Archiv der Kategorie: Kunst und Kreativität

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

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Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Aus dem Schatten des nächtlichen Waldes tritt ein Fuchs.

Suchend („Ihm war nach Farbe“ …) blickt er sich um. Sein Weg führt ihn zu den Schlafstellen der Paradiesvögel, einer davon zwitschert leise der Stille der Nacht entgegen, sich ebenfalls nach Farbe sehnend. Zu zweit führt der Weg die schlaflosen Gefährten weiter, sie rasten unter dem Nachthimmel auf einer Sonnenblumenwiese, bevor sie durch Schilf und Dickicht ziehen oder sich übermütig springend und flatternd inmitten an Halmen schlafender Käfer wiederfinden und abermals an einem Boot am See kurz zur Ruhe kommen, um in ihren Gedanken und Träumen zu versinken. Weiter geht es über Berge und Täler, und die Nacht scheint ewig zu währen. Alles sieht so anders aus, „viel zu schön um zu sein“. Fasziniert blickt der Fuchs auf seltsame Wesen, die wohl seiner Phantasie entspringen – gelbe Kühe mit überlangen Hörnen als einziger Farbtupfer im monotonen Schwarz-Weiß der Landschaft. Und dort, noch ein Wesen, diesmal ein menschliches – ein sternschnuppensuchender Junge oben auf dem Ast eines Baumes sitzend. Die Abwesenheit der Farben erzeugt Melancholie und Einsamkeit. Einsam auch das Gehöft mitten im Wald, an dem der Fuchs nun verweilt, eine unbestimmte Hoffnung im Herzen tragend. Noch kämpft er gegen die Müdigkeit an und ergibt sich dann doch der Nacht und dem Schlaf in einer Felsspalte. Nach dem Erwachen folgt er dem Geruch einer Fährte, der anders als alles Bisherige ist. Und siehe da – eine Farbe erscheint und intuitiv weiß der Fuchs, dass es seine Farbe ist. Sie gehört zum Schwanz eines anderen Fuchses, welcher in einer Höhle verschwindet. Während Fuchs und Füchsin dem nahenden Morgen entgegentollend ihre Bestimmung und Erfüllung gefunden zu haben scheinen, singt der Paradiesvogel noch immer sehnsuchtsvolle Lieder.

Die detailreichen, beinahe filigranen Illustrationen der Landschaften, Pflanzen und Tiere sind eine eigenwillige Melange aus naturalistischen und surrealistischen Elementen und entwickeln beim Betrachter einen eigenwillig betörenden Sog, der sich durch die metaphorische, zum Teil gereimte Sprache noch verstärkt. Seltsame Schilder mit Nummern, Buchstaben oder Mustern, Sprechblasen, lädierte Puppen oder –noch verwirrender- aus Blüten ragende Kindsköpfe mit traurigen Gesichtern geben unerklärliche Rätsel auf.

Ein poetisches Bilderbuch, das die Kraft der Sprache mit der Kraft der Kunst in wunderbaren magischen und rätselhaften Bildern verbindet und insbesondere ältere Kinder und Erwachsene zu bezaubern vermag.

 

Illustration und Text: Einar Turkowski

Gerstenberg, 2019

Dornröschen

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Es gibt Bücher, die möchte man wie kleine Kostbarkeiten behandeln – das Märchenbilderbuch „Dornröschen“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri ist so eines.

Wie schon das vorangegangene „Aschenputtel“ (Knesebeck, 2016) ist das frei nach den Gebrüdern Grimm nacherzählte Märchen vom Dornröschen begleitet von atemberaubend schönen Scherenschnitten und silhouettenartigen Illustrationen, welche wunderbar mit dem Text und der Buchgestaltung samt Schutzumschlag korrespondieren und beim Umblättern der Buchseiten eindrucksvolle Spiele mit Licht und Schatten ermöglichen.

