Archiv der Kategorie: Kinderbuch

MONSTA

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Monsta, das blaue Fellknäuel namens Harald (welch herrlich unpassender Monster-Name!) auf zwei dünnen Beinchen gibt sich alle erdenkliche Mühe, monstermäßig Angst und Schrecken bei seinem „Kint“ zu verbreiten, aber: das Kind, welches sich Monsta zum Erschrecken extra ausgesucht hat und unter dessen Bett eingezogen ist, um dort diensteifrig seiner geregelten Arbeit nachzugehen, obwohl es als Nachkomme des weltbesten Yeti-Erschreckers und größten Gruslers aller Zeiten beste Chancen auf eine Karriere in Gruselkabinetten oder Folterkammern gehabt hätte, dieses Kind gruselt sich einfach nicht!

Dabei hat Monsta alles versucht, das ganze Monster-Standard-Reportoire aufgeboten, hat jede Nacht gerüttelt, gegrollt, gefletscht und geklappert, seine Zähne gefeilt, Masken gebaut, sein Fell aufgestellt, an Pfosten genagt, Türen quietschen und Knochen knacken lassen, Puppen versteckt, an der Decke gezerrt … nichts, aber auch gar nichts ist passiert. Welche Tragik für ein Monster! Es schließt daraus, dass mit dem „Kint“, das sich nicht gruselt, das trotz aller seiner Bemühungen einfach seelenruhig weiterschläft, etwas nicht stimmen kann. Und so gibt sich Monsta weiter Mühe und setzt noch eins drauf, um das Grauen wachsen und gedeihen zu lassen, legt Monsterfell in den Bauchnabel des Kindes, verknotet dessen Haare, trainiert Augenrollen, verstellt seine Stimme, lässt sich spinnengleich von der Decke hängen und wagt todesmutige Sprünge aufs Kinderbett – dennoch: nichts! Schließlich, als auch diese Bemühungen nicht fruchten, gibt das arme Monster enttäuscht auf, es kündigt und schreibt seinem „Kint“ noch einen erklärenden Abschiedsbrief, bevor es sein Monsterglück anderswo suchen wird und verschwindet.

Die Sympathien des Bilderbuchlesers neigen sich zunehmend diesem bedauernswert erfolglosen wie trotz seines Monster-Habitus überaus niedlichen Kinder-Erschreckers zu. Großartige Illustrationen, die über witzige Details und ausdrucksstarke mimische Variationen die ganze Tragik des kleinen glücklosen Monsters offenbaren, begleiten den originellen Text in Briefform, welcher sich als Klageschrift direkt an das gruselresistente „Kint“ richtet.

Ganz gleich, ob sich die Bilderbuchleser eher zur Kategorie der Ängstlichen (diese werden vielleicht froh und ein wenig stolz sein, das eigene Haus- Monster nicht derart zu enttäuschen und zur Erkenntnis gelangen, dass die kleinen Monster auch nur ihre Arbeit tun und halb so gefährlich sind, wie sie scheinen) oder der Mutigeren (diese werden vielleicht in Zukunft etwas nachsichtiger sein und sich gemäß Watzlawicks Symptomverschreibung gefälligst ein bisschen mehr zum Gruseln hinwenden) zählen – in jedem Falle bereitet dieses wunderbare Monsterbilderbuch einfach große Freude beim Lesen und Anschauen.

 

MONSTA

Text: Dita Zifel

Illustration: Mateo Dineen

Tulipan, 2018

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Tief im Wald

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Ornamentale Muster umgeben ein Oval im Zentrum des Buchcovers, in dem sich einige der tierischen Protagonisten vor einem ungewöhnlich aussehenden Häuschen im Wald versammelt haben. Ebenso ungewöhnlich erscheint auch die Farbgebung – immer wieder setzen nicht nur auf dem Titelbild, sondern auch in den zauberhaften Buchillustrationen knallige Leuchtfarben und außergewöhnliche Farbzuschreibungen überraschende Akzente, welche sich insbesondere auf dem Vorsatzpapier zu einem leuchtend bunten Farbfeuerwerk floraler und kleintierischer Diversitäten vereinen – wirklich ein Hingucker! Und ein schöner Auftakt ins Bilderbuchgeschehen …

