Archiv der Kategorie: Kunst und Kreativität

Binette Schroeder – Bilderbuchbrunnen

In einem gewichtigen Jubiläums-Sammelband, der mehr als 300 Buchseiten umfasst und genau 1725 Gramm auf die Waage bringt, sind unter dem poetischen Titel „Bilderbuchbrunnen“ zwölf großartige Bilderbücher aus fünf Jahrzehnten versammelt, die allesamt von Binette Schröder entstammen und  anlässlich ihres diesjährigen 80. Geburtstages im NordSüd-Verlag erscheinen – eine sehr schöne und angemessene Form der Wertschätzung ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrem Erstling, dem natürlich auch im Band vertretenen, inzwischen zum Klassiker gewordenen „Lupinchen“, welches von einem zarten Puppenmädchen und dessen Abenteuern mit dem treuen Vogel Robert, dem von englischen Kinderreimen inspirierten eiförmigen Männchen Humpty Dumpty und dem Schachtelmann Herrn Klappaufundzu erzählt und bildnerisch an einem Brunnen stehend die Titelseite schmückt, sowie  weitere Protagonisten und Details ihrer Geschichten zeigt, erreichte Binette Schröder große Aufmerksamkeit.

Die meisterhaften Illustrationen von Binette Schröder sind Kunstwerke voller Magie, Poesie und ungeheurer Ausdruckskraft. Mit beachtlicher Präzision und  Detailreichtum stattet sie ihre bildnerischen Szenerien aus, die vor surrealen Landschaften wie Bühnenbilder anmuten und märchenhafte, phantastische, zuweilen auch humorvoll-satirische oder comicartige und schriftgestaltende Elemente aufweisen.

Die erste Bilderbuchgeschichte von Lelebum, dem blauen Elefant, der alles versucht, um normal und elefantengrau zu werden, es dennoch nicht schafft, aber seinen Frieden damit findet, hebt sich im Illustrationsstil, der hier geprägt  von starker Abstraktion und Reduktion, aber nicht minder ausdrucksstark ist, deutlich von den folgenden ab. Der Autor dieser Geschichte, wie auch einiger weiterer, ist Schröders Ehemann Peter Nickl.

Die Illustrationen in der folgenden Geschichte („Archibald und sein kleines Rot“) wechseln zwischen zart und akribisch ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen als einziger Farbtupfer Archibals rote Wangen imponieren und farblich durchkomponierten Bildern ab.

Nach dem bereits erwähnten Lupinchen geht es weiter mit der Geschichte von Pferd Florian und Max, dem Traktor, welcher den tüchtigen Florian sukzessive ersetzen soll, was diesen eifersüchtig werden, aber letztlich dennoch nicht nutzlos bleiben lässt. Weitere Geschichten erzählen von einer kleinen Lok, die davon träumt, um die Welt zu fahren, von einem Krokodil, das eine fürchterliche Entdeckung in einem Kroko-Laden macht und sich entsprechend zu revanchieren weiß (diese eher nichts für allzu Zartbesaitete …), vom – erstaunlich detailreich bebildert – sich zum Prinzen wandelnden Froschkönig, vom sich ihren Ängsten stellenden Mädchen Laura, von einem rüstigen und einem rostigen Ritter, welche sich erbittert um eine Riesenblume streiten und vom Zauberlehrling,

dem ein Drachenei vor die Füße fällt und der mit Rotkäppchen picknickt. Den Abschluss geben Bildergeschichten im Comic-Stil von Zebra Zebby, welches im Sturm seine Streifen verliert, von Hund Tuffa, der eine Schweinehaxe stibitzt und weiteren Abenteuern sowie ein ausführliches und interessantes Nachwort von Christiane Raabe zu Binette Schröders Illustrationskunst.

Binette Schröders Bilderwelten, in denen sich so herrlich schwelgen, phantasieren, rätseln  und staunen lässt, sind zeitlos schön und einem Brunnen vergleichbar, der niemals versiegen sollte, weil er großartige Schätze birgt, die noch viele – kleine und große – Kinder bergen sollten.

