Archiv der Kategorie: poetisches Bilderbuch

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019

Binette Schroeder – Bilderbuchbrunnen

In einem gewichtigen Jubiläums-Sammelband, der mehr als 300 Buchseiten umfasst und genau 1725 Gramm auf die Waage bringt, sind unter dem poetischen Titel „Bilderbuchbrunnen“ zwölf großartige Bilderbücher aus fünf Jahrzehnten versammelt, die allesamt von Binette Schröder entstammen und  anlässlich ihres diesjährigen 80. Geburtstages im NordSüd-Verlag erscheinen – eine sehr schöne und angemessene Form der Wertschätzung ihres künstlerischen Schaffens.

Mit ihrem Erstling, dem natürlich auch im Band vertretenen, inzwischen zum Klassiker gewordenen „Lupinchen“, welches von einem zarten Puppenmädchen und dessen Abenteuern mit dem treuen Vogel Robert, dem von englischen Kinderreimen inspirierten eiförmigen Männchen Humpty Dumpty und dem Schachtelmann Herrn Klappaufundzu erzählt und bildnerisch an einem Brunnen stehend die Titelseite schmückt, sowie  weitere Protagonisten und Details ihrer Geschichten zeigt, erreichte Binette Schröder große Aufmerksamkeit.

Die meisterhaften Illustrationen von Binette Schröder sind Kunstwerke voller Magie, Poesie und ungeheurer Ausdruckskraft. Mit beachtlicher Präzision und  Detailreichtum stattet sie ihre bildnerischen Szenerien aus, die vor surrealen Landschaften wie Bühnenbilder anmuten und märchenhafte, phantastische, zuweilen auch humorvoll-satirische oder comicartige und schriftgestaltende Elemente aufweisen.

Die erste Bilderbuchgeschichte von Lelebum, dem blauen Elefant, der alles versucht, um normal und elefantengrau zu werden, es dennoch nicht schafft, aber seinen Frieden damit findet, hebt sich im Illustrationsstil, der hier geprägt  von starker Abstraktion und Reduktion, aber nicht minder ausdrucksstark ist, deutlich von den folgenden ab. Der Autor dieser Geschichte, wie auch einiger weiterer, ist Schröders Ehemann Peter Nickl.

Die Illustrationen in der folgenden Geschichte („Archibald und sein kleines Rot“) wechseln zwischen zart und akribisch ausgeführten Schwarz-Weiß-Zeichnungen, in denen als einziger Farbtupfer Archibals rote Wangen imponieren und farblich durchkomponierten Bildern ab.

Nach dem bereits erwähnten Lupinchen geht es weiter mit der Geschichte von Pferd Florian und Max, dem Traktor, welcher den tüchtigen Florian sukzessive ersetzen soll, was diesen eifersüchtig werden, aber letztlich dennoch nicht nutzlos bleiben lässt. Weitere Geschichten erzählen von einer kleinen Lok, die davon träumt, um die Welt zu fahren, von einem Krokodil, das eine fürchterliche Entdeckung in einem Kroko-Laden macht und sich entsprechend zu revanchieren weiß (diese eher nichts für allzu Zartbesaitete …), vom – erstaunlich detailreich bebildert – sich zum Prinzen wandelnden Froschkönig, vom sich ihren Ängsten stellenden Mädchen Laura, von einem rüstigen und einem rostigen Ritter, welche sich erbittert um eine Riesenblume streiten und vom Zauberlehrling,

dem ein Drachenei vor die Füße fällt und der mit Rotkäppchen picknickt. Den Abschluss geben Bildergeschichten im Comic-Stil von Zebra Zebby, welches im Sturm seine Streifen verliert, von Hund Tuffa, der eine Schweinehaxe stibitzt und weiteren Abenteuern sowie ein ausführliches und interessantes Nachwort von Christiane Raabe zu Binette Schröders Illustrationskunst.

Binette Schröders Bilderwelten, in denen sich so herrlich schwelgen, phantasieren, rätseln  und staunen lässt, sind zeitlos schön und einem Brunnen vergleichbar, der niemals versiegen sollte, weil er großartige Schätze birgt, die noch viele – kleine und große – Kinder bergen sollten.

 

Binette Schröder Bilderbuchbrunnen

Illustrationen: Binette Schroeder

Text: Binette Schroeder & Peter Nickl sowie Brüder Grimm (Froschkönig)

NordSüd, 2019

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

Die Weisheit des Rotkehlchens

Wenn im Herbst die Schneegänse in wilden Rufen ihre sogenannte Zugunruhe, die von Sehnsucht nach Veränderung geprägt ist, bekunden, weil sie bald gen Süden fliegen, kann das einem Menschen, der diese Rufe bewusst vernimmt, wie eine Botschaft erscheinen:

„Die Schneegänse erinnern uns daran, dass im Laufe des Jahres nicht nur die Jahreszeiten Wechseln, sondern auch Schwierigkeiten sich verändern und wandeln. Mit der Zeit ziehen sie vorüber und nehmen eine neue Gestalt an. Schenkst du den Zeichen dieser neuen und wunderbaren Zeit deine Aufmerksamkeit?“

So kann uns beispielsweise auch der bemerkenswerte Laubenvogel, welcher mit Akribie, Kreativität und Leidenschaft seine Umgebung formt, indem er zur Beeindruckung des Weibchens seine aufwändig gebauten  „Lauben“ mit farbigen Accessoires ausschmückt, lehren, dass wir nicht aufhören sollen, Räume zu erschaffen, die uns glücklich machen.

Oder eine geduldig brütende Henne kann uns möglicherweise offenbaren, dass es an der Zeit sein könnte, sich endlich gedanklich mit einem bestehenden Problem auseinanderzusetzen, statt es beiseitezuschieben und sich mit Ablenkungen zu befassen.

Kraniche, die die Route ihrer Züge erst allmählich von ihren Eltern lernen, bevor sie diese selbständig beherrschen, können uns vergegenwärtigen, dass es mitunter lebenswichtig ist, sich führen zu lassen, nicht ungeduldig zu werden, mit Güte zu lehren und mit Eifer zu lernen.

Das amerikanische Rotkehlchen, auch Wanderdrossel genannt, taucht als Frühlingsbote auf der Nordhalbkugel auf, wenn die Tage wärmer werden und erste Knospen sprießen. Es kann uns ein Zeichen geben, darüber nachzudenken, ob es nicht auch für uns an der Zeit ist, intellektuell und kreativ zu wachsen, den Neubeginn nicht zu verpassen, sondern ihn zu feiern.

In ähnlicher Weise assoziiert die Autorin an 65 Beispielen ihre einfühlsamen Vogelbeobachtungen mit entsprechenden Schlussfolgerungen auf menschliches Tun und gibt – unterteilt in die Kategorien Freude, Kreativität, Geduld, Güte, Widerstandskraft, Austausch, Stärke, Achtsamkeit, Tatkraft und Veränderung – damit vielfältige Denk- und Handlungsanstöße auf unterschiedlichen Ebenen.

Aus jeder ihrer poetischen Zeilen und aus jedem ihrer wunderschönen filigranen Scherenschnitte, die als Illustrationen die Vogelporträts begleiten, spricht Liebe und Dankbarkeit den Vögeln gegenüber, deren Anblick oder Gesang ihr häufig im Leben Mut und Hoffnung schenken konnten. Die zarten, berührenden Worte und Bilder können, wenn man sich ohne Vorbehalte auf die esoterisch anmutende  Sichtweise der Autorin einlässt,  als eine Form von Lebenshilfe auf wunderbare Weise Orientierung  geben und Trost, Kraft und Stärke schenken.

 

Die Weisheit des Rotkehlchens – Was wir von Vögeln für unser Leben lernen können

Text und Illustration: Maude White

Übersetzung aus dem Amerikanischen: Ulrike Kretschmer

Knesebeck, 2019

Einmal Katze sein

Wer Katzen beobachtet, kommt früher oder später zu der Erkenntnis, dass so ein Katzenleben einfach wunderbar sein muss und man hin und wieder gern einmal selbst in ihre Rolle schlüpfen würde.

Mit zwanzig  ausdrucksstarken Porträts und einer weiteren Charakterstudie in Blau-Grün auf dem Buchcover setzt Mies van Hout Katzen in den verschiedensten Farben, Formen, Mustern und Stimmungen in Szene und erfasst mit schnellem, präzisem Strich in bunten Bildern die verschiedenen Facetten ihres eigenwilligen Wesens.

Mal abenteuerlustig, mal übermütig, geschmeidig, verspielt, verschmust, aufmerksam, mürrisch, gewitzt, neugierig, chaotisch, gelangweilt, schläfrig, entspannt, wütend, beleidigt, mutig, ängstlich, verwegen, listig, verträumt und noch so vieles mehr können Katzen sein –  Liebhaber der beliebten Stubentiger wissen ihre Vielseitigkeit zu schätzen.

Den phantasievollen Katzenbildnissen begegnen -mal mehr und mal weniger poetische – Gedichte verschiedener niederländischer Autoren, die vom Hang zur Behaglichkeit, vom Jagdfieber, der Lebensfreude, von der Konzentrationsfähigkeit und Geduld, der Wetterfühligkeit, dem Schmusebedürfnis, der Gourmethaftigkeit, von der Abneigung gegen Silvesterböller  der Katzen und darüber hinaus von Übergewicht, Katzenklappen, Wollknäuelspielen, Katzenkämpfen, Begegnungen mit Schnecken und Spiegelbildern, Katzennamen, Flöhen und Haaren und weitere Begebenheiten aus dem Leben der Katzen erzählen.

Nicht nur kleine und große Katzenfans werden das Bilderbuch lieben, immer wieder darin blättern und sich vom Wesen der Katzen inspirieren lassen wollen.

 

Illustrationen: Mies van Hout

Gedichte von Bette Westera, Koos Meinderts, Sjoerd Kuyper, Hans & Monique Hagen

Übersetzung: Rolf Erdorf

aracari, 2019

 

Aus dem Schatten trat ein Fuchs

Aus dem Schatten des nächtlichen Waldes tritt ein Fuchs.

Suchend („Ihm war nach Farbe“ …) blickt er sich um. Sein Weg führt ihn zu den Schlafstellen der Paradiesvögel, einer davon zwitschert leise der Stille der Nacht entgegen, sich ebenfalls nach Farbe sehnend. Zu zweit führt der Weg die schlaflosen Gefährten weiter, sie rasten unter dem Nachthimmel auf einer Sonnenblumenwiese, bevor sie durch Schilf und Dickicht ziehen oder sich übermütig springend und flatternd inmitten an Halmen schlafender Käfer wiederfinden und abermals an einem Boot am See kurz zur Ruhe kommen, um in ihren Gedanken und Träumen zu versinken. Weiter geht es über Berge und Täler, und die Nacht scheint ewig zu währen. Alles sieht so anders aus, „viel zu schön um zu sein“. Fasziniert blickt der Fuchs auf seltsame Wesen, die wohl seiner Phantasie entspringen – gelbe Kühe mit überlangen Hörnen als einziger Farbtupfer im monotonen Schwarz-Weiß der Landschaft. Und dort, noch ein Wesen, diesmal ein menschliches – ein sternschnuppensuchender Junge oben auf dem Ast eines Baumes sitzend. Die Abwesenheit der Farben erzeugt Melancholie und Einsamkeit. Einsam auch das Gehöft mitten im Wald, an dem der Fuchs nun verweilt, eine unbestimmte Hoffnung im Herzen tragend. Noch kämpft er gegen die Müdigkeit an und ergibt sich dann doch der Nacht und dem Schlaf in einer Felsspalte. Nach dem Erwachen folgt er dem Geruch einer Fährte, der anders als alles Bisherige ist. Und siehe da – eine Farbe erscheint und intuitiv weiß der Fuchs, dass es seine Farbe ist. Sie gehört zum Schwanz eines anderen Fuchses, welcher in einer Höhle verschwindet. Während Fuchs und Füchsin dem nahenden Morgen entgegentollend ihre Bestimmung und Erfüllung gefunden zu haben scheinen, singt der Paradiesvogel noch immer sehnsuchtsvolle Lieder.

Die detailreichen, beinahe filigranen Illustrationen der Landschaften, Pflanzen und Tiere sind eine eigenwillige Melange aus naturalistischen und surrealistischen Elementen und entwickeln beim Betrachter einen eigenwillig betörenden Sog, der sich durch die metaphorische, zum Teil gereimte Sprache noch verstärkt. Seltsame Schilder mit Nummern, Buchstaben oder Mustern, Sprechblasen, lädierte Puppen oder –noch verwirrender- aus Blüten ragende Kindsköpfe mit traurigen Gesichtern geben unerklärliche Rätsel auf.

Ein poetisches Bilderbuch, das die Kraft der Sprache mit der Kraft der Kunst in wunderbaren magischen und rätselhaften Bildern verbindet und insbesondere ältere Kinder und Erwachsene zu bezaubern vermag.

 

Illustration und Text: Einar Turkowski

Gerstenberg, 2019

Alles war See

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Eine Frau und ein Mann leben in scheinbar idyllischer Beschauligkeit  und liebevoller gegenseitiger Achtsamkeit zusammen mit ihren Tieren – Hühner, Katze, Hund, Tauben, Schafe und Kaninchen – in einem alten kleinen Haus, welches sie lieben, hegen und pflegen ebenso wie ihre Tiere und den umgebenden Garten. Eigentlich ist es an der Zeit, den Blumenkohl zu pflanzen, aber draußen tobt der Sturm …

Alle, der Mann und die Frau und ihre Tiere, müssen im schützenden Haus bleiben. Als der Sturm vorüber ist, merken sie, dass das Hausdach repariert werden muss und sie machen sich an die Arbeit. Sie schmieden Pläne für ein neues Haus unten am See und setzen sie alsbald in die Tat um, der Blumenkohl muss weiter warten. Als das nächste Unwetter mit sintflutartigem Regen alles unter Wasser setzt, beschließen sie, das neue Haus ganz oben auf den Berg zu versetzen und schaffen das scheinbar Unmögliche mit vereinten Kräften, selbst die Tiere helfen mit. Doch auch da steigt das Wasser bedrohlich an, so dass sie wieder einen Umbau beschließen. Mehr und mehr nimmt das Haus die Gestalt eines Schiffes an – einer Art Arche Noah, die nun auch die aus Wald und Feld vor dem Wasser flüchtenden Tiere aufnimmt.

Als alles um sie herum zum See wird, löst sich das Haus-Schiff vom Berg und schwimmt davon, hin zu neuen Ufern und zu einem neuen Anfang in einer neuen mediterran aussehenden Heimat , in der sie wieder glücklich zu sein scheinen  und glauben, dass alles gut werden wird und wo sie beschließen, dem Schiff noch Flügel zu bauen – und so der Blumenkohl weiter warten muss.

Die wie eine biblische Metapher anmutende poetische Geschichte wird begleitet von wunderbaren Bildern, die teilweise recht humorvoll und in hervorragender künstlerischer Qualität noch weitaus mehr als der Text erzählen und die märchenhafte Handlung illustrieren.  Die nahende Bedrohung durch Naturgewalten (automatisch drängt sich hier ein Bezug zum Klimawandel auf) wird weder verharmlost, noch wird je die Hoffnung auf neue Lösungen aufgegeben. Die treibende Kraft dabei aber, trotz aller Widrigkeiten nie mutlos zu werden oder gar aufzugeben, scheint allein eine allumfassende Liebe zu sein.

Alles war See

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Sonja Bougaeva

atlantis, 2019

 

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018