Archiv der Kategorie: poetisches Bilderbuch

Wir haben einen Hut

Text und Illustration: Jon Klassen

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bilderbuchliebhaber werden bereits die beiden preisgekrönten Bücher „Wo ist mein Hut“ und „Das ist nicht mein Hut“ von Jon Klassen kennen. Nun gesellt sich ein drittes mit der Hut-Thematik – „Wir haben einen Hut“ – dazu.

Zwei Schildkröten, in der Wüste unterwegs, finden einen weißen Hut. Abwechselnd probieren sie aus, wie gut dieser ihnen steht, stellen jedoch zugleich fest, dass es nicht gerecht wäre, wenn nur eine von ihnen diesen Hut trüge und die andere unbehütet bliebe. Schweren Herzens trennen sie sich von dem Fundstück, ziehen weiter und beschliessen, nicht mehr daran zu denken. Wenn das so einfach wäre …

Jon Klassen ist ein Meister der Reduktion. Farblich beschränkt er sich in diesem Buch überwiegend auf Braun- und Grau-Töne, aus denen der besagte weiße Hut und das im begehrlichen Blick nach dem ersehnten Objekt aufblitzende Augenweiß der Schildkröten sowie das leuchtende Apricot der untergehenden Sonne umso kontrastreicher und damit deutlicher hervortreten. Bei der darstellerischen Umgebungsbeschreibung beschränkt sich Klassen auf wenige Details wie Steine, Pflanzenhalme, Kakteen und zahllose im Dunkel der Nacht weißleuchtende Sternenpunkte. Auch der begleitende Text ist sehr reduziert und  mit Bedacht gewählt. Teilweise ist einzelnen kurzen Sätzen eine ganze Buchseite vorbehalten, was diesen entsprechendes Gewicht verleiht und sehr elegant erscheint. Gleichzeitig überraschend und überzeugend ist die Entscheidung, den sparsamen Text nochmals  durch drei Kapitelüberschriften (Den Hut finden –  Den Sonnenuntergang betrachten –  Schlafen gehen) inhaltlich zu ordnen und abzugrenzen.

Nichts Aufregendes oder Bedeutendes passiert hier – lediglich das Dilemma, zwei Köpfe, doch nur einen Hut zu haben und die sich daraus ergebenden realen und emotionalen Konsequenzen werden zum gedankenanstossenden Bilderbuchthema, über welches sich bestens miteinander philosophieren lässt.

Dass Begehrlichkeiten sich mit Rücksicht auf den Anderen nicht immer erfüllen, aber immerhin erträumen lassen, erschliesst sich in der wunderbaren Symbolik des in den  sternenfunkelnden Nachthimmel fliegenden doppelt behüteten Schildkrötenpaares.

 

 

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Der Nussknacker

präsentiert vom New York City Ballet

illustriert von Valeria Docampo

aus dem Englischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn

Verlag: mixtvision, 2016

 

 

Das berühmte Weihnachtsmärchen vom Nussknacker und Mäusekönig von E.T.A.Hoffmann aus dem Jahr 1816 wurde von Peter Tschaikowski vertont und von dem Petersburger Tänzer und Choreographen George Balanchine 1954 für das New York City Ballett inszeniert; auch noch heute wird es in dieser Weise aufgeführt.

Auf der Grundlage dieser traumhaften Inszenierung ist ein Bilderbuch entstanden, welches von Valeria Docampo, die uns bereits mit bezaubernden Bilderbüchern wie „Die große Wörterfabrik“, „Im Garten der Pusteblumen“ und „Der Bär und das Wörterglitzern“ zum Schwärmen brachte, illustriert.

Auf der Buchtitelseite tanzt eine Ballerina, einen Nussknacker in den Händen haltend und diesen bewundernd, vor einem großen, mit Lichtern geschmückten Weihnachtsbaum. Ihr rotes Zopfband windet sich, in der Form einem Notenschlüssel ähnlich, um ihren zarten Körper.

