Archiv der Kategorie: Psychologie, Psychotherapie

Psychologie des Ich

Autoren: Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf, Roland Wiese

Verlag: Freies Geistesleben, 2016

 

„Gibt es eine Psychologie des Ich? Welche Einsichten und Impulse könnten von einer solchen für die psychotherapeutische Praxis ausgehen? Die Autoren zeigen, wie sich aus der Perspektive der anthroposophischen Menschenkunde Strukturen und Dimensionen einer Ich-Differenz ergeben, die für eine zukunftsfähige Psychologie und für die psychotherapeutische Arbeit relevant sind.“

Karl Friedrich Schinkels 1834 entstandenes Gouache-Gemälde „Die Nacht zieht über den Golf von Neapel“ wurde sehr passend als Titelbild des 187seitigen Buches im Taschenbuchformat gewählt. Schinkel wurde hierbei inspiriert von einem Zitat aus Goethes Faust: „Wenn auch ein Tag uns froh vernünftig lacht, im Traumgespinst umwickelt uns die Nacht:“ Auch einer der vier Buchautoren, Johannes Reiner, befasst sich insbesondere mit den Daseinszuständen des Menschen im Schlaf und leitet daraus interessante Denkansätze – wie das tägliche Tagesrückschau-Ritual oder die Rückschau auf die Nacht am Morgen- für mögliches zukünftiges psychotherapeutisches Arbeiten ab.

Im gemeinsamen Vorwort zum Buch erläutern die Autoren Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf und Roland Wiese ihre Intention: Sie wollen das gemeinsame Projekt als Versuch des „Ineinanderwebens“ und der „Verlebendigung“ ursprünglich eher nur nebeneinanderstehender Abhandlungen zu einer anthroposophisch verorteten Psychotherapie des Ich verstanden wissen. Das gelingt ihnen in den insgesamt sieben Kapiteln mal mehr, mal weniger umfassend unter anderem mit Exkursen zu Gedanken von Steiner (vor allem durch Bezüge auf dessen therapeutische Prinzipien des Heilpädagogischen Kurses) und Freud, Platon und Aristoteles, Thomas von Aquin und Albertus Magnus und daraus abgeleiteten bemerkenswerten Denkansätzen und praxisrelevanten Impulsen. Leider nehmen die in diesen Zusammenhängen erwähnten Fallbeispiele aus der Praxis dabei nur einen vergleichsweise geringen Raum ein. Auch eine insgesamt flüssigere und damit verständlichere Lesbarkeit wäre zu wünschen gewesen, um das im Vorwort konstatierte bzw. erhoffte „Erquicktsein“ im Angesicht des Lichts in Anlehnung an Goethes Märchen von der grünen Schlange und der weißen Lilie nicht nur bei den Autoren, sondern auch bei mir als Leser auslösen zu können.

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Der schwarze Hund

Der schwarze Hund

Wie man Depressionen überwindet und Angehörige und Freunde dabei helfen können

Text und Illustration: Matthew Johnstone

Übersetzung aus dem Englischen: Nils Thomas Lindquist und Sabine Müller

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

In Matthew Johnstons Zeichnungen zum Buch „Der schwarze Hund“, welches aktuell in einer limitierten kleinformatigen Sonderausgabe -resultierend aus seinen beiden sich zu Standardwerken  entwickelten Bilderbüchern über Depressionen „Mein schwarzer Hund“ und „Mit dem schwarzen Hund leben- erschienen ist, übermittelt das in Hundegestalt verkörperte Bild die Symptomatik einer klassischen klinischen Depression und macht so für Betroffene und deren Angehörige auf eine verblüffend einfache, einfühlsame und humorvolle Weise deutlich, was diese Erkrankung bedeutet und wie man mit ihr umgehen kann. Aufschlussreiche Vor- und Nachbemerkungen des Autors, seiner Partnerin und von Medizinern ergänzen die Ausgabe ebenso hilfreich wie das Aufzeigen eines Plans B im Falle von Verschlimmerungen, einer Übersicht der professionellen Hilfsangebote, Literaturhinweise und weiterführender hilfreicher Webseiten.

Der große schwarze Hund geistert seit vielen Jahren durch dasLeben des Protagonisten, eines Mannes mittleren Alters. Sobald der Hund auftaucht, spürt der Mann eine lähmende Leere, macht, dass er sich älter fühlt als er ist und auch so aussieht, dass sein Appetit verlorengeht, sein Selbstvertrauen schwindet, die Konzentration nachlässt und jegliche Unternehmung zum Kraftakt wird.

„Wenn man einen schwarzen Hund hat, fühlt man sich nicht nur ein bisschen niedergeschlagen, traurig oder melancholisch. Im schlimmsten Fall fühlt man überhaupt nichts mehr.“

Mit diesem Satz beschreibt Johnstone die Dramatik der Situation Betroffener und verdeutlicht sie zeichnerisch mit der von einem Eisblock umhüllten Gestalt des Mannes, die der schwarze Hund umkreist.

So wie es viele verschiedene schwarze Hunderassen gibt, so vielgestaltig sind die  Formen von Depressionen – alle sind jedoch mit dem Auftreten mehr oder weniger negativer Stimmungen und Gedanken und dem Verlust der Lebensfreude verbunden, im schlimmsten Fall mit einer gesteigerten Gefahr von Suizidalität.

Angehörige und Freunde stehen oft ratlos dem Erkrankten gegenüber, der trotz  gutgemeinter Bemühungen und aufmunternder Worte weiter in seinem Stimmungstief versinkt. Dass Ermunterungen wie  „Das Wetter ist doch so schön …“ oder, schlimmer noch, „Lass dich doch nicht so hängen …“ wenig hilfreich bis kontraproduktiv sind, ist ihnen nicht bewusst. Dass die Betroffenen unter Umständen dringend professioneller Hilfe bedürfen, oft ebenfalls nicht. Mit zunehmender Dauer des beidseitigen Missverständnisses geraten Ehen, Freundschaften, Arbeitsplätze und im schlimmsten Falle das Leben in die Gefahr des Verlustes. Zuerst einmal braucht es also eine Diagnostik.

In schwerwiegenden Fällen kann die professionelle Hilfe medikamentös in Form von Antidepressiva (im Buch „Schwarzer-Hund-Blocker“) erfolgen, ergänzt von psychotherapeutischen Verfahren, welche vor allem mit psychoedukativen Methoden die Auseinandersetzung mit der Problematik und deren Verarbeitung unterstützt, womit sich Einstellung und Verhalten gegenüber der Erkrankung ändern und neuer Mut gefasst werden kann. Wichtig ist dabei die Vermittlung des Gefühls, nicht allein mit dem Problem zu sein.

Bücher wie „Der schwarze Hund“ können in diesem Prozess eine wertvolle Hilfe sein. Sehr plastisch und  voller Humor erfasst der Autor anhand seiner comicartigen Zeichnungen die vielfältigen Alltagssituationen und  zeigt Lösungsmöglichkeiten  auf, indem er beschreibt, wie er mit dem schwarzen Hund zu leben gelernt, ihn gezähmt und an die Leine gelegt hat. So gelingt ihm mit der Kraft der Bilder mehr, als tausend Worte manchmal zu schaffen vermögen.