Archiv der Kategorie: Philosophie

Hackes Tierleben

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Axel Hackes Tierkunde-Klassiker von 1995 gibt es wieder- aktualisiert und in neuem Format.

Ob der Leser oder die Leserin nun ausgesprochenen tierlieb ist oder eher tierfern lebt – nach der Lektüre (für Hacke-Fans natürlich Pflichtliteratur) wird man das Buch, welches sich mit 26 mehr oder weniger ernstgemeinten oder wissenschaftlich fundierten Charakterstudien und Psychogrammen von Tieren befasst, die Michael Sowa mit wunderbaren Illustrationen begleitet, liebevoll in seine Bibliothek einreihen oder als Geschenk an liebe Freunde weiterreichen wollen, um sie mit dem Hacke-Virus zu infizieren.

Eine Hommage gilt der Giraffe, der das Buchcover gewidmet ist – dem  stillen Tier, welches den Wolken Gedichte zuflüstert. Ebenso dem berühmtesten deutschen Wellensittich Putzi Ragotzi, dessen Sprachschatz 300 Wörter umfasste und der Worte wie Schnupperle und Pupperle  eigenständig zu Schnuppupperle zusammensetzen konnte, gilt es einfach gebührende Aufmerksamkeit und bleibendes Gedenken zu schenken.

Hackes nachdenkliche Betrachtungen über den sich ganzjährig mit Paarungsvorbereitungen befassenden Rothirsch münden in Überlegungen zur Sicherung von Filmrechten für einen potentiellen Hollywood-Schinken, in dem der von den Rehen unverstandene, von den Hirschen geächtete und von den Feldhasen verlachte kahlköpfige Hirschbock wirren Gemüts auf einer verschneiten Lichtung in den Armen seines Revierförsters verendet. Wem würde es angesichts dieser Vorstellung nicht Tränen in die Augen treiben? Doch damit nicht genug – das Sinnieren über die bildliche Vorstellung eines Geweih-bewehrten Menschen-Mannes, dem Hacke schlussendlich gar eine Art Freud´schen Geweih-Neids unterstellt, der eine Herausforderung für die heimische Hut-Industrie oder das Friseurhandwerk und problematisch in der U-Bahn oder beim Fahren japanischer Autos wäre, andererseits aber neue Möglichkeiten für das Tragen von Aktentaschen mit sich brächte, bringt uns zum Philosophieren und den zu Lachkrämpfen Neigenden an die Grenzen des Aushaltbaren.

Betrachtungen zum Wal führen neben dem Ausdenken von Bestrafungsszenarien für walfangende Nationen zur nüchternen Feststellung, dass ein Pottwal einen Mann im Ganzen schlucken könne, umgekehrt aber, falls der Mensch einen Pottwal essen wolle, diesen kleinschneiden müsse – die Rückkehr aus dem Magen des Fressenden also nur in dem einen Fall theoretisch möglich wäre. Wie gut zu wissen.

Wie rührend die Geschichte vom treuen Regenwurm Erich, der unter der Erde all unsere Wege verfolgt, um ab und zu gegen unseren großen Zeh zu stubsen. Poetisch fabuliert Hacke über eine geheime Regenwurmwelt nahe am Erdmittelpunkt, wo die Würmer an der Garderobe ihre braune Haut abgeben, aus dieser ein wunderschönes regenbogenfarbenes Geschöpf zum Vorschein kommt, um Regenwurmorgien zu feiern. Rechtzeitig bevor wir weiter in schwärmerisches Sinnieren abgleiten, werden wir mit der Feststellung, dass die Erde letztlich nichts als ein gigantischer Haufen Regenwurmscheiße ist, in die Realität zurückgeführt.

Erhellend auch das Wissen um die Bedeutung des Goldhamsters, der tausendfach in Laufrädern  radelnd  in Kellern unter Finanzfilialen diese mit Strom versorgt und zu der Überlegung Anlass gibt, ob von der unverschämten Gebührenpolitik der Banken Enttäuschte dereinst erbost die Hamsterkeller in Frankfurt stürmen.

