Archiv der Kategorie: poetisches Bilderbuch

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

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Smon Smon

Illustration, Text und Buchgestaltung: Sonja Danowski

Verlag: NordSued, 2018

 

Die Berliner Bilderbuchkünstlerin Sonja Danowski entführt uns in die phantastische Welt des Planeten Gon Gon, wo das entzückende kleine Smon Smon lebt und lässt uns an einem Tag seines einesteils beschaulichen und andererseits abenteuerlichen Lebens teilhaben.

Das Smon Smon hat sein letztes Ron Ron neben sein Won Won an ein Lon Lon gehängt, um in einem Ton Ton davonzuschwimmen zu den großen Pon Pons, wo Lon Lons und Ron Rons wachsen. Als das Smon Smon in ein tiefes, dunkles Zon Zon fällt, helfen ihm Klon Klons und zum Dank hilft das Smon Smon den Klon Klons mit den schweren Ston Stons. Als das Smon Smon in einem weichen Pon Pon schlummernd mit diesem in die Höhe wächst, hilft ihm zum Glück ein vorbeifliegendes Flon Flon aus der misslichen Lage. Das Smon Smon schenkt dem Flon Flon dafür sein Ton Ton mit dem Lon Lon und trifft zu guter Letzt auf ein zweites Smon Smon, mit dem es sich zufrieden in die Won Wons kuschelt.

Alles klar? Keine Sorge – beim Betrachten der traumhaften Illustrationen erschließt sich nicht nur recht schnell, was Ron Rons, Won Wons oder Lon Lons sind, sondern es entwickelt sich nach anfänglicher kurzer Verwirrung ob der ungewöhnlichen Begrifflichkeiten eine große Freude daran, deren Bedeutung zu entschlüsseln und dabei in eine phantastische Bildwelt einzutauchen. Wunderschön!

Da bist du ja!

Da bist du ja! Die Liebe, der Anfang – allüberall

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Kathrin Schärer

Verlag: atlantis, 2017 (3.Auflage)

 

Liebevoll blicken sich die beiden Bilderbuchhelden –deren Zugehörigkeit zu bestimmten Tierspezies wie etwa Hund oder Schwein nur bedingt definierbar, doch ebenso unerheblich ist- direkt in die Augen und scheinen in diesen vertrauensvollen Blick alles legen zu wollen, was nur selten mit Worten hinreichend auszudrücken ist: das Gefühl tiefster Zuneigung, der Liebe.

Das Große und das Kleine, wie die beiden namen-, geschlechts- und alterslosen und damit universellen hinreißenden Wesen im Buch genannt werden, haben sich ziemlich lieb, das sieht und merkt man sofort. Gemeinsam sinnieren sie über den Anfang dieser (Liebes-)geschichte ihrer innigen Freundschaft und Verbundenheit – wie es plötzlich „RUMMMMMS“ machte, und die Liebe kam und das Große dachte, dass diese so groß wäre, dass sie niemals Platz in ihm hätte und wie das Kleine damals spürte, dass es hier bei dem Großen genau richtig wäre und dieses Gefühl voller Poesie auszudrücken versucht. Dass das Kleine mag, dass das Große nicht alles mag, dass alles einen Anfang, aber nicht alles ein Ende haben muss, dass es ein gemeinsames Ziel gibt, nämlich jenes, immer wieder ein kleines Stückchen Anfang zu finden, dass die Liebe nicht aufhören muss, wenn sich einer verändert, sondern das, was sich nie ändert, wie ein Kirschkern sei, aus dem ein Baum wachsen kann.

Poetisches, Tiefgründiges und Philosophisches schwingt hier federleicht inmitten liebevoll gezeichneter Szenarien, in denen das Große und das Kleine durchs Universum schweben, sich herzzerreißende Blicke zuwerfen, ihre Nähe genießen, Schabernack treiben, den Mond bestaunen und in Baumkronen hockend philosophieren.

Herzerwärmender, anrührender, umwerfender und liebevoller kann man die Liebe kaum beschreiben – ein Bilderbuch, in welches man sich augenblicklich verlieben muss!

