Archiv der Kategorie: Kinderbuch

Alles war See

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Eine Frau und ein Mann leben in scheinbar idyllischer Beschauligkeit  und liebevoller gegenseitiger Achtsamkeit zusammen mit ihren Tieren – Hühner, Katze, Hund, Tauben, Schafe und Kaninchen – in einem alten kleinen Haus, welches sie lieben, hegen und pflegen ebenso wie ihre Tiere und den umgebenden Garten. Eigentlich ist es an der Zeit, den Blumenkohl zu pflanzen, aber draußen tobt der Sturm …

Alle, der Mann und die Frau und ihre Tiere, müssen im schützenden Haus bleiben. Als der Sturm vorüber ist, merken sie, dass das Hausdach repariert werden muss und sie machen sich an die Arbeit. Sie schmieden Pläne für ein neues Haus unten am See und setzen sie alsbald in die Tat um, der Blumenkohl muss weiter warten. Als das nächste Unwetter mit sintflutartigem Regen alles unter Wasser setzt, beschließen sie, das neue Haus ganz oben auf den Berg zu versetzen und schaffen das scheinbar Unmögliche mit vereinten Kräften, selbst die Tiere helfen mit. Doch auch da steigt das Wasser bedrohlich an, so dass sie wieder einen Umbau beschließen. Mehr und mehr nimmt das Haus die Gestalt eines Schiffes an – einer Art Arche Noah, die nun auch die aus Wald und Feld vor dem Wasser flüchtenden Tiere aufnimmt.

Als alles um sie herum zum See wird, löst sich das Haus-Schiff vom Berg und schwimmt davon, hin zu neuen Ufern und zu einem neuen Anfang in einer neuen mediterran aussehenden Heimat , in der sie wieder glücklich zu sein scheinen  und glauben, dass alles gut werden wird und wo sie beschließen, dem Schiff noch Flügel zu bauen – und so der Blumenkohl weiter warten muss.

Die wie eine biblische Metapher anmutende poetische Geschichte wird begleitet von wunderbaren Bildern, die teilweise recht humorvoll und in hervorragender künstlerischer Qualität noch weitaus mehr als der Text erzählen und die märchenhafte Handlung illustrieren.  Die nahende Bedrohung durch Naturgewalten (automatisch drängt sich hier ein Bezug zum Klimawandel auf) wird weder verharmlost, noch wird je die Hoffnung auf neue Lösungen aufgegeben. Die treibende Kraft dabei aber, trotz aller Widrigkeiten nie mutlos zu werden oder gar aufzugeben, scheint allein eine allumfassende Liebe zu sein.

Alles war See

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Sonja Bougaeva

atlantis, 2019

 

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Dornröschen

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Es gibt Bücher, die möchte man wie kleine Kostbarkeiten behandeln – das Märchenbilderbuch „Dornröschen“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri ist so eines.

Wie schon das vorangegangene „Aschenputtel“ (Knesebeck, 2016) ist das frei nach den Gebrüdern Grimm nacherzählte Märchen vom Dornröschen begleitet von atemberaubend schönen Scherenschnitten und silhouettenartigen Illustrationen, welche wunderbar mit dem Text und der Buchgestaltung samt Schutzumschlag korrespondieren und beim Umblättern der Buchseiten eindrucksvolle Spiele mit Licht und Schatten ermöglichen.

Die Dimension des rauschenden Festes, welches das Königspaar zur großen Freude über die Geburt der langersehnten Tochter ausrichtet, wird augenblicklich deutlich durch die unzähligen Silhouetten emporgereckter Hände, die im Überschwang des Feierns Hüte, Blumen und Girlanden in die Höhe werfen. Auch zwölf Feen – diese in unterschiedlichen Erscheinungsformen nebeneinander aufgereiht in einem Scherenschnitt – sind zum Fest geladen und beschenken allesamt das gefeierte Kind mit guten Wünschen. Die dreizehnte Fee aber wird wegen des fehlenden dreizehnten goldenen Tellers ausgeladen. Dennoch erscheint sie zum Fest und verkündet aus Wut über den Affront ihren unheilvollen Fluch, den die letzte der guten Feen nur noch etwas abmildern, aber nicht aufheben kann: Im Alter von 15 Jahren soll sich die Königstochter an einer Spindel stechen und mitsamt dem ganzen Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Ausdrucksstark ist das Bild der unzähligen aufgetürmten Spinnräder, welche der König in seiner verständlichen Sorge um die Königstochter vernichten lassen will. Eines jedoch übersah der König und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Die um das in den Schlaf versunkene Königshaus bedrohlich wuchernde Dornenhecke wird fühl- und greifbar in den nun folgenden Scherenschnitten (die sich beim Blättern jedoch leider recht schnell mal ineinander verhaken – hier ist Fingerspitzengefühl beim Entwirren des filigranen Geflechts gefragt oder aber vorsorglich ein Blatt Papier zum Dazwischenlegen). Mit den Jahren wird das Ereignis zur Legende. Nach hundert Jahren aber -wieder einmal ist ein Königssohn (auf einem prächtigen Scherenschnitt-Ross) unterwegs zum Dornröschen-Schloss – tut sich ein Meer von duftenden Rosen vor dem Prinzen auf und macht den Weg frei zur schlafenden Prinzessin, welche durch seinen Kuss erwacht und mit ihr das ganze Königreich. Und wieder wird ein rauschendes Fest gefeiert.

Ein Fest für die Sinne ist auch diese märchenhaft schöne Bilderbuch-Kostbarkeit, die beim Betrachten ein ästhetisches Erlebnis verspricht.

 

Dornröschen

von Christina Laube und Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2019

Fredy flunkert

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Dass dem gängigen Sprichwort gemäß Lügen kurze Beine haben, wird im Untertitel dieses Bilderbuchs zum Thema Flunkern in „Lügen haben lange Hälse“ umgedeutet – der langen Lama-Hälse wegen.

Lama Fredy, der Buchheld, immer „gut drauf“ und „voll cool“, flunkert, dass die Funken fliegen. Zum Beispiel, als er seinem Freund und Mitbewohner Fauli, dem Faultier, voller Stolz berichtet, dass das Konzert mit seiner Lama-Rockband „The Dalai Lamas“ ein voller Erfolg und komplett ausverkauft gewesen wäre und er nun einen Plattenvertrag in der Tasche hätte. Oder dass er als Schuhverkäufer auf dem Markt ebenfalls überaus erfolgreich war. Oder dass er mit drei hübschen Lama-Damen zum Essen verabredet wäre. All das findet Fauli ziemlich seltsam, als er erfährt, dass das Rockkonzert ein Flop war oder entdeckt, dass sich im Wandschrank die unverkauften Schuhe stapeln. Die Vermutung, dass wohl auch die Verabredung mit den drei Lama-Damen, die Fredy seinem Freund nach dessen Bericht über ein bevorstehendes romantisches Picknick mit Faultierdame Lola entgegengesetzt hat, frei erfunden oder zumindest reichlich übertrieben war, liegt nahe. Nach Faultier-Art ist Fauli das tiefer gehende Nachdenken darüber allerdings meist auch etwas zu anstrengend. Als Fredy dann aber auch noch von seinem Ufo-Flug berichtet, wird es selbst dem trägen Fauli zu viel und er zieht wütend aus und bei der neuen Freundin Lola ein, ohne zu ahnen, dass Fredy diesmal die Wahrheit gesagt hat. Die Erkenntnis, dass es trügerisch ist, mehr gemocht zu werden, wenn man erfolgreich ist, stellt sich alsbald ein und mit großem Lama-Ehrenwort verspricht Fredy seinem Freund Fauli, ihn nie mehr anflunkern zu wollen.

