Archiv für den Monat Juni 2019

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

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Applejucy

Sie ist ein kreatives Allroundtalent: Tina Birgitta Lauffer schreibt und zeichnet, macht Musik, ist Puppenspielerin und Bauchrednerin. Dass ihr Toleranz und Menschlichkeit ein großes Anliegen sind, wird in jedem ihrer Werke überaus deutlich – so auch in ihrem neuen Abenteuer-Roman für Kinder, der uns mit seiner Geschichte um das aufgeweckte, sehr sympathische  und sich stets für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einsetzende Hexenmädchen Applejucy in die Welt des 18.Jahrhunderts nach Amerika versetzt, in die Zeit des Sklavenhandels.

Als auf der Hexeninsel Green Witch Island das zwölfjährige Mädchen Applejucy – welches so genannt wird, weil es  sich vor allem im Herbeizaubern von Äpfeln sehr talentiert zeigt, während es mit dem Herbeizaubern anderer Dinge wohl noch ein wenig üben muss – eines Tages auf zwei Menschenkinder, die Geschwister Jomo und Nana, trifft und zunächst sehr beunruhigt ist, weil es Menschenkinder eigentlich gar nicht geben soll, merkt Applejucy jedoch schnell, dass alle Angst vor ihnen völlig unbegründet ist. Die aus Afrika kommenden Geschwister, deren Mutter von Sklavenhändlern nach Amerika verschleppt wurde, werden schnell Jucys Freunde und sie beschließt, ihnen bei der Suche nach ihrer Mutter zu helfen, wobei sie auch ihre –mal mehr und mal weniger gut gelingenden- Hexenkünste zum Einsatz bringt.

Das sehr schön gestaltete und neugierig auf den Buchinhalt machende mintfarbene Cover zeigt die rothaarige Applejucy mit ihrem Papagei vor maritimem Hintergrund mit einem historischen Segelschiff am Horizont, eingerahmt von floralen Intarsien, die auch in den umrahmten Seitenzahlen wiederkehren und gut zur Zeit der Romanhandlung passen. In 18 Kapiteln auf über 200 Seiten, versehen mit gelegentlichen eingestreuten Schwarz-Weiß-Illustrationen, begleiten wir mit zunehmender Spannung die drei Kinder nebst vorwitzigem Papagei Luis – wobei ihnen wie ein schützender Engel zuweilen Jucys neues Kindermädchen Miss Tuamoto zu Hilfe eilt – auf ihrer abenteuerlichen Mission nach Amerika und hoffen, bangen und lachen mit ihnen. Im Laufe der atemberaubenden Handlung erfahren wir – kindgerecht erläutert – einiges über die historischen Gegebenheiten aus der Zeit des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert und dessen unfassbare Unmenschlichkeit.

Sehr ambitioniert, detailreich, schwungvoll, spannend und mit viel Situationskomik erzählt, ist dieser abenteuerliche Kinderroman, der sicher viele Mädchen und Jungen begeistern wird und auf Fortsetzungen hoffen lässt, ein großes Lesevergnügen und gleichzeitig ein überzeugendes Plädoyer für Menschlichkeit und gegen jegliche Form von Rassismus.

 

Titel: Applejucy – Abenteuer in Amerika

Text: Tina Birgitta Lauffer

Illustration: Stephanie Röttger

Verlag Monika Fuchs, 2019

Gäste in meinem Garten

Es ist ein Refugium des Grünens und Blühens, des Zwitscherns, Summens, Brummens, Scharrens  und Gackerns, welches die Autorin mit ihrem Kraft- und Rückzugsort, ihrem geliebten Stadt-Garten, so  plastisch, kenntnisreich, humorvoll und unterhaltsam beschreibt, dass man sich lesend augenblicklich an diesen wunderbaren, energiespendenden Ort versetzt fühlt und sich mit ihr um alle seine Bewohner aus Flora und Fauna zu sorgen beginnt.

Wir erleben mit, wie Regina, die Bienenkönigin samt Hofstaat dort Residenz bezieht und fragen uns, ob sie sich wohl wie erhofft mit den bereits Ansässigen, Hund Erbse und den Hühnern, vertragen  und an den üppig vorhandenen Blüten laben sowie alle mit Stichen verschonen wird. Wir versetzen uns in das Gefühl ihrer Vorfreude im Frühling auf alles, was da jetzt kommen und ans Licht drängen möge, die Freude über die ersten Schneeglöckchen und Schmetterlinge und den Auftritt der Krokusse, der wie ein Fest zelebriert wird. Die Hühner, die Namen tragen wie Ida, Irmchen oder Dorchen, wachsen uns mit jeder erzählten Begebenheit aus ihrem Zusammenleben mit der Gartenbesitzerin ein Stück mehr ans Herz. Wir begeben uns mit ihr mit wachsendem detektivischem Spürsinn auf die Suche nach einem geheimnisvollen Übeltäter, welcher frech Löcher in zarte Pflänzchen knipst, amüsieren uns über die rührend tollpatschige kleine Henne Dorchen, lassen uns von  imaginären Farben und Düften im Überschwang wachsender Blumen und Früchte betören, genießen das Gold des einziehenden Herbstes und die Stille des Winters hautnah mit.

Wer bis jetzt noch kein Sehnen nach einem paradiesischen Garten wie diesem verspürte, wird es spätestens bei der Lektüre dieses wunderbar geschriebenen und farbenfroh illustrierten kleinen Büchleins tun, mit dem man sich am liebsten in eine Hängematte im Grünen zurückziehen und von dieser Idylle träumen möchte.

 

Gäste in meinem Garten – Bienen, Amseln Huhn und Star

Text: Susanne Wiborg

Illustration: Rotraut Susanne Berner

Kunstmann, 2019