Archiv der Kategorie: Bücher

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Multitalent Gouache

 

Dass die Gouachefarbe  ein wahres Multitalent ist, zeigt uns der renommierte Illustrator Aljoscha Blau in einem wunderbaren, 184seitigen Arbeitsbuch aus dem für besonders schön gestaltete Bücher bekannten Verlag Hermann Schmidt. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen seines reichen Erfahrungsschatzes, so wie er es sich in seiner Studienzeit selbst gern in Form von Büchern seiner Lieblingskünstler gewünscht hätte. So ist das nun vorliegende Buch sowohl ein Geschenk an den jungen Kunststudenten von damals und gleichzeitig an alle von heute, die gern mehr über Goachefarben und –techniken wissen wollen und sich lesend und lernend mit Stift und Pinsel zu  inspirieren erhoffen.

Das Besondere der Gouache-Technik ist, dass sie die Vorteile der Malerei und des Aquarellierens in sich vereint. Um sie uns entsprechend nahezubringen, teilt der Autor wie in einer Analogie zum Kochbuch seine Ausführungen in fünf Bereiche: zuerst philosophische und historische Bezüge, dann Materialkunde, danach erste Schritte, später spezielle Techniken und schließlich besondere Expertentipps.

Blau gesteht, dass Gouache, eine deckende Wasserfarbe mit Gummi arabicum als Bindemittel und weiteren Zusätzen wie Kreide, seine absolute Lieblingstechnik sei, womit er sich in guter Gesellschaft vieler alter und moderner Meister wie etwa Dürer, Matisse oder Chagall befindet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Gouache zu DER Farbe für Illustratoren und Buchkünstler, aber auch zeitgenössische Künstler wie beispielsweise David Hockney arbeiten insbesondere in ihren Skizzen und Vorentwürfen bevorzugt mit Gouache, die sich in Künstlerqualität durch ihre samtene Oberfläche, gleichmäßigen Farbauftrag, das Leuchten der stark pigmentierten Farben und ihre hohe Deckkraft auszeichnet, wie Blau betont.

Zunächst gibt er Hilfestellungen, wie man zu seiner Lieblingsmarke finden kann, welche Informationen aus dem Etikett herauszulesen sind, welche Papiere geeignet sind, vergleicht diverse Pinsel, weitere Malutensilien und verschiedene Malmittel. Weiter erfahren wir, wie Papier aufgezogen wird, machen einen Ausflug in die Farbenlehre und richten unseren Arbeitsplatz optimal ein, wobei der Autor ein überzeugendes Plädoyer für eine gewisse „visuelle Hygiene“ hält. Zum Planen des Bildes empfiehlt Blau, wie die Synästhetiker „Farbklänge zu skizzieren“, um die Wirkung verschiedener Farbkombinationen zu erspüren, um im nächsten Schritt die Arbeitsetappen zu überlegen, womit das Malen mit Gouache gewissermaßen auch zu einem intellektuellen Abenteuer werden kann, denn die spezifischen Eigenschaften der Farbe bedingen auch den Bildaufbau. Wie unterschiedlich dies funktionieren kann, wird an vielen konkreten Beispielen gezeigt. Ausführlich folgen verschiedene Techniken der Gouachemalerei von transparent bis deckend – vom Lasieren und Lavieren über Dunkel-zu-Hell-Malerei, Verwendung von Schablonen und Drucktechniken bis hin zu Experimenten mit Bürsten, Lappen, Zweigen oder trockenen Pinseln. Auch Rohrfederzeichnungen mit Gouache erweisen sich als vielversprechende und nachahmenswerte Technik. Noch mehr Übung verlangen an ausdrucksstarken Beispielen vorgestellte Auswasch-, Auskratz-,  Spritz- und weitere Techniken unter Verwendung von Maskiermitteln, Kombination mit Pastellstiften, Aquarell- oder Ölfarben wie auch die Monotypie.

Der letzte Teil widmet sich der kreativen Umsetzung des bereits Gelernten an Beispielen, zum Teil in gut nachvollziehbaren Schritt-für-Schritt-Demonstrationen, im Hinblick auf die Darstellung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Objekten, Landschaften oder Schriftgestaltungen als hilfreiche Anleitung und Anregung zum eigenen Ausprobieren und Weiterentwickeln.