 

Leben

Text: Cynthia Rylant

Illustration: Brendan Wenzel

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd Verlag, 2017

 

Weiß, klar, schnörkellos und doch bedeutungsgeladen erscheint der mittig platzierte Titelschriftzug vor dem nächtlichen Sternenhimmel, unter einem prallen Vollmond,  umrankt von blauschwarzem Blattwerk, in dem sich allerlei Lebendiges versteckt – wie Vögel, Schlange oder Affe, bei näherem Hinschauen erkennbar vor allem an den weißen Augenpaaren – und den Betrachter unmittelbar mit dem Nachdenken darüber konfontiert, was das Leben eigentlich ausmacht: dass es klein anfängt, wächst und sich stetig verändert, dass jedes Lebewesen sein besonderes Elixier – wie der Habicht den Himmel, das Kamel den Sand oder die zischelnde Schlange „dasss Grasss“- auf unserem Lebensraum Erde findet, dass nicht nur die Sonnen-, sondern auch die Schattenseiten zum Leben gehören, dass es zuweilen Durststrecken gibt, die es zu überwinden gilt, dass sich immer wieder neue Wege auftun und vor allem, dass es überall auf der Welt etwas gibt, was einem das Herz öffnet, das man beschützen will oder für das es sich zu leben lohnt.

Wunderbare Illustrationen von farbstarken Landschaften, in denen sich die verschiedensten Tierarten tummeln, begleiten den poetischen, mutmachenden, tröstenden und lebensbejahenden Text in diesem zeitlos schönen Bilderbuch über das Leben, das für Menschen aller Altersstufen eine Quelle der Lebensfreude sein kann.

 

Die Rückkehr

Illustration: Aaron Becker

Verlag: Gerstenberg, 2017

 

„Die Rückkehr“ ist der dritte Teil einer märchenhaften, ganz ohne Worte auskommenden Bilderbuch-Trilogie.

Im ersten Teil („Die Reise“) wünscht sich ein kleines Mädchen aus einem grauen Alltag, in dem die Eltern viel zu beschäftigt sind, als das Kind mit wirklich wahrzunehmen, hinein in eine zauberhafte Phantasiewelt, welche es sich mit einem roten Stift zu erschaffen beginnt; eine Traumwelt, in der es mutig ist und Abenteuerliches erlebt. Gemeinsam mit einem Freund, der mit einem violetten Stift die roten Zeichnungen des Mädchens ergänzt, setzt sich das phantastische Abenteuer im zweiten Band („Die Suche“) fort, in dem es ihnen gelingt, den König des Zauberreiches zu retten. Von derart magischen Bildern, in denen man staunend versinkt, kann man gar nicht genug bekommen – und so ist auch der dritte Teil wieder ein Fest der Träume.

Nun findet auch der Vater des Mädchens, welches ihm eine Spur aus roten Zeichen legt, Zugang in ihre Zauberwelt, in der sie diesmal gemeinsame Abenteuer bestehen und in der der Vater mit einem schwarzen Stift seinen zeichnerischen Anteil beisteuert. Denn nur gemeinsam können sie die phantastische Welt retten!

Die wunderschönen Bilder der Trilogie vermögen Große und Kleine zugleich zu verzaubern und zu berühren und können auch bei wiederholtem Betrachten eine beständige Quelle neuer Entdeckungen und Einsichten sein.

Wo die Geschichten wohnen

Text: Oliver Jeffers

Illustration: Sam Winston

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Jakobeit

Verlag: mixtvision, 2017

 

Wer das dunkelrote Buchcover mit dem darauf abgebildeten leuchtend roten Buch, auf welchem eine ins Ferne blickende blaue Mädchengestalt sitzt, zum ersten Mal sieht, beginnt beinahe automatisch zu dem goldenen Schloss zu greifen. So plastisch ist der Eindruck, dass man sich zu vergewissern versucht, ob es nicht vielleicht doch ein reales Schloss, in das man einen realen Schlüssel stecken kann, ist. Und schon bewegen sich die Überlegungen des Betrachters zum Gehalt dessen, was man mit der Symbolik eines Schlosses in besonderer Weise wertschätzen wollte: die in den Büchern wohnenden Geschichten, welche wir uns einerseits „erschließen“ können und die uns andererseits als Schlüssel selbst die Tore zur Welt öffnen, die uns  Freude oder Trost geben, Mut machen und in den Schlaf begleiten – die Geschichten, die uns wachsen lassen und ein Leben lang prägen.

