Archiv der Kategorie: Philosophie

Der kleine Prinz

Von Valeria Docampo und Agnés de Lestrade sind bei Mixtvision bereits so traumhaft schöne Bilderbücher wie „Die große Wörterfabrik“, „Der Bär und das Wörterglitzern“ sowie „Die Schneiderin des Nebels“ erschienen. Nun haben sie sich an das Projekt gewagt, die weltbekannte Geschichte vom kleinen Prinzen in ein Bilderbuchformat zu bringen. Und das schon mal vorab: es ist wunderbar gelungen! Einen Kritikpunkt habe ich dennoch: ein Hinweis auf den Ursprungsautor Antoine de Saint-Exupéry fehlt leider oder ist so gut versteckt, dass ich ihn nicht gefunden habe.

Wer Antoine de Saint-Exupérys wunderbare philosophisch-poetische Geschichte „Der kleine Prinz“ (von 1943) kennt – und wer kennt sie nicht? – und deren Illustrationen in seinem bildnerischen Gedächtnis verankert hat, erkennt auf der ersten Doppelseite der gleichnamigen kindgerecht nacherzählten und bezaubernd illustrierten Bilderbuch- Version sofort den Hut, der eigentlich eine Schlange ist, welche einen Elefanten verschluckt hat und das in der Wüste Sahara notgelandete Flugzeug des Ich-Erzählers. Im Original weist dieser auf seine von Erwachsenen attestierten nur minder entwickelten zeichnerischen Fähigkeiten hin, die seinen ursprünglich gefassten Entschluss, Maler zu werden, vereitelten und ihn stattdessen Pilot werden ließen. Auf der zweiten Doppelseite des Bilderbuchs betrachten wir diesen nun aus der Vogelperspektive als ratlosen Bruchpilot in der Wüste neben seinem bäuchlings im Wüstensand liegenden roten Flugzeug – ein wirklich ausdrucksstarkes Bild, das die menschliche Verlorenheit in der unendlichen Weite kaum besser verdeutlichen könnte. Wie im Original begegnet der Bruchpilot nun in dieser Ödnis einem kleinen zierlichen Kerlchen, dem kleinen Prinzen, welcher ihn bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen, mit den zeichnerischen Ergebnissen jedoch zunächst nicht zufrieden ist, sehr wohl aber mit der gezeichneten Holzkiste, in welcher er sich das Schaf vorstellen soll. Der weitere Handlungsverlauf, in dem der kleine Prinz dem Piloten seine Geschichte erzählt und mit ihm melancholisch über deren Verlauf sinniert, wurde weitgehend an das Bilderbuchformat und das Verständnis der jungen Leserschaft angepasst, ohne zunächst befürchtete Einbußen am philosophischen und poetischen Grundgehalt der Ursprungsgeschichte hinnehmen zu müssen. Dieses Kunststück gelingt vor allem durch die direkt ins Herz treffenden traumhaft schönen Illustrationen von Valeria Docampo, der es wunderbar gelingt, die Essenz der Geschichte, eine Hommage an Freundschaft, Liebe und Menschlichkeit, in künstlerisch bemerkenswerte, ausdrucksstarke Bilder zu übersetzen.

Der kleine Prinz erzählt von seinem Heimatplaneten mit der wunderschönen Blume, die nur vier Dornen zur Verteidigung hatte und die empfindlich und anstrengend war, weswegen er sie beinahe fluchtartig, von einem Planeten zum anderen reisend und dort die verschiedensten Herrscher kennenlernend und prägende Erfahrungen machend, verlassen hatte, nun aber voller Gewissensbisse war, zumal der liebenswerte wie weise kleine Fuchs, welcher ihm auf der Erde zum Freund wurde,  dem Prinzen sagt, dass er für immer verantwortlich sei für das, was er sich vertraut gemacht hat. Der Wunsch, zu seiner Rose zurückzukehren, wird übermächtig. Und so lässt sich der kleine Prinz von der gelben Schlange berühren, deren Gift bewirkt, für immer von hier zu verschwinden und zur Heimaterde zurückzukehren – wie traurig, berührend und wunderschön zugleich! Und die Vorstellung, in einem der funkelnden Sterne am Himmel das Lachen des kleinen Prinzen zu vernehmen, ist ungeheuer tröstlich für Kinder wie Erwachsene und ein schönes Gleichnis für jegliches Werden und Vergehen.