Bewundernd betrachten wir die multiplen Fähigkeiten des sich entsprechend seiner Gemütslage lila vor Behagen verfärbende Chamäleon, welches auf dem Sofa liegend mit dem linken Auge einen Liebesfilm sehend und mit dem rechten Auge ein Buch lesend dann und wann seine Schwungfederzunge in die Schale mit den Kartoffelchips hinüberhüpfen lässt – ein Sinnbild des Genusses!

Ebenso genüsslich sollten wir uns dieser Lektüre widmen, die uns neben den genannten noch über Charakteristiken vieler weiterer Tiere wie Bären, Flamingos, Schafe, Kakerlaken, Hyänen, Hühner, Heringe, Möpse und anderer Arten aufklärt und schmunzeln lässt und uns  nie mehr Matjes nach Hausfrauenart ohne schlechtes Gewissen verzehren oder Schokohasen im Kühlschrank neben der Wurst aufbewahren lässt.

 

Hackes Tierleben

Text: Axel Hacke

Illustration: Michael Sowa

Verlag: Kunstmann, 2019

Werbeanzeigen

Mein Jimmy

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Pressetermin des Tulipan-Verlags in München,  Arena-Kino: Dem feuchtkühlen Januarabend steht erwärmende Vorfreude  zur Bilderbuchpremiere von „Mein Jimmy“ entgegen. Im Foyer wärmen sich die buchaffinen Gäste an heißen Getränken und nehmen dabei den Bücherstapel in Augenschein. Das in zurückhaltender Farbigkeit gestaltete Cover des neuen Bilderbuches zeigt das Porträt eines Nashorns, zwischen dessen Nasen-Hörnen sich breitbeinig ein keckes Vögelchen justiert hat und dem Nashorn direkt in die Augen blickt. Aus dem Blickwechsel der Beiden scheint eine tiefe Vertrautheit zu sprechen. Vertrauen und ewige Verbundenheit sind auch das Grundthema des Bilderbuches.

In der Geschichte blickt Hacki, der Madenhacker, nachdem er sich  von seinem geliebten Beschützer und Freund Jimmy, dem alten Nashorn, mit dem er anfangs so manches Abenteuer erlebte, welches  dann aber immer schwächer wurde und sich eines Tages für immer zur Ruhe legen musste, trennen muss,  auf die gemeinsam erlebte Zeit  zurück.

Zur Premiere anwesend sind der Autor Werner Holzwarth mit seinem Sohn Tim und der Illustrator Mehrdad Zaeri. Holzwarth spricht vor der Lesung zur Vorgeschichte der Buchentstehung, zu deren Beginn der Autor 67 Jahre und sein Sohn 5 Jahre alt waren. Er hat die berührende Geschichte von Jimmy und Hacki, eine Geschichte über das Leben, zu dem das Sterben ebenso gehört wie Freude und Trauer, im Bewusstsein über die eigene Endlichkeit und die relative zeitliche Begrenzung der bevorstehenden gemeinsamen Zeit für seinen  Sohn geschrieben , dem er vermitteln wollte, dass Beides, Glück ebenso wie Trauer,  seine Zeit hat, dass man auch nach der Zeit der Trauer wieder glücklich sein kann und darf. Mit Begeisterung hatte der Sohn damals die vom Vater vorgelesenen Szenen der Geschichte in bemerkenswert ausdrucksstarke Zeichnungen umgesetzt, von denen es nun einige zu bewundern gibt. Auch der BuchiIllustrator Mehrdad Zaeri, der anschließend mit dem inzwischen einige Jahre älteren Tim in ein  ernsthaftes wie humorvolles und auch zeichnerisch-praktisches Zwiegespräch  tritt, ist begeistert von Tims Zeichnungen. Schön, dass es zwei von Tims ursprünglichen Zeichnungen nun auch im Vorsatz des fertigen Buchs gibt, sie rahmen die Geschichte gewissermaßen ein.