 

Binette Schröder Bilderbuchbrunnen

Illustrationen: Binette Schroeder

Text: Binette Schroeder & Peter Nickl sowie Brüder Grimm (Froschkönig)

NordSüd, 2019

Blödes Bild!

„Blödes Bild!“ – mitunter höre ich derartige Ausrufe auch in meinen Malgruppen. Dann ist der Moment gekommen, dem oder der verzweifelten Künstlerin zu Hilfe zu eilen, um ihn oder sie davon zu überzeugen, dass das Werk gelungen ist oder aber noch gelingen kann, denn so mancher kleine „Unfall“ entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als überraschende Inspirationsquelle, bekannt als so genannter „happy accident“. So geschieht es auch der kleinen Minze…

Sie sitzt zusammen mit ihrem großen Bruder Max am Küchentisch voller Buntstifte und hadert mit ihrem leeren Blatt Papier. Max hat im Gegensatz zu Minze immer tolle Ideen zum Malen und malt überhaupt viel schöner als sie – findet Minze. Mit seinem Arm hat der Bruder eine Barrikade um sein Bild errichtet, damit die neugierige kleine Schwester keinen Blick zu seinem Werk erhaschen kann, um es dann womöglich wieder abzumalen. Aber eine eigene Idee zum Malen will Minze einfach nicht in den Sinn kommen. Und als sie dann nach langem Überlegen endlich doch eine Idee hat und die schönste Schneeflocke der Welt zu Papier bringt, geschieht ein Missgeschick nach dem anderen und in einem Anfall geballter Wut –auf den Bruder, der sowieso immer schöner malt, der alles weiß  und dem alles gelingt, auf die Katze, die auf den Tisch springt und auf die Blumenvase, die umfällt- knüllt Minze ihr Blatt zu einem Papierball und weil die Wut auch dann noch nicht abebbt, schneidet sie noch ein Loch hinein.

Und damit nicht genug, nun präsentiert ihr der geniale Bruder auch noch SEINE schönste Schneeflocke der Welt. Doch Max sagt, es wäre IHRE eigene, die  aus dem wütend zerschnittenen Schneeball entstanden ist. Minze staunt, dass sie „aus Versehen“ so etwas Schönes produziert hat und freut sich. Und umso mehr freut sie sich, als Max nun endlich sein Geheimnis lüftet und ihr sein fertiges Bild zeigt: Max hat etwas gemalt, das er wirklich sehr mag, nämlich MINZE, seine kleine nervige Schwester. Und als sie dann gemeinsam noch mehr solcher Schneeflocken basteln und endlich auch mal die kleine Schwester dem großen Bruder was zeigen kann, ist alles wieder gut.

Dass kreatives Schaffen sowohl mit Lust als auch mit Frust einhergehen kann und dass das Zusammenleben mit großen Brüdern, auf die man mitunter neidisch oder sogar richtig wütend sein kann, eigentlich doch ganz toll ist, weil sie kleinen Schwestern manchmal auch zeigen, wie lieb sie sie doch haben und dass sie viel mehr können als sie sich selbst zutrauen, erzählt diese wunderbare, ausdrucksstark und witzig illustrierte Bilderbuchgeschichte auf derart liebevolle Weise, dass einem ganz warm ums Herz wird.

 

Text: Johanna Thydell

Illustration: Emma Adbåge

Übersetzung aus dem Schwedischen: Maike Dörries

Kunstmann, 2019

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Aus dem Schatten des nächtlichen Waldes tritt ein Fuchs.