Agnés de Lestrade (Text) & Valeria Docampo (Illustration), Mixtvision, 2019

Wild & Wise

Welche Lektionen wir von den eher wenig beachteten, weil unscheinbaren, weniger schönen bis hässlichen oder gar giftigen Tieren, Pflanzen und anderen Phänomenen der Natur lernen können, erfahren wir in dem 160seitigen handlichen Büchlein mit dem graphisch ansprechenden türkisfarbenen Cover, auf dem sich drei Schlangen umeinander winden.

Insgesamt 70 solcher „Underdogs der Natur“  werden auf je einer Doppelseite vorgestellt, wobei sich zum Text jeweils eine ganzseitige Illustration als dessen künstlerische Interpretation gesellt. Zwischen den Porträts finden sich darüber hinaus zuweilen im kontrastreichen Gegensatz zum Aussagegehalt des Geschriebenen stehende künstlerisch sehr aufwändig gestaltete Doppelseiten, die philosophisch mehr oder weniger tiefgründige Fragen wie „Was, bitte sehr, wäre die Welt ohne Sauerkraut?“ oder die persönliche Sammlung unnützen Wissens bereichernde Fakten oder Erkenntnisse wie „Kaum jemand verliert ein nettes Wort über das Tollwut-Virus.“ oder „Die Hausmaus kotzt niemals, selbst wenn sie die eigenen Köttel frisst.“ aufwerfen.

Angefangen mit der minder beliebten Küchenschabe, von welcher wir lernen können auf Zeit zu spielen, und die seit 320 Millionen Jahren ziemlich anspruchslos vor sich hin lebt, die sich sogar im Weltraum vermehrt und die einen Atomkrieg locker überleben würde, über die sich nach Liebe und Menschlichkeit sehnende und doch überdurchschnittlich oft als widerlich schleimige Kreatur empfundene und von Hobbygärtnern gehasste Nacktschnecke, die Raffinesse des Tollwut-Virus, die Intelligenz der Wanderratte, die durch die Beine atmende Kellerassel, Gedanken zum faszinierenden Zustand des Vakuums, den leicht entflammbaren Stechginster, den allseits unbeliebten Mix aus Regen und nassem Schnee alias Schneeregen, den sich Aufzucht- und Erziehungspflichten entziehenden cleveren Kuckuck (Merke: „Hast du mal darauf geachtet, wie Kinder sind? Schreckliche Brut. Der Kuckuck ist gar nicht so dumm.“), die Stubenfliege, welche  Informationen um ein Vielfaches schneller als der Mensch verarbeitet, über Bakterien, rätselhafte Flechten, die Kopflaus oder den minderbegabten, depressiven Fasan  bis hin schließlich zum sich selbst als klügstes Lebewesen betrachtenden Mensch werden mit einer reichlichen Portion subtilen Humors aus den Eigenarten der Spezies mehr oder minder hilfreiche Schlussfolgerungen für mehr oder minder ernstgemeinte Lebensweisheiten  gezogen und in Merksätzen zusammengefasst.

Damit werden die mit einer Prise Augenzwinkern gewürzten Tier-, Pflanzen- und Naturporträts zu einer gelungenen, künstlerisch hochwertig illustrierten und recht unterhaltsamen Melange aus Wissenschafts- und Sprachakrobatik plus „Lebenshilfe“.

 

Wild & Wise – Clevere Lektionen von den Underdogs der Natur

Text: Dixe Wills

Illustration: Katie Ponder

Übersetzung aus dem Englischen:  Claudia Arlinghaus

Knesebeck, 2019

Axel Hacke: Wozu wir da sind

Der Autor Walter Wemut  – welch passende Namensgebung! – veröffentlicht jeden Samstag unter der Rubrik „Die Toten der Woche“ Nachrufe auf das Leben Verstorbener und macht dies so gut, dass ihm selbst überlassen wird, wen oder wieviele er jeweils auswählt, prominente oder ganz normale Menschen.