Wie wunderbar, wenn schon ein Buchcover derart zum Philosophieren einladen kann! Hervorragend sind ebenso die Vorsatzseiten gestaltet: sie bestehen aus in scheinbar endloser Folge und in sehr kleiner Schrift abgedruckten Titeln von Geschichten, die uns allen bekannt sind wie der Zauberer von Oz, die Schatzinsel, die drei Musketiere, Robinson Crusoe, Schneeweißchen und Rosenrot oder Rapunzel und zahlreiche mehr sowie der Nennung der jeweiligen Verfasser.

Die Widmungen mit den ihnen zugeordneten erhellenden oder berührenden Zitaten (diese natürlich aus Büchern!) öffnen gleichsam neue Welten. Die dazu korrespondierende fotorealistische Darstellung eines geöffneten Tintenfasses, einer Schreibfeder und eines vergilbten noch unbeschriebenen Papierbogens weckt vielfältige weitere Assoziationen.

Und dann, wie wunderschön federleicht gezeichnet und beschrieben, die Vorstellung des nun auf einem Floß sitzenden und lesenden kleinen Buchmädchens: „Ich bin ein Kind der Bücher. Ich komme aus einer Welt voller Geschichten.“ Ihre ins Wasser reichenden Beine umspielt eine Gischt aus Buchstaben, die sich erst zu einem Geschichtenanfang formt, um sich dann ins Unendliche und Unleserliche zu verlieren: „Es war einmal ein Kind, das Bücher liebte …“ Und dann, die nächste Doppelseite, bei der wir angesichts des wogenden Meeres aus Buchstaben und Textpassagen, auf denen das Mädchen auf ihrem fragilen Floß segelt, beinahe den Atem anhalten vor Erstaunen. Worte werden in der Folge zu Wegen, türmen sich zu Buchstabengebirgen auf, auf welche das Mädchen mit ihrem Begleiter, einem kleinen Jungen, klettert, sie formen sich zu Höhlen, Zauberwäldern aus Büchern, werden mal zu Ungeheuern in verwunschenen Schlössern, mal zu Traumwolken und schließlich zur ganzen Welt – derjenigen, die aus Geschichten gebaut ist, in der jeder willkommen ist, weil Phantasie frei ist.

Eine derart schöne, poetische, berührende und künstlerisch hervorragend gestaltete Liebeserklärung an die Welt der Bücher und Geschichten – wahrhaft ein Schatz für Kinder wie Erwachsene-  ist mir bisher noch nicht begegnet.

 

 

Wir haben einen Hut

Text und Illustration: Jon Klassen

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bilderbuchliebhaber werden bereits die beiden preisgekrönten Bücher „Wo ist mein Hut“ und „Das ist nicht mein Hut“ von Jon Klassen kennen. Nun gesellt sich ein drittes mit der Hut-Thematik – „Wir haben einen Hut“ – dazu.

Zwei Schildkröten, in der Wüste unterwegs, finden einen weißen Hut. Abwechselnd probieren sie aus, wie gut dieser ihnen steht, stellen jedoch zugleich fest, dass es nicht gerecht wäre, wenn nur eine von ihnen diesen Hut trüge und die andere unbehütet bliebe. Schweren Herzens trennen sie sich von dem Fundstück, ziehen weiter und beschliessen, nicht mehr daran zu denken. Wenn das so einfach wäre …

Jon Klassen ist ein Meister der Reduktion. Farblich beschränkt er sich in diesem Buch überwiegend auf Braun- und Grau-Töne, aus denen der besagte weiße Hut und das im begehrlichen Blick nach dem ersehnten Objekt aufblitzende Augenweiß der Schildkröten sowie das leuchtende Apricot der untergehenden Sonne umso kontrastreicher und damit deutlicher hervortreten. Bei der darstellerischen Umgebungsbeschreibung beschränkt sich Klassen auf wenige Details wie Steine, Pflanzenhalme, Kakteen und zahllose im Dunkel der Nacht weißleuchtende Sternenpunkte. Auch der begleitende Text ist sehr reduziert und  mit Bedacht gewählt. Teilweise ist einzelnen kurzen Sätzen eine ganze Buchseite vorbehalten, was diesen entsprechendes Gewicht verleiht und sehr elegant erscheint. Gleichzeitig überraschend und überzeugend ist die Entscheidung, den sparsamen Text nochmals  durch drei Kapitelüberschriften (Den Hut finden –  Den Sonnenuntergang betrachten –  Schlafen gehen) inhaltlich zu ordnen und abzugrenzen.