Dieser Nussknacker ist ein besonderes Weihnachtsgeschenk für die kleine Marie von ihrem Patenonkel Herrn Drosselmeier, einem Spielzeugerfinder. Marie schließt den Nussknacker sofort in ihr Herz und nimmt ihn zum Schlafen mit in ihr Bett. In der Nacht aber ereignen sich plötzlich wundersame Begebenheiten: Große Mäuse huschen durchs Zimmer, der Weihnachtsbaum beginnt in die Höhe zu wachsen, lebendig gewordene Spielzeugsoldaten kämpfen gegen die Mäuse und ihren Anführer, den Mäusekönig. Auch Maries Nussknacker wird lebendig und wächst auf Menschengröße heran. Nun führt er die Schlacht gegen die Mäuse an, kann sie besiegen und die Krone des Mäusekonigs erobern. Daraufhin verwandelt sich der Nussknacker in einen wunderschönen Prinzen, steigt mit Marie in ein Walnussboot und fährt mit ihr ins Land der Süßigkeiten, wo sie von der Zuckerfee begrüßt und mit phantasievollen Tänzen verehrt werden, bis sie schließlich das Fest mit einem fliegenden Rentierschlitten wieder verlassen und in den Nachthimmel aufsteigend  entschwinden.

Dieses wunderschöne Bilderbuch wird von den Ballettszenen getragen, die Valeria Docampo in grazile poesievolle Bilder verwandelt hat, die uns zum träumerischen Schwelgen in Farben und Formen einladen, uns erfreuen und staunen lassen.

 

Aschenputtel

Illustration: Mehrdad Zaeri

Textbearbeitung: Christina Laube

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Ein Mädchen blickt hoffnungsvoll in das Blattwerk eines Baumes. Orange leuchten die Blätter ebenso wie die Mädchengestalt vor dem tiefschwarzen Hintergrund der Buchtitelseite. Seitlich der Baumkrone schweben hunderte kleine blattförmige Pünktchen, die sich aus deren Mitte heraus gelöst zu haben scheinen, um sich im Dunkel der Nacht auszubreiten. Einige wenige  unter den zahlreichen orangenen Blättern sind weiß geblieben, weiß wie der schlichte Schriftzug des Titels, aus dem sich nur der erste Buchstabe A mit kunstvollen Verschnörkelungen hervorhebt.  Das A gehört zu Aschenputtel, dem beliebten Märchen, welches wir wohl alle seit Kindertagen kennen.

Die Umschlaggestaltung ist ebenso wie die Gestaltung des gesamten Buches atemberaubend schön. Spätestens beim Abnehmen des schwarzen Schutzumschlages stellt sich heraus, dass das leuchtende Orange des glänzenden Buchdeckels durch filigrane Scherenschnitte hindurchschimmert. Wird der Umschlag etwas angehoben, bilden sich über eine äußere Lichtquelle je nach Einfall des Lichts die Schattenrisse von Baum, Blattwerk und Mädchengestalt auf dem orangefarbigen Untergrund nochmals deutlich  ab, so dass man geneigt ist, mit den Schatteneffekten zu spielen.

Das Märchen vom Aschenputtel, welches nach dem Tod der geliebten Mutter fortan mit einer bösen Stiefmutter nebst deren nicht minder bösen Töchtern leben und sich von diesen wie ein Dienstmädchen, dem der ersehnte Ballbesuch verboten wird, behandeln lassen muss, dem es aber wie durch ein Wunder dennoch gelingt, auf dem königlichen Ball mit dem Prinzen zu tanzen und dabei seine Liebe zu gewinnen, wird von Christina Laube in einer auf das Wesentliche reduzierten Form in einer ebenso klaren wie liebevollen Sprache nacherzählt und von Mehrdad Zaeri wunderschön bebildert.

Die interessanten Kombinationen aus zeichnerischen Elementen auf abwechselnd hellen und dunklen Buchseiten, die mal bis ins Detail ausgearbeitet, mal fast skizzenhaft erscheinen, und meisterhaften Scherenschnitten, deren Schattenwürfe beim Umblättern der Seiten zu inhaltlichen Bestandteilen der vorhergehenden oder nachfolgenden Abbildungen werden, lassen mich beim Betrachten immer wieder innehalten und staunen.

Ein Buch, welches man wie eine seltene Kostbarkeit behandeln und, ja, ein Bilderbuch-Meisterwerk nennen möchte!