Sehr überzeugend und überaus inspirierend gelingt es Aljoscha Blau mit seinem Buch, die Lust zu wecken, das Multitalent Gouache in all seinen Facetten kennenzulernen, seine Arbeitsvorschläge nachzumachen, damit zu experimentieren und individuell  mit eigenen Ideen neu zu erobern.

 

Multitalent Gouache

Aljoscha Blau

Verlag Hermann Schmidt, 2020

Die Wurzeln der Welt

Einer umfänglichen Betrachtung der Pflanzen als den eigentlichen „Erschaffern der Welt“ und ihrem bemerkenswerten Einfluss auf unser Sein widmet sich Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte in Paris und ehemaliger Schüler einer italienischen Landwirtschaftsschule, in einem erstaunliche Denkanstöße gebenden Essay. Das preisgekrönte Buch, welches hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Problematik des Klimawandels wichtige philosophische Grundlagen zu liefern vermag, ist bei dtv im handlichen Taschenbuch-Format erschienen.

Coccia sieht die Pflanze als „intensivste, radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins“, als das „klarste Observatorium, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu beobachten“. Pflanzen formen Materie, Luft und Sonnenlicht zum Lebensraum aller anderen Lebewesen um – zum Atem der Lebewesen; Atem als Paradigma einer gegenseitigen Verschränkung. Ausgehend vom Leben der Pflanzen, die die Materie formen und gestalten, die aus dem Samen Wurzeln, Zweige und Blätter bilden, möchte Coccia die Frage nach der Welt neu stellen. Einerseits ist die Natur immer weniger Gegenstand philosophischer Betrachtungen, andererseits aber ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur. Insofern ist der Mensch als Maß aller Dinge als Gegenstand philosophischer Betrachtungen möglicherweise ein überholter Ansatz, denn „die Welt an sich wird man nie erkennen können, ohne dabei auf die Vermittlung von etwas Lebendigem zurückzugreifen“. Aus dieser Erkenntnis schlussfolgert Coccia, dass der Versuch, eine neue Kosmologie zu begründen, die einzige als legitim zu betrachtende Form der Philosophie, mit einer Erkundung der Pflanzenwelt beginnen muss. Dieser widmet er sich eingehend, indem er Teile der Pflanzen, Blatt, Wurzel und Blüte, in den Gesamtzusammenhang eines organischen Ganzen setzt.

Dass Alles mit Allem im Zusammenhang steht und Alles in Allem enthalten ist, wird uns bei der hochinteressanten, zutiefst erhellenden und zuweilen poetischen Annäherung an Coccias philosophische Sichtweisen umso eindringlicher bewusst.

 

Emanuele Coccia

Die Wurzeln der Welt

dtv, 2020

 

Maus und Eichhorn

Die kleine Maus steht wehmütig in die Ferne schnuppernd  vor ihrer Höhle. So gern möchte sie einmal das Meer sehen! Das Meer sei kein Ort für eine kleine Maus wie sie, hat der alte Enterich gesagt. Aber die Träume vom Meer bleiben bestehen.

Eines Tages packt die kleine Maus dann doch das Reisefieber und ihr Freund, das Eichhörnchen, beobachtet skeptisch die Reisevorbereitungen. Ein Karren wird mit Nüssen beladen, hinzu kommt ein Schirm und eine warme Decke. Eichhorn denkt sich, dass er seinen Freund Maus begleiten sollte, wenn er mutig wäre, aber er traut sich nicht.

So geht Maus wagemutig allein auf Reisen, begegnet arglos einer listigen Schlange und hat mehr Glück als Verstand, als er mit dem Karren, der nun ein Boot ist, flussabwärts schippernd der Schlange entkommt, die ihn nur zu gern als Leckerbissen verspeist hätte. Schnell verbreitet sich die Kunde von der furchtlosen Wandermaus unter den Tieren. Schließlich stößt Eichhorn dann doch noch zu seinem Freund und gemeinsam schaffen sie es bis zum Sehnsuchtsort Meer, wo sie Muscheln und Stöcke sammeln und gemeinsam den Mond am Himmel bewundern. Doch nun kommt die Sehnsucht nach ihrem Zuhause, nach dem Rauschen der Bäume und dem Moos und den Pilzen …

Mit den Herbststürmen im Rücken schaffen es die Beiden flussaufwärts zurück in ihre Heimat, den Wald – reich an Erlebnissen und mit dem Gefühl, einen wirklich guten Freund zu haben.