Die Dimension des rauschenden Festes, welches das Königspaar zur großen Freude über die Geburt der langersehnten Tochter ausrichtet, wird augenblicklich deutlich durch die unzähligen Silhouetten emporgereckter Hände, die im Überschwang des Feierns Hüte, Blumen und Girlanden in die Höhe werfen. Auch zwölf Feen – diese in unterschiedlichen Erscheinungsformen nebeneinander aufgereiht in einem Scherenschnitt – sind zum Fest geladen und beschenken allesamt das gefeierte Kind mit guten Wünschen. Die dreizehnte Fee aber wird wegen des fehlenden dreizehnten goldenen Tellers ausgeladen. Dennoch erscheint sie zum Fest und verkündet aus Wut über den Affront ihren unheilvollen Fluch, den die letzte der guten Feen nur noch etwas abmildern, aber nicht aufheben kann: Im Alter von 15 Jahren soll sich die Königstochter an einer Spindel stechen und mitsamt dem ganzen Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Ausdrucksstark ist das Bild der unzähligen aufgetürmten Spinnräder, welche der König in seiner verständlichen Sorge um die Königstochter vernichten lassen will. Eines jedoch übersah der König und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Die um das in den Schlaf versunkene Königshaus bedrohlich wuchernde Dornenhecke wird fühl- und greifbar in den nun folgenden Scherenschnitten (die sich beim Blättern jedoch leider recht schnell mal ineinander verhaken – hier ist Fingerspitzengefühl beim Entwirren des filigranen Geflechts gefragt oder aber vorsorglich ein Blatt Papier zum Dazwischenlegen). Mit den Jahren wird das Ereignis zur Legende. Nach hundert Jahren aber -wieder einmal ist ein Königssohn (auf einem prächtigen Scherenschnitt-Ross) unterwegs zum Dornröschen-Schloss – tut sich ein Meer von duftenden Rosen vor dem Prinzen auf und macht den Weg frei zur schlafenden Prinzessin, welche durch seinen Kuss erwacht und mit ihr das ganze Königreich. Und wieder wird ein rauschendes Fest gefeiert.

Ein Fest für die Sinne ist auch diese märchenhaft schöne Bilderbuch-Kostbarkeit, die beim Betrachten ein ästhetisches Erlebnis verspricht.

 

Dornröschen

von Christina Laube und Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2019

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

Wir gehen in eine Ausstellung

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Es geht darum, präzise Antworten auf neugierige Kinderfragen zu finden und damit Schlüsselthemen unserer Zeit wie Themen zeitgenössischer Kunst zu verstehen. Die neue „Mistkäfer“-Buchreihe verspricht mit einem „Neue-Wörter-Leseprogramm“, Fähigkeiten des Kindes, wie etwa lange Wörter und schwierige Konzepte zu erinnern, deutlich zu verbessern. Sogenannte „Lernwörter sollen dabei helfen, grundsätzliche Konzepte zu identifizieren. Es wird empfohlen, „diese Wörter so oft wie möglich mit Ihrem Kind zu lesen. So werden die einzigartigen Meinungen Ihres Kindes allmählich zermürbt und angemessene, zeitgemäße Fähigkeiten des kritischen Denkens entwickelt.“ – Spätestens jetzt wird denjenigen, die es nicht schon vorher wussten, wohl allmählich klar, dass sie mit diesem  kleinen Kunstbüchlein eher keinen netten und gefälligen Kunstbetrachtungs-Ratgeber und schon erst recht kein Kinderbuch in den Händen halten, sondern vielmehr eine herrlich bitterböse Persiflage auf moderne Kunstbetrachtung und den modernen Kunstbetrieb.

Wir begleiten die Kinder Susan und John, welche mit ihrer Mutti eine Kunstausstellung besuchen, amüsieren uns insgeheim über Muttis Bildbetrachtungen und -deutungen und sind zuweilen gleichzeitig ebenso wie die Kinder verunsichert über Muttis schonungslos nüchterne wie frappierende Art, ihre angesichts der betrachteten Werke auftauchenden Fragen zu beantworten und damit überraschend treffend moderne Kunst zu beschreiben und  zu analysieren.