Mitten im Wald steht ein kleines Holzhaus, leuchtend weiß gestrichen, mit neun Fenstern und einer roten Haustür. Eine kleine Maus findet Gefallen daran, bezieht das Häuschen und richtet es liebevoll ein. Nach und nach stellen sich weitere tierische Mitbewohner ein: Frosch, Kaninchen, Biber, Fuchs, Hahn, Hirsch, Eichhörnchen, Eule, zwei Elstern und ein Specht. Sie alle finden, dass es das schönste Zuhause sei, dass man sich nur vorstellen kann. Die glücklichen Tiere beschließen, ein Einzugsfest zu feiern, dessen fröhliche Begleitmusik dem Braunbären zu Ohren kommt. Nun klopft auch dieser an die rote Haustür und bitte um Einlass, doch die Bewohner meinen bedauernd, es gäbe für so einen großen Bären nun wirklich keinen Platz mehr im Haus. Das aber will der Bär nicht so ohne weiteres akzeptieren und versucht mit aller Mühe, das Haus doch noch beziehen zu können, was erstmal ziemlich schiefgeht und das Häuschen schließlich zusammenstürzen lässt. Aber dann kommt dem Bären mit dem berechtigten schlechten Gewissen doch noch die rettende Idee, in deren Folge es noch einmal etwas zu feiern gibt.

Das liebevoll nacherzählte russische Volksmärchen vermittelt den unschätzbaren Wert von Freundschaft und Zusammenhalt und wird von phantasievollen bunten Bildern begleitet, die zum Staunen und Schauen einladen und für uns auch eine wunderbare Inspiration zum Malen sind.

 

Christopher Corr: Tief im Wald

aracari, 2018

Winter im Wichtelwald

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

In einem tief verschneiten Winterwald hoch oben im Norden schaut ein freundlich blickendes  Männlein mit weißem Bart und roter Mütze, auf der ein kleiner Käfer mit blauer Pudelmütze Platz genommen hat, hinter einem der Baumstämme hervor – unverkennbar ein  Wichtel.

Weil es der Wichtel  gut mit den Tieren meint, dreht er seine tägliche Runde, um die Tiere des Waldes zu besuchen und zu versorgen. In seinem Notfallrucksack hat er alle möglichen nützlichen Dinge dabei. Zuerst plaudert er ein wenig mit der Meise und bringt ihr ein paar Sonnenblumenkerne, um bald darauf  zum Fuchs weiterzuziehen. Dieser ist krank und so gibt ihm der Wichtel fürsorglich einen warmen Tee und eine Wurst und verordnet  zum Nachtisch eine Portion  Hustensaft. Und als das Eichhörnchen die Tür zu seiner Vorratskammer nicht mehr findet, gibt es als erste Hilfe Nüsse und Rosinen aus dem Wichtel-Rucksack. Der riesige Braunbär, der gerade aus seinem Winterschlaf aufgewacht ist, verspürt dagegen Lust auf eine Schneeballschlacht – und auch hier steht der Wichtel hilfreich zu Diensten. Nun geht´s noch zu Familie Rentier für eine Dosis Streicheln und Hilfe bei der Suche nach einer guten Futterstelle und weiter auf eine kurze Stippvisite zur Eulenfamilie, die in der beginnenden Dämmerung aktiv wird. Nun wird es für den Wichtel Zeit, nach Hause zu gehen, aber schon morgen wird der Wichtel wieder seine Runde drehen, um nach den Tieren zu sehen.

In beschwingter und einprägsamer Reim-Form wird diese warmherzige Waldwichtel-Geschichte, die anschaulich ein Gefühl für Tiere und Natur, für Verantwortung und Fürsorge zu vermitteln vermag, in einem Pappbilderbuch für die Kleinen erzählt. Der liebenswerte Wichtel und sein kleiner Begleiter, der Käfer, bewegen sich als gezeichnete Figuren in einer realistischen Szenerie beeindruckender Tier- und Naturfotografien.

 