Die Gegensätzlichkeiten der beiden tierischen Charaktere und die Folgen ihres Tuns werden schlüssig und humorvoll in Wort und Bild herausgearbeitet, wenn auch die Story insgesamt etwas zu sehr konstruiert und vordergründig auf Coolness getrimmt wirkt. Im Vor-und Nachsatz sind interessante „coole Facts“ über Lamas und Faultiere nachzulesen, welche in der eigentlichen Bilderbuchgeschichte dann nur in Ansätzen aufgegriffen werden. Das Potential für weitere lustige Bilderbuch-Stories mit den beiden trotz ihrer Schwächen sympathischen Buchhelden ist auf jeden Fall vorhanden.

Idee, Text, Illustrationen: Jaqueline Kauer

Idee, Text, Buchgestaltung: Daniel Kauer

Kalea Books, 2018

Mein Jimmy

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Pressetermin des Tulipan-Verlags in München,  Arena-Kino: Dem feuchtkühlen Januarabend steht erwärmende Vorfreude  zur Bilderbuchpremiere von „Mein Jimmy“ entgegen. Im Foyer wärmen sich die buchaffinen Gäste an heißen Getränken und nehmen dabei den Bücherstapel in Augenschein. Das in zurückhaltender Farbigkeit gestaltete Cover des neuen Bilderbuches zeigt das Porträt eines Nashorns, zwischen dessen Nasen-Hörnen sich breitbeinig ein keckes Vögelchen justiert hat und dem Nashorn direkt in die Augen blickt. Aus dem Blickwechsel der Beiden scheint eine tiefe Vertrautheit zu sprechen. Vertrauen und ewige Verbundenheit sind auch das Grundthema des Bilderbuches.

In der Geschichte blickt Hacki, der Madenhacker, nachdem er sich  von seinem geliebten Beschützer und Freund Jimmy, dem alten Nashorn, mit dem er anfangs so manches Abenteuer erlebte, welches  dann aber immer schwächer wurde und sich eines Tages für immer zur Ruhe legen musste, trennen muss,  auf die gemeinsam erlebte Zeit  zurück.

Zur Premiere anwesend sind der Autor Werner Holzwarth mit seinem Sohn Tim und der Illustrator Mehrdad Zaeri. Holzwarth spricht vor der Lesung zur Vorgeschichte der Buchentstehung, zu deren Beginn der Autor 67 Jahre und sein Sohn 5 Jahre alt waren. Er hat die berührende Geschichte von Jimmy und Hacki, eine Geschichte über das Leben, zu dem das Sterben ebenso gehört wie Freude und Trauer, im Bewusstsein über die eigene Endlichkeit und die relative zeitliche Begrenzung der bevorstehenden gemeinsamen Zeit für seinen  Sohn geschrieben , dem er vermitteln wollte, dass Beides, Glück ebenso wie Trauer,  seine Zeit hat, dass man auch nach der Zeit der Trauer wieder glücklich sein kann und darf. Mit Begeisterung hatte der Sohn damals die vom Vater vorgelesenen Szenen der Geschichte in bemerkenswert ausdrucksstarke Zeichnungen umgesetzt, von denen es nun einige zu bewundern gibt. Auch der BuchiIllustrator Mehrdad Zaeri, der anschließend mit dem inzwischen einige Jahre älteren Tim in ein  ernsthaftes wie humorvolles und auch zeichnerisch-praktisches Zwiegespräch  tritt, ist begeistert von Tims Zeichnungen. Schön, dass es zwei von Tims ursprünglichen Zeichnungen nun auch im Vorsatz des fertigen Buchs gibt, sie rahmen die Geschichte gewissermaßen ein.

Die Verlegerin Mascha Schwarz erzählt davon, dass sie vom Buchmanuskript sofort tief berührt  und fest entschlossen war, dieses Buchprojekt zu realisieren. Dass es nicht unmittelber dazu kam, liegt nicht zuletzt an der Arbeitsweise des Wunsch-Illustrators Zaeri, für den, wie er selbst sagt, die Bildideen zu einem Buch erst eine Zeit reifen müssen – und das dauere bei ihm eben etwa zwei Jahre. Dennoch sollte es dieser und kein anderer Illustrator für sein Buch sein, betont Holzwarth. Die Zeit der Reife ist den immer sehr tiefgründigen und berührenden Zeichnungen von Mehrdad Zaeri  durchaus anzusehen. Eine beeindruckende und sehr inspirierende Kostprobe seiner Arbeitsweise führt der Illustrator dann auch gleich mal live dem Publikum vor: Beginnend mit blind gekritzelten Liniengebilden und Strukturen entwickelt er daraus erste Bildideen und verknüpft diese mit weiteren sich spontan einstellenden zeichnerischen und philosophischen Eingebungen – und schon ist in wenigen Minuten eine unverkennbare Mehrdad-Zaeri-Illustration in ihrer typischen, ganz eigenen  Bildsprache entstanden.