Der nun erteilte  Auftrag , eine Rede zum achtzigsten Geburtstag einer Freundin vorzubereiten, um damit etwas ganz allgemein über das gelungene Leben zu sagen, wird zu einer neuen Herausforderung, die ihn gedanklich zu verschiedensten Menschen springen lässt, welche in der Vergangenheit mehr oder minder seinen eigenen Lebensweg tangierten oder dies aktuell noch tun, wobei er – auch  bedingt durch seine Sammelleidenschaft in Bezug auf literarische Fundstücke verschiedenster Art  und  Versuche, diese wiederzufinden –  mitunter den Faden zu verlieren scheint und doch immer wieder zielgerichtet an vorangegangene Gedankensplitter anzuknüpfen vermag. So kommt er monologisch in anekdotenhaften Erzählungen zu den persönlichen, filmischen, musikalischen oder literarischen Begegnungen, Freunden und Weggefährten seines Lebens wie etwa den drei Zeitungshändlern, die er in dreißig Jahren in seiner Straße erlebt hat, zu seinem lebensklugen Friseur Agim, zu Simenon, ja selbst zu  Schotty dem Tatortreiniger oder dem einsamen Mann auf der Parkbank, der nur darauf zu warten schien, dass mal jemand fragt, wie es ihm geht,  dem Freund, der sich 25jährig vor die U-Bahn warf oder dem Mann, der mit einem Lottoschein zugleich einen Millionengewinn wegwarf.

Es sind bemerkenswerte, mal tieftraurige, mal poetische, mal  skurrile oder überaus lustige Anekdoten und Gedankenassoziationen, die Walter Wemut in den Sinn kommen, ihn über ein gelungenes Leben mit verblüffender Leichtigkeit philosophieren lassen und uns als Lesende derart wunderbar unterhalten und bereichern, dass es durchaus passieren kann, nach Ende dieser großartigen Lektüre sogleich wieder von vorn beginnen zu wollen.

 

Wozu wir da sind

Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben

von Axel Hacke

Kunstmann, 2019

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Ein kleiner Junge, der mit seinem Vater ein Haus hinter einer Kirche bewohnt, ist neu im Dorf und wird von den anderen Kindern gefragt, warum er keine Mutter hätte. Der Junge widerspricht und sagt, dass man seine Mutter nur nicht sehen könne. Weil die anderen Kinder entgegnen, dass es nicht gebe, was man nicht sehe und damit unbewusst eine große philosophische Frage in den Raum stellen, macht der Junge die Mutter sichtbar, indem er ein Porträt von ihr malt und an die Wand seines neuen Zimmers hängt. Abends vor dem Einschlafen tritt der Junge in Zwiesprache mit seiner Mutter, die hinter den Sternen wohnt, wie der Vater sagt. Er tritt ans Fenster und zeigt ihr sein gemaltes Bild. Doch damit nicht genug. Mehr noch will er der Mutter zeigen. An eine Brandmauer am Ende der Straße malt der Junge sein neues Haus und auf den Platz vor der Kirche malt er das ganze Dorf. Dann klettert er auf den Kirchturm und beschließt, für die Mutter die sich vor ihm ausbreitende Landschaft in all ihren bunten Facetten malen zu wollen, aber alle bunten Farben sind inzwischen aufgebraucht, nur schwarze Farbe ist noch übrig. Mit einem großen Besen malt er nun einen schwarzen Rahmen direkt um die Landschaft, die so zum Bild wird, das er der Mutter zeigen kann. Und noch immer scheint ihm nicht zu genügen, was er der Mutter nahebringen kann. In allen Duftklängen des Regenbogens malt er nun zusammen mit dem Bauer ein Bild mit dem Jauchewagen, dass man das riesige Bild sogar im ganzen Dorf riechen kann. Als der Junge genug Geld für neue Farben zusammengespart hat, geht er zum Flugplatz, um ein noch viel größeres Bild mit dem Pflug in den Schnee zu malen. Als das Schneebild geschmolzen ist, fragt sich der Junge, ob die Mutter seine Bilder gesehen hat, ob sie weiß, dass er der Maler ist, ob sie ihn wiedererkennt, ob sie sich selbst erkennt. Er überlegt, ob sie andere Sachen oder vielleicht gar keine Kleider dort hinter den Sternen trägt und beginnt, schöne nackte Frauen zu malen, um sie ihr zu zeigen.

