Archiv der Kategorie: Psychologie, Psychotherapie

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

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Auch solche Tage gibt es

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Aus ungewöhnlicher Perspektive schauen wir von oben auf folgende Szenerie: Ein kleiner rotbrauner Bär mit gelben Stiefeln läuft einen Weg entlang durch einen beängstigend dunklen Wald. Ganz winzig und verloren sieht er im Vergleich zu den hohen Bäumen des Waldes aus. Und so fühlt er sich auch – sehr allein. In der Ich-Form kommentiert der kleine Bär dem Bilderbuchleser seine bedrückende Befindlichkeit. Sein Gang wird immer schwerer, sein Kopf gesenkt und voller Kummer. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und es beginnt zu donnern. Die Körperhaltung des kleinen Bären drückt tiefes Leid aus und ihn umgeben immer dunkler werdende  Farben der Trostlosigkeit. Der kleine Bär beginnt zu weinen und mit dem einsetzenden Regen, der sich in seiner Stärke mehr und mehr steigert, wird auch sein Weinen immer mehr. Völlig erschöpft und schluchzend lässt er sich am Ufer eines Sees zu Boden sinken – ein herzerweichendes Bild des Jammers. Vom anderen Ufer des Sees wird er von einem kleinen grünen Frosch, der einen regenbogenbunten Schirm hält, beobachtet. Der Frosch kommt näher, nun bemerkt ihn auch der kleine Bär, welcher aus seiner misslichen Lage heraus einen vorsichtigen Blick aus tränennassen Augen zum Frosch riskiert. Und schon beginnen die Farben des Himmels sich zu verändern – aus Schwarz wird Grau, aus Grau wird Weiß. Und mit der heller werdenden Himmelsfarbe werden auch die Farben der Umgebung freundlicher. Inzwischen ist der Frosch auf den Kopf des sich nun schon aufrichtenden Bären gekrabbelt und versucht, seinen ziemlich kleinen regenbogenbunten Schirm schützend über diesen zu halten – ein rührender, hoffnungsvoller Anblick. Die Sonne kommt wieder  und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, gleich einen Regenbogen zu sehen. Alles wird gut … Jetzt patschen Bär und Frosch vergnügt und übermütig durch die Pfützen. Den Weg zurück nehmen die Beiden Hand in Hand in einem berührenden Abschlussbild –das Erinnerungen an eine Szene aus Winnie-Puh-Büchern weckt- durch einen nun blütenbunten und sonnendurchfluteten Wald. Der aufgespannte Schirm bleibt liegen. Vielleicht braucht ihn noch jemand anderes?

Im Anschluss an die metaphernreiche Bilderbuchgeschichte wendet sich der Frosch in einfühlsamen Worten in Briefform noch einmal direkt an einen „Kleinen Freund“ und versucht diesem zu verdeutlichen, dass man mit ähnlichem Kummer nicht allein sei, sondern Viele mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert werden, damit umgehen müssen, diese aber auch überwinden können. Man solle sich die Einsamkeit einfach mal als Regen vorstellen und den regenbogenbunten Schirm als alles, was diese überwinden hilft.  Weiterhin gibt es einige hilfreiche  Hinweise und Fragen- bzw. kreative Aufgabenstellungen für Eltern und/oder Therapeuten und die Kinder selbst.

Die liebenswert erzählte und sehr ausdrucksstark bebilderte Geschichte hilft Kindern und ihren Bezugspersonen, über  Gefühle der Einsamkeit oder Traurigkeit miteinander ins Gespräch zu kommen, diese quasi als  „unangemeldete Besucher“ zu akzeptieren und gibt ihnen damit die Möglichkeit, mit Verstimmungsgefühlen besser umgehen zu lernen.

 

Auch solche Tage gibt es

Von Young-ah Kim (Text) und Ji-soo Shin (Illustration)

Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer

aracariVerlag, 2018

Psychologie des Ich

Autoren: Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf, Roland Wiese

Verlag: Freies Geistesleben, 2016

 

„Gibt es eine Psychologie des Ich? Welche Einsichten und Impulse könnten von einer solchen für die psychotherapeutische Praxis ausgehen? Die Autoren zeigen, wie sich aus der Perspektive der anthroposophischen Menschenkunde Strukturen und Dimensionen einer Ich-Differenz ergeben, die für eine zukunftsfähige Psychologie und für die psychotherapeutische Arbeit relevant sind.“

Karl Friedrich Schinkels 1834 entstandenes Gouache-Gemälde „Die Nacht zieht über den Golf von Neapel“ wurde sehr passend als Titelbild des 187seitigen Buches im Taschenbuchformat gewählt. Schinkel wurde hierbei inspiriert von einem Zitat aus Goethes Faust: „Wenn auch ein Tag uns froh vernünftig lacht, im Traumgespinst umwickelt uns die Nacht:“ Auch einer der vier Buchautoren, Johannes Reiner, befasst sich insbesondere mit den Daseinszuständen des Menschen im Schlaf und leitet daraus interessante Denkansätze – wie das tägliche Tagesrückschau-Ritual oder die Rückschau auf die Nacht am Morgen- für mögliches zukünftiges psychotherapeutisches Arbeiten ab.