Winter im Wichtelwald

Text und Illustration: Outi Kaden

arsEdition, 2018

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

Auch solche Tage gibt es

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Aus ungewöhnlicher Perspektive schauen wir von oben auf folgende Szenerie: Ein kleiner rotbrauner Bär mit gelben Stiefeln läuft einen Weg entlang durch einen beängstigend dunklen Wald. Ganz winzig und verloren sieht er im Vergleich zu den hohen Bäumen des Waldes aus. Und so fühlt er sich auch – sehr allein. In der Ich-Form kommentiert der kleine Bär dem Bilderbuchleser seine bedrückende Befindlichkeit. Sein Gang wird immer schwerer, sein Kopf gesenkt und voller Kummer. Dunkle Wolken ziehen am Himmel auf und es beginnt zu donnern. Die Körperhaltung des kleinen Bären drückt tiefes Leid aus und ihn umgeben immer dunkler werdende  Farben der Trostlosigkeit. Der kleine Bär beginnt zu weinen und mit dem einsetzenden Regen, der sich in seiner Stärke mehr und mehr steigert, wird auch sein Weinen immer mehr. Völlig erschöpft und schluchzend lässt er sich am Ufer eines Sees zu Boden sinken – ein herzerweichendes Bild des Jammers. Vom anderen Ufer des Sees wird er von einem kleinen grünen Frosch, der einen regenbogenbunten Schirm hält, beobachtet. Der Frosch kommt näher, nun bemerkt ihn auch der kleine Bär, welcher aus seiner misslichen Lage heraus einen vorsichtigen Blick aus tränennassen Augen zum Frosch riskiert. Und schon beginnen die Farben des Himmels sich zu verändern – aus Schwarz wird Grau, aus Grau wird Weiß. Und mit der heller werdenden Himmelsfarbe werden auch die Farben der Umgebung freundlicher. Inzwischen ist der Frosch auf den Kopf des sich nun schon aufrichtenden Bären gekrabbelt und versucht, seinen ziemlich kleinen regenbogenbunten Schirm schützend über diesen zu halten – ein rührender, hoffnungsvoller Anblick. Die Sonne kommt wieder  und mit ihr die Wahrscheinlichkeit, gleich einen Regenbogen zu sehen. Alles wird gut … Jetzt patschen Bär und Frosch vergnügt und übermütig durch die Pfützen. Den Weg zurück nehmen die Beiden Hand in Hand in einem berührenden Abschlussbild –das Erinnerungen an eine Szene aus Winnie-Puh-Büchern weckt- durch einen nun blütenbunten und sonnendurchfluteten Wald. Der aufgespannte Schirm bleibt liegen. Vielleicht braucht ihn noch jemand anderes?

Im Anschluss an die metaphernreiche Bilderbuchgeschichte wendet sich der Frosch in einfühlsamen Worten in Briefform noch einmal direkt an einen „Kleinen Freund“ und versucht diesem zu verdeutlichen, dass man mit ähnlichem Kummer nicht allein sei, sondern Viele mit Gefühlen der Einsamkeit konfrontiert werden, damit umgehen müssen, diese aber auch überwinden können. Man solle sich die Einsamkeit einfach mal als Regen vorstellen und den regenbogenbunten Schirm als alles, was diese überwinden hilft.  Weiterhin gibt es einige hilfreiche  Hinweise und Fragen- bzw. kreative Aufgabenstellungen für Eltern und/oder Therapeuten und die Kinder selbst.

Die liebenswert erzählte und sehr ausdrucksstark bebilderte Geschichte hilft Kindern und ihren Bezugspersonen, über  Gefühle der Einsamkeit oder Traurigkeit miteinander ins Gespräch zu kommen, diese quasi als  „unangemeldete Besucher“ zu akzeptieren und gibt ihnen damit die Möglichkeit, mit Verstimmungsgefühlen besser umgehen zu lernen.

 

Auch solche Tage gibt es

Von Young-ah Kim (Text) und Ji-soo Shin (Illustration)

Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer

aracariVerlag, 2018

In der Nacht, wenn der Hamster erwacht

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Was machen eigentlich all die Tiere da draußen nachts, wenn wir schlafen? Viele von ihnen schlafen so wie wir, manche aber werden jetzt erst so richtig aktiv.

Der titelgebende Hamster zwinkert uns einladend auf dieses schöne Bilderbuch freundlich von der Titelseite zu. Im Buch sehen wir dann vor nachtschwarzer Kulisse  eine Katze durchs Revier streifen, eine niedliche Igelfamilie im Reisighaufen nach Futter suchen, eine Nachtigall im Mondschein inbrünstig ihr Nachtlied schmettern, die angehende Familie Dachs nach einer geeigneten neuen Wohnung suchen, viele Glühwürmchen sternengleich durch die Finsternis tanzen, Fledermäuse wie Säcke hängend oder flatternd,  Frösche im nächtlichen Seerosenteich von Blatt zu Blatt hüpfen, ein Wolfsrudel den Mond anheulen, den Feuersalamander eine Industrie-Silhouette vorm Abendhimmel betrachten, eine Eule nach Mäusen jagen, einen Hamster beim Hamstern bzw. Befüllen seiner Backentaschen mit Früchten und Samen, sieben Siebenschläfer beim Kirschenstibitzen, in Dächern und Autos wuselnde Marder, eine possierliche Hasenfamilie, einen streifenden Fuchs im Birkenwäldchen und noch manche andere Nachtschwärmer bei ihren Aktivitäten.

Jede der gereimten Tiervorstellungen könnte auch eine separate Bilderbuchgeschichte sein. In ihrer Gesamtheit sind die liebevoll und sehr ansprechend illustrierten Tierporträts, in denen leuchtende Farben mit der nächtlichen Dunkelheit in einem interessanten Kontrast stehen, eine schöne Sammlung von Tiergedichten zum Vorlesen und Immer-wieder-Anschauen.

 

In der Nacht, wenn der Hamster erwacht

Von Iris Schürmann-Mock (Text) und Mareike Engelke (Illustration)

Knesebeck, 2018

Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Iris ist eine neugierige junge Schwalbe, die im Frühling immer als Erste in ihren Heimatwald zurückkehrt, um bald schon über die blühenden Kirschbäume zu fliegen und im Sommer den Insektenschwärmen nachzujagen und die Kirschen reifen zu sehen.

Als sich im Herbst wie immer alle Schwalben zum Abflug in den Süden versammeln, wird Iris nachdenklich. Sie fragt sich und die anderen, was eigentlich in ihrem schönen Wald geschieht, wenn die Schwalben nicht da sind. Weil keine Schwalbe jemals im Winter dageblieben ist, kann niemand ihre Frage beantworten. Iris aber möchte auch den Winter einmal erleben und beschließt dazubleiben. Zum Abschied schenkt ihr die alte Schwalbe eine goldene Eichel-Kette. (Zum Glück, wie sich später erweisen wird …)

Iris erlebt nun, wie die Insekten immer weniger werden, wie sich die Blätter färben und von den Bäumen fallen, wie es immer ruhiger im Wald wird, wie es immer kälter wird und eines Tages der erste Schnee fällt. Die kleine Schwalbe friert und schläft erschöpft am Fuße eines Baumes ein, in dem Sam das Eichhörnchen wohnt. Sam interessiert sich für die golden glitzernde Eichel, die da im Schnee am Boden liegt. Von Iris selbst ist außer der goldenen Eichelkette  in der weißen Schneedecke fast nichts mehr zu sehen. Beinahe hätte Iris´ Entdeckerdrang sie das Leben gekostet, wenn das Eichhörnchen sie nicht gerade noch rechtzeitig zu sich in den warmen Bau geholt, beruhigende Geschichten erzählt und zusammen mit Iris nach Eicheln und letzten Insekten unterm Schnee gesucht hätte.

So kann Iris im nächsten Frühling gemeinsam mit ihrem neuen Freund Sam die aus dem Süden heimkehrenden Schwalben begrüßen und wieder die Kirschbäume blühen sehen, im Sommer reichlich Insekten jagen und den Herbst kommen sehen. Diesmal zieht sie wieder mit den Schwalben mit und es heißt, Abschied von Sam zu nehmen. Aber nicht für immer, denn im nächsten Frühling wird Iris bereits sehnsüchtig von Sam erwartet …

Der ewige Kreislauf der Jahreszeitenwechsel wird in dieser wunderbar bebilderten Geschichte eindrucksvoll deutlich gemacht. Wir sehen die erwachende Natur in ihrer ganzen Fülle, die leuchtenden Farben des Sommers, das Mysterium der Sternenbilder, feuerrot und golden leuchtende Herbstbäume und die  beinahe farblose winterliche Kargheit.

 

Die Schwalbe, die den Winter sehen wollte

Text und Illustration von Philip Giordano

Aus dem Französischen von Ingrid Ickler

Knesebeck, 2018

Bäume

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Das imposante Porträt eines Eichen-Baumriesen-Gesichts schmückt das Cover dieses fantastischen Sachbilderbuchs von Piotr Socha und macht sogleich neugierig auf den Inhalt.