Die Verlegerin Mascha Schwarz erzählt davon, dass sie vom Buchmanuskript sofort tief berührt  und fest entschlossen war, dieses Buchprojekt zu realisieren. Dass es nicht unmittelber dazu kam, liegt nicht zuletzt an der Arbeitsweise des Wunsch-Illustrators Zaeri, für den, wie er selbst sagt, die Bildideen zu einem Buch erst eine Zeit reifen müssen – und das dauere bei ihm eben etwa zwei Jahre. Dennoch sollte es dieser und kein anderer Illustrator für sein Buch sein, betont Holzwarth. Die Zeit der Reife ist den immer sehr tiefgründigen und berührenden Zeichnungen von Mehrdad Zaeri  durchaus anzusehen. Eine beeindruckende und sehr inspirierende Kostprobe seiner Arbeitsweise führt der Illustrator dann auch gleich mal live dem Publikum vor: Beginnend mit blind gekritzelten Liniengebilden und Strukturen entwickelt er daraus erste Bildideen und verknüpft diese mit weiteren sich spontan einstellenden zeichnerischen und philosophischen Eingebungen – und schon ist in wenigen Minuten eine unverkennbare Mehrdad-Zaeri-Illustration in ihrer typischen, ganz eigenen  Bildsprache entstanden.

Das nun entstandene Gemeinschaftswerk ist, trotz der traurigen, aber auch humorvollen Geschichte, ein zutiefst berührendes Buch über das Leben, welches alle Altersstufen gleichermaßen anzusprechen vermag und zeigt, dass innige Verbundenheit nicht mit dem Tod endet.

Text: Werner Holzwarth

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Tulipan, 2019

Napoleon Chamäleon

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Napoleon, das Chamäleon, lebt im tiefsten Dschungel auf einem schicken Ast (Gibt es „schicke“ Äste?). Mindestens so schick wie sein Ast ist Napoleon selbst. Da er nach Chamäleon-Art ein Meister der Tarnung ist, wird er jedoch meist übersehen – und genau das ist sein Problem.

Denn Napoleon hätte gerne Freunde wie Papagei Polly oder Affe Micky. Um von ihnen bemerkt zu werden, gibt sich der niedliche kleine Kerl alle erdenkliche Mühe: er macht Komplimente, winkt, scharwenzelt, präsentiert sich in den schönsten Farben, flicht aus Zweigen eine Matte mit „Hallo“-Schriftzug, baut für Papagei Polly eine Trompetenblumen-Vogeltränke, beginnt gar zu schielen. Alles vergebens, keiner scheint das arme Chamäleon  zu sehen. Nun setzt Napoleon noch eins drauf und versucht es mit einem Kopfstand, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als dieser final misslingt , Napoleon abstürzend mit seiner langen klebrigen Zunge in den Zweigen hängenbleibt und aus der misslichen Lage heraus die potentiellen Freunde lispelnd um Hilfe bittet, werden sie auf ihn aufmerksam und bemerken seine schönen Farben. Endlich hat Napoleon in Polly und Micky Freunde gefunden, die ihn mögen und mit ihm spielen. Am liebsten spielt er Verstecken, und das kann er ja auch besonders gut. Man freut sich wirklich mit, dass Napoleons Bemühungen schließlich doch, wenn auch auf Umwegen, zum Ziel geführt haben.

Und doch komme ich ins Grübeln über sich aufdrängende Fragen: Muss mir erst ein Missgeschick passieren, damit ich endlich gesehen werde? Wenn die Tiere Napoleon aus nachvollziehbaren Gründen schon nicht SEHEN, warum HÖREN sie ihn aber auch nicht, als er sie direkt anspricht? Warum übersehen sie sein Flechtwerk und die Vogeltränke? Warum steht im Text, dass niemand hinschaut, wenn im Bild sehr wohl jemand, nämlich ein Kolibri, hinschaut? Ist das Absicht? Vielleicht ist das Leben eben einfach manchmal ungerecht und Glück mitunter dem Zufall überlassen? Oder aber soll die Erkenntnis reifen, dass man sich nicht krampfhaft verbiegen sollte, um Freunde zu finden, sondern einfach so sein, wie man wirklich ist? Aber genau das hat Napoleon getan. Oder nicht? Man weiß es nicht genau … ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn über Fragen lässt sich herrlich philosophieren.