Die immer wiederkehrende diffuse Sehnsucht und den nagenden Zweifel des Jungen an der Erreichbarkeit der Mutter, die den Leser durch ausdrucksstarke Bilder und einfühlsame Sprache unmittelbar zu berühren vermag, wird schließlich kanalisiert durch den Rat des Vaters an den Sohn, einfach seine Fantasie sprechen zu lassen, um den Kontakt zur Mutter zu halten, indem er sich selbst durch ihre Augen betrachtet – was ihm nicht schwerfallen würde, weil er ihre Augen hätte. In der Nacht denkt sich der Junge die Sterne als Löcher, durch die man alles sehen kann, was auf der Erde passiert. Am nächsten Abend öffnet er das Fenster zu den Sternen und zeigt der Mutter sein wunderschönes Selbstporträt.

Aus den Werken des farbstarken expressionistischen Malers Alexej Jawlensky bezogen die Gestalterinnen dieses überaus tiefgründigen, poetischen und berührenden Bilderbuchs ihre Inspiration, mit dem es eindrucksvoll gelingt, das Wesen der Sehnsucht mittels  Kunst und Phantasie derart zu durchdringen, dass es mitten ins Herz trifft.

Einfach überwältigend schön!

 

JAWLENSKY Mit ihren Augen

Text: Bette Westera

Illustration: Sylvia Weve

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Verlag Freies Geistesleben, 2019

Hackes Tierleben

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Axel Hackes Tierkunde-Klassiker von 1995 gibt es wieder- aktualisiert und in neuem Format.

Ob der Leser oder die Leserin nun ausgesprochenen tierlieb ist oder eher tierfern lebt – nach der Lektüre (für Hacke-Fans natürlich Pflichtliteratur) wird man das Buch, welches sich mit 26 mehr oder weniger ernstgemeinten oder wissenschaftlich fundierten Charakterstudien und Psychogrammen von Tieren befasst, die Michael Sowa mit wunderbaren Illustrationen begleitet, liebevoll in seine Bibliothek einreihen oder als Geschenk an liebe Freunde weiterreichen wollen, um sie mit dem Hacke-Virus zu infizieren.

Eine Hommage gilt der Giraffe, der das Buchcover gewidmet ist – dem  stillen Tier, welches den Wolken Gedichte zuflüstert. Ebenso dem berühmtesten deutschen Wellensittich Putzi Ragotzi, dessen Sprachschatz 300 Wörter umfasste und der Worte wie Schnupperle und Pupperle  eigenständig zu Schnuppupperle zusammensetzen konnte, gilt es einfach gebührende Aufmerksamkeit und bleibendes Gedenken zu schenken.

Hackes nachdenkliche Betrachtungen über den sich ganzjährig mit Paarungsvorbereitungen befassenden Rothirsch münden in Überlegungen zur Sicherung von Filmrechten für einen potentiellen Hollywood-Schinken, in dem der von den Rehen unverstandene, von den Hirschen geächtete und von den Feldhasen verlachte kahlköpfige Hirschbock wirren Gemüts auf einer verschneiten Lichtung in den Armen seines Revierförsters verendet. Wem würde es angesichts dieser Vorstellung nicht Tränen in die Augen treiben? Doch damit nicht genug – das Sinnieren über die bildliche Vorstellung eines Geweih-bewehrten Menschen-Mannes, dem Hacke schlussendlich gar eine Art Freud´schen Geweih-Neids unterstellt, der eine Herausforderung für die heimische Hut-Industrie oder das Friseurhandwerk und problematisch in der U-Bahn oder beim Fahren japanischer Autos wäre, andererseits aber neue Möglichkeiten für das Tragen von Aktentaschen mit sich brächte, bringt uns zum Philosophieren und den zu Lachkrämpfen Neigenden an die Grenzen des Aushaltbaren.

