin, ein Paar mit Fahrrädern, ein Polizist, die Sträflinge Uli und Sepp, Herr Albino, ein Musiker und viele, viele andere mehr nebst einigen Tieren wie beispielsweise Hund Fiffi, die im Folgenden nach und nach Teil der erzählten Bildergeschichte werden.

Zunächst beginnt diese auf beinahe leeren Buchseiten, auf diese sich zuerst zaghaft von links oben ein kleines Hündchen (Fiffi) wagt. In der Mitte vor der vom General postulierten Grenze zur rechten Buchseite, hat sich ein bewaffneter stoischer Aufpasser postiert, scheinbar fest entschlossen, hier niemanden durchkommen zu lassen, warum auch immer. Der Grund ist über Sprechblasen auszumachen: Sein General hat sich das Recht herausgenommen, die rechte Buchseite weiß zu belassen, so dass er in die Geschichte hineinkommen kann, wann immer er es möchte. „Aber das ist doch verrückt“, ereifert sich ein Mann, vielleicht Fiffis Herrchen, dessen Name laut der Vorsatzpapier-Aufstellung Niklas lautet. Zunehmend wird die linke Buchseite bevölkert, die rechte hingegen bleibt aus den bekannten Gründen weiß. Alle reden durcheinander, begreifen das absurde Verbot nicht, Aufruhr scheint sich anzubahnen. Vorgetragene Argumente werden rigoros abgeschmettert. Doch dann …

… BOING, BOING, BOING, … hüpft ein kleiner roter Ball aus der Menge heraus in die Verbotszone. Aus dem Wirrwarr von eben wird ein gemeinschaftlich erschrockenes Starren nach rechts. Zwei Jungen, Lionel und Cristiano, rennen los, Fiffi bellend hinterher. Auslöser allgemeiner Grenzüberschreitung! Dem Aufpasser geht die Herrschaft über die Lage verloren, er ergibt sich dem Willen der aufrührerischen Menge, deren Held er nun wird und die lautstark gegen seine drohende Verhaftung zu protestieren beginnt. Selbst Ramba-Zamba, das Pferd des Generals, widersetzt sich seinem Herrn und galoppiert auf die andere Buchseite.Die Massen stürmen nach rechts, bis nur noch unzählige herumliegende verlorene Dinge als Überbleibsel von der soeben stattgefundenen Revolte künden, die der grummelnde Oberaufpasser nun einsammelt, bevor er konstatiert, die Geschichte verlassen zu wollen. (Denn wer will schon Held in einem Kinderbuch sein?)

Wer beim Anschauen dieses witzigen grenzüberschreitenden Wimmelbilderbuchs, in welchem sich auch nach häufigerem Anschauen immer wieder Neues entdecken lässt, nicht aktuelle oder historische Parallelen assoziieren will oder kann, wird dennoch Freude daran haben, denn es zeigt augenzwinkernd und überzeugend, dass ein wenig Renitenz und Hinterfragen scheinbarer Allgemeingültigkeiten im wahrsten Sinne befreiend und beflügelnd wirken kann.

Was sitzt im Wald und winkt?

Text: Moni Port

Illustration: Jörg Mühle

Verlag: Klett Kinderbuch, 2016

 

„Huhu!“ scheint der freundlich winkende Uhu uns zuzurufen, womit sich die erste titelgebende Frage „Was sitzt im Wald und winkt?“ aus dem neuen urkomischen Quatschfragen-Rätselbüchlein von Jörg Mühle und Moni Port bereits wie von selbst beantwortet hat.

Oder: „Was ist lila und bedient im Restaurant?“ Natürlich die Obergine!

Oder: „Was ist weiß und tanzt im Wald ums Feuer?“ Ganz klar, ein Rumpelpilzchen!

Und weil´s so schön ist, noch eins: „Was ist grün, glücklich und springt von Grashalm zu Grashalm?“ Das kann nur eine Freuschrecke sein!

Wie die Freuschrecken freuen wir uns nun, dass das erfolgreiche Vorgängerbüchlein „Was sitzt am Strand und redet undeutlich?“ (=die Nuschel!) einen nicht minder lustigen Nachfolger mit neuen Rätselfragen, deren Antwortfindung mit Unterstützung der herrlich originellen Illustrationen nicht allzu schwer ist und überdies einen Riesenspaß macht, bekommen hat.

Jede der 19 Doppelseiten widmet sich in Text und Bild einer der 19 Rätselfragen. Auf der linken Buchseite wird vor verschiedenfarbigem Hintergrund die Frage gestellt; die passende Antwort findet sich gleich darunter in einem auf den Kopf gestellten weißen Schriftzug, welchen man zur Erhöhung der Schwierigkeit und Steigerung der Spannung insbesondere in Gruppen zunächst noch kurz mit der Hand abdecken kann. Ein Blick auf die  rechte Buchseite mit einer der jeweiligen Rätselfrage zugeordneten illustrativen Verbildlichung lässt die Antwort meistens nicht lange ausbleiben. Die gemeinsame Suche danach ist sehr lustig!

Die letzte Doppelseite ermuntert zu eigenen Text- und Bildideen – was wir nach der gemeinsamen allseits erheiternden Buchlektüre in unserer Kindermalgruppe mit  Stiften, Pinseln und Farben nur allzu gern sogleich in die Tat umgesetzt haben.

 

Schlinkepütz, das Monster mit Verspätung

Text: Susanne Kreller

Illustration: SaBine Büchner

Verlag: Carlsen, 2016

 

Ein länglich-ovales Wesen mit großen Stauneaugen, Wuschelfrisur, breitem Grinsemund und daraus hervorstehenden Zähnen, Segelohren und hellblauem Fell mit einem zart durchscheinendem Leopardenmuster, mit an Zuckerstangen erinnernden blau-lila-gestreiften  Ärmchen und Beinchen und ebensolchen fühlerartigen Kopfantennen sowie spärlich bekleidet mit einer orange-gelb-gestreiften Krawatte  – das ist Schlinkepütz, das sympathische kleine Monster, welches wir bereits aus der -übrigens sehr empfehlenswerten- GECKO-Bilderbuchzeitschrift kennen und ins Herz geschlossen haben.

Nun hat der Carlsen-Verlag zu unserer großen Freude die Schlinkepütz-Geschichten zu einem Buch gemacht. Lustige Begebenheiten aus dem Leben des liebenswert-tollpatschigen kleinen Monsters werden in 6 Kapiteln auf 80 Buchseiten vorgestellt, wobei lustige pastellbunte Zeichnungen die mitunter zu Lachsalven führenden Texte begleiten.

Schlinkepütz, der gern Filme mit Häuptling Apfelstrudel anschaut, sich im Triangelspiel übt, Briefmarken sammelt, sich nur ab und zu die Zähne putzt, oft nicht grüßt, zuweilen lauthals rülpst und manchmal ältere Damen in der Straßenbahn erschreckt, begegnet uns in diesen Geschichten als ein Monster, welches arge Probleme mit der Pünktlichkeit hat, im Frühling der Putzwut verfällt, im November -dem Geburtsmonat aller Monster- mit seinen witzigbunten Monsterkumpels eine Geburtstagsparty mit anfänglichen Hindernissen feiert, von einem hartnäckigen Ohrwurm befallen wird und sich als Briefträger oder Monster-Babysitter zu bewähren versucht.

Das (Vor-)Lesen und Anschauen der urkomischen Bildergeschichten ist für alle Beteiligten immer wieder mit großem Spaß verbunden und hat unsere Kindermalgruppen bereits zum Malen vieler toller Schlinkepütz-Bilder inspiriert.