Nichts Aufregendes oder Bedeutendes passiert hier – lediglich das Dilemma, zwei Köpfe, doch nur einen Hut zu haben und die sich daraus ergebenden realen und emotionalen Konsequenzen werden zum gedankenanstossenden Bilderbuchthema, über welches sich bestens miteinander philosophieren lässt.

Dass Begehrlichkeiten sich mit Rücksicht auf den Anderen nicht immer erfüllen, aber immerhin erträumen lassen, erschliesst sich in der wunderbaren Symbolik des in den  sternenfunkelnden Nachthimmel fliegenden doppelt behüteten Schildkrötenpaares.

 

 

Der Nussknacker

präsentiert vom New York City Ballet

illustriert von Valeria Docampo

aus dem Englischen übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn

Verlag: mixtvision, 2016

 

 

Das berühmte Weihnachtsmärchen vom Nussknacker und Mäusekönig von E.T.A.Hoffmann aus dem Jahr 1816 wurde von Peter Tschaikowski vertont und von dem Petersburger Tänzer und Choreographen George Balanchine 1954 für das New York City Ballett inszeniert; auch noch heute wird es in dieser Weise aufgeführt.

Auf der Grundlage dieser traumhaften Inszenierung ist ein Bilderbuch entstanden, welches von Valeria Docampo, die uns bereits mit bezaubernden Bilderbüchern wie „Die große Wörterfabrik“, „Im Garten der Pusteblumen“ und „Der Bär und das Wörterglitzern“ zum Schwärmen brachte, illustriert.

Auf der Buchtitelseite tanzt eine Ballerina, einen Nussknacker in den Händen haltend und diesen bewundernd, vor einem großen, mit Lichtern geschmückten Weihnachtsbaum. Ihr rotes Zopfband windet sich, in der Form einem Notenschlüssel ähnlich, um ihren zarten Körper.

Dieser Nussknacker ist ein besonderes Weihnachtsgeschenk für die kleine Marie von ihrem Patenonkel Herrn Drosselmeier, einem Spielzeugerfinder. Marie schließt den Nussknacker sofort in ihr Herz und nimmt ihn zum Schlafen mit in ihr Bett. In der Nacht aber ereignen sich plötzlich wundersame Begebenheiten: Große Mäuse huschen durchs Zimmer, der Weihnachtsbaum beginnt in die Höhe zu wachsen, lebendig gewordene Spielzeugsoldaten kämpfen gegen die Mäuse und ihren Anführer, den Mäusekönig. Auch Maries Nussknacker wird lebendig und wächst auf Menschengröße heran. Nun führt er die Schlacht gegen die Mäuse an, kann sie besiegen und die Krone des Mäusekonigs erobern. Daraufhin verwandelt sich der Nussknacker in einen wunderschönen Prinzen, steigt mit Marie in ein Walnussboot und fährt mit ihr ins Land der Süßigkeiten, wo sie von der Zuckerfee begrüßt und mit phantasievollen Tänzen verehrt werden, bis sie schließlich das Fest mit einem fliegenden Rentierschlitten wieder verlassen und in den Nachthimmel aufsteigend  entschwinden.

Dieses wunderschöne Bilderbuch wird von den Ballettszenen getragen, die Valeria Docampo in grazile poesievolle Bilder verwandelt hat, die uns zum träumerischen Schwelgen in Farben und Formen einladen, uns erfreuen und staunen lassen.

 

Aschenputtel

Illustration: Mehrdad Zaeri

Textbearbeitung: Christina Laube

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Ein Mädchen blickt hoffnungsvoll in das Blattwerk eines Baumes. Orange leuchten die Blätter ebenso wie die Mädchengestalt vor dem tiefschwarzen Hintergrund der Buchtitelseite. Seitlich der Baumkrone schweben hunderte kleine blattförmige Pünktchen, die sich aus deren Mitte heraus gelöst zu haben scheinen, um sich im Dunkel der Nacht auszubreiten. Einige wenige  unter den zahlreichen orangenen Blättern sind weiß geblieben, weiß wie der schlichte Schriftzug des Titels, aus dem sich nur der erste Buchstabe A mit kunstvollen Verschnörkelungen hervorhebt.  Das A gehört zu Aschenputtel, dem beliebten Märchen, welches wir wohl alle seit Kindertagen kennen.