Warmherzig, poetisch und mit liebevollen detailreichen Illustrationen, die ein wenig an romantische Bilderbücher aus Großmutters Zeiten erinnern, erzählt das Bilderbuch von dem, was wirklich zählt und wichtig ist – jemanden an seiner Seite zu haben, der es gut mit einem meint.

 

Maus und Eichhorn. Die große Reise ans Meer

Text und Illustration: Kristina Andres

arsEdition, 2020

Komm doch, lieber Frühling!

Noch ist es kalt und grau und windig draußen, doch die ersten Schneeglöckchen, Krokusse, Winterlinge und sonstigen pflanzlichen Farbtupfer spitzen schon den nahenden Frühling verkündend aus der Erde.

Wer den Frühling herbeisehnt, kann sich diesen schon jetzt ins Zimmer zaubern – zum Beispiel mit tollen Basteleien aus dem neuen Buch von Sabine Lohf, von der bereits viele wunderbare Bastelbücher, die sich von anderen vor allem durch ihre besondere Originalität und immer wieder verblüffenden Einfallsreichtum unterscheiden, erschienen sind. Hier wimmelt es von gebastelten Frühlingsblumen, Bienen, Schmetterlingen, Vögeln, Käfern und anderen kleinen Tieren, welche im Frühling aus ihren Verstecken kommen.

Den jahreszeitlichen Abläufen in der Natur folgend beginnt das Buch mit der Schneeschmelze, welche mittels Blüten, Eis und Folie wunderschön als Landschaft arrangiert wird. Angesichts dieser Landschaft bietet sich ein dazu passendes Getränk in Form von Gänseblümchen-Bowle mit Blüten-Eiswürfeln, die aus einem mit Sonnengesicht verzierten Strohhalm geschlürft werden kann, an. Dazu kann der Winter singend, zaubernd, mit einem Osterfeuer oder mit Bastel-Spielen verjagt werden. Weiter geht es mit dem launigen April, in dem passend zum wechselnden Wetter eine Wetteruhr oder ein Wetterfrosch aus Zweigen gebastelt werden kann. Aus Freude über die ersten Frühlingsboten kann eine Girlande mit Frühlingsmotiven entstehen. Wie das geht und welche Materialien verwendet werden können, wird kinderleicht und Schritt für Schritt beschrieben und in zahlreichen Abbildungen liebevoll in Szene gesetzt.

Lustige Gartenzwerge, dekorative Blüten aus Papier, Grasfiguren, ein entzückender Miniaturgarten in einer ausrangierten Obstkiste, ein originelles Froschfangspiel, reizende Osteraccesoires, niedliche Vogelkinder und vieles mehr laden zum Nachbasteln ein.

Ein abschließendes Wort an die erwachsenen Mitbastler ermuntert Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, sich gemeinsam mit den Kindern direkt in die Natur auf die Suche nach geeignetem Bastelmaterial zu begeben, über gemeinsame Naturbeobachtungen ins Gespräch zu kommen, mithilfe der inspirierenden Bastelvorschläge eigene Kreationen zu schaffen und damit zu spielen.

Ein Buch voller wunderbarer Anregungen für viele schöne gemeinsame (Bastel-)Stunden!

 

Komm doch, lieber Frühling!

Idee, Konzept, Text , Fotos & Gestaltung: Sabine Lohf

Gerstenberg, 2020

Heinrich will brüten!

Heinrich übt sich darin, ein stolzer Hahn wie sein Papa zu werden und seine Kräh-Versuche klappen auch immer besser. Nur mit der Lautstärke hapert es noch etwas.