Auch wenn sich mir die Botschaft (Braucht es überhaupt eine solche?)nicht eindeutig erschließen will und einige Fragen offen bleiben, ist es ein schönes, farbenfrohes Bilderbuch zum Schauen und Entdecken mit einem herzallerliebsten Helden, für den man sich freut, dass er zu guter Letzt endlich gesehen wird und Freunde findet.

 

Text: Kurt Cyrus, Andy Atkins

Illustration: Christine Faust

Verlag: Magellan, 2019

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

50 MINDSHOTS

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Zeitlose und aktuelle Lebensthemen unterschiedlicher Bereiche und mit ihnen verknüpfte umgangssprachliche Wendungen und Begriffe, die bestimmte Abläufe oder Gefühlswelten assoziieren, wie beispielsweise IMMER ONLINE, PRESSEFREIHEIT, ZEITNOT, DAS FREIE SPIEL DER KRÄFTE, ALKOHOLISMUS, BURNOUT,  NICHT NEINSAGEN KÖNNEN, SMARTPHONEJUNKIE, HAPPY HOUR, DEADLINE oder CYBERMOBBING fasst der Illustrator Sergio Ingravalle seine grafischen Reflektionen,  sogenannte „ Mindshots“,  in  50 stilistisch reduzierten wie prägnanten, konsequent 4-farbig in schwarz , weiß, rot und grau gestalteten Sinnbildern, die sich weit mehr als jede ausführliche schriftliche Abhandlung ins Gedächtnis brennen, zusammen.

Wer zuweilen glaubt, von BLA, BLA, BLA – Phrasendreschern umzingelt zu sein, wird möglicherweise  ein Gefühl der  inneren  Bestätigung beim Anblick der gewaltigen kreisrunden Sprechblase, die von einem durch eine herannahende Hand vermittelten gezielt gesetzten Nadelstich augenblicklich zu zerplatzen droht, empfinden.

Die drohende Gefahr der SELBSTISOLATION, bei der das Gesicht eines in einem dunklen Käfig hockenden Mediennutzers, das mit dem abgestrahlten Licht  seines Laptop-Bildschirms zu verschmelzen scheint, wird dem Betrachter in eindringlicher Intensität bewusst.

Unter ZEITNOT Leidende wird das innere Bild, gefesselt an den Zeiger einer riesengroßen Uhr mit dem Blick auf das unausweichliche Ertrinken zuzusteuern, so schnell nicht mehr loslassen.

Die Notwendigkeit IMMER ONLINE zu sein hinterfragt der eine oder andere Netzbesessene

beim Anblick der bettlägerigen Figur mit dem Netzzeichen über dem Kopf und bekommt sie so schnell nicht mehr aus dem eigenen Kopf.

Zu ALKOHOLISMUS entwickelt Ingravalle das eindringliche Bild eines überdimensionierten Rotweinglases, in welches eine winzige Figur vom Sprungturm aus zum freien Fall ansetzt.

Wer gegen das NICHT NEIN SAGEN  KÖNNEN ankämpfen will, wird bei einem unfreiwillig gehauchten JA an das  riesengroße NO in der Gehirn-Sprechblase der Silhouette eines Kopfes denken und seinem Gegenüber endlich entgegenschmettern wollen – oder mit diesem inneren Bild endlich auch können.

Ingravalles Mindshots üben mit erstaunlicher Treffsicherheit Gesellschafts- oder Sozialkritik ohne moralinsauer den Zeigefinger zu heben und bringen zum Nachdenken wie Schmunzeln.

 

50 Mindshots

Sergio Ingravalle

Knesebeck, 2018

ISBN 9 783957 282033

 

Oje, ein Buch!

