Archiv der Kategorie: Vorlesebuch

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

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Ein Haus für Harry

Harry, ein etwas übergewichtiger Stubenkater, hat die Welt da draußen bisher immer nur vom sicheren Fensterplatz aus beobachtet und noch nie draußen gespielt. Das freundliche Angebot des Schmetterlings Vera zum gemeinsamen Fangenspielen ist sehr verlockend – also spaziert Harry kurzentschlossen durch das geöffnete Fenster übers Dach nach draußen, immer Vera hinterher, doch die ist nicht zu erwischen und Stunden später plötzlich verschwunden. Nun realisiert Harry, dass er sich verirrt hat und läuft panisch durch die Straßen der unbekannten Stadt, um nach Hause zurückzufinden, bis ihm ganz schwindlig wird. Harry braucht erstmal einen Unterschlupf, den er zunächst in einem Pappkarton findet – bis dieser im Regen aufweicht. Weitere Behausungen für Harry finden sich auf einem Baum (bis der Ast abbricht), unter einem Auto (bis es wegfährt), in einer Hundehütte (bis der rechtmäßige Bewohner ihn davonjagt)und schließlich in einer Mülltonne. In den benachbarten Mülltonnen haben Straßenkatzen ihr Zuhause gefunden. Ihnen erzählt Harry von Vera, die ihm den Weg zurück zu seinem Zuhause zeigen könnte. Die Straßenkatzen kennen Vera und begleiten Harry zum Park, wo Vera wohnt. Nach erneutem gemeinsamen Fangenspielen mit Vera und der ganzen Katzenbande (die ihm Spieleifer gar nicht merkt, dass schon überall auf Plakaten mit Vermisstenanzeigen nach Harry gesucht wird), geht es zurück zu Harrys Haus, wo er freudig begrüßt wird. Harry verabschiedet sich von seinen neuen Freunden und verspricht, morgen wieder zum Spielen rauszukommen.

Begleitet von lustigen Illustrationen erzählt die vergnügliche und spannende Bilderbuchgeschichte von den Abenteuern der Freiheit und davon, wie schön es ist, ein Zuhause und gute Freunde zu haben.

 

Text und Illustration: Leo Timmers

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Aracari Verlag, 2019

Neon Leon

Erst mit einiger Verspätung (aber besser spät als nie) sind wir auf ein weiteres schönes Chamäleon-Bilderbuch, welches in unserer Sammlung natürlich nicht fehlen darf, aufmerksam geworden.

Es erzählt von Leon, einem besonderen Chamäleon, welches – während sich dessen Gefährten ganz nach Chamäleonart in der zur Umgebung passenden Farbe zeigen – stetig in einem knalligen Orange präsentiert und damit ziemlich auffällt. Leon wird nicht grün wie die anderen Chamäleons im Blätterdschungel, er wird nicht sandgelb in der Wüste und auch in den grauen felsigen Bergen bleibt Leon neon-orange und ist darüber selbst nicht glücklich. In der Nacht strahlt Leon derart neon-hell, dass die anderen Chamäleons schon ganz ärgerlich werden, weil sie durch Neon-Leons Strahlen nicht gut einschlafen können. Und auch Leon wird immer trauriger über seine farbliche Eigenart. Weil er sich an keinen Ort anpassen kann, sucht Leon nun  einen Ort, der zu ihm passt. Ob er ihn wohl bei den leuchtend orangenen Vögeln findet? Leider nein – die Vögel flattern davon in den strahlend blauen Himmel, vor dem der nun wieder alleingelassene Leon sich besonders kontrastreich abhebt,  verzagt den Kopf hängen lässt und wir mit ihm mitleiden. Ein bisschen lässt er sich aufmuntern, als wir ihm zuflüstern, dass alles gut wird.

Und das wird es: Dort, wo alle Blumen leuchtend orange sind, strahlt Leon schon recht glücklich, weil er endlich einen Ort gefunden hat, an den er passt.

Und noch glücklicher beginnt Leon zu strahlen, als er an dem Ort, an den er passt, jemanden trifft, zu dem er passt – ein zweites orange leuchtendes Chamäleon!

Wunderbar ausdrucksstarke und farbenfrohe Illustrationen komplettieren die liebenswerte Bilderbuchgeschichte, in der die kleinen Leser immer wieder direkt angesprochen werden, um Leon aufzumuntern und ihm beizustehen, beispielsweise indem sie ihm eine gute Nacht wünschen, ihm zuflüstern, dass alles gut wird, mit ihm zählend nach einem geeigneten Ort suchen und sich zu guter Letzt erleichtert mit Leon freuen, dass er mit seinem neuen Freund glücklich neon-orange um die Wette strahlen kann.

 

Text: Jane Clark

Illustration: Britta Teckentrup

annette betz, 2017

Am Sonntag, als das Ei aufging

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Drei  Vorlese- oder auch wegen extra großer Schrift Selbst-Lese-Geschichten vom wunderbaren  Autoren-Illustratoren-Duo Lorenz Pauli und Kathrin Schärer sind unter dem Spannung versprechenden Titel, welcher inhaltlich die erste und letzte Geschichte miteinander verbindet, in einem handlichen Büchlein mit blauem Einband versammelt. Die  ebenfalls Spannung aufbauende Coverillustration zeigt die Protagonisten der Geschichten – Bär, Igel, Vogel, Katze und Hamster – von hinten auf einem sich vom Gewicht des Bären bereits verbiegenden Holzgatter sitzend, über ihnen wie ein Mond am Himmel ein überdimensionales Ei  kurz vor dem Aufplatzen – und verrät hier schon einiges  darüber, was in den Geschichten eine nicht unbedeutende Rolle spielen wird: Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt und hinsichtlich schwer vereinbarer Gegensätze  vielleicht auch ein wenig Konfliktpotential. Während Bär und Igel in ein liebevolles Gespräch oder Katze und Vogel in ihre Gedanken vertieft zu sein scheinen, wendet sich der Hamster, gleichsam einladend zur Lektüre, dem Lesepublikum zu.

Die erste Geschichte („Nach dem Fest“) lässt uns an den philosophischen Betrachtungen der liebevoll verbundenen Freunde Bär und Igel teilhaben. Ein schönes Fest (wahrscheinlich das Geburtstagsfest des Bären) liegt hinter ihnen, alle anderen Gäste sind schon gegangen. Etwas Melancholie liegt in der Luft, als der Bär über den Lauf der Dinge sinniert, dass jetzt die Nacht komme und dann ein neuer Tag, und was dann?  Aus dem Dialog der beiden Freunde entspinnt sich, während sie  in ihre Überlegungen versunken nebenbei mit allerlei Früchten wie Hagebutten, Beeren und Eicheln spielen, ein Gedankenspiel, bei dem sie von Wochentagen zu Monaten und Jahreszeiten kommen, bis sie darüber sinnieren, dass es im nächsten Dezember, in 365 Tagen, wieder ein solches Fest geben werde, auf das sie sich jetzt schon freuen. Und besser, als so lange warten zu müssen, ist erst einmal Winterschlaf zu halten. Bevor sie sich ihren Träumen hingeben, vergewissert sich der Igel noch, dass in den Träumen des Bären ein Platz für ihn ist. Wie rührend!

Die zweite Geschichte („Wanda will weg“)erzählt von einem pfiffigen und abenteuerlustigen Hamster, der einen (Einkaufs-) Zettel gefunden hat, diesen als Einladungsschreiben seines Onkels deklariert, seine Sachen packt und auf Reisen geht. Unterwegs erweist sich der Zettel dank Wandas Gewitztheit als überaus nützliches Requisit, das vor Gefahren schützt und für Essen sorgt und  letztendlich sogar dabei hilft, einen neuen Freund zu finden.