Das nun entstandene Gemeinschaftswerk ist, trotz der traurigen, aber auch humorvollen Geschichte, ein zutiefst berührendes Buch über das Leben, welches alle Altersstufen gleichermaßen anzusprechen vermag und zeigt, dass innige Verbundenheit nicht mit dem Tod endet.

Text: Werner Holzwarth

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Tulipan, 2019

Napoleon Chamäleon

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Napoleon, das Chamäleon, lebt im tiefsten Dschungel auf einem schicken Ast (Gibt es „schicke“ Äste?). Mindestens so schick wie sein Ast ist Napoleon selbst. Da er nach Chamäleon-Art ein Meister der Tarnung ist, wird er jedoch meist übersehen – und genau das ist sein Problem.

Denn Napoleon hätte gerne Freunde wie Papagei Polly oder Affe Micky. Um von ihnen bemerkt zu werden, gibt sich der niedliche kleine Kerl alle erdenkliche Mühe: er macht Komplimente, winkt, scharwenzelt, präsentiert sich in den schönsten Farben, flicht aus Zweigen eine Matte mit „Hallo“-Schriftzug, baut für Papagei Polly eine Trompetenblumen-Vogeltränke, beginnt gar zu schielen. Alles vergebens, keiner scheint das arme Chamäleon  zu sehen. Nun setzt Napoleon noch eins drauf und versucht es mit einem Kopfstand, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als dieser final misslingt , Napoleon abstürzend mit seiner langen klebrigen Zunge in den Zweigen hängenbleibt und aus der misslichen Lage heraus die potentiellen Freunde lispelnd um Hilfe bittet, werden sie auf ihn aufmerksam und bemerken seine schönen Farben. Endlich hat Napoleon in Polly und Micky Freunde gefunden, die ihn mögen und mit ihm spielen. Am liebsten spielt er Verstecken, und das kann er ja auch besonders gut. Man freut sich wirklich mit, dass Napoleons Bemühungen schließlich doch, wenn auch auf Umwegen, zum Ziel geführt haben.

Und doch komme ich ins Grübeln über sich aufdrängende Fragen: Muss mir erst ein Missgeschick passieren, damit ich endlich gesehen werde? Wenn die Tiere Napoleon aus nachvollziehbaren Gründen schon nicht SEHEN, warum HÖREN sie ihn aber auch nicht, als er sie direkt anspricht? Warum übersehen sie sein Flechtwerk und die Vogeltränke? Warum steht im Text, dass niemand hinschaut, wenn im Bild sehr wohl jemand, nämlich ein Kolibri, hinschaut? Ist das Absicht? Vielleicht ist das Leben eben einfach manchmal ungerecht und Glück mitunter dem Zufall überlassen? Oder aber soll die Erkenntnis reifen, dass man sich nicht krampfhaft verbiegen sollte, um Freunde zu finden, sondern einfach so sein, wie man wirklich ist? Aber genau das hat Napoleon getan. Oder nicht? Man weiß es nicht genau … ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn über Fragen lässt sich herrlich philosophieren.

Auch wenn sich mir die Botschaft (Braucht es überhaupt eine solche?)nicht eindeutig erschließen will und einige Fragen offen bleiben, ist es ein schönes, farbenfrohes Bilderbuch zum Schauen und Entdecken mit einem herzallerliebsten Helden, für den man sich freut, dass er zu guter Letzt endlich gesehen wird und Freunde findet.

 

Text: Kurt Cyrus, Andy Atkins

Illustration: Christine Faust

Verlag: Magellan, 2019

MONSTA

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Monsta, das blaue Fellknäuel namens Harald (welch herrlich unpassender Monster-Name!) auf zwei dünnen Beinchen gibt sich alle erdenkliche Mühe, monstermäßig Angst und Schrecken bei seinem „Kint“ zu verbreiten, aber: das Kind, welches sich Monsta zum Erschrecken extra ausgesucht hat und unter dessen Bett eingezogen ist, um dort diensteifrig seiner geregelten Arbeit nachzugehen, obwohl es als Nachkomme des weltbesten Yeti-Erschreckers und größten Gruslers aller Zeiten beste Chancen auf eine Karriere in Gruselkabinetten oder Folterkammern gehabt hätte, dieses Kind gruselt sich einfach nicht!

Dabei hat Monsta alles versucht, das ganze Monster-Standard-Reportoire aufgeboten, hat jede Nacht gerüttelt, gegrollt, gefletscht und geklappert, seine Zähne gefeilt, Masken gebaut, sein Fell aufgestellt, an Pfosten genagt, Türen quietschen und Knochen knacken lassen, Puppen versteckt, an der Decke gezerrt … nichts, aber auch gar nichts ist passiert. Welche Tragik für ein Monster! Es schließt daraus, dass mit dem „Kint“, das sich nicht gruselt, das trotz aller seiner Bemühungen einfach seelenruhig weiterschläft, etwas nicht stimmen kann. Und so gibt sich Monsta weiter Mühe und setzt noch eins drauf, um das Grauen wachsen und gedeihen zu lassen, legt Monsterfell in den Bauchnabel des Kindes, verknotet dessen Haare, trainiert Augenrollen, verstellt seine Stimme, lässt sich spinnengleich von der Decke hängen und wagt todesmutige Sprünge aufs Kinderbett – dennoch: nichts! Schließlich, als auch diese Bemühungen nicht fruchten, gibt das arme Monster enttäuscht auf, es kündigt und schreibt seinem „Kint“ noch einen erklärenden Abschiedsbrief, bevor es sein Monsterglück anderswo suchen wird und verschwindet.

Die Sympathien des Bilderbuchlesers neigen sich zunehmend diesem bedauernswert erfolglosen wie trotz seines Monster-Habitus überaus niedlichen Kinder-Erschreckers zu. Großartige Illustrationen, die über witzige Details und ausdrucksstarke mimische Variationen die ganze Tragik des kleinen glücklosen Monsters offenbaren, begleiten den originellen Text in Briefform, welcher sich als Klageschrift direkt an das gruselresistente „Kint“ richtet.

Ganz gleich, ob sich die Bilderbuchleser eher zur Kategorie der Ängstlichen (diese werden vielleicht froh und ein wenig stolz sein, das eigene Haus- Monster nicht derart zu enttäuschen und zur Erkenntnis gelangen, dass die kleinen Monster auch nur ihre Arbeit tun und halb so gefährlich sind, wie sie scheinen) oder der Mutigeren (diese werden vielleicht in Zukunft etwas nachsichtiger sein und sich gemäß Watzlawicks Symptomverschreibung gefälligst ein bisschen mehr zum Gruseln hinwenden) zählen – in jedem Falle bereitet dieses wunderbare Monsterbilderbuch einfach große Freude beim Lesen und Anschauen.

 

MONSTA

Text: Dita Zifel

Illustration: Mateo Dineen

Tulipan, 2018

Tief im Wald

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Ornamentale Muster umgeben ein Oval im Zentrum des Buchcovers, in dem sich einige der tierischen Protagonisten vor einem ungewöhnlich aussehenden Häuschen im Wald versammelt haben. Ebenso ungewöhnlich erscheint auch die Farbgebung – immer wieder setzen nicht nur auf dem Titelbild, sondern auch in den zauberhaften Buchillustrationen knallige Leuchtfarben und außergewöhnliche Farbzuschreibungen überraschende Akzente, welche sich insbesondere auf dem Vorsatzpapier zu einem leuchtend bunten Farbfeuerwerk floraler und kleintierischer Diversitäten vereinen – wirklich ein Hingucker! Und ein schöner Auftakt ins Bilderbuchgeschehen …