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector, Malkastl.de

Oje, ein Buch! – Fast ein Ausruf des Entsetzens, den die Smartphone-affine Frau Asperilla da ausstößt, als ihr der kleine Juri freudig das Buchgeschenk von Herrn Schnippel (wer auch immer das sein mag) präsentiert und Frau Asperilla tatsächlich denkt, dass sie angesichts eines scheinbaren Irrtums etwas wiedergutzumachen hätte. Juri, der zwar weiß, dass ein Buchgeschenk niemals ein Fehler sein kann, geht auf das Wiedergutmachungsangebot nur zu gern ein und schlägt dazu das gemeinsame Anschauen des Buches vor. Ganz schön clever, denkt der (Vor)leser und ahnt bereits, dass Frau Asperilla wohl leider zu jenen Zeitgenossen zu gehören scheint, die mit Büchern wenig bis gar nichts anzufangen wissen – ganz im Gegensatz zu Juri. Der kann sich das Gehabe von Frau Asperilla eigentlich nur so erklären, dass sie ihn nur auf den Arm nähme (aber leider ist es bittere Realität), als sie tatsächlich nicht zu wissen scheint, dass sich Bücher nicht von selbst vorlesen, man sich beim Lesen etwas vorstellen muss, es immer von links nach rechts geht und dass man nicht wischen sondern umblättern muss, um zu wissen, wie es weitergeht. Und Bilder werden in Büchern auch nicht größer, wenn man sie zwischen Daumen und Zeigefinger auseinanderzuziehen versucht, muss Frau Asperilla enttäuscht feststellen.

Weil aber Juri für Frau Asperilla ein ausgesprochen geduldiger und kundiger Vorlese-Lehrer ist, von dem man auch so nützliche Sachen übers Vorlesen lernt wie zum Beispiel, dass man doch möglichst krächzen sollte, wenn im Buch ein krächzendes Monster etwas sagt, gewinnt auch sie – zögerlich, aber stetig – Gefallen an dem mysteriösen Medium Buch, wird neugierig wie ein Kind auf dessen Inhalt, fiebert ängstlich mit im Zuge des Geschehens in der Geschichte, als mäusefangende Katzen und Monster darin auftauchen. Und ebenso lernt sie durch Klein-Juris philosophische Erkenntnis (die gleichzeitig in einer Mini-Geschichte in der Geschichte – von zwei Vögeln und einem roten Faden- verdeutlicht wird)  auch, dass die Sichtweise auf die Dinge davon abhängt, von welcher Seite aus man sie anschaut.

Die  Umkehrung von Klischees gelingt hier als interessanter und überraschender  Aspekt des parallelen Erzählens von drei  geschickt miteinander verknüpften Geschichten, welche mit augenzwinkernder Leichtigkeit daherkommen und mit frischen, reduzierten und gleichzeitig aussagestarken Buntstiftzeichnungen bebildert sind.

Wie viel zwischen zwei Menschen, die sich gemeinsam ein Buch anschauen, passieren kann, zeigt das Buch, welches als Anlass zum Nachdenken und Miteinander-Reden für alle großen und kleinen Leseratten ebenso wie für alle Buchmuffel und Smartphone-Junkies sehr zu empfehlen ist, auf geniale Weise.

 

Oje,ein Buch!

Lorenz Pauli/ Miriam Zedelius

Verlag atlantis

2018

ISBN 978-3-7152-8742-1

Da bist du ja!

Da bist du ja! Die Liebe, der Anfang – allüberall

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Kathrin Schärer

Verlag: atlantis, 2017 (3.Auflage)

 

Liebevoll blicken sich die beiden Bilderbuchhelden –deren Zugehörigkeit zu bestimmten Tierspezies wie etwa Hund oder Schwein nur bedingt definierbar, doch ebenso unerheblich ist- direkt in die Augen und scheinen in diesen vertrauensvollen Blick alles legen zu wollen, was nur selten mit Worten hinreichend auszudrücken ist: das Gefühl tiefster Zuneigung, der Liebe.