Nachdem uns Socha vor zwei Jahren mit seinem grandiosen Bienen-Buch begeisterte, gelingt ihm das nun mit dem ebenso großformatigen wie großartigen Bäume-Buch, in dem er auf farbigen Bildtafeln, begleitet von wissenswerten Informationen (diese in Fließtext-Spalten neben den Bildtafeln) von Wojciech Grajkowski, die faszinierende Welt der Bäume beleuchtet. Ihre erstaunliche Vielfalt wird uns mit detailreichen Illustrationen und  interessanten Informationen ausführlich vor Augen geführt:

Beginnend mit einem großen ornamentalen und  farbenprächtigen Bild eines mexikanischen Lebensbaumes, dem magische Kräfte zugeschrieben werden, widmet sich jede der darauffolgenden Doppelseiten speziellen Themengebieten wie solchen, in denen Bäume von Nicht-Bäumen unterschieden, Blattformen, Früchte, Wurzeln oder Baumkronenformen miteinander verglichen oder jahreszeitliche Veränderungen der Bäume erkundet werden und vieles andere mehr. Hochinteressante Fakten wie die Tatsache, dass eine Riesenschildkröte auf Mauritius das Aussterben der dort ansässigen Ebenholzbäume verhinderte, dass manche Baumarten nur in sehr eng begrenzten Arealen der Erde vorkommen, dass Baobab-Bäume in ihren voluminösen flaschenartigen Stämmen große Wassermengen speichern oder dass in den Kronen marokkanischer Arganbäume Ziegen hausen, führen zu überraschenden Erkenntnissen. Sehr anschaulich werden die Dimensionen der verschiedenen Bäume vermittelt, wenn wir sie in unmittelbarer Nachbarschaft der Cheops-Pyramide, von Big Ben oder eines gewöhnlichen Einfamilienhauses vorfinden und vergleichen können oder uns die gewaltige Dicke eines Baumstammes vorstellen, um den sich kreisbildend mehr als 20 an den Händen fassende  Menschen ranken. Die Altersbestimmung heute noch lebender Bäume und deren Gegenüberstellung zugehöriger kultureller Epochen stellt einen interessanten, vernetztes Denken fördernden  Ansatz der Naturbetrachtung dar. Ausführlich wird weiterhin auf den aus Bäumen gewonnenen Rohstoff Holz  über Betrachtungen zur Arbeit der Holzfäller,  hölzerne Gebäude, Objekte, Musikinstrumente oder Kunstwerke aus Holz eingegangen, wobei abenteuerlustige Kinder wohl besonders die Vorstellung verschiedenster Baumhäuser begeistern wird. Auch Interessantes über Bonsais und andere „frisierte Bäume, Darwins Lebensbaum, Stammbäume, Bäume in Religionen, heilige Bäume, Waldlegenden, Baumungeheuer oder Urwälder ist zu erfahren und lässt immer wieder staunen.

Ein Plädoyer für das Bäume-Pflanzen rundet dieses wunderbare Sachbilderbuch ab, für das sich Kinder wie Erwachsene  in gleichem Maße begeistern und damit immer wieder aus einer umfangreichen Wissens-Schatzquelle schöpfen können.

 

Bäume

von Piotr Socha (Illustration) und Wojciech Grajkowski (Text)

Übersetzung aus dem Polnischen von Thomas Weiler

Gerstenberg Verlag, 2018

Blauer Hund

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Die als eines der stärksten Bilderbuchgeschichte im Moritz-Programm inzwischen mehrfach aufgelegte  Bilderbuchgeschichte der 1955 in Ägypten geborenen und später im Libanon und in Frankreich lebenden  Autorin und Illustratorin Nadja ist  bereits ein Klassiker und erinnert in der Erzählweise zuweilen an ein Märchen:

Ein geheimnisvoller großer Hund mit blauem Fell und grünen Augen besucht eines Tages das kleine Mädchen Charlotte, als sie spielend mit ihrer Puppe auf der Treppe vorm Hauseingang sitzt. Sie streichelt und füttert den Hund und spielt mit ihm. Von nun an kommt der Hund täglich abends zu Charlotte. Die Mutter jedoch möchte den blauen Streuner nicht im Haus haben und verbietet der Tochter mit ihm zu spielen. Schweren Herzens schickt das Mädchen den Hund weg, als er sie wieder abends am Fenster besucht. Als sich Charlotte aber beim Beerenpflücken im Wald verirrt, ist es der blaue Hund, der sie vor dem Nachtgeist in Gestalt eines schwarzen Panthers beschützt, mit diesem kämpft und am nächsten Morgen wieder sicher zu den besorgten Eltern nach Hause bringt. Aus Dankbarkeit erlauben die Eltern Charlotte nun doch, den Hund zu behalten.