Die dritte Geschichte („Eine schlimme Geschichte“), in welcher ein Vogel ein riesiges Ei ausbrütet und das darin befindliche Wesen liebevoll aufzieht, bis es dieses Wesen wegen makabrer Verhaltensweisen , aber  noch immer in Liebe entlässt,  ist, wie der Titel schon vermuten lässt, keine mit rundum glücklichem Ausgang und dennoch -möglicherweise – glücklich machend, weil das Ende der Geschichte gleichzeitig der Anfang einer neuen Geschichte, einer die wir uns selbst ausdenken sollen.

Liebenswerte Illustrationen, welche die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten auf einzigartige Weise vermitteln, begleiten die drei Bilderbuchgeschichten, die viel zu schön und vielschichtig sind, um sie nur ein einziges Mal oder allein zu lesen.

 

Am Sonntag, als das Ei aufging

Drei Geschichten von Lorenz Pauli (Text) und Kathrin Schärer (Illustration)

Atlantis (Orell Füssli), 2019

Als die Tiere im Wald noch nackig waren

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Dass es sich bei diesem entzückenden Bilderbuch  mehr um eine mit einem gehörigen Augenzwinkern (vor-) zu lesende Geschichte und eher weniger auf zoologische Wissensvermittlung gerichtete Kinderliteratur handelt, wird schnell auch den ganz Kleinen klar, wenn sie hören und sehen, dass die Tiere des Waldes früher alle nackig waren und – ohne Fell oder Gefieder – genau das taten, was Waldtiere eben normalerweise so  machen: sich in der Sonne bräunen lassen oder Federballspielen zum Beispiel. Wenn man sich dazu noch die urkomischen Illustrationen der haar- und federlosen Tiere näher betrachtet, ist das Kichern schon auf der ersten Doppelseite garantiert.

In Anbetracht des nahenden Herbstes und der darauf unvermeidlich folgenden Kälte des Winters probieren die Tiere allerlei Möglichkeiten aus, sich zu wärmen – etwa durch kräftiges Schütteln einen Baum zu entlauben, um sich dann in den entstehenden Blätterhaufen zu kuscheln oder sich gemeinsam in Eules  Schal- oder Sonnentuch zu wickeln. Dumm nur, dass man dann nicht mehr so gut Federballspielen kann …

Was also tun? Der Biber weiß zum Glück Rat, denn er betreibt unweit des Waldes eine kleine Schneiderei und hat noch einige Stoffe übrig.  Nun dürfen sich die Tiere alle  etwas aussuchen, aus dem der Biber wärmende Kleider schneidert: für den Igel einen gelben Stoff mit Streifen, für den Tiger lange spitze Stacheln, für den Frosch eine Federboa, etwas Grünes für die Eule, etwas Flauschiges für die Schlange, etwas Enges für den Bären und etwas Weißes für die Schnecke. Doch bald stellt sich die neue Kleidung als ziemlich unpraktisch heraus. Die kluge Eule aber findet die Lösung und lädt zu einer lustigen Kleidertauschparty ein, auf der solange nach Herzenslust getauscht wird, bis alle letztendlich zufrieden sind. Nun wissen wir endlich des Rätsels Lösung, wie die Tiere zu ihren Fellen kamen und darüber hinaus endlich auch, was sie sonst noch so heimlich tun, wenn keiner hinschaut. Und als besonderes Sahnehäubchen gibt es noch eine kleine Überraschung am Buchende: dort findet sich ein eingelegter Anziehpuppen-Bastelbogen zum Ausschneiden, mit dem man nackige Bären und Tiger lustig einkleiden kann, vielfach kombinierbar im Schuppen- oder Streifenlook und für darunter sogar wahlweise eine Herzchen- oder eine Leopardenmuster-Unterhose. Das sorgt für zusätzlichen Spaß und bringt auf viele weitere kreative Ideen für Tiger- oder Bärenmode mit entsprechenden Accesoires.

Ein ziemlich witziges und  originelles, rundum gelungenes Bilderbuch, an dem Kleine und auch Größere große Freude haben und immer wieder neue lustige Details entdecken können.

 

Elfe Marie Opiela

Als die Tiere im Wald noch nackig waren

annette betz, 2019

Alles war See

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Eine Frau und ein Mann leben in scheinbar idyllischer Beschauligkeit  und liebevoller gegenseitiger Achtsamkeit zusammen mit ihren Tieren – Hühner, Katze, Hund, Tauben, Schafe und Kaninchen – in einem alten kleinen Haus, welches sie lieben, hegen und pflegen ebenso wie ihre Tiere und den umgebenden Garten. Eigentlich ist es an der Zeit, den Blumenkohl zu pflanzen, aber draußen tobt der Sturm …

Alle, der Mann und die Frau und ihre Tiere, müssen im schützenden Haus bleiben. Als der Sturm vorüber ist, merken sie, dass das Hausdach repariert werden muss und sie machen sich an die Arbeit. Sie schmieden Pläne für ein neues Haus unten am See und setzen sie alsbald in die Tat um, der Blumenkohl muss weiter warten. Als das nächste Unwetter mit sintflutartigem Regen alles unter Wasser setzt, beschließen sie, das neue Haus ganz oben auf den Berg zu versetzen und schaffen das scheinbar Unmögliche mit vereinten Kräften, selbst die Tiere helfen mit. Doch auch da steigt das Wasser bedrohlich an, so dass sie wieder einen Umbau beschließen. Mehr und mehr nimmt das Haus die Gestalt eines Schiffes an – einer Art Arche Noah, die nun auch die aus Wald und Feld vor dem Wasser flüchtenden Tiere aufnimmt.

Als alles um sie herum zum See wird, löst sich das Haus-Schiff vom Berg und schwimmt davon, hin zu neuen Ufern und zu einem neuen Anfang in einer neuen mediterran aussehenden Heimat , in der sie wieder glücklich zu sein scheinen  und glauben, dass alles gut werden wird und wo sie beschließen, dem Schiff noch Flügel zu bauen – und so der Blumenkohl weiter warten muss.

Die wie eine biblische Metapher anmutende poetische Geschichte wird begleitet von wunderbaren Bildern, die teilweise recht humorvoll und in hervorragender künstlerischer Qualität noch weitaus mehr als der Text erzählen und die märchenhafte Handlung illustrieren.  Die nahende Bedrohung durch Naturgewalten (automatisch drängt sich hier ein Bezug zum Klimawandel auf) wird weder verharmlost, noch wird je die Hoffnung auf neue Lösungen aufgegeben. Die treibende Kraft dabei aber, trotz aller Widrigkeiten nie mutlos zu werden oder gar aufzugeben, scheint allein eine allumfassende Liebe zu sein.

Alles war See

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Sonja Bougaeva

atlantis, 2019

 

Dornröschen

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Es gibt Bücher, die möchte man wie kleine Kostbarkeiten behandeln – das Märchenbilderbuch „Dornröschen“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri ist so eines.

Wie schon das vorangegangene „Aschenputtel“ (Knesebeck, 2016) ist das frei nach den Gebrüdern Grimm nacherzählte Märchen vom Dornröschen begleitet von atemberaubend schönen Scherenschnitten und silhouettenartigen Illustrationen, welche wunderbar mit dem Text und der Buchgestaltung samt Schutzumschlag korrespondieren und beim Umblättern der Buchseiten eindrucksvolle Spiele mit Licht und Schatten ermöglichen.

Die Dimension des rauschenden Festes, welches das Königspaar zur großen Freude über die Geburt der langersehnten Tochter ausrichtet, wird augenblicklich deutlich durch die unzähligen Silhouetten emporgereckter Hände, die im Überschwang des Feierns Hüte, Blumen und Girlanden in die Höhe werfen. Auch zwölf Feen – diese in unterschiedlichen Erscheinungsformen nebeneinander aufgereiht in einem Scherenschnitt – sind zum Fest geladen und beschenken allesamt das gefeierte Kind mit guten Wünschen. Die dreizehnte Fee aber wird wegen des fehlenden dreizehnten goldenen Tellers ausgeladen. Dennoch erscheint sie zum Fest und verkündet aus Wut über den Affront ihren unheilvollen Fluch, den die letzte der guten Feen nur noch etwas abmildern, aber nicht aufheben kann: Im Alter von 15 Jahren soll sich die Königstochter an einer Spindel stechen und mitsamt dem ganzen Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Ausdrucksstark ist das Bild der unzähligen aufgetürmten Spinnräder, welche der König in seiner verständlichen Sorge um die Königstochter vernichten lassen will. Eines jedoch übersah der König und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Die um das in den Schlaf versunkene Königshaus bedrohlich wuchernde Dornenhecke wird fühl- und greifbar in den nun folgenden Scherenschnitten (die sich beim Blättern jedoch leider recht schnell mal ineinander verhaken – hier ist Fingerspitzengefühl beim Entwirren des filigranen Geflechts gefragt oder aber vorsorglich ein Blatt Papier zum Dazwischenlegen). Mit den Jahren wird das Ereignis zur Legende. Nach hundert Jahren aber -wieder einmal ist ein Königssohn (auf einem prächtigen Scherenschnitt-Ross) unterwegs zum Dornröschen-Schloss – tut sich ein Meer von duftenden Rosen vor dem Prinzen auf und macht den Weg frei zur schlafenden Prinzessin, welche durch seinen Kuss erwacht und mit ihr das ganze Königreich. Und wieder wird ein rauschendes Fest gefeiert.

Ein Fest für die Sinne ist auch diese märchenhaft schöne Bilderbuch-Kostbarkeit, die beim Betrachten ein ästhetisches Erlebnis verspricht.

 

Dornröschen

von Christina Laube und Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2019

Fredy flunkert

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Dass dem gängigen Sprichwort gemäß Lügen kurze Beine haben, wird im Untertitel dieses Bilderbuchs zum Thema Flunkern in „Lügen haben lange Hälse“ umgedeutet – der langen Lama-Hälse wegen.

Lama Fredy, der Buchheld, immer „gut drauf“ und „voll cool“, flunkert, dass die Funken fliegen. Zum Beispiel, als er seinem Freund und Mitbewohner Fauli, dem Faultier, voller Stolz berichtet, dass das Konzert mit seiner Lama-Rockband „The Dalai Lamas“ ein voller Erfolg und komplett ausverkauft gewesen wäre und er nun einen Plattenvertrag in der Tasche hätte. Oder dass er als Schuhverkäufer auf dem Markt ebenfalls überaus erfolgreich war. Oder dass er mit drei hübschen Lama-Damen zum Essen verabredet wäre. All das findet Fauli ziemlich seltsam, als er erfährt, dass das Rockkonzert ein Flop war oder entdeckt, dass sich im Wandschrank die unverkauften Schuhe stapeln. Die Vermutung, dass wohl auch die Verabredung mit den drei Lama-Damen, die Fredy seinem Freund nach dessen Bericht über ein bevorstehendes romantisches Picknick mit Faultierdame Lola entgegengesetzt hat, frei erfunden oder zumindest reichlich übertrieben war, liegt nahe. Nach Faultier-Art ist Fauli das tiefer gehende Nachdenken darüber allerdings meist auch etwas zu anstrengend. Als Fredy dann aber auch noch von seinem Ufo-Flug berichtet, wird es selbst dem trägen Fauli zu viel und er zieht wütend aus und bei der neuen Freundin Lola ein, ohne zu ahnen, dass Fredy diesmal die Wahrheit gesagt hat. Die Erkenntnis, dass es trügerisch ist, mehr gemocht zu werden, wenn man erfolgreich ist, stellt sich alsbald ein und mit großem Lama-Ehrenwort verspricht Fredy seinem Freund Fauli, ihn nie mehr anflunkern zu wollen.

Die Gegensätzlichkeiten der beiden tierischen Charaktere und die Folgen ihres Tuns werden schlüssig und humorvoll in Wort und Bild herausgearbeitet, wenn auch die Story insgesamt etwas zu sehr konstruiert und vordergründig auf Coolness getrimmt wirkt. Im Vor-und Nachsatz sind interessante „coole Facts“ über Lamas und Faultiere nachzulesen, welche in der eigentlichen Bilderbuchgeschichte dann nur in Ansätzen aufgegriffen werden. Das Potential für weitere lustige Bilderbuch-Stories mit den beiden trotz ihrer Schwächen sympathischen Buchhelden ist auf jeden Fall vorhanden.

