Archiv der Kategorie: Roman

Kleine Schwester

Text: Barbara Gowdy

Übersetzung aus dem Englischen: Ulrike Becker

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Der eindringliche Blick des Mädchens auf dem Cover mutet ebenso mysteriös an wie die erzählte Geschichte: Rose, die junge Protagonistin des Romans, ist fasziniert wie irritiert von surrealen Empfindungen, die sie insbesondere während Gewittern heimsuchen. Dann befindet sie sich plötzlich im Körper einer anderen, real existierenden Frau namens Harriet, welche auf beunruhigende Weise ihrer im Kindesalter verstorbenen Schwester Ava ähnelt. Sie, die selbst nach einer Operation keine Kinder mehr bekommen kann, empfindet die widerstreitenden Gefühle von Harriet angesichts einer ungewollten Schwangerschaft, als wären es ihre eigenen. Außerhalb von Harriets Körper sehnt Rose jedes aufziehende Gewitter herbei, um Harriets Entscheidungen zu beeinflussen. Ihr ganzes Denken und Tun wird von der ungewöhnlichen Situation mehr und mehr vereinnahmt. Daneben beherrschen die eigenen Beziehungsgeflechte und die Sorge um die an Demenz erkrankte Mutter, mit der sie ein Programmkino führt sowie die sich aufdrängenden Erinnerungen an die Kindheit Roses Gedankenwelt. Fragen von Schuld, Sehnsucht und ungelebtem Leben verweben sich mit der spannenden Handlung des Romans, der eine derartige Sogwirkung entwickelt, dass man das Buch kaum aus der Hand zu legen vermag.

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Thomas & Mary

Autor: Tim Parks

Verlag: Kunstmann, 2017

 

Die Symbolik des am Strand verlorenen Eheringes zerstreut bereits zu Beginn alle Illusionen: die Ehe von Thomas und Mary ist schon lange bevor es beide zu realisieren beginnen, in Auflösung begriffen, war vielleicht von Anfang an eine Farce.

Thomas und Mary, Eltern zweier erwachsenwerdender Kinder, haben sich eingerichtet in der Belanglosigkeit und leiden doch darunter, spüren den beginnenden Auflösungsprozess und die unvermeidlichen Konsequenzen.

Mit der Präzision eines Seziermessers setzt Tim Parks überall dort an, wo dieser Auflösungsprozess markiert wird – sei es während der beinahe voyeristisch anmutenden Szenen, die den Leser die Sex-Vermeidungsstrategien der Beiden miterleben lassen, das Ausweichen vor konstruktiver Kommunikation, das beiderseitige Ersticken im Alltags-Einerlei, das notorische Fremdgehen, die ungestillte Sehnsucht nach Veränderung.

Es sind  aufflackernde Erinnerungsfetzen,  -meistens jene von Thomas, aber auch des Sohnes, der Eltern oder von Freunden, nur Marys Empfindungen bleiben dabei sonderbar blass- brilliant und doch unsentimental, ja nüchtern erzählt, die sich aus Vergangenem und Gegenwärtigem speisen, die keiner geradlinigen Chronologie folgen, sondern die zentrale Problematik aus unterschiedlichen Entfernungen und Perspektiven umkreisen und so zum Puzzle einer schmerzlichen Chronik aus Szenarien einer unglücklichen Ehe werden.

Zuweilen mag man das Buch erschöpft weglegen, weil die Schmerzlichkeit des Verlustes nur schwer erträglich ist. Und doch besitzt es eine Anziehung, die es schafft, sich der Lektüre immer wieder zuzuwenden – und das letztlich mit Gewinn.

Federflüstern

Autorin: Holly-Jane Rahlens

Verlag: Rowohlt Rotfuchs

Nach ihrem Roman „Blätterrauschen“, in welchem die Teenager Rosa, Iris und Oliver unfreiwillig eine Zeitreise in die Zukunft unternehmen, führt die Autorin ihre sympathischen Buchhelden nun in die Vergangenheit.

Gemeinsam mit ihrer neuen Begleiterin Lucia, einer Zeitreisenden aus der Zukunft, hat die Jugendlichen ein verhängnisvolles Versehen ins bitterkalte Berlin des Jahres 1891 katapultiert, wo sie sich nun durchschlagen müssen, bis sie ein sogenannter Scout aufspürt, der sie wieder in ihre Zeit und ihr Zuhause befördern könnte. Doch mit der Datenübertragung will es nicht so recht klappen, so dass sie zunehmend befürchten, für immer im 19.Jahrhundert bleiben zu müssen. In der Hoffnung, dass der berühmte  Mark Twain, der zu dieser Zeit in Berlin lebt, dem Quartett in irgendeiner Weise helfen kann, suchen sie diesen und finden ihn schließlich auch. Der Schriftsteller gibt den vier Zeitreisenden vorübergehend Obdach, hört mit einer Mischung aus Unglauben und Faszination ihren abenteuerlichen Erzählungen zu und versucht nach seinen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu helfen.

