Archiv der Kategorie: Märchen

Der siebente Bruder oder Das Herz im Marmeladenglas

Text und Illustration: Øyvind Torseter

Übersetzung aus dem Norwegischen: Maike Dörries

Verlag: Gerstenberg, 2017

http://www.gerstenberg-verlag.de

 

Ein König hatte sieben Söhne; sechs von ihnen waren in die Welt gezogen und sollten dem zu Hause verbliebenen Bruder eine Prinzessin als Braut von der Reise mitbringen, doch es kam anders. Sie kehrten nicht nach Hause zurück, denn ein furchterregender Troll hatte die Königssöhne samt ihrer Bräute in Steine verwandelt. Nun machte sich also der zurückgebliebene siebente Bruder auf den Weg, um die Vermissten zu suchen …

Was zunächst wie ein herkömmliches Märchen beginnt, wird zu einer recht skurrilen Comicgeschichte. Der Prinz mit der seltsamen Physiognomie eines Gesichts, das hauptsächlich aus Nase besteht, begibt sich mit einem klapprigen Gaul, mit welchem er unterwegs den Leser sehr erheiternde Zwiegespräche führt, nach seinen Brüdern suchend auf den Weg, auf dem das illustre Paar seltsame Dinge wie ein herumliegendes Saxophon oder einen Elefanten mit in einem Baumstumpf eingeklemmten Rüssel findet. Das Saxophon wird mitgenommen – wer weiß, wofür es noch nützlich sein könnte – und ganz nach Märchenmanier verspricht auch der befreite Elefant zukünftige Hilfe in Notlagen. Nach der Begegnung mit einem rüpelhaften Wolf, dem sie trickreich einen Hinweis zum Fundort der Trollhöhle und hilfreiche Tipps zum Umgang mit dem Troll -nämlich dessen Herz zu vernichten- entlocken, ist das erstrebte Ziel bald gefunden. Der lässige Gaul zieht es vor, draußen Wache zu schieben, während der Prinz zu allem entschlossen die Höhle inspiziert. Dort befindet sich neben den versteinerten Brüdern und Prinzessinnen ein lebendiges weibliches Wesen, welches vom Troll gefangengehalten wird und sich sogleich freundlich anbietet, dem Prinzen noch schnell die Höhle zu zeigen, bevor sein letztes Stündlein geschlagen hat. Überdies weiß sie zu berichten, dass sich das Herz des Trolls, welches es zu vernichten gilt, nicht in der Trollbrust, sondern in einem Marmeladenglas befände. Wo dieses zu finden ist, wäre nun noch gemeinsam zu ergründen. Nun kommen Elefant und Saxophon ins Spiel …

Wie zu erwarten, findet letztlich alles ein märchenhaftes Happy End. Wunderbar erfrischend ist vor allem Torseters zeichnerisches Fabulieren, mit dem sich dem Leser noch weit mehr als über die textlichen Informationen aus den Sprechblasen erschließt und das auch beim wiederholten Betrachten -dessen man angesichts der Einzigartigkeit der Bilder nimmermüde wird – immer wieder Neues, teils herrlich Absurdes in unzähligen zeichnerischen Details zutage bringt.

Ein ungewöhnliches, intelligentes, tiefgründiges und vor allem sehr unterhaltsames Märchen-Vergnügen!

Advertisements

Hans im Glück

Titel: Hans im Glück und andere Märchen der Brüder Grimm

Text und Illustration: Felix Hoffmann

Verlag: NordSüd, 2017

http://www.nord-sued.com

 

Sieben Märchen der Brüder Grimm – Rapunzel, Der Wolf und die sieben Geisslein, Dornröschen, Die sieben Raben, König Drosselbart, Der Däumling und Hans im Glück – versammeln sich in diesem wunderschön illustrierten Märchenbuch.

Das Besondere daran sind die ausdrucksstarken Illustrationen Hoffmanns aus den Jahren 1949 bis 1975, die von Wärme und Menschlichkeit geprägt sind und so in einem interessanten Kontrast zu den für Märchen charakteristischen, mitunter derb-drastischen inhaltlichen Entwicklungen stehen.

Meisterhaft drücken Hoffmanns Illustrationen starke Gefühle aus – wie im sehnsuchtsvollen Blick von Rapunzels Mutter, in der sich in Rapunzels Augen spiegelnden Melancholie beim Schweifen ihres Blickes vom Turm über die weite, für sie unerreichbare Landschaft, in der mütterlichen Besorgtheit der Geiß beim Verabschieden ihrer Kinder, in der Beflissenheit des Krämers beim Bedienen des Wolfes, in der Liebe, die aus der zärtlichen Umarmung des Königsvaters mit seinem Kind Dornröschen spricht, in der sich in Blick und Haltung ausdückenden  Verzweiflung  der korbflechtenden Frau im Märchen vom König Drosselbart, in der zaghaften Freude der Eltern über das winzige Däumlinskind, in der naiv-beschwingten Sorglosigkeit von Hans im Glück … Jedes dieser Bilder ist ein meisterhaft gezeichnetes Kunstwerk für sich.

Wunderbar stimmungsvolle Landschaften wie in der Geschichte von den sieben Raben, spannungsreiche Bildkompositionen, zahlreiche Details und  schöne Gestaltungselemente  beim Übergang von einem Märchen zum folgenden überraschen den Betrachter immer wieder aufs Neue und machen dieses schöne Märchenbilderbuch zu einem Gesamtkunstwerk.

 

Nussknacker und Mäusekönig

Text: E.T.A.Hoffmann

Übersetzung aus dem Englischen: Gundula Müller-Wallraff

Illustration: Robert Ingpen

Verlag: Knesebeck, 2016

http://www.knesebeck-verlag.de

Es gibt zahlreiche Variationen dieses Weihnachtsmärchen-Klassikers von E.T.A.Hoffmann, wobei vor allem das gleichnamige Ballett zur Musik von Peter Tschaikowski berühmt wurde und noch immer traditionell zur Weihnachtszeit aufgeführt wird.Bei diesen veröffentlichten Variationen handelt es sich zum großen Teil um gekürzte Fassungen des Originaltextes, die meist die weitere „Geschichte in der Geschichte“, das Märchen von der harten Nuss, welches nicht unwesentlich den Zauber der Handlung und deren Verständnis beeinflusst, sowie viele weitere Details leider ausspart.

In dieser von Robert Ingpen phantastisch illustrierten Ausgabe können wir uns jedoch  an der ungekürzten, hier 144 Seiten umfassenden, gebundenen und mit einem Schutzumschlag versehenen Originalfassung, die behutsam der deutschen Rechtschreibung angepasst wurde, erfreuen. Im Nachwort des Illustrators gibt dieser der Hoffnung Ausdruck, dass er in der Kombination phantastischer und fast bizarr realistischer Elemente die tiefere Struktur hinter E.T.A.Hoffmanns Geschichte habe freilegen können.Das ist ihm zweifellos gelungen.

Die geheimnisvolle Szenerie auf der Buchtitelseite, auf der ein von einem hellen Lichtstrahl beschienener rotuniformierter Nussknacker kampfesbereit sein Schwert, dessen Spitze den Blick auf drei überdimensional große, bekronte Mäuseköpfe weist, hochhält und sich linksseitig drei Soldaten, über deren Köpfen eine Ballerina zu schweben scheint, postiert haben, zeigt wesentliche Details der erzählten Geschichte, die damit beginnt, dass sich die Familie des Medizinalrats Stahlbaum aufwändig auf das bevorstehende Weihnachtsfest vorbereitet. Unmittelbar fühlt sich auch der Leser in die weihnachtliche Atmosphäre und gespannte Erwartungshaltung der Kinder, Marie und Fritz, hineingezogen.

Unter ihren vielen Weihnachtsgaben entdeckt Marie schließlich auch jenen Nussknacker, ein Geschenk ihres Paten Herrn Droßelmeier, der sie sofort fasziniert.Weil ihr übermütiger Bruder Fritz aber sogleich allzu harte Nüsse mit ihm zu knacken beginnt, verliert der Nussknacker einige seiner Zähne und Marie nimmt sich des verwundeten Holzmannes an. In der darauffolgenden Nacht geschehen seltsame Dinge in Maries Zimmer, der Nussknacker und die Husarenfiguren des Bruders Fritz werden lebendig und aus allen Ritzen erscheinen riesengroße Mäuse nebst ihrem siebenköpfigen Mäusekönig. Sehr detailreich und außerordentlich spannend wird nun das Entspinnen einer furiosen Schlacht, in welcher sich die vom Nussknacker angeführte Husarenarmee und der gruselige Mäusekönig mit seinem Heer gegenüberstehen, beschrieben. Mit einem beherzten Eingreifen ins Geschehen kann Marie die drohende Niederlage der Nussknackerfraktion verhindern, trägt jedoch eine Verletzung durch eine Glasscherbe davon und muss zur Vermeidung des befürchteten Wundfiebers einige Zeit das Bett hüten. Pate Droßelmeier erzählt während seines Besuchs an Maries Krankenbett die geheimnisvolle Geschichte von der verwunschenen Prinzessin Pirlipat, der harten Nuss Krakatuk, der Hexe Frau Mauserinks, Mutter des siebenköpfigen Mäusekönigs, und dem kunstfertigen Uhrmacher, der kein anderer als der Pate Droßelmeier selbst ist, sowie dessen Neffe aus Nürnberg, welcher zum Nussknacker verwandelt wurde und dem der Hofastronom voraussagt, dass er einst König werde und seine Missgestalt verschwindet, wenn der siebenköpfige Sohn von Frau Mauserinks von seiner Hand fällt und ein Mädchen ihn trotz seines Aussehens liebgewinnt.

Marie erahnt bald die wahre Identität ihres Nussknackers und wird im folgenden Geschehen zugleich staunende Zeugin und unmittelbar Beteiligte der Prophezeiung.

Die Erzählung entwickelt einen ungewöhnlich spannungs- und phantasiereichen Sog beim Lesen sowie beim Betrachten der traumhaften Bilder, dem man sich schwer entziehen kann und so lässt sich der Leser die in ihm entstehenden finalen Bilder von Zuckermandeln, Bonbonwiesen, Mandelmilchsee, Konfitürenhain und Marzipanschloss genießend gemeinsam mit Marie und dem Nussknacker förmlich auf der Zunge zergehen und in weihnachtliche Hochstimmung versetzen.