Archiv der Kategorie: Jugendbuch

Applejucy

Sie ist ein kreatives Allroundtalent: Tina Birgitta Lauffer schreibt und zeichnet, macht Musik, ist Puppenspielerin und Bauchrednerin. Dass ihr Toleranz und Menschlichkeit ein großes Anliegen sind, wird in jedem ihrer Werke überaus deutlich – so auch in ihrem neuen Abenteuer-Roman für Kinder, der uns mit seiner Geschichte um das aufgeweckte, sehr sympathische  und sich stets für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzende Hexenmädchen Applejucy in die Welt des 18.Jahrhunderts nach Amerika versetzt, in die Zeit des Sklavenhandels.

Als auf der Hexeninsel Green Witch Island das zwölfjährige Mädchen Applejucy – welches so genannt wird, weil es  sich vor allem im Herbeizaubern von Äpfeln sehr talentiert zeigt, während es mit dem Herbeizaubern anderer Dinge wohl noch ein wenig üben muss – eines Tages auf zwei Menschenkinder, die Geschwister Jomo und Nana, trifft und zunächst sehr beunruhigt ist, weil es Menschenkinder eigentlich gar nicht geben soll, merkt Applejucy jedoch schnell, dass alle Angst vor ihnen völlig unbegründet ist. Die aus Afrika kommenden Geschwister, deren Mutter von Sklavenhändlern nach Amerika verschleppt wurde, werden schnell Jucys Freunde und sie beschließt, ihnen bei der Suche nach ihrer Mutter zu helfen, wobei sie auch ihre –mal mehr und mal weniger gut gelingenden- Hexenkünste zum Einsatz bringt.

Das sehr schön gestaltete und neugierig auf den Buchinhalt machende mintfarbene Cover zeigt die rothaarige Applejucy mit ihrem Papagei vor maritimem Hintergrund mit einem historischen Segelschiff am Horizont, eingerahmt von floralen Intarsien, die auch in den umrahmten Seitenzahlen wiederkehren und gut zur Zeit der Romanhandlung passen. In 18 Kapiteln auf über 200 Seiten, versehen mit gelegentlichen eingestreuten Schwarz-Weiß-Illustrationen, begleiten wir mit zunehmender Spannung die drei Kinder nebst vorwitzigem Papagei Luis – wobei ihnen wie ein schützender Engel zuweilen Jucys neues Kindermädchen Miss Tuamoto zu Hilfe eilt – auf ihrer abenteuerlichen Mission nach Amerika und hoffen, bangen und lachen mit ihnen. Im Laufe der atemberaubenden Handlung erfahren wir – kindgerecht erläutert – einiges über die historischen Gegebenheiten aus der Zeit des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert und dessen unfassbare Unmenschlichkeit.

Sehr ambitioniert, detailreich, schwungvoll, spannend und mit viel Situationskomik erzählt, ist dieser abenteuerliche Kinderroman, der sicher viele Mädchen und Jungen begeistern wird und auf Fortsetzungen hoffen lässt, ein großes Lesevergnügen und gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer für Menschlichkeit und gegen jegliche Form von Rassismus.

 

Titel: Applejucy – Abenteuer in Amerika

Text: Tina Birgitta Lauffer

Illustration: Stephanie Röttger

Verlag Monika Fuchs, 2019

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Paul und der Krieg

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Im Februar 1943 mitten im kalten Winter während des zweiten Weltkrieges werden der fünfzehnjährige Paul Haentjes   und seine Mitschüler aus einer Kölner Schule wie deutschlandweit  34000 andere Jungen zwischen 15 und 17 Jahren aus ihrem Schüler-Alltag herausgerissen und als Luftwaffenhelfer der Flak (= Flugabwehrkanonen) einberufen.

Zunächst ist es Spannung und Abenteuerlust, die in der Luft liegt, als sich die Jungen der Klasse 6 der Oberschule (entspricht der heutigen Klasse 10) in Erwartung der neuen Aufgabe an der Bahnstation versammeln.  Über seine Zukunftspläne nach dem Abitur hat Paul sich zu diesem Zeitpunkt noch keine allzu konkreten Vorstellungen, vielleicht würde er  einmal Architektur studieren  oder Journalist werden wollen. Doch nun muss das Schmieden von Zukunftsplänen erst einmal in den Hintergrund treten, im Kriegsgeschehen zählen mehr die ständige Sorge um die Angehörigen und Freunde, den nächsten Tag oder das Überleben an sich, wie Paul bald merken wird.

Nachdem bei der Schlacht um Stalingrad 150 000 deutsche Soldaten ums Leben kamen und weitere 110 000 in Gefangenschaft gerieten, braucht die deutsche Wehrmacht dringend neue Kämpfer. Die bisherigen Soldaten der Luftabwehr werden ins Feld abkommandiert und sollen durch Schüler wie Paul ersetzt werden.

Pauls Erlebnisse in den darauf folgenden zwei Jahren bis zum Kriegsende werden anhand von Briefen an seinen Bruder Werner, zeitgeschichtlichen oder privaten Fotografien und Dokumenten, Erklärungen zur Einordnung der historischen Zusammenhänge und Erläuterungen der Autorin, der Tochter von Paul, auf höchst interessante und anschauliche Weise den jugendlichen Leser*innen nahegebracht. Auch Pauls allmähliche Wandlung vom indoktrinierten Hitlerjungen zum durch die erlebten Schrecken des Krieges zunehmend nachdenklicher und erwachsener werdenden Soldaten werden eindrücklich deutlich.

Pauls zeitlebens gepflegtes Hobby des Sammelns, Archivierens und Fotografierens und seine zahlreichen Briefe liefern die Basis für das dokumentarische Buch der Tochter über den Vater als einen Stellverteter der immer rarer werdenden Zeitzeugen und als eine Quelle der Vermittlung historischer Ereignisse und Zusammenhänge, die hoch interessant für das jugendliche Lesepublikum, aber auch weit darüber hinaus,  vermittelt werden und sich als Mahnung vor den Grauen eines Krieges ins Gedächtnis einschreiben, mehr als es je ein trockenes Lehrbuch vermag.

 

Paul und der Krieg

Als15-jähriger im Zweiten Weltkrieg

von Dorothee Haentjes- Holländer

arsEdition, 2019