Idee, Text, Illustrationen: Jaqueline Kauer

Idee, Text, Buchgestaltung: Daniel Kauer

Kalea Books, 2018

Mein Jimmy

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Pressetermin des Tulipan-Verlags in München,  Arena-Kino: Dem feuchtkühlen Januarabend steht erwärmende Vorfreude  zur Bilderbuchpremiere von „Mein Jimmy“ entgegen. Im Foyer wärmen sich die buchaffinen Gäste an heißen Getränken und nehmen dabei den Bücherstapel in Augenschein. Das in zurückhaltender Farbigkeit gestaltete Cover des neuen Bilderbuches zeigt das Porträt eines Nashorns, zwischen dessen Nasen-Hörnen sich breitbeinig ein keckes Vögelchen justiert hat und dem Nashorn direkt in die Augen blickt. Aus dem Blickwechsel der Beiden scheint eine tiefe Vertrautheit zu sprechen. Vertrauen und ewige Verbundenheit sind auch das Grundthema des Bilderbuches.

In der Geschichte blickt Hacki, der Madenhacker, nachdem er sich  von seinem geliebten Beschützer und Freund Jimmy, dem alten Nashorn, mit dem er anfangs so manches Abenteuer erlebte, welches  dann aber immer schwächer wurde und sich eines Tages für immer zur Ruhe legen musste, trennen muss,  auf die gemeinsam erlebte Zeit  zurück.

Zur Premiere anwesend sind der Autor Werner Holzwarth mit seinem Sohn Tim und der Illustrator Mehrdad Zaeri. Holzwarth spricht vor der Lesung zur Vorgeschichte der Buchentstehung, zu deren Beginn der Autor 67 Jahre und sein Sohn 5 Jahre alt waren. Er hat die berührende Geschichte von Jimmy und Hacki, eine Geschichte über das Leben, zu dem das Sterben ebenso gehört wie Freude und Trauer, im Bewusstsein über die eigene Endlichkeit und die relative zeitliche Begrenzung der bevorstehenden gemeinsamen Zeit für seinen  Sohn geschrieben , dem er vermitteln wollte, dass Beides, Glück ebenso wie Trauer,  seine Zeit hat, dass man auch nach der Zeit der Trauer wieder glücklich sein kann und darf. Mit Begeisterung hatte der Sohn damals die vom Vater vorgelesenen Szenen der Geschichte in bemerkenswert ausdrucksstarke Zeichnungen umgesetzt, von denen es nun einige zu bewundern gibt. Auch der BuchiIllustrator Mehrdad Zaeri, der anschließend mit dem inzwischen einige Jahre älteren Tim in ein  ernsthaftes wie humorvolles und auch zeichnerisch-praktisches Zwiegespräch  tritt, ist begeistert von Tims Zeichnungen. Schön, dass es zwei von Tims ursprünglichen Zeichnungen nun auch im Vorsatz des fertigen Buchs gibt, sie rahmen die Geschichte gewissermaßen ein.

Die Verlegerin Mascha Schwarz erzählt davon, dass sie vom Buchmanuskript sofort tief berührt  und fest entschlossen war, dieses Buchprojekt zu realisieren. Dass es nicht unmittelber dazu kam, liegt nicht zuletzt an der Arbeitsweise des Wunsch-Illustrators Zaeri, für den, wie er selbst sagt, die Bildideen zu einem Buch erst eine Zeit reifen müssen – und das dauere bei ihm eben etwa zwei Jahre. Dennoch sollte es dieser und kein anderer Illustrator für sein Buch sein, betont Holzwarth. Die Zeit der Reife ist den immer sehr tiefgründigen und berührenden Zeichnungen von Mehrdad Zaeri  durchaus anzusehen. Eine beeindruckende und sehr inspirierende Kostprobe seiner Arbeitsweise führt der Illustrator dann auch gleich mal live dem Publikum vor: Beginnend mit blind gekritzelten Liniengebilden und Strukturen entwickelt er daraus erste Bildideen und verknüpft diese mit weiteren sich spontan einstellenden zeichnerischen und philosophischen Eingebungen – und schon ist in wenigen Minuten eine unverkennbare Mehrdad-Zaeri-Illustration in ihrer typischen, ganz eigenen  Bildsprache entstanden.