Hanna Nebe-Rector (malkastl.de)

Diese Besprechung erscheint ebenfalls bei Buecherkinder.de

In einer weißen Winternacht

Text: Jean E.Pendziwol

Illustration: Isabelle Arsenault

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Elbe

Verlag: Freies Geistesleben

 

Die Farben einer Winternacht, überwiegend schwarze, weiße und graue Töne, zwischen denen nur vereinzelt Farbtupfer wie das Orangerot eines Fuchsschwanzes, das Gelb von Eulenaugen, das Rot gefrorener letzter Äpfel am Baum, das Grün einzelner Kiefernnadeln, das Blau des  Spiralen und Kringel auf die Fensterscheiben malenden tanzenden Frostes hervorblitzen und sich bald darauf zu einer über den Himmel ziehenden Melodie vereinen, beherrschen die Bilder dieses stimmungsvollen Buches aus Kanada, das ganz leise und zärtlich eine liebevolle Gutenachtgeschichte erzählt.

Während draußen sacht die Schneeflocken vom Himmel schweben, liegt drinnen ein kleiner Junge träumend in seinem federweichwarmen Bett. Unterdessen hat der Ich-Erzähler, vermutlich sein Vater, ein Bild für ihn gemalt – das Bild einer leisen, friedlichen Welt, in der alles Leben verlangsamt scheint, beginnend mit einer winzigen Schneeflocke, zu welcher sich peu a peu mehr und mehr zugesellen und die nächtliche Winterlandschaft weiß werden lassen, in der Kiefern ihre Nadelbüschel zum Flockenfangen ausbreiten, eine Rehmutter ihr Kitz zu köstlichen roten Früchten, den letzten gefrorenen Äpfeln am Baum, führt, eine große Ente mit runden gelben Augen eine Spur ihres Federhauchs im Schnee hinterlässt, Schneehasen vergnügt und doch immer auf der Hut vor dem Fuchs Fangen spielen, bis dieser müde ins Dunkel weiterzieht, in der eine kleine Maus zum Mitternachtsschmaus unterm Vogelhaus übriggebliebene Nüsse und Samen kostet und funkelnde Sternenpunkte im violetten Himmel hängen, die, bis der Mond das geliebte Kind wachküssen wird, von der Sonne als Diamanten in die Zweige einer Weide gesetzt werden.

Das Buch, welches spürbar die Ruhe und Magie einer weißen Winternacht atmet und vermittelt, ist eine zauberhafte Liebeserklärung an das Leben, die sanft das Herz berührt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Als die Esel Tango tanzten …

Erzählbilder von Stefanie Harjes

Verlag: mixtvision

 

Über Bilder miteinander ins Gespräch zu kommen, ist eine tolle Sache!                               Eine Erzählbilder-Reihe des Mixtvision-Verlages eröffnete 2012 Eva Muggenthaler mit dem Titel „Als die Fische spazieren gingen“, welche mit nachfolgenden Titeln wie „Als die Häuser heimwärts schwebten“ von Einar Turkowski und „Als die Wellen Wurzeln schlugen“ von Lena Scholl fortgesetzt wurde. Nun findet dieses wunderbare Konzept mit dem neuen „Als die Esel Tango tanzten …“ von der Illustratorin und Buchkünstlerin Stefanie Harjes, die bereits mehrfach für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war, eine schöne Ergänzung.

In einem Nachwort verdeutlicht die Kinderphilosophin Kristina Calvert, dass sich insbesondere Redewendungen hervorragend für das Philosophieren mit Kindern eignen. Zwölf geläufige Redewendungen wie etwa „seinen Senf dazugeben“, „sich pudelwohl fühlen“, „sich freuen wie ein Schneekönig“ oder „Tomaten auf den Augen haben“ werden hier ebensolchen Redewendungen mit gegensätzlicher Bedeutung (beispielsweise „die Karten auf den Tisch legen“ im Gegensatz zu „Probleme unter den Teppich kehren“) gegenübergestellt und auf 32 Seiten, die entsprechend stilvoll von einer violetten Leinenbindung gehalten werden, begleitend interpretiert von phantasie- und spannungsreichen Bildcollagen, die es dem Betrachter nicht allzu einfach mit ihrer Deutung machen.