Mitten im Wald steht ein kleines Holzhaus, leuchtend weiß gestrichen, mit neun Fenstern und einer roten Haustür. Eine kleine Maus findet Gefallen daran, bezieht das Häuschen und richtet es liebevoll ein. Nach und nach stellen sich weitere tierische Mitbewohner ein: Frosch, Kaninchen, Biber, Fuchs, Hahn, Hirsch, Eichhörnchen, Eule, zwei Elstern und ein Specht. Sie alle finden, dass es das schönste Zuhause sei, dass man sich nur vorstellen kann. Die glücklichen Tiere beschließen, ein Einzugsfest zu feiern, dessen fröhliche Begleitmusik dem Braunbären zu Ohren kommt. Nun klopft auch dieser an die rote Haustür und bitte um Einlass, doch die Bewohner meinen bedauernd, es gäbe für so einen großen Bären nun wirklich keinen Platz mehr im Haus. Das aber will der Bär nicht so ohne weiteres akzeptieren und versucht mit aller Mühe, das Haus doch noch beziehen zu können, was erstmal ziemlich schiefgeht und das Häuschen schließlich zusammenstürzen lässt. Aber dann kommt dem Bären mit dem berechtigten schlechten Gewissen doch noch die rettende Idee, in deren Folge es noch einmal etwas zu feiern gibt.

Das liebevoll nacherzählte russische Volksmärchen vermittelt den unschätzbaren Wert von Freundschaft und Zusammenhalt und wird von phantasievollen bunten Bildern begleitet, die zum Staunen und Schauen einladen und für uns auch eine wunderbare Inspiration zum Malen sind.

 

Christopher Corr: Tief im Wald

aracari, 2018

Winter im Wichtelwald

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

In einem tief verschneiten Winterwald hoch oben im Norden schaut ein freundlich blickendes  Männlein mit weißem Bart und roter Mütze, auf der ein kleiner Käfer mit blauer Pudelmütze Platz genommen hat, hinter einem der Baumstämme hervor – unverkennbar ein  Wichtel.

Weil es der Wichtel  gut mit den Tieren meint, dreht er seine tägliche Runde, um die Tiere des Waldes zu besuchen und zu versorgen. In seinem Notfallrucksack hat er alle möglichen nützlichen Dinge dabei. Zuerst plaudert er ein wenig mit der Meise und bringt ihr ein paar Sonnenblumenkerne, um bald darauf  zum Fuchs weiterzuziehen. Dieser ist krank und so gibt ihm der Wichtel fürsorglich einen warmen Tee und eine Wurst und verordnet  zum Nachtisch eine Portion  Hustensaft. Und als das Eichhörnchen die Tür zu seiner Vorratskammer nicht mehr findet, gibt es als erste Hilfe Nüsse und Rosinen aus dem Wichtel-Rucksack. Der riesige Braunbär, der gerade aus seinem Winterschlaf aufgewacht ist, verspürt dagegen Lust auf eine Schneeballschlacht – und auch hier steht der Wichtel hilfreich zu Diensten. Nun geht´s noch zu Familie Rentier für eine Dosis Streicheln und Hilfe bei der Suche nach einer guten Futterstelle und weiter auf eine kurze Stippvisite zur Eulenfamilie, die in der beginnenden Dämmerung aktiv wird. Nun wird es für den Wichtel Zeit, nach Hause zu gehen, aber schon morgen wird der Wichtel wieder seine Runde drehen, um nach den Tieren zu sehen.

In beschwingter und einprägsamer Reim-Form wird diese warmherzige Waldwichtel-Geschichte, die anschaulich ein Gefühl für Tiere und Natur, für Verantwortung und Fürsorge zu vermitteln vermag, in einem Pappbilderbuch für die Kleinen erzählt. Der liebenswerte Wichtel und sein kleiner Begleiter, der Käfer, bewegen sich als gezeichnete Figuren in einer realistischen Szenerie beeindruckender Tier- und Naturfotografien.