Das nun entstandene Gemeinschaftswerk ist, trotz der traurigen, aber auch humorvollen Geschichte, ein zutiefst berührendes Buch über das Leben, welches alle Altersstufen gleichermaßen anzusprechen vermag und zeigt, dass innige Verbundenheit nicht mit dem Tod endet.

Text: Werner Holzwarth

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Tulipan, 2019

Napoleon Chamäleon

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Napoleon, das Chamäleon, lebt im tiefsten Dschungel auf einem schicken Ast (Gibt es „schicke“ Äste?). Mindestens so schick wie sein Ast ist Napoleon selbst. Da er nach Chamäleon-Art ein Meister der Tarnung ist, wird er jedoch meist übersehen – und genau das ist sein Problem.

Denn Napoleon hätte gerne Freunde wie Papagei Polly oder Affe Micky. Um von ihnen bemerkt zu werden, gibt sich der niedliche kleine Kerl alle erdenkliche Mühe: er macht Komplimente, winkt, scharwenzelt, präsentiert sich in den schönsten Farben, flicht aus Zweigen eine Matte mit „Hallo“-Schriftzug, baut für Papagei Polly eine Trompetenblumen-Vogeltränke, beginnt gar zu schielen. Alles vergebens, keiner scheint das arme Chamäleon  zu sehen. Nun setzt Napoleon noch eins drauf und versucht es mit einem Kopfstand, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als dieser final misslingt , Napoleon abstürzend mit seiner langen klebrigen Zunge in den Zweigen hängenbleibt und aus der misslichen Lage heraus die potentiellen Freunde lispelnd um Hilfe bittet, werden sie auf ihn aufmerksam und bemerken seine schönen Farben. Endlich hat Napoleon in Polly und Micky Freunde gefunden, die ihn mögen und mit ihm spielen. Am liebsten spielt er Verstecken, und das kann er ja auch besonders gut. Man freut sich wirklich mit, dass Napoleons Bemühungen schließlich doch, wenn auch auf Umwegen, zum Ziel geführt haben.

Und doch komme ich ins Grübeln über sich aufdrängende Fragen: Muss mir erst ein Missgeschick passieren, damit ich endlich gesehen werde? Wenn die Tiere Napoleon aus nachvollziehbaren Gründen schon nicht SEHEN, warum HÖREN sie ihn aber auch nicht, als er sie direkt anspricht? Warum übersehen sie sein Flechtwerk und die Vogeltränke? Warum steht im Text, dass niemand hinschaut, wenn im Bild sehr wohl jemand, nämlich ein Kolibri, hinschaut? Ist das Absicht? Vielleicht ist das Leben eben einfach manchmal ungerecht und Glück mitunter dem Zufall überlassen? Oder aber soll die Erkenntnis reifen, dass man sich nicht krampfhaft verbiegen sollte, um Freunde zu finden, sondern einfach so sein, wie man wirklich ist? Aber genau das hat Napoleon getan. Oder nicht? Man weiß es nicht genau … ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn über Fragen lässt sich herrlich philosophieren.

Auch wenn sich mir die Botschaft (Braucht es überhaupt eine solche?)nicht eindeutig erschließen will und einige Fragen offen bleiben, ist es ein schönes, farbenfrohes Bilderbuch zum Schauen und Entdecken mit einem herzallerliebsten Helden, für den man sich freut, dass er zu guter Letzt endlich gesehen wird und Freunde findet.

 

Text: Kurt Cyrus, Andy Atkins

Illustration: Christine Faust

Verlag: Magellan, 2019