Unweigerlich ist dieser dazu geneigt, in die vielschichtigen Bildwelten von Stefanie Harjes einzutauchen, in ihnen Bezüge zu den thematisierten Wendungen zu entdecken und verborgene Geschichten gedanklich oder kommunizierend weiterzuspinnen. Die Skurrilität dieser inspirierenden Bilder ist ebenso erfrischend wie phantasiebelebend und ermuntert zu ihrer Interpretation im gemeinsamen Gespräch.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Das Schaf im himmelblauen Morgenmantel

Herausgeberin: Christine Knödler

Texte: Isabel Abedi, Wieland Freund, Dagmar Geisler, Beate Hanika, Alexandra Helmig, Saskia Hula, Nikola Huppertz, Heinz Janisch, Kilian Leypold, Kai Lüftner, Susanne Lütje, Arne Rautenberg, Oliver Scherz, Antonie Schneider, Martina Wildner

Illustrationen: Verena Ballhaus, Rotraut Susanne Berner, Quint Buchholz, Nadia Budde, Renate Habinger, Stefanie Harjes, Alexandra Junge, Regina Kehn, Ole Könnecke, Vitali Konstantinov, Reinhard Michl, Jens Rassmus, Kathrin Schärer, Katrin Stangl, Susanne Straßer, Karsten Teich

Verlag: Mixtvision, 2016

 

„Das Schaf im himmelblauen Morgenmantel“ ist ein ganz und gar außergewöhnliches Buch. So wie auf der Titelseite unterschiedlichste Bild- und Wortteile wie Puzzleteilchen auf einem Faden aufgereiht zu einem Ensemble werden, so ist auch die in diesem Buch erzählte Geschichte Ergebnis und Dokument eines überaus spannenden Experiments, in welches 16 Illustratoren und 15 Autoren eingebunden sind.

Wie im „Cadavre exquis“, einem kreativen Spiel der Surrealisten, werden Bilder und Geschichtenfragmente des einen zum Ideengeber ihrer Fortsetzung durch einen anderen Künstler. Bilder, die sich in Texten fortsetzen, generieren dabei neue Bilder, die wiederum in Texten münden. Was dabei letzlich heraukommt, ist -vergleichbar mit der „stillen Post“- ungewiss, denn jeder der Lesenden und Betrachtenden assoziiert von eigenen Lebenswirklichkeiten und -erfahrungen herrührende unterschiedliche Bilder, Deutungen, Handlungsstränge und neue Figuren, mit denen er/sie die Geschichten und Bilder weiterspinnt und ihnen die individuelle Prägung mit auf den Weg gibt. So entstehen mitunter völlig unerwartete Wendungen, die ohne das spannende Konzept der Vielstimmigkeit sicher so nicht vorherzusehen gewesen wären.

Angeregt und schließlich mit der Herausgabe des Ergebnisses zu einem Abschluss geführt hat das interessante literarische Experiment Christine Knödler, freie Journalistin, Kritikerin und Herausgeberin für verschiedene Verlage, Zeitschriften und Zeitungen sowie Lehrbeauftragte der Buchwissenschaft an der LMU München, die auch selbst Schreibwerkstätten konzipiert und leitet sowie entsprechende Workshops moderiert.

Jeweils zwei Wochen hatten die an dem Spiel Beteiligten Zeit, um sich mit der literarischen oder bildnerischen Vorlage des vorhergehenden Künstlers auseinanderzusetzen und den Handlungsfaden ein stückweit weiterzuspinnen, um es danach an den nächsten Künstler zu dessen erneuter Anregung weiterzugeben.

Nur den Autoren, nicht aber den Illustratoren, wurde zum Vorläufer-Bild eine knappe Zusammenfassung des bisher Geschehenen gegeben, was verständlich ist, damit der Handlungsfaden nicht völlig verfitzt oder Figuren ihre bisherigen Namen behalten.

Den Rahmen der daraus entstandenen, teilweise herrlich abstrusen, schrägen, unterhaltsamen, originellen wie phantasievollen Geschichte, deren einzelne Kapitel und begleitenden Illustrationen stilistisch wunderbar gegensätzlich sind, bilden Zeichnungen der beiden renommierten und unter den Beteiligten an Lebensjahren reichsten Illustratoren Quint Buchholz und Rotraut Susanne Berner.