Im gemeinsamen Vorwort zum Buch erläutern die Autoren Wolf-Ulrich Klünker, Johannes Reiner, Maria Tolksdorf und Roland Wiese ihre Intention: Sie wollen das gemeinsame Projekt als Versuch des „Ineinanderwebens“ und der „Verlebendigung“ ursprünglich eher nur nebeneinanderstehender Abhandlungen zu einer anthroposophisch verorteten Psychotherapie des Ich verstanden wissen. Das gelingt ihnen in den insgesamt sieben Kapiteln mal mehr, mal weniger umfassend unter anderem mit Exkursen zu Gedanken von Steiner (vor allem durch Bezüge auf dessen therapeutische Prinzipien des Heilpädagogischen Kurses) und Freud, Platon und Aristoteles, Thomas von Aquin und Albertus Magnus und daraus abgeleiteten bemerkenswerten Denkansätzen und praxisrelevanten Impulsen. Leider nehmen die in diesen Zusammenhängen erwähnten Fallbeispiele aus der Praxis dabei nur einen vergleichsweise geringen Raum ein. Auch eine insgesamt flüssigere und damit verständlichere Lesbarkeit wäre zu wünschen gewesen, um das im Vorwort konstatierte bzw. erhoffte „Erquicktsein“ im Angesicht des Lichts in Anlehnung an Goethes Märchen von der grünen Schlange und der weißen Lilie nicht nur bei den Autoren, sondern auch bei mir als Leser auslösen zu können.

Der schwarze Hund

Der schwarze Hund

Wie man Depressionen überwindet und Angehörige und Freunde dabei helfen können

Text und Illustration: Matthew Johnstone

Übersetzung aus dem Englischen: Nils Thomas Lindquist und Sabine Müller

Verlag: Antje Kunstmann, 2016

 

In Matthew Johnstons Zeichnungen zum Buch „Der schwarze Hund“, welches aktuell in einer limitierten kleinformatigen Sonderausgabe -resultierend aus seinen beiden sich zu Standardwerken  entwickelten Bilderbüchern über Depressionen „Mein schwarzer Hund“ und „Mit dem schwarzen Hund leben- erschienen ist, übermittelt das in Hundegestalt verkörperte Bild die Symptomatik einer klassischen klinischen Depression und macht so für Betroffene und deren Angehörige auf eine verblüffend einfache, einfühlsame und humorvolle Weise deutlich, was diese Erkrankung bedeutet und wie man mit ihr umgehen kann. Aufschlussreiche Vor- und Nachbemerkungen des Autors, seiner Partnerin und von Medizinern ergänzen die Ausgabe ebenso hilfreich wie das Aufzeigen eines Plans B im Falle von Verschlimmerungen, einer Übersicht der professionellen Hilfsangebote, Literaturhinweise und weiterführender hilfreicher Webseiten.

Der große schwarze Hund geistert seit vielen Jahren durch dasLeben des Protagonisten, eines Mannes mittleren Alters. Sobald der Hund auftaucht, spürt der Mann eine lähmende Leere, macht, dass er sich älter fühlt als er ist und auch so aussieht, dass sein Appetit verlorengeht, sein Selbstvertrauen schwindet, die Konzentration nachlässt und jegliche Unternehmung zum Kraftakt wird.

„Wenn man einen schwarzen Hund hat, fühlt man sich nicht nur ein bisschen niedergeschlagen, traurig oder melancholisch. Im schlimmsten Fall fühlt man überhaupt nichts mehr.“

Mit diesem Satz beschreibt Johnstone die Dramatik der Situation Betroffener und verdeutlicht sie zeichnerisch mit der von einem Eisblock umhüllten Gestalt des Mannes, die der schwarze Hund umkreist.

So wie es viele verschiedene schwarze Hunderassen gibt, so vielgestaltig sind die  Formen von Depressionen – alle sind jedoch mit dem Auftreten mehr oder weniger negativer Stimmungen und Gedanken und dem Verlust der Lebensfreude verbunden, im schlimmsten Fall mit einer gesteigerten Gefahr von Suizidalität.

Angehörige und Freunde stehen oft ratlos dem Erkrankten gegenüber, der trotz  gutgemeinter Bemühungen und aufmunternder Worte weiter in seinem Stimmungstief versinkt. Dass Ermunterungen wie  „Das Wetter ist doch so schön …“ oder, schlimmer noch, „Lass dich doch nicht so hängen …“ wenig hilfreich bis kontraproduktiv sind, ist ihnen nicht bewusst. Dass die Betroffenen unter Umständen dringend professioneller Hilfe bedürfen, oft ebenfalls nicht. Mit zunehmender Dauer des beidseitigen Missverständnisses geraten Ehen, Freundschaften, Arbeitsplätze und im schlimmsten Falle das Leben in die Gefahr des Verlustes. Zuerst einmal braucht es also eine Diagnostik.

In schwerwiegenden Fällen kann die professionelle Hilfe medikamentös in Form von Antidepressiva (im Buch „Schwarzer-Hund-Blocker“) erfolgen, ergänzt von psychotherapeutischen Verfahren, welche vor allem mit psychoedukativen Methoden die Auseinandersetzung mit der Problematik und deren Verarbeitung unterstützt, womit sich Einstellung und Verhalten gegenüber der Erkrankung ändern und neuer Mut gefasst werden kann. Wichtig ist dabei die Vermittlung des Gefühls, nicht allein mit dem Problem zu sein.

Bücher wie „Der schwarze Hund“ können in diesem Prozess eine wertvolle Hilfe sein. Sehr plastisch und  voller Humor erfasst der Autor anhand seiner comicartigen Zeichnungen die vielfältigen Alltagssituationen und  zeigt Lösungsmöglichkeiten  auf, indem er beschreibt, wie er mit dem schwarzen Hund zu leben gelernt, ihn gezähmt und an die Leine gelegt hat. So gelingt ihm mit der Kraft der Bilder mehr, als tausend Worte manchmal zu schaffen vermögen.