Das Große und das Kleine, wie die beiden namen-, geschlechts- und alterslosen und damit universellen hinreißenden Wesen im Buch genannt werden, haben sich ziemlich lieb, das sieht und merkt man sofort. Gemeinsam sinnieren sie über den Anfang dieser (Liebes-)geschichte ihrer innigen Freundschaft und Verbundenheit – wie es plötzlich „RUMMMMMS“ machte, und die Liebe kam und das Große dachte, dass diese so groß wäre, dass sie niemals Platz in ihm hätte und wie das Kleine damals spürte, dass es hier bei dem Großen genau richtig wäre und dieses Gefühl voller Poesie auszudrücken versucht. Dass das Kleine mag, dass das Große nicht alles mag, dass alles einen Anfang, aber nicht alles ein Ende haben muss, dass es ein gemeinsames Ziel gibt, nämlich jenes, immer wieder ein kleines Stückchen Anfang zu finden, dass die Liebe nicht aufhören muss, wenn sich einer verändert, sondern das, was sich nie ändert, wie ein Kirschkern sei, aus dem ein Baum wachsen kann.

Poetisches, Tiefgründiges und Philosophisches schwingt hier federleicht inmitten liebevoll gezeichneter Szenarien, in denen das Große und das Kleine durchs Universum schweben, sich herzzerreißende Blicke zuwerfen, ihre Nähe genießen, Schabernack treiben, den Mond bestaunen und in Baumkronen hockend philosophieren.

Herzerwärmender, anrührender, umwerfender und liebevoller kann man die Liebe kaum beschreiben – ein Bilderbuch, in welches man sich augenblicklich verlieben muss!

 

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Text: Axel Hacke

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Das kleine, beinahe unscheinbare Büchlein im schlichten weißen Einband beherbergt Axel Hackes literarische Erkundungen über den Anstand – sehr ambitioniert, sehr ernsthaft und sehr unterhaltsam.

Anstand – was ist das eigentlich? Ist der Anständige zunehmend der Dumme? Wie können wir leben, wenn wir trotz  zunehmender Rücksichtslosigkeit, Lügen, Wut und Hass in der gegenwärtigen Gesellschaft dennoch anständig bleiben wollen?

Anhand zahlreicher interessanter literarischer und philosophischer Bezüge – zu Kästner, Fallada, Camus, Knigge, Kant, Marc Aurel und anderen- und bemerkenswerter Dialoge mit einem imaginären Freund betrachtet Hacke die grundlegenden Motive und Regeln des menschlichen Anstands und dessen Gefährdung durch eine zunehmend sich verändernde und verrohende Kultur des Umgangs, wie wir sie beispielsweise momentan durch eine Flut von Wut- und Hassreden, Gepöbel, Fake-News oder befremdliches Gebaren eines twitternden Präsidenten erleben.

Für diejenigen, die auch in schwierigen Zeiten anständig bleiben wollen, die sich zuweilen als Gutmenschen und Naivlinge verhöhnen lassen müssen, die Sinnsuchenden oder die Zweifelnden im Strudel zunehmender Polarisierung ist Hackes Plädoyer für den Anstand eine sehr empfehlenswerte und bereichernde Lektüre.

Für die anderen -wahrscheinlich diejenigen, denen man es aus bekannten Gründen  dringend nahelegen würde- wohl leider vergeblich.

ZWEET

Text: Marit Kaldhol

Übersetzung aus dem Norwegischen:  Maike Dörries

Verlag: Mixtvision, 2017

 

ZWEET, ein ganz außergewöhnlicher bemerkenswerter Jugendroman von Marit Kaldhol, die zum Beispiel mit ihrem 1986 erschienenen berührenden Kinderbuch „Abschied von Rune“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und vielen weiteren Preisen ausgezeichnet wurde, behandelt Themen, die sich um Anderssein, Mobbing und die erste Liebe ranken.

Das wunderbar gestaltete Cover mit einer silhouettenhaften, in einer Bienenwabe hockenden, geflügelten Menschengestalt stimmt auf die Geschichte ein, welche mich von der ersten bis zur letzten Zeile magisch in ihren Bann zieht. Durch die klare wie poetische Sprache , die sich spannungsreich zuspitzenden äußeren Ereignisse, die innere Gedankenwelt eines ungewöhnlichen Mädchens und zweier  auf unterschiedliche Weise mit ihr verbundener Menschen wird die erzeugte besondere Atmosphäre beinahe hautnah spürbar.