Quint Buchholz´Auftaktbild zeigt zwei vor einem Abend- oder Morgenhimmel kurz vor Sonnenauf- oder -untergang an einer Bushaltestelle wartende Pinguin-Silhouetten. Rotraut Susanne Berner´s Schlussbild zeigt dagegen weder Pinguine noch Bushaltestelle, sondern eine auf den ersten Blick schwer entschlüsselbare Bilderbotschaft, deren Ingredienzien ein sich an einem Käfig entlanghangelndes Mädchen und ein Junge in offenbar misslicher Lage, eine Dame mittleren Alters, eine überdimensional große rötliche Tigerkatze, ein ebenso großer Maikäfer, verschiedenfarbige Bauklötze, ein Messer sowie ein Schlüssel sind. Was zwischen diesen beiden Bildern liegt und diese miteinander verbindet, ist die gemeinsam erzählte Geschichte , in welcher rauschende nächtliche Feste, verträumte Tänze, skurrile Musikanten, das Dach der Welt, schwarze und weiße schlafende und „nicht-schafende“ Schafe, ein Koffer, Wölfe, perlenkettentragende Kröten und Nashörnerinnen, gelbe Bären, laubblasende Käfer, rasenmähende Katzen mit Hut sowie vor allem die Kinder Nida und Till eine Rolle spielen.

Herausgekommen ist ein bemerkenswertes Gesamtkunstwerk, an dem spielbegeisterte Wortliebhaber und Bilderdeuter große Freude haben werden und das sehr inspirierend für ähnliche Experimente -insbesondere für die kreative Gruppenarbeit mit Kindern- werden kann.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Der rote Ballon

Text und Illustration: Liniers (Ricardo Liniers Siri)

Übersetzung aus dem Englischen: Ulrike Becker

Verlag: Kunstmann, 2016

 

Der Autor Liniers, ein argentinischer Comicstar, ließ sich von seinen beiden kleinen Töchtern Matilda und Clementina, welche er in einer Widmung als seine Musen bezeichnet, zu dieser reizenden Comicgeschichte, die sein erstes ins Deutsche übersetzte Buch ist und vom puren Glück des Kind-Seins erzählt, inspirieren.

Es ist Samstag, die Geschwister erwachen. „Hurra, es ist Samstag!“, verkündet voller Lebensfreude die Ältere und denkt laut darüber nach, was man mit diesem schönsten aller Tage, an dem sogar das Frühstück besser schmeckt und überhaupt alles viel mehr Spaß macht, wohl anfangen könnte – vielleicht könnte man ein Picknick machen oder Blumen pflücken. Die Kleine, offenbar noch nicht perfekt des Sprechens mächtig, überlegt laut mit, indem sie einzelne Wörter der Großen wiederholt.

Doch ein Blick aus dem Fenster durchkreuzt ihre Pläne: es regnet in Strömen! Matilda findet den Regen gar nicht so schlimm, aber die kleine Clemmie findet ihn eindeutig zu NASS. Davon, dass Regen auch SPASS machen kann, wie Matilda behauptet, scheint Clemmie noch nicht ganz überzeugt zu sein, als sie gummibestiefelt, aber unentschlossen, der Großen beim übermütigen Toben im Regen zusieht. Mit einem Regenschirm, dessen Tücken sich jedoch bald im Wind zeigen werden, wird die zögerliche kleine Schwester schließlich doch noch zum Mitkommen überredet. Die Große zeigt der Kleinen all die tollen Sachen, die sie im Regen machen können: Wolken beobachten, Regentropfen mit der Zunge auffangen, in Pfützen springen, dass es nur so platscht, Regenwürmer suchen. Und wie wunderbar der Regen riecht! Mit ein wenig Glück kann man sogar einen Regenbogen entdecken! Matilda meint begeistert, dass man dem Regenbogen doch etwas schenken sollte und bringt Clemmies vom letzten Kindergeburtstag übriggebliebenen roten Luftballon ins Spiel. Dass das doch keine so gute Idee war, merkt sie, als Clemmie untröstlich ist, weil der Ballon in die Wolken entschwindet. Dann aber hat Matilda die rettende Idee …

Nun ist der Samstag zum Glück gerettet und alle können sich auf den Sonntag freuen – den allerbesten Tag überhaupt!