Die Illustrationen zur Geschichte sind ausgesprochen ausdrucksstark und  naturalistisch, wobei der blaue Hund mit seinem unergründlichen und  geheimnisvollen Blick und der ungewöhnliche Farbe an eines der Tierwesen von Franz Marc erinnert, dazu in interessantem und eigenwilligem Kontrast steht. Die kräftigen Farben, allen voran das in vielen Motiven immer wieder auftauchende hell leuchtende Gelb, das Orange, verschiedene Grüntöne und das kräftig satte Blau des Hunde lassen Assoziationen zu expressionistischen Gemälden entstehen und sind wunderschön. Die Kampfszene mit dem Panther könnte zartbesaitete kleine Bilderbuchgucker wegen ihrer arg realistischen Darstellung der scharfen Krallen, funkelnden Augen und blitzenden Fangzähne allerdings auch ein wenig ängstigen – hier muss der Blick vielleicht dann besser nicht allzu lange verweilen.

Mit Spannung und farbgewaltigen Bildern, die sich magisch ins Gedächtnis brennen, schafft  es diese Bilderbuchgeschichte, dass die Kinder mit der tapferen kleinen Protagonistin hoffen und bangen und sich letztlich über den glücklichen Ausgang umso mehr freuen.

 

Blauer Hund

Text und Illustration: Nadja

Moritz Verlag, 3. Auflage der Neuausgabe in verändertem Format, 2013

Professor Astrokatz – Reise durch den Körper

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

 

Nach seinen bisherigen spannenden  und abenteuerlichen Ausflügen ins Universum („Professor Astrokatz –Universum ohne Grenzen“) und in die Welt der Physik („Professor Astrokatz – Physik ohne Grenzen“) entführt uns der superschlaue Kater Professor Astrokatz diesmal auf eine Forschungsreise durch den menschlichen Körper. Zusammen mit seinen Freunden Evi, Gilbert, Martha, Astromaus, Felicity und dem menschlichen „Gehilfen“ Dr. Dominic Walliman erklärt er uns dessen hochkomplexe Funktionsweise und Anatomie.

Beginnend mit einführenden Erläuterungen der Grundkategorien des Lebens und einem systematischen Überblick über unsere unterschiedlichen Bestandteile und Organsysteme geht die Forschungsreise immer weiter ins Detail bis hinein in mikroskopisch kleine Bestandteile der Zellen, so dass wir Hochinteressantes über unseren Körper und sein Skelett, seine Muskeln, das Wunderwerk Haut, die Sinnesorgane Nase, Ohren und Augen, das Gehirn und seine Funktionen, die Körperorgane das Nerven-, Hormon- und Immunsystem und die Fortpflanzung erfahren. Weitere Themengebiete befassen sich mit den Wachstumsprozessen, der Genetik, der gesunden Ernährung, der Medizin, dem Leben mit Beeinträchtigungen und spannenden Ausblicken in die Zukunft und deren mögliche Technologien.

Das alles geschieht mit Hilfe von vielen knallig bunten Illustrationen, in denen sich Professor Astrokatz und seine Freunde voller Tatendrang und Wissbegier durch den menschlichen Körper bewegen, derart lebendig, anschaulich und faszinierend, dass die Forschungsreise niemals langweilig oder zu trocken rüberkommt: Sie mikroskopieren, beleuchten Knochen oder Muskeln mit ihren Taschenlampen oder heben sie wie schwere Gewichte in die Höhe, hangeln sich wie in einem Dickicht über die Kopfhaut von Haar zu Haar, springen munter von Zahn zu Zahn, arbeiten sich unerschrocken durch grünen Nasenschleim und Gehörgänge hindurch, klettern sportlich über die Netzhaut, durch Neuronennetze oder Bronchialbäume, schwimmen munter an Blutkörperchen vorbei und in Herzkammern hinein, wandern lustig durch Magen und Darmzotten, bauen Mauern aus Kohlenhydraten, versuchen sich als Küchenhelfer, ärztliche Assistenten oder Cyborg-Entwickler, dass es eine wahre Freude ist.

Wenn schwierige wissenschaftliche Sachverhalte und Zusammenhänge derart anschaulich,  unterhaltsam und interessant vermittelt werden, kann das Lernen riesengroßen Spaß machen!

 

Text: Dr. Dominic Wallmann

Illustration: Ben Newman

Übersetzung aus dem Englischen: Sylvia Prahl

NordSüd, 2018