 

Winter im Wichtelwald

Text und Illustration: Outi Kaden

arsEdition, 2018

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

Auch solche Tage gibt es

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Aus ungewöhnlicher Perspektive schauen wir von oben auf folgende Szenerie: Ein kleiner rotbrauner Bär mit gelben Stiefeln läuft einen Weg entlang durch einen beängstigend dunklen Wald. Ganz winzig und verloren sieht er im Vergleich zu den hohen Bäumen des Waldes aus. Und so fühlt er sich auch – sehr allein. In der Ich-Form kommentiert der kleine Bär dem Bilderbuchleser seine bedrückende Befindlichkeit. Sein Gang wird immer schwerer, sein Kopf gesenkt und voller Kummer. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und es beginnt zu donnern. Die Körperhaltung des kleinen Bären drückt tiefes Leid aus und ihn umgeben immer dunkler werdende  Farben der Trostlosigkeit. Der kleine Bär beginnt zu weinen und mit dem einsetzenden Regen, der sich in seiner Stärke mehr und mehr steigert, wird auch sein Weinen immer mehr. Völlig erschöpft und schluchzend lässt er sich am Ufer eines Sees zu Boden sinken – ein herzerweichendes Bild des Jammers. Vom anderen Ufer des Sees wird er von einem kleinen grünen Frosch, der einen regenbogenbunten Schirm hält, beobachtet. Der Frosch kommt näher, nun bemerkt ihn auch der kleine Bär, welcher aus seiner misslichen Lage heraus einen vorsichtigen Blick aus tränennassen Augen zum Frosch riskiert. Und schon beginnen die Farben des Himmels sich zu verändern – aus Schwarz wird Grau, aus Grau wird Weiß. Und mit der heller werdenden Himmelsfarbe werden auch die Farben der Umgebung freundlicher. Inzwischen ist der Frosch auf den Kopf des sich nun schon aufrichtenden Bären gekrabbelt und versucht, seinen ziemlich kleinen regenbogenbunten Schirm schützend über diesen zu halten – ein rührender, hoffnungsvoller Anblick. Die Sonne kommt wieder  und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, gleich einen Regenbogen zu sehen. Alles wird gut … Jetzt patschen Bär und Frosch vergnügt und übermütig durch die Pfützen. Den Weg zurück nehmen die Beiden Hand in Hand in einem berührenden Abschlussbild –das Erinnerungen an eine Szene aus Winnie-Puh-Büchern weckt- durch einen nun blütenbunten und sonnendurchfluteten Wald. Der aufgespannte Schirm bleibt liegen. Vielleicht braucht ihn noch jemand anderes?

Im Anschluss an die metaphernreiche Bilderbuchgeschichte wendet sich der Frosch in einfühlsamen Worten in Briefform noch einmal direkt an einen „Kleinen Freund“ und versucht diesem zu verdeutlichen, dass man mit ähnlichem Kummer nicht allein sei, sondern Viele mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert werden, damit umgehen müssen, diese aber auch überwinden können. Man solle sich die Einsamkeit einfach mal als Regen vorstellen und den regenbogenbunten Schirm als alles, was diese überwinden hilft.  Weiterhin gibt es einige hilfreiche  Hinweise und Fragen- bzw. kreative Aufgabenstellungen für Eltern und/oder Therapeuten und die Kinder selbst.

Die liebenswert erzählte und sehr ausdrucksstark bebilderte Geschichte hilft Kindern und ihren Bezugspersonen, über  Gefühle der Einsamkeit oder Traurigkeit miteinander ins Gespräch zu kommen, diese quasi als  „unangemeldete Besucher“ zu akzeptieren und gibt ihnen damit die Möglichkeit, mit Verstimmungsgefühlen besser umgehen zu lernen.

 

Auch solche Tage gibt es

Von Young-ah Kim (Text) und Ji-soo Shin (Illustration)

Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer

aracariVerlag, 2018