Plötzlich taucht der seltsam aufgeblasene Junior-Junior, Sohn von Rirkrit Sriwanichpoom, welcher im Vorgängerroman „Blätterrauschen“ eine Rolle spielte, auf. Was führt er nur im Schilde? Wird es gelingen, einen Ausweg aus der verzwickten Lage zu finden? Die Zeit drängt, denn bald geht auch das Chronotonin, ein Mittel zur Bekämpfung des sogenannten Zeitlag, bei dem man zunehmend müder und schwächer wird, zur Neige. Zu allem Ungemach ist auch noch die Polizei hinter ihnen her, und die ist in besagter Zeit nicht gerade zimperlich mit über Zwölfjährigen …

Es ist bestimmt nicht zwingend notwendig, den Vorgängerroman zu kennen, um an dessen Nachfolger ausreichend Lesefreude zu haben, zumal es am Ende des Buches eine Zusammenfassung der Geschehnisse aus dem ersten Teil gibt, dennoch aber empfehlenswert, denn beide Teile sind ziemlich spannend zu lesen, so dass -im übertragenen Sinne des Titels des ersten Bandes- die Buchblätter nur so rauschen. Der Sinngehalt des Titels „Federflüstern“ erschließt sich im ebenso betitelten 33.Kapitel des Buches, welches insgesamt 36 Kapitel, die sich auf 348 Seiten verteilen, zählt.

Bemerkenswert ist noch das gelungene Titelbild, das eine der Handlungszeit entsprechende Ladenfront, hinter deren Scheibe vier Jugendliche in Kleidern des 19. Jahrhunderts stehen, ein Porträtbild Mark Twains und weitere Episoden der Handlung zeigt, stilistisch dem von „Blätterrauschen“ entspricht und jenes Titelbild wiederum Teil des neuen Covers wird – eine interessante gestalterische Idee.

Das Lesen der beiden Romane, in dem man sich hautnah in eine andere Zeit begibt und mit den Buchhelden immer wieder bangt und hofft, ist von Anfang bis Ende ein spannungsgeladenes Erlebnis.

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

Das Mondmädchen

Text: Mehrnousch Zaeri-Esfahani

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Knesebeck, 2016

 

Samtig liegt das Buch der aus dem iranischen Isfahan stammenden Autorin, dessen Cover in Schwarz-, Weiß- und Grauabstufungen mit silberner Schriftprägung des Titels gestaltet wurde, in den Händen, wie eine kleine Kostbarkeit. Zartweiße Pusteblumen-Schirmchen schweben über das graue Vorsatzpapier. Eine ebenso zarte und berührende Geschichte erzählt „Das Mondmädchen“ auf folgenden 145 Seiten, die von zauberhaften Illustrationen von Mehrdad Zaeri begleitet wird. Es ist die Geschichte einer Flucht. Einer Flucht, wie sie auch die Autorin selbst als Kind erlebt hat und verarbeiten musste.

Die glückliche Kindheit eines verträumten kleinen Mädchens, Mahtab, die ihre Zeit am liebsten im wunderschönen Rosengarten der Mutter verbringt und sich dort um ihre geliebten Katzen kümmert, wird jäh unterbrochen, weil die „Blutrote“, eine Verkörperung des Bösen und des Terrors, die Macht übernommen hat und sich Mahtabs Familie genötigt sieht, zu flüchten. Eine endlos erscheinende Reise vom Morgen- ins Abendland und damit eine Zeit der Unsicherheit und der Angst beginnt. Das Land Athabasca aber, jener geheimnisvolle Ort, wohin Mahtab immer wieder in ihren Träumen reist, gibt dem Mädchen Halt und Hoffnung. Mit Hilfe der guten Fee Pari und den Schwänen Ipamen und Gugu entflieht sie der Verzweiflung und kann von der in Athabasca geschöpften Kraft auch ihrer Familie neue Zuversicht vermitteln.

„Das Mondmädchen“ ist ein zutiefst menschliches Buch, eine sprudelnde Quelle der Hoffnung!

Hanna Nebe-Rector, http://www.MALKASTL.de

 

Glückskind mit Vater

Autor: Christoph Hein

Verlag: Suhrkamp

2016

 