Drei junge Menschen kommen nacheinander zu Wort und beschreiben aus ihrer jeweiligen Perspektive  eindringlich ihre Sichtweise und Reflexion auf erschütternde Ereignisse.

Den Anfang macht die Außenseiterin Lill-Miriam, die von ihren Mitschülern „das Biest“ genannt wird und doch so weit entfernt von einem solchen zu sein scheint, wie man sich nur vorstellen kann. Sie ist anders, einsam, hochsensibel und verletzlich und spinnt sich -vor allem in ihrem Versteck auf dem Dachboden der Schule, wo sie ihren philosophischen und naturwissenschaftlichen Betrachtungen nachgeht- in ihrer Phantasiewelt der Bienen und Insekten in einen Kokon, der sie immer mehr von den anderen abgrenzt.

Susan quält sich mit Schuldgefühlen und Erinnerungen an das, was sie und ihre Freundinnen der verhassten Außenseiterin einst Schreckliches angetan haben.

Ruben sorgt sich um Lill-Miriam, die seit dem Katastrophenalarm an der Schule verschwunden bleibt. Der kubanische Junge fühlt sich zu dem sonderbaren Mädchen hingezogen. Er sinniert darüber, wie ihre erste zarte Beziehung entstand, die Beziehung zweier seelenverwandter Inselmenschen, die zueinanderfanden und sich ohne viele Worte verstanden.

Selten hat mich eine Geschichte derart sogartig eingenommen und berührt wie diese und sehr nachdenklich zurückgelassen. Sie wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

 

 

Wir haben einen Hut

Text und Illustration: Jon Klassen

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bilderbuchliebhaber werden bereits die beiden preisgekrönten Bücher „Wo ist mein Hut“ und „Das ist nicht mein Hut“ von Jon Klassen kennen. Nun gesellt sich ein drittes mit der Hut-Thematik – „Wir haben einen Hut“ – dazu.

Zwei Schildkröten, in der Wüste unterwegs, finden einen weißen Hut. Abwechselnd probieren sie aus, wie gut dieser ihnen steht, stellen jedoch zugleich fest, dass es nicht gerecht wäre, wenn nur eine von ihnen diesen Hut trüge und die andere unbehütet bliebe. Schweren Herzens trennen sie sich von dem Fundstück, ziehen weiter und beschliessen, nicht mehr daran zu denken. Wenn das so einfach wäre …

Jon Klassen ist ein Meister der Reduktion. Farblich beschränkt er sich in diesem Buch überwiegend auf Braun- und Grau-Töne, aus denen der besagte weiße Hut und das im begehrlichen Blick nach dem ersehnten Objekt aufblitzende Augenweiß der Schildkröten sowie das leuchtende Apricot der untergehenden Sonne umso kontrastreicher und damit deutlicher hervortreten. Bei der darstellerischen Umgebungsbeschreibung beschränkt sich Klassen auf wenige Details wie Steine, Pflanzenhalme, Kakteen und zahllose im Dunkel der Nacht weißleuchtende Sternenpunkte. Auch der begleitende Text ist sehr reduziert und  mit Bedacht gewählt. Teilweise ist einzelnen kurzen Sätzen eine ganze Buchseite vorbehalten, was diesen entsprechendes Gewicht verleiht und sehr elegant erscheint. Gleichzeitig überraschend und überzeugend ist die Entscheidung, den sparsamen Text nochmals  durch drei Kapitelüberschriften (Den Hut finden –  Den Sonnenuntergang betrachten –  Schlafen gehen) inhaltlich zu ordnen und abzugrenzen.

Nichts Aufregendes oder Bedeutendes passiert hier – lediglich das Dilemma, zwei Köpfe, doch nur einen Hut zu haben und die sich daraus ergebenden realen und emotionalen Konsequenzen werden zum gedankenanstossenden Bilderbuchthema, über welches sich bestens miteinander philosophieren lässt.

Dass Begehrlichkeiten sich mit Rücksicht auf den Anderen nicht immer erfüllen, aber immerhin erträumen lassen, erschliesst sich in der wunderbaren Symbolik des in den  sternenfunkelnden Nachthimmel fliegenden doppelt behüteten Schildkrötenpaares.