Es geschieht gleichzeitig so wenig und doch so viel in dieser behutsam erzählten und zauberhaft mit Tinte, Wasserfarben und Regentropfen (!) gezeichneten Geschichte, die auf ganz besondere Weise -verstärkt durch die Wahl der künstlerischen Mittel- anrührend ist, indem sie sich auf wenige und doch so wesentliche Aspekte einer menschlichen Beziehung wie Freundlichkeit, Offenheit, Zugewandtsein, Vertrauen, Nachsicht und Fürsorge konzentriert – einer Beziehung, aus der heraus erst das Gefühl des kindlichen Glücks und der Freiheit erwachsen kann.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Giesbert in der Regentonne

Text und Illustrationen: Daniela Drescher

Verlag: Urachhaus

Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, 2016

 

Giesbert ist ein ausgesprochen liebenswerter Regenrinnenwicht, der eines Tages bei Starkregen in die Regentonne gespült wurde und sich seither dort häuslich niedergelassen hat und dessen Lieblingsspeise Schnittlauchbrot ist. Leidenschaftlich frönt Giesbert dem Flötenspiel und der Dichtkunst und beeindruckt damit die zahlreichen Mitbewohner seines Biotops, des Gartens der Ich-Erzählerin, hinter der die Autorin, die mit Zurückhaltung im Hintergrund der Handlung bleibt, zu vermuten ist.

Nach anfänglicher Skepsis gewinnt Giesbert sogar die Zuneigung des brummigen alten Katers Munz, nachdem er diesen mit vollem Körpereinsatz aus der Regentonne, in die der Kater -nicht ganz ohne Giesberts Schuld- zuvor hineingeplumpst war, gezogen und ihm damit das Leben gerettet hat. Doch dem lebenslustigen, stets zu Scherzen aufgelegten und stets hilfsbereiten Wicht kann man nicht lange böse sein. Auch die anderen Gartenbewohner und -besucher wie Rotkehlchen, Waschbär, Schnecken, Mäuse, Igel, Laufente, Bienen, Frösche, Eichhörnchen und Schmetterlinge können gar nicht anders, als den freundlichen Giesbert in ihr Herz zu schließen (Dem Leser geht es wohl ebenso …).

Gemeinsam mit ihnen erlebt Giesbert im Lauf der verschiedenen Jahreszeiten spannende Garten- und Hausabenteuer. Dabei begegnet er auch noch weiteren liebenswert-kauzigen Gestalten wie Holundergeist, Kraut-, Knoblauch-, Kürbis- und Klettenwicht sowie dem mürrischen Hauswicht Herrn Schnur, die Giesberts Treiben mehr oder weniger distanziert betrachten, kommentieren oder helfend ins Geschehen eingreifen. Giesbert veranstaltet ein Schneckenrennen, verliebt sich in die Elfe Gisela und schließt Freundschaft mit der Goldfischdame Molly. Den kalten Winter verbringt Giesbert schaumbegeistert in der Badewanne des Hauses und sorgt damit für einiges Durcheinander.

Es ist eine wohltuende Freude – für Vorleser wie Leser und Betrachter- , Giesberts Abenteuern in Wort und Bild zu folgen. Zuweilen irritiert ein wenig die nicht ganz eindeutige Erzählperspektive, doch tut das dem Lesegenuss, der sich vor allem aus den warmherzig erzählten, wie aus der Zeit gefallenen kurzen Geschichten und detailreichen, liebevoll und farbenfroh gezeichneten Bildern speist, keinen Abbruch. Vielmehr sind die Geschichten um Giesbert und seine Freunde wie Balsam für die Seele in einer zuweilen verstörenden Welt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

 

Das Mondmädchen

Text: Mehrnousch Zaeri-Esfahani

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Samtig liegt das Buch der aus dem iranischen Isfahan stammenden Autorin, dessen Cover in Schwarz-, Weiß- und Grauabstufungen mit silberner Schriftprägung des Titels gestaltet wurde, in den Händen, wie eine kleine Kostbarkeit. Zartweiße Pusteblumen-Schirmchen schweben über das graue Vorsatzpapier. Eine ebenso zarte und berührende Geschichte erzählt „Das Mondmädchen“ auf folgenden 145 Seiten, die von zauberhaften Illustrationen von Mehrdad Zaeri begleitet wird. Es ist die Geschichte einer Flucht. Einer Flucht, wie sie auch die Autorin selbst als Kind erlebt hat und verarbeiten musste.