Das Buchcover –fünf Birkenstämmchen auf weißem Grund- stimmt ebenso wie das erste Kapitel, in welchem das Ranenwäldchen – ein nach dem Abriss von Gebäuden mit schnellwachsenden Birken wiederaufgeforstetes Gelände- in der Beschreibung desselben und durch den Auftritt einer geheimnisvollen Gestalt wie eine bildhafte Sequenz eines Alptraums erscheint, auf die Romanhandlung ein. Auf über 500 Buchseiten schildert der Autor Christoph Hein aus wechselnden Erzählperspektiven , wie sich der Einfluss des nie gekannten und doch immer präsenten Vaters des Protagonisten Konstantin Boggosch auf dessen gesamten Lebensweg, der im Buch sechzig Jahre und damit zugleich prägende Kapitel deutscher Geschichte umfasst, auswirkt.
Konstantin Boggosch, ehemaliger Direktor eines Gymnasiums, sträubt sich angesichts der Aussicht, zusammen mit drei weiteren ehemaligen Schuldirektoren auf einem Foto des örtlichen Lokalblatts gezeigt und überdies interviewt werden zu sollen. Ebenso sträubt er sich selbst gegenüber seiner Ehefrau Marianne vehement, über seine Vergangenheit sprechen zu wollen, die ihn jedoch mit einem an seinen Vater gerichteten und zu ihm gelangten Brief der Steuerfahndung zum wiederholten Male begegnet und zu beeinflussen beginnt.
Glückskind wird Konstantin von der Mutter genannt, welche nach Kriegsende als Ehefrau des Kriegsverbrechers Gerhard Müller, Besitzer der Vulcano- bzw. späteren Buna-Werke, nur knapp der Abführung durch die Russen entgeht, weil sie –mit ihm schwanger- kurz vor der Entbindung steht.
Die Mutter weiß nichts von den Plänen ihres Mannes, neben seiner Fabrik, im besagten Ranenwäldchen, ein KZ errichten zu wollen. Nach dem Krieg wird die Fabrik entschädigungslos enteignet, Gerhard Müller als Brigadeführer der SS und Kriegsverbrecher gehenkt und seine Familie aus dem Haus getrieben. Die Mutter distanziert sich von der Gesinnung des Ehemannes, trägt ihre neuen Lebensverhältnisse mit Fassung und nimmt für sich und die beiden Söhne, die sie allein großzieht, wieder ihren Mädchennamen Boggosch an. Den Söhnen verschweigt sie anfangs die Wahrheit über den Vater, um sie zu schützen. Bewundernswert erscheint ihre konsequente Haltung in der Ablehnung der in einem Gerichtsprozess des Schwagers für sie erwirkten Rente und aller sonstigen Zuwendungen des Onkels für ihre Söhne. Sie bleibt in Ostdeutschland, obwohl sie dort wegen der Verbrechen des Ehemannes nicht als Lehrerin arbeiten darf. Ihre Söhne unterrichtet sie in verschiedenen Sprachen, was sich für Konstantin später noch als sehr hilfreich erweisen wird.
Immer mehr, insbesondere für Konstantin, der den Vater nie persönlich kennenlernte, wird der Vater zum geheimnisumwitterten Phantom, das ängstigt und zugleich auch Adresse einer unbestimmten Sehnsucht nach der fehlenden Vaterfigur ist.
Als Konstantin elf Jahre alt ist, erfährt er die ganze Wahrheit über den Vater und beginnt -anders als der zwei Jahre ältere Bruder Gunthart-, diesen immer mehr für sich abzulehnen.
Parallel zur verstärkten inneren Auseinandersetzung mit dem Vater legt sich dessen Schatten zunehmend und kontinuierlich über Konstantins Lebensweg, beginnend damit, dass ihm, obwohl Klassenbester, der Besuch der Oberschule verwehrt wird. So beginnen abenteuerliche Pläne zu reifen: Konstantin will sich der Fremdenlegion anschließen und auf diese Weise vor dem ihm in seiner Heimat immer gegenwärtigen Vater-Phantom fliehen. In dieser Absicht gelangt er durch eine Flucht nach Westberlin tatsächlich bis nach Frankreich, wo er bald erkennt, dass die Fremdenlegion nicht die beste Idee war. Doch er kann die Prophezeiung seiner Mutter, Glückskind zu sein, hier verwirklichen. Ausgerechnet für vier ehemalige Widerstandskämpfer, die für ihn zugleich Freunde und Gönner werden, arbeitet Konstantin als Übersetzer, besucht mit ihrer Hilfe die Abendschule und legt die mittlere Reife ab.
Doch auch in Frankreich holt ihn die Figur des Vaters ein. Einer seiner Gönner; derjenige, der die ersehnte positive Vaterrolle für Konstantin zu besetzen beginnt, stellt sich als persönlich betroffenes Opfer von Konstantins Vater heraus. Erneut ergreift Konstantin, der es nicht wagt, vor seinen väterlichen Freunden zu dieser Situation Stellung zu beziehen, die Flucht. Am Tag des Mauerbaus kehrt er zurück in den Osten. Dass er dabei als sogenannter Republikflüchtling ungestraft davonkommt, ist glücklichen Umständen, wie sie Konstantin immer wieder begegnen, zuzuschreiben.
Nach dem Wiedersehen mit der stets geliebten und geachteten Mutter beginnt für Konstantin der folgende Lebensabschnitt in Magdeburg – mit Studium (wieder wegen des Vaters nicht das ursprünglich ersehnte), neuen Freunden, Beruf und erster Liebe – und auch dabei halten sich Glück und Unglück nicht weit voneinander entfernt. Konstantin beginnt zu erkennen, dass er seinem Schicksal, Sohn dieses Vaters zu sein, niemals wird ausweichen können.
„Glückskind mit Vater“ ist eine grandios erzählte Lebens- und Zeitgeschichte, in welcher sich viele deutsche Schicksale gespiegelt sehen werden -packend von der ersten bis zur letzten Seite, ganz so, wie man es nicht anders von Christoph Hein erwartet hätte.
Hanna Nebe-Rector, März 2016

http://www.MALKASTL.de