Wer später auf den Hühnerhof achtgeben, die Hühnerschar vor Feinden warnen oder die Katze verjagen will, muss laut krähen können, sagt Heinrichs Papa. Und Heinrichs Mama meint, dass der Hahn kräht und die Hennen Eier legen, ist nun mal eben so. Heinrich erinnert sich, wie liebevoll Mama auf ihn aufgepasst hat. Er stellt sich vor, wie toll es wäre, auch auf kleine Küken aufpassen zu können. Eigentlich mag er sogar viel lieber Küken hüten als den Hühnerhof bewachen …

Heinrich braucht ein Ei zum Ausbrüten! Erste Versuche mit einem auf der Kuhweide gefundenen Fußball scheitern. Schließlich zeigt Mama Erbarmen und überlässt Heinrich eines ihrer Eier zum Ausbrüten. Nun merkt Heinrich, dass das Brüten ein recht anstrengendes Geschäft ist. Aber er hält tapfer durch und wird schließlich ein stolzer „Bruderpapa“. Sein „Bruderküken“ nimmt sich vor, schön laut krähen zu lernen wie seine beiden Papas. Und falls es mal brüten will, kann ihm bestimmt sein „Bruderpapa“ Heinrich dabei helfen.

Mit einem kindgerechten Text und detailreichen, lustigen Zeichnungen zeigt das Bilderbuch auf liebenswerte Weise, dass festgeschriebene Vater- und Mutter- Rollenmodelle nicht in Stein gemeißelt sein müssen.

 

Text: Annette Thumser

Illustration: Nikolai Renger

Magellan, 2020

Letzte Runde Geisterstunde

Eine bunte Truppe amorpher Gestalten blickt uns vom Buchcover entgegen. Der größte unter den neun Geistern hat die Form eines blauen Baumes mit großen gelben Augen angenommen. Weitere Vertreter seiner Spezies versammeln sich in imposanter Weise das Vorsatzpapier bedeckend, während sich im Nachsatz allerlei illustre Geisterporträts mit namentlicher Kennzeichnung (wie Hektor, Roberto, Liese oder Flocke) zeigen. Auf dem Buchrücken formt sich aus dem Dampf eines Teekessels eine indifferent blickende Geistergestalt und dazu die mit der Bilderbuchlektüre zu ergründende Frage, woher sie denn eigentlich kommen, diese Geister.

Nadia Budde versucht dieser Frage  in ihrem ganz eigenen und unverwechselbaren, von Humor und Augenzwinkern geprägten erzählerischen und gestalterischen Stil auf den Grund zu kommen. Verschiedene Arten von Geistern, in verschiedensten Farrben, Formen und Mustern, solo oder in Gruppen, erleben wir in verschiedensten Fortbewegungs- und Lebensformen – wie sie Geisterbus fahren,  sich  mit feuchten Händen durch Kellerwände schieben, schwere Eisenketten schleppen, unter Gitterbetten klopfen, mit verstellten Stimmen seufzend ihre gelben Augen glimmen lassen, nachts durch Geisterschiffe schleichen, über morsche Knochen jammern, Geistergulasch kochen, in der Geisterbahn schuften, schlecht bekleidet sind und fast nie Urlaub machen.

Die vielen Wald-, Luft-, Nebel-, Polter-, Wasser- , Feuer-, Plage-, Flaschen- und sonstigen Geister (und nicht zu vergessen die Geistermeister) sowie die sich stellenden Fragen, woher sie denn nun eigentlich stammen – aus Geisterländern, von Förderbändern, aus Kitteltaschen oder leeren Flaschen … ??? – bleiben im Nebulösen wie die Geister selbst, doch entscheidend  ist vielmehr die sich einstellende Erkenntnis, dass wir sie entweder bleiben lassen (weil sie bei genauerer Betrachtung eigentlich gar nicht so unsympathisch oder beängstigend sind) oder aber auch ziemlich wirksam (und zwar mit ihren eigenen Methoden) vertreiben können. Sehr beruhigend zu wissen.

 

Letzte Runde Geisterstunde

Illustration & Text: Nadia Budde

Kunstmann, 2020

 

 

Vom Wind verweht

Buch und Film sind zweifellos Klassiker, und wohl die meisten Lesenden und Cineasten der mittleren bis älteren Generation kennen zumindest in groben Zügen die Story des romantisch-verklärten Südstaatenepos „Vom Winde verweht“ vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkriegs um die zuweilen als größte Liebesgeschichte aller Zeiten beschriebene Beziehung zwischen Scarlett O´Hara und Rhett Butler. Ich erinnere mich, dass meine Mutter den meist um die Weihnachtszeit ausgestrahlten Film von 1939 mit Vivien Leigh und Clark Gable in den Hauptrollen unzählige Male und immer wieder gern gesehen und dabei die eine oder andere Träne vergossen und auch  das 1936 erschienene Buch von Margaret Mitchell wie viele ihrer Altersgenossinnen nahezu „verschlungen“ hat. Ich gestehe, bisher weder das Buch in der bisherigen deutschen Übersetzung von Martin Beheim-Schwarzbach gelesen noch den Film vollständig gesehen zu haben, umso mehr beflügelte mich die Tatsache, dass im Verlag Kunstmann unter dem Titel „Vom Wind verweht“- welcher schon vermuten lässt, dass mit dem fehlenden „e“ weniger Staub und mehr Modernität einhergehen könnten – der Romanklassiker zum Beginn des neuen Jahres 2020 in einer Neuübersetzung in die Buchhandlungen kommt, diesen nun endlich auch einmal zu lesen. Und welche Zeit wäre besser geeignet als die Zeit zwischen den Jahren, um sich mit einem 1300seitigen Schmöker für einige Tage gemütlich auf die Ofenbank zu verziehen und alles um sich herum zu vergessen …

Es ist die Lebens- und Liebesgeschichte einer sowohl in ihrer Lebenslust, ihrer Willensstärke und ihrem Mut als auch in all ihrer Ambivalenz, ihrem Hang zur Manipulation und einer gewissen Skrupellosigkeit faszinierenden jungen Frau, die eingebettet ist in die erschütternden Geschehnisse des amerikanischen Bürgerkriegs aus der Sicht der unter dem Krieg leidenden Bevölkerung rund um ihre Baumwollfarm Tara und die Stadt Atlanta im Bundesstaat Georgia, beginnend 1861 kurz vor Ausbruch des Krieges und endend in den kaum minder schweren Jahren der Reconstruction nach Kriegsende, ungefähr zwölf Jahre später, als Scarlett O´Hara 28 ist – so lebendig, abenteuerlich, erschütternd und spannend erzählt, dass ich das Buch kaum noch aus der Hand legen kann.

… Einige Tage später tauche ich wieder aus dem Lese-Wahn auf und stelle fest, dass ich tagelang gedanklich mit nichts anderem als diesem Buch beschäftigt war und nur schwer kann ich dem sich sogleich nach Lesen der letzten Seite einstellenden Impuls, sofort wieder von vorn zu beginnen, um die sich ausbreitende Leere zu füllen, widerstehen.

Mir fehlt  der persönliche Vergleich zum vorherigen Buch und zum Film, um diese direkt gegenüberzustellen, insofern kann ich mich nur auf Klappentext und Nachwort beziehen, wo angemerkt wird, dass diese Neuübersetzung sich viel näher am Original bewegt, indem sie weniger klischeehaft-romantisierend erscheint und mehr dem schnörkellosen, journalistischen Stil der Autorin Margaret Mitchell folgt und uns so nun beinahe einen anderen Roman lesen lässt, der sich mit Tolstois „Krieg und Frieden“ vergleichen lässt. Auch wurden vielgestaltige Rassismen überarbeitet, die sich in der vorherigen Buchausgabe fanden, so zum Beispiel gekennzeichnet durch eine unbeholfene und grammatikalisch falsche Sprechweise der Sklaven, in der Neuübersetzung in eine spezifische Form von Slang überführt.

Die Lektüre ist vor allem ein unterhaltsames und spannendes Leseabenteuer, welches uns neben der berührenden individuellen Geschichte die Schrecken eines Krieges ebenso wie die Stärke einer Frau eindrücklich vor Augen führt. Ganz großes Kino – und wer weiß … vielleicht auch bald in Form einer Neuverfilmung!

 

Margaret Mitchell: Vom Wind verweht

Neuübersetzung von Andreas Nohl & Liat Himmelheber

Kunstmann, 2020

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019