Die glückliche Kindheit eines verträumten kleinen Mädchens, Mahtab, die ihre Zeit am liebsten im wunderschönen Rosengarten der Mutter verbringt und sich dort um ihre geliebten Katzen kümmert, wird jäh unterbrochen, weil die „Blutrote“, eine Verkörperung des Bösen und des Terrors, die Macht übernommen hat und sich Mahtabs Familie genötigt sieht, zu flüchten. Eine endlos erscheinende Reise vom Morgen- ins Abendland und damit eine Zeit der Unsicherheit und der Angst beginnt. Das Land Athabasca aber, jener geheimnisvolle Ort, wohin Mahtab immer wieder in ihren Träumen reist, gibt dem Mädchen Halt und Hoffnung. Mit Hilfe der guten Fee Pari und den Schwänen Ipamen und Gugu entflieht sie der Verzweiflung und kann von der in Athabasca geschöpften Kraft auch ihrer Familie neue Zuversicht vermitteln.

„Das Mondmädchen“ ist ein zutiefst menschliches Buch, eine sprudelnde Quelle der Hoffnung!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

Omas Haus

Text und Illustration: Alice Melvin

Übersetzung aus dem Englischen: Susanne Weber

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

Alten Häusern wohnt ein besonderer Zauber inne. So Vieles lässt sich dort entdecken!

Sie erzählen Geschichten aus längst vergangener Zeit, spiegeln die Lebensart und Gewohnheiten ihrer Bewohner.

Alice Melvin, die als Designerin, Illustratorin und Autorin preisgekrönter Bilderbücher        („Emma kauft ein“, 2015 ebenfalls bei Kunstmann erschienen, wurde von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet) in Edinburgh lebt, beschreibt in einem Nachwort die Entstehungsgeschichte dieses wunderschönen Bilderbuches, welchem die Erinnerungen an das Haus ihrer Oma zugrundeliegen. Es sind die besonderen kleinen liebgewonnenen Dinge wie das Milchkännchen in Kuhform, in dem immer Milch für die Enkeltochter bereitstand, welche sich in der Erinnerung mit der empfundenen Andersartigkeit und Geborgenheit im Haus der geliebten Großmutter verbinden.

Der unschätzbare Wert dieser Erfahrungen wird mit der liebevollen, optisch und haptisch außerordentlich ansprechenden und aufwändigen Buchgestaltung entsprechend gewürdigt.

Ganz in Gedanken versunken, vielleicht in Erinnerungen schwelgend, scheint das bäuchlings auf dem Boden liegende und einen Globus betrachtende kleine Mädchen auf dem Titelbild mit Schutzumschlag zu sein; umgeben von all den sonderbar schönen Dingen in Omas Haus: die gusseiserne Badewanne mit Schnörkelfüßen, in der sie vielleicht schon badete, während ihr begleitet vom beruhigenden Ticken der Standuhr die im Blumenpolster-Lesesessel sitzende Oma  Geschichten von früher vorlas …

All diese vielen kleinen Dinge, an die sich ihre Erinnerungen knüpfen, versammeln sich wie in einem alten Tapetendekor mit allerlei Utensilien wie Kreisel, Teddy oder Teekanne -passend ganz altmodisch mit einem Feld zum Eintragen des Buchbesitzernamens versehen- auf dem Vorsatzpapier.

Mit detailreichen Illustrationen und beschreibenden kurzen Versen begleitet das Buch den Leser und Betrachter auf einer Entdeckungsreise durch das weitverzweigte Haus der Oma, welches die kleine Buchheldin nach der Schule besucht. Von Zimmer zu Zimmer, jedes ganz anders als das voherige, und mit steigender Spannung, welche durch Ausstanzungen und zum Teil mehrfach aufklappbare Buchseiten noch vervielfacht wird, folgt dieser dem Kind bis hinauf zum geheimnisvollen Dachboden, wo wiederum die Erinnerungen der Oma selbst in Form ihres eigenen Kinderspielzeugs konserviert sind. Schließlich entdeckt die Heldin ihre Oma dann hinter dem Haus im Garten, wo bereits ein festlich gedeckter Tisch und eine liebevolle Umarmung auf sie wartet. Hier wird offenbar gleich etwas Besonderes gefeiert…

… ebenso ein Fest für die Sinne ist dieses wunderschöne, pure Lebensfreude ausstrahlende warmherzige Bilderbuch und gleichzeitig eine Liebeserklärung an alle Omas dieser Welt.

Hanna Nebe-Rector. http://www.MALKASTL.de