Die Umschlaggestaltung ist ebenso wie die Gestaltung des gesamten Buches atemberaubend schön. Spätestens beim Abnehmen des schwarzen Schutzumschlages stellt sich heraus, dass das leuchtende Orange des glänzenden Buchdeckels durch filigrane Scherenschnitte hindurchschimmert. Wird der Umschlag etwas angehoben, bilden sich über eine äußere Lichtquelle je nach Einfall des Lichts die Schattenrisse von Baum, Blattwerk und Mädchengestalt auf dem orangefarbigen Untergrund nochmals deutlich  ab, so dass man geneigt ist, mit den Schatteneffekten zu spielen.

Das Märchen vom Aschenputtel, welches nach dem Tod der geliebten Mutter fortan mit einer bösen Stiefmutter nebst deren nicht minder bösen Töchtern leben und sich von diesen wie ein Dienstmädchen, dem der ersehnte Ballbesuch verboten wird, behandeln lassen muss, dem es aber wie durch ein Wunder dennoch gelingt, auf dem königlichen Ball mit dem Prinzen zu tanzen und dabei seine Liebe zu gewinnen, wird von Christina Laube in einer auf das Wesentliche reduzierten Form in einer ebenso klaren wie liebevollen Sprache nacherzählt und von Mehrdad Zaeri wunderschön bebildert.

Die interessanten Kombinationen aus zeichnerischen Elementen auf abwechselnd hellen und dunklen Buchseiten, die mal bis ins Detail ausgearbeitet, mal fast skizzenhaft erscheinen, und meisterhaften Scherenschnitten, deren Schattenwürfe beim Umblättern der Seiten zu inhaltlichen Bestandteilen der vorhergehenden oder nachfolgenden Abbildungen werden, lassen mich beim Betrachten immer wieder innehalten und staunen.

Ein Buch, welches man wie eine seltene Kostbarkeit behandeln und, ja, ein Bilderbuch-Meisterwerk nennen möchte!

Hanna Nebe-Rector (malkastl.de)

Diese Besprechung erscheint ebenfalls bei Buecherkinder.de

In einer weißen Winternacht

Text: Jean E.Pendziwol

Illustration: Isabelle Arsenault

Übersetzung aus dem Englischen: Brigitte Elbe

Verlag: Freies Geistesleben

 

Die Farben einer Winternacht, überwiegend schwarze, weiße und graue Töne, zwischen denen nur vereinzelt Farbtupfer wie das Orangerot eines Fuchsschwanzes, das Gelb von Eulenaugen, das Rot gefrorener letzter Äpfel am Baum, das Grün einzelner Kiefernnadeln, das Blau des  Spiralen und Kringel auf die Fensterscheiben malenden tanzenden Frostes hervorblitzen und sich bald darauf zu einer über den Himmel ziehenden Melodie vereinen, beherrschen die Bilder dieses stimmungsvollen Buches aus Kanada, das ganz leise und zärtlich eine liebevolle Gutenachtgeschichte erzählt.

Während draußen sacht die Schneeflocken vom Himmel schweben, liegt drinnen ein kleiner Junge träumend in seinem federweichwarmen Bett. Unterdessen hat der Ich-Erzähler, vermutlich sein Vater, ein Bild für ihn gemalt – das Bild einer leisen, friedlichen Welt, in der alles Leben verlangsamt scheint, beginnend mit einer winzigen Schneeflocke, zu welcher sich peu a peu mehr und mehr zugesellen und die nächtliche Winterlandschaft weiß werden lassen, in der Kiefern ihre Nadelbüschel zum Flockenfangen ausbreiten, eine Rehmutter ihr Kitz zu köstlichen roten Früchten, den letzten gefrorenen Äpfeln am Baum, führt, eine große Ente mit runden gelben Augen eine Spur ihres Federhauchs im Schnee hinterlässt, Schneehasen vergnügt und doch immer auf der Hut vor dem Fuchs Fangen spielen, bis dieser müde ins Dunkel weiterzieht, in der eine kleine Maus zum Mitternachtsschmaus unterm Vogelhaus übriggebliebene Nüsse und Samen kostet und funkelnde Sternenpunkte im violetten Himmel hängen, die, bis der Mond das geliebte Kind wachküssen wird, von der Sonne als Diamanten in die Zweige einer Weide gesetzt werden.

Das Buch, welches spürbar die Ruhe und Magie einer weißen Winternacht atmet und vermittelt, ist eine zauberhafte Liebeserklärung an das Leben, die sanft das Herz berührt.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de