Eher harmlos beginnend mit Muttis Aussagen, dass Schönheit in der Kunst nicht wichtig und Verstehen eher kontraproduktiv sei und sich steigernd mit einer schnippischen Bemerkung auf Johns Einwurf, dass er etwas genauso malen könnte wie der Künstler („Hast du aber nicht.“) werden wir alsbald Zeugen von Muttis sich steigerndem Glück und dazu proportional permanenter  Verwirrung seitens der Kinder angesichts leerer Räume, nackter Körper, existenzieller Satzfragmente, übergroßer Vaginen und Penisse, halbierter Hasen, schreiender Gestalten, Ölflecken und stinkenden Mülls und Muttis profunder Deutungen und Zuschreibungen wie etwa „Das ist der Gestank unserer verrottenden westlichen Zivilisation“ , „Weil Gott tot und alles Sex ist.“ oder „Es ist Zeit für die Objektifizierung des Körpers.“ Zunehmend fühlen wir uns  ähnlich „komisch“ wie Susan und John, woraufhin Mutti nur lapidar bemerkt, dass dies der moderne Zustand sei. Gesellschaftskritisch entlarvend  und sarkastisch auch die Beantwortung der Frage, ob Mutti eine Künstlerin sei: „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe.“

Unpassender –und damit zugleich wunderbar passend!- könnten die begleitenden farbigen Illustrationen gar nicht sein. Wunderbar retro, heiter, gefällig und ziemlich bieder kommen sie unschuldig daher und erinnern ein wenig an die heile Welt aus Zeugen-Jehovas-Heftchen oder Versandhauskatalogen der 60er Jahre.

Miriam und Ezra Elia ist eine genial bissige und eigenwillig komische Kunst-Persiflage gelungen – ein wunderbares Geschenk für  Künstler und Kunstliebhaber mit Sinn für Humor!

 

Wir gehen in eine Ausstellung

von Miriam und Ezra Elia (Text) und Miriam Elia (Illustration)

Kunstmann, 2018

Blauer Hund

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die als eines der stärksten Bilderbuchgeschichte im Moritz-Programm inzwischen mehrfach aufgelegte  Bilderbuchgeschichte der 1955 in Ägypten geborenen und später im Libanon und in Frankreich lebenden  Autorin und Illustratorin Nadja ist  bereits ein Klassiker und erinnert in der Erzählweise zuweilen an ein Märchen:

Ein geheimnisvoller großer Hund mit blauem Fell und grünen Augen besucht eines Tages das kleine Mädchen Charlotte, als sie spielend mit ihrer Puppe auf der Treppe vorm Hauseingang sitzt. Sie streichelt und füttert den Hund und spielt mit ihm. Von nun an kommt der Hund täglich abends zu Charlotte. Die Mutter jedoch möchte den blauen Streuner nicht im Haus haben und verbietet der Tochter mit ihm zu spielen. Schweren Herzens schickt das Mädchen den Hund weg, als er sie wieder abends am Fenster besucht. Als sich Charlotte aber beim Beerenpflücken im Wald verirrt, ist es der blaue Hund, der sie vor dem Nachtgeist in Gestalt eines schwarzen Panthers beschützt, mit diesem kämpft und am nächsten Morgen wieder sicher zu den besorgten Eltern nach Hause bringt. Aus Dankbarkeit erlauben die Eltern Charlotte nun doch, den Hund zu behalten.

Die Illustrationen zur Geschichte sind ausgesprochen ausdrucksstark und  naturalistisch, wobei der blaue Hund mit seinem unergründlichen und  geheimnisvollen Blick und der ungewöhnliche Farbe an eines der Tierwesen von Franz Marc erinnert, dazu in interessantem und eigenwilligem Kontrast steht. Die kräftigen Farben, allen voran das in vielen Motiven immer wieder auftauchende hell leuchtende Gelb, das Orange, verschiedene Grüntöne und das kräftig satte Blau des Hunde lassen Assoziationen zu expressionistischen Gemälden entstehen und sind wunderschön. Die Kampfszene mit dem Panther könnte zartbesaitete kleine Bilderbuchgucker wegen ihrer arg realistischen Darstellung der scharfen Krallen, funkelnden Augen und blitzenden Fangzähne allerdings auch ein wenig ängstigen – hier muss der Blick vielleicht dann besser nicht allzu lange verweilen.

Mit Spannung und farbgewaltigen Bildern, die sich magisch ins Gedächtnis brennen, schafft  es diese Bilderbuchgeschichte, dass die Kinder mit der tapferen kleinen Protagonistin hoffen und bangen und sich letztlich über den glücklichen Ausgang umso mehr freuen.

 

Blauer Hund

Text und Illustration: Nadja

Moritz Verlag, 3. Auflage der Neuausgabe in verändertem Format, 2013

Die große Holzwerkstatt

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Wir lieben die Bastelbücher von Sabine Lohf! Nahezu unerschöpflich scheint ihre Phantasie, ihre Freude am Basteln und ihr anregender Ideenreichtum zu sein.

In ähnlicher Flexcover-Aufmachung wie die neue Holzwerkstatt stehen bereits „Das große Buch vom Basteln und Spielen“, „Das große Naturbastelbuch“, „Das große Ratzfatz-Bastelbuch“ und „Das neue Weihnachts- Bastelbuch“ in unserem Atelier-Bücherregal und inspirieren unsere Malgruppenkinder immer wieder aufs Neue zu eigenen Werken.

Nun also geht es speziell um den spannenden Werkstoff Holz. Über 150 kreative Ideen rund um den Werkstoff Holz sind in diesem Buch versammelt. So einzigartig wie jedes Holzstück  – ob nun beim Spazieren in der Natur gefunden oder aus der Baumarkt-Reste-Tonne zusammengestellt – sind auch die Dinge, die daraus gebastelt und gebaut werden können. Schon das Suchen geeigneter Stücke kann zum spannenden Abenteuer werden. Ein spezieller „Waldknigge“ erläutert Wissenswertes zum Verhalten im Wald und Sammeln von Holz. Was das besondere Material Holz alles kann, erfahren wir in einem weiteren Kapitel. Die zur Holzbearbeitung geeigneten Werkzeuge und weitere Tipps und Tricks werden zur Einführung ausführlich vorgestellt.

Mit etwas Glück finden sich auf der Erkundungstour durch den Wald Baum- und Wurzelteile, die an Tierkörper erinnern. Mit entsprechenden Nacharbeiten werden mit Hilfe von Farbe, Leim, Knete, Wattebäuschen, Stoffen, Papier, Fäden, kleinen Stöckchen, Rindenteilen, Federn und anderem mehr einheimische oder exotische Tiere wie Igel, Eulen oder Elefanten, Figuren wie Zwerge, Zauberer, Indianer oder Nikoläuse. Was auch immer es ist, alle diese Basteleien strahlen etwas besonders Liebenswertes aus. Mein persönlicher Favorit ist der herzallerliebste Rehbock auf Seite 19, den ich mir zumindest ebenso gut wie die verschmitzt schauende Streifenkatze für das Titelbild vorstellen könnte!

Wie auf einer Bühne können sich nun ganze Szenerien  aus Figuren und Requisiten entwickeln. So treffen Borkengeist und Wildschwein, Rindenkrokodil und Bootspiraten aufeinander und lassen unsere Phantasie spielen und überlegen, was weiter geschieht. Welcher Besuch wohl heute im Zwergen-Baumhaus auftauchen könnte? Und worüber sich wohl die bunten Holzpuppen so angeregt unterhalten?

Auch allerlei weiteres Spielzeug, Dekoratives oder Praktisches für Büro und Haushalt und ideal zum Verschenken, kann aus den Holzfundstücken entstehen – so ein Suppenquirl fürs Hexen-Picknick, Marionetten, Schmuckanhänger, künstlerische Holzskulpturen, Puppentheater-Figuren , lustige Tiere aus Holzklammern, Hampelmänner, Windräder, Lege- oder Würfelspiele, Vogelhäuschen oder Insektenhotels, Advents- und Weihnachtsdekoration und vieles Schöne mehr.

Wie beim Basteln vorzugehen ist, wird leicht verständlich und nachvollziehbar, meist anhand von Fotos für die einzelnen Arbeitsschritte und das benötigte Material und Werkzeug, erklärt. Und doch bleibt genügend Freiraum für eigene Ideen und Abwandlungen. Nichts sieht hier in abschreckender Weise so perfekt aus, dass einen der Mut zum Nachbauen schon im Vorfeld verlassen könnte. Ganz im Gegenteil – wir fühlen uns wunderbar inspiriert.

Eine wahre Fundgrube an tollen Holz-Bastelideen eröffnet sich schon allein beim Anschauen des Buches. Bald darauf kribbelt es in Fingern und Füßen, denn es zieht uns magisch in den nächsten Wald oder Baumarkt, um diesen nach Bastelmaterial zu durchkämmen.

 

Sabine Lohf: Die große Holzwerkstatt

Gerstenberg, 2018

ISBN  9 783836 956154

50 MINDSHOTS

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Zeitlose und aktuelle Lebensthemen unterschiedlicher Bereiche und mit ihnen verknüpfte umgangssprachliche Wendungen und Begriffe, die bestimmte Abläufe oder Gefühlswelten assoziieren, wie beispielsweise IMMER ONLINE, PRESSEFREIHEIT, ZEITNOT, DAS FREIE SPIEL DER KRÄFTE, ALKOHOLISMUS, BURNOUT,  NICHT NEINSAGEN KÖNNEN, SMARTPHONEJUNKIE, HAPPY HOUR, DEADLINE oder CYBERMOBBING fasst der Illustrator Sergio Ingravalle seine grafischen Reflektionen,  sogenannte „ Mindshots“,  in  50 stilistisch reduzierten wie prägnanten, konsequent 4-farbig in schwarz , weiß, rot und grau gestalteten Sinnbildern, die sich weit mehr als jede ausführliche schriftliche Abhandlung ins Gedächtnis brennen, zusammen.

Wer zuweilen glaubt, von BLA, BLA, BLA – Phrasendreschern umzingelt zu sein, wird möglicherweise  ein Gefühl der  inneren  Bestätigung beim Anblick der gewaltigen kreisrunden Sprechblase, die von einem durch eine herannahende Hand vermittelten gezielt gesetzten Nadelstich augenblicklich zu zerplatzen droht, empfinden.

Die drohende Gefahr der SELBSTISOLATION, bei der das Gesicht eines in einem dunklen Käfig hockenden Mediennutzers, das mit dem abgestrahlten Licht  seines Laptop-Bildschirms zu verschmelzen scheint, wird dem Betrachter in eindringlicher Intensität bewusst.

Unter ZEITNOT Leidende wird das innere Bild, gefesselt an den Zeiger einer riesengroßen Uhr mit dem Blick auf das unausweichliche Ertrinken zuzusteuern, so schnell nicht mehr loslassen.

Die Notwendigkeit IMMER ONLINE zu sein hinterfragt der eine oder andere Netzbesessene

beim Anblick der bettlägerigen Figur mit dem Netzzeichen über dem Kopf und bekommt sie so schnell nicht mehr aus dem eigenen Kopf.

Zu ALKOHOLISMUS entwickelt Ingravalle das eindringliche Bild eines überdimensionierten Rotweinglases, in welches eine winzige Figur vom Sprungturm aus zum freien Fall ansetzt.

Wer gegen das NICHT NEIN SAGEN  KÖNNEN ankämpfen will, wird bei einem unfreiwillig gehauchten JA an das  riesengroße NO in der Gehirn-Sprechblase der Silhouette eines Kopfes denken und seinem Gegenüber endlich entgegenschmettern wollen – oder mit diesem inneren Bild endlich auch können.

Ingravalles Mindshots üben mit erstaunlicher Treffsicherheit Gesellschafts- oder Sozialkritik ohne moralinsauer den Zeigefinger zu heben und bringen zum Nachdenken wie Schmunzeln.

 

50 Mindshots

Sergio Ingravalle

Knesebeck, 2018

ISBN 9 783957 282033

 

Charley Harpers Tierwelt

Buchbesprechung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die weltweit bekannten Tier- und Naturdarstellungen von Charley Harper (1922-2007), dessen Motive bis in die heutige Zeit auf Postkarten und Postern zu sehen sind, charakterisieren eine zuweilen verblüffende, ganz auf Reduktion ausgerichtete und dennoch oder gerade deshalb außerordentlich starke Bildsprache. Aus den verschiedenen Tierspezies destilliert Harper deren  Charakteristik, ihre eigentliche Essenz, vor allem dadurch heraus, dass er sich, alles Überflüssige weglassend, ganz auf ihre jeweilige Körperform und Farbigkeit konzentriert und  mittels interessanten grafischen Effekten aus geometrischen Formen und Mustern in Szene setzt.

Die faszinierenden Porträts von Vögeln, Fischen, Lurchen, Kriech- und Säugetieren –unter diesen häufig Waschbären in vielerlei Variationen, Koalas, Giraffen, Zebras, Tiger, Elefanten und viele mehr- inmitten ihrer minimalistisch stilisierten Umgebung schaffen hochästhetische Bildwelten, die sich ins Gedächtnis des Betrachtenden einbrennen.

Da bilden zum Beispiel zahlreiche Zweipunkt-Marienkäfer –einander zugewandt- einen exakten roten Kreis, aus dem sich ein einzelner Käfer –dieser im Gegensatz zu den anderen mit roten Punkten auf schwarzem Untergrund- von der Masse abhebt und von den anderen abwendet, dennoch aber Bestandteil des Kreises bleibt.

Da leuchten signalgelbe Augenpaare aus dem nachtdunklen Dickicht und richten ihren Blick gleichzeitig auf den Betrachter wie auf ihre Beute, eine Antilope. Dass es die Augen von Raubkatzen sind, ist zweifellos erkennbar, obwohl völlig auf die Konturierung der Körperformen verzichtet wurde.

Da sitzt auf parallel verlaufenden, über den ganzen Bildhintergrund in unterschiedlichen Abständen angeordneten Telefondrähten ein graues Turtel-Taubenpaar –geformt aus Kreisen, Halbkreisen und Dreiecken und doch deutlich als Tauben erkennbar- vor grauem Hintergrund, denen als farblicher Kontrapunkt ein orangeroter Kreis zugesellt worden ist, und  beim Betrachten ist intuitiv spürbar, dass dieser Kreis unbedingt ins Bild gehört.

Die optische Verwirrung, welche sich beim Anblick einer Zebraherde in der afrikanischen Serengeti nicht nur bei deren potentiellen Fressfeinden, sondern auch beim Betrachten von Harpers sowohl grafisch als auch humorvoll kommentierend übersetztem „ Serengeti-Spaghetti“ einstellt, die es nahezu unmöglich macht, einzelne Individuen zu identifizieren, ist eine beeindruckende Erfahrung.

Mit jedem weiteren Motiv versinkt man mehr in Harpers erstaunlichen bildnerischen Kosmos und dessen gleichzeitig schlichte wie mehrschichtige, zuweilen tiefgründige metaphorische Bildsprache.

Einer Hommage an das Lebenswerk des Vaters gleich berührt das Vorwort des Sohnes Brett Harper zu dem 132seitigen Bildband mit über 100 Siebdrucken, welche ergänzt werden durch unterhaltsame, wortwitzige Kommentierungen zu den jeweils abgebildeten Tieren. Zusätzlich geben eine Einführung von Roger Caras sowie ein Interview, welches Charley Harper mit sich selbst führt, interessante Einblicke in Harpers Denk- und Arbeitsweise.

Ein Ehrenplatz im Bücherregal  für diesen wunderbaren Bildband ist bereits reserviert.

 

Charley Harpers Tierwelt

erschienen im Knesebeck Verlag, 2018

ISBN: 978-3-95728-082-4