Suchend („Ihm war nach Farbe“ …) blickt er sich um. Sein Weg führt ihn zu den Schlafstellen der Paradiesvögel, einer davon zwitschert leise der Stille der Nacht entgegen, sich ebenfalls nach Farbe sehnend. Zu zweit führt der Weg die schlaflosen Gefährten weiter, sie rasten unter dem Nachthimmel auf einer Sonnenblumenwiese, bevor sie durch Schilf und Dickicht ziehen oder sich übermütig springend und flatternd inmitten an Halmen schlafender Käfer wiederfinden und abermals an einem Boot am See kurz zur Ruhe kommen, um in ihren Gedanken und Träumen zu versinken. Weiter geht es über Berge und Täler, und die Nacht scheint ewig zu währen. Alles sieht so anders aus, „viel zu schön um zu sein“. Fasziniert blickt der Fuchs auf seltsame Wesen, die wohl seiner Phantasie entspringen – gelbe Kühe mit überlangen Hörnen als einziger Farbtupfer im monotonen Schwarz-Weiß der Landschaft. Und dort, noch ein Wesen, diesmal ein menschliches – ein sternschnuppensuchender Junge oben auf dem Ast eines Baumes sitzend. Die Abwesenheit der Farben erzeugt Melancholie und Einsamkeit. Einsam auch das Gehöft mitten im Wald, an dem der Fuchs nun verweilt, eine unbestimmte Hoffnung im Herzen tragend. Noch kämpft er gegen die Müdigkeit an und ergibt sich dann doch der Nacht und dem Schlaf in einer Felsspalte. Nach dem Erwachen folgt er dem Geruch einer Fährte, der anders als alles Bisherige ist. Und siehe da – eine Farbe erscheint und intuitiv weiß der Fuchs, dass es seine Farbe ist. Sie gehört zum Schwanz eines anderen Fuchses, welcher in einer Höhle verschwindet. Während Fuchs und Füchsin dem nahenden Morgen entgegentollend ihre Bestimmung und Erfüllung gefunden zu haben scheinen, singt der Paradiesvogel noch immer sehnsuchtsvolle Lieder.

Die detailreichen, beinahe filigranen Illustrationen der Landschaften, Pflanzen und Tiere sind eine eigenwillige Melange aus naturalistischen und surrealistischen Elementen und entwickeln beim Betrachter einen eigenwillig betörenden Sog, der sich durch die metaphorische, zum Teil gereimte Sprache noch verstärkt. Seltsame Schilder mit Nummern, Buchstaben oder Mustern, Sprechblasen, lädierte Puppen oder –noch verwirrender- aus Blüten ragende Kindsköpfe mit traurigen Gesichtern geben unerklärliche Rätsel auf.

Ein poetisches Bilderbuch, das die Kraft der Sprache mit der Kraft der Kunst in wunderbaren magischen und rätselhaften Bildern verbindet und insbesondere ältere Kinder und Erwachsene zu bezaubern vermag.

 

Illustration und Text: Einar Turkowski

Gerstenberg, 2019

Dornröschen

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Es gibt Bücher, die möchte man wie kleine Kostbarkeiten behandeln – das Märchenbilderbuch „Dornröschen“ von Christina Laube und Mehrdad Zaeri ist so eines.

Wie schon das vorangegangene „Aschenputtel“ (Knesebeck, 2016) ist das frei nach den Gebrüdern Grimm nacherzählte Märchen vom Dornröschen begleitet von atemberaubend schönen Scherenschnitten und silhouettenartigen Illustrationen, welche wunderbar mit dem Text und der Buchgestaltung samt Schutzumschlag korrespondieren und beim Umblättern der Buchseiten eindrucksvolle Spiele mit Licht und Schatten ermöglichen.

Die Dimension des rauschenden Festes, welches das Königspaar zur großen Freude über die Geburt der langersehnten Tochter ausrichtet, wird augenblicklich deutlich durch die unzähligen Silhouetten emporgereckter Hände, die im Überschwang des Feierns Hüte, Blumen und Girlanden in die Höhe werfen. Auch zwölf Feen – diese in unterschiedlichen Erscheinungsformen nebeneinander aufgereiht in einem Scherenschnitt – sind zum Fest geladen und beschenken allesamt das gefeierte Kind mit guten Wünschen. Die dreizehnte Fee aber wird wegen des fehlenden dreizehnten goldenen Tellers ausgeladen. Dennoch erscheint sie zum Fest und verkündet aus Wut über den Affront ihren unheilvollen Fluch, den die letzte der guten Feen nur noch etwas abmildern, aber nicht aufheben kann: Im Alter von 15 Jahren soll sich die Königstochter an einer Spindel stechen und mitsamt dem ganzen Hofstaat in einen hundertjährigen Schlaf fallen.

Ausdrucksstark ist das Bild der unzähligen aufgetürmten Spinnräder, welche der König in seiner verständlichen Sorge um die Königstochter vernichten lassen will. Eines jedoch übersah der König und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Die um das in den Schlaf versunkene Königshaus bedrohlich wuchernde Dornenhecke wird fühl- und greifbar in den nun folgenden Scherenschnitten (die sich beim Blättern jedoch leider recht schnell mal ineinander verhaken – hier ist Fingerspitzengefühl beim Entwirren des filigranen Geflechts gefragt oder aber vorsorglich ein Blatt Papier zum Dazwischenlegen). Mit den Jahren wird das Ereignis zur Legende. Nach hundert Jahren aber -wieder einmal ist ein Königssohn (auf einem prächtigen Scherenschnitt-Ross) unterwegs zum Dornröschen-Schloss – tut sich ein Meer von duftenden Rosen vor dem Prinzen auf und macht den Weg frei zur schlafenden Prinzessin, welche durch seinen Kuss erwacht und mit ihr das ganze Königreich. Und wieder wird ein rauschendes Fest gefeiert.

Ein Fest für die Sinne ist auch diese märchenhaft schöne Bilderbuch-Kostbarkeit, die beim Betrachten ein ästhetisches Erlebnis verspricht.

 

Dornröschen

von Christina Laube und Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2019

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

Wir gehen in eine Ausstellung

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Es geht darum, präzise Antworten auf neugierige Kinderfragen zu finden und damit Schlüsselthemen unserer Zeit wie Themen zeitgenössischer Kunst zu verstehen. Die neue „Mistkäfer“-Buchreihe verspricht mit einem „Neue-Wörter-Leseprogramm“, Fähigkeiten des Kindes, wie etwa lange Wörter und schwierige Konzepte zu erinnern, deutlich zu verbessern. Sogenannte „Lernwörter sollen dabei helfen, grundsätzliche Konzepte zu identifizieren. Es wird empfohlen, „diese Wörter so oft wie möglich mit Ihrem Kind zu lesen. So werden die einzigartigen Meinungen Ihres Kindes allmählich zermürbt und angemessene, zeitgemäße Fähigkeiten des kritischen Denkens entwickelt.“ – Spätestens jetzt wird denjenigen, die es nicht schon vorher wussten, wohl allmählich klar, dass sie mit diesem  kleinen Kunstbüchlein eher keinen netten und gefälligen Kunstbetrachtungs-Ratgeber und schon erst recht kein Kinderbuch in den Händen halten, sondern vielmehr eine herrlich bitterböse Persiflage auf moderne Kunstbetrachtung und den modernen Kunstbetrieb.

Wir begleiten die Kinder Susan und John, welche mit ihrer Mutti eine Kunstausstellung besuchen, amüsieren uns insgeheim über Muttis Bildbetrachtungen und -deutungen und sind zuweilen gleichzeitig ebenso wie die Kinder verunsichert über Muttis schonungslos nüchterne wie frappierende Art, ihre angesichts der betrachteten Werke auftauchenden Fragen zu beantworten und damit überraschend treffend moderne Kunst zu beschreiben und  zu analysieren.

Eher harmlos beginnend mit Muttis Aussagen, dass Schönheit in der Kunst nicht wichtig und Verstehen eher kontraproduktiv sei und sich steigernd mit einer schnippischen Bemerkung auf Johns Einwurf, dass er etwas genauso malen könnte wie der Künstler („Hast du aber nicht.“) werden wir alsbald Zeugen von Muttis sich steigerndem Glück und dazu proportional permanenter  Verwirrung seitens der Kinder angesichts leerer Räume, nackter Körper, existenzieller Satzfragmente, übergroßer Vaginen und Penisse, halbierter Hasen, schreiender Gestalten, Ölflecken und stinkenden Mülls und Muttis profunder Deutungen und Zuschreibungen wie etwa „Das ist der Gestank unserer verrottenden westlichen Zivilisation“ , „Weil Gott tot und alles Sex ist.“ oder „Es ist Zeit für die Objektifizierung des Körpers.“ Zunehmend fühlen wir uns  ähnlich „komisch“ wie Susan und John, woraufhin Mutti nur lapidar bemerkt, dass dies der moderne Zustand sei. Gesellschaftskritisch entlarvend  und sarkastisch auch die Beantwortung der Frage, ob Mutti eine Künstlerin sei: „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe.“

Unpassender –und damit zugleich wunderbar passend!- könnten die begleitenden farbigen Illustrationen gar nicht sein. Wunderbar retro, heiter, gefällig und ziemlich bieder kommen sie unschuldig daher und erinnern ein wenig an die heile Welt aus Zeugen-Jehovas-Heftchen oder Versandhauskatalogen der 60er Jahre.

Miriam und Ezra Elia ist eine genial bissige und eigenwillig komische Kunst-Persiflage gelungen – ein wunderbares Geschenk für  Künstler und Kunstliebhaber mit Sinn für Humor!

 

Wir gehen in eine Ausstellung

von Miriam und Ezra Elia (Text) und Miriam Elia (Illustration)

Kunstmann, 2018

Blauer Hund

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die als eines der stärksten Bilderbuchgeschichte im Moritz-Programm inzwischen mehrfach aufgelegte  Bilderbuchgeschichte der 1955 in Ägypten geborenen und später im Libanon und in Frankreich lebenden  Autorin und Illustratorin Nadja ist  bereits ein Klassiker und erinnert in der Erzählweise zuweilen an ein Märchen:

Ein geheimnisvoller großer Hund mit blauem Fell und grünen Augen besucht eines Tages das kleine Mädchen Charlotte, als sie spielend mit ihrer Puppe auf der Treppe vorm Hauseingang sitzt. Sie streichelt und füttert den Hund und spielt mit ihm. Von nun an kommt der Hund täglich abends zu Charlotte. Die Mutter jedoch möchte den blauen Streuner nicht im Haus haben und verbietet der Tochter mit ihm zu spielen. Schweren Herzens schickt das Mädchen den Hund weg, als er sie wieder abends am Fenster besucht. Als sich Charlotte aber beim Beerenpflücken im Wald verirrt, ist es der blaue Hund, der sie vor dem Nachtgeist in Gestalt eines schwarzen Panthers beschützt, mit diesem kämpft und am nächsten Morgen wieder sicher zu den besorgten Eltern nach Hause bringt. Aus Dankbarkeit erlauben die Eltern Charlotte nun doch, den Hund zu behalten.

Die Illustrationen zur Geschichte sind ausgesprochen ausdrucksstark und  naturalistisch, wobei der blaue Hund mit seinem unergründlichen und  geheimnisvollen Blick und der ungewöhnliche Farbe an eines der Tierwesen von Franz Marc erinnert, dazu in interessantem und eigenwilligem Kontrast steht. Die kräftigen Farben, allen voran das in vielen Motiven immer wieder auftauchende hell leuchtende Gelb, das Orange, verschiedene Grüntöne und das kräftig satte Blau des Hunde lassen Assoziationen zu expressionistischen Gemälden entstehen und sind wunderschön. Die Kampfszene mit dem Panther könnte zartbesaitete kleine Bilderbuchgucker wegen ihrer arg realistischen Darstellung der scharfen Krallen, funkelnden Augen und blitzenden Fangzähne allerdings auch ein wenig ängstigen – hier muss der Blick vielleicht dann besser nicht allzu lange verweilen.

Mit Spannung und farbgewaltigen Bildern, die sich magisch ins Gedächtnis brennen, schafft  es diese Bilderbuchgeschichte, dass die Kinder mit der tapferen kleinen Protagonistin hoffen und bangen und sich letztlich über den glücklichen Ausgang umso mehr freuen.

 

Blauer Hund

Text und Illustration: Nadja

Moritz Verlag, 3. Auflage der Neuausgabe in verändertem Format, 2013