Betrachtungen zum Wal führen neben dem Ausdenken von Bestrafungsszenarien für walfangende Nationen zur nüchternen Feststellung, dass ein Pottwal einen Mann im Ganzen schlucken könne, umgekehrt aber, falls der Mensch einen Pottwal essen wolle, diesen kleinschneiden müsse – die Rückkehr aus dem Magen des Fressenden also nur in dem einen Fall theoretisch möglich wäre. Wie gut zu wissen.

Wie rührend die Geschichte vom treuen Regenwurm Erich, der unter der Erde all unsere Wege verfolgt, um ab und zu gegen unseren großen Zeh zu stubsen. Poetisch fabuliert Hacke über eine geheime Regenwurmwelt nahe am Erdmittelpunkt, wo die Würmer an der Garderobe ihre braune Haut abgeben, aus dieser ein wunderschönes regenbogenfarbenes Geschöpf zum Vorschein kommt, um Regenwurmorgien zu feiern. Rechtzeitig bevor wir weiter in schwärmerisches Sinnieren abgleiten, werden wir mit der Feststellung, dass die Erde letztlich nichts als ein gigantischer Haufen Regenwurmscheiße ist, in die Realität zurückgeführt.

Erhellend auch das Wissen um die Bedeutung des Goldhamsters, der tausendfach in Laufrädern  radelnd  in Kellern unter Finanzfilialen diese mit Strom versorgt und zu der Überlegung Anlass gibt, ob von der unverschämten Gebührenpolitik der Banken Enttäuschte dereinst erbost die Hamsterkeller in Frankfurt stürmen.

Bewundernd betrachten wir die multiplen Fähigkeiten des sich entsprechend seiner Gemütslage lila vor Behagen verfärbende Chamäleon, welches auf dem Sofa liegend mit dem linken Auge einen Liebesfilm sehend und mit dem rechten Auge ein Buch lesend dann und wann seine Schwungfederzunge in die Schale mit den Kartoffelchips hinüberhüpfen lässt – ein Sinnbild des Genusses!

Ebenso genüsslich sollten wir uns dieser Lektüre widmen, die uns neben den genannten noch über Charakteristiken vieler weiterer Tiere wie Bären, Flamingos, Schafe, Kakerlaken, Hyänen, Hühner, Heringe, Möpse und anderer Arten aufklärt und schmunzeln lässt und uns  nie mehr Matjes nach Hausfrauenart ohne schlechtes Gewissen verzehren oder Schokohasen im Kühlschrank neben der Wurst aufbewahren lässt.

 

Hackes Tierleben

Text: Axel Hacke

Illustration: Michael Sowa

Verlag: Kunstmann, 2019

Mein Jimmy

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Pressetermin des Tulipan-Verlags in München,  Arena-Kino: Dem feuchtkühlen Januarabend steht erwärmende Vorfreude  zur Bilderbuchpremiere von „Mein Jimmy“ entgegen. Im Foyer wärmen sich die buchaffinen Gäste an heißen Getränken und nehmen dabei den Bücherstapel in Augenschein. Das in zurückhaltender Farbigkeit gestaltete Cover des neuen Bilderbuches zeigt das Porträt eines Nashorns, zwischen dessen Nasen-Hörnen sich breitbeinig ein keckes Vögelchen justiert hat und dem Nashorn direkt in die Augen blickt. Aus dem Blickwechsel der Beiden scheint eine tiefe Vertrautheit zu sprechen. Vertrauen und ewige Verbundenheit sind auch das Grundthema des Bilderbuches.

In der Geschichte blickt Hacki, der Madenhacker, nachdem er sich  von seinem geliebten Beschützer und Freund Jimmy, dem alten Nashorn, mit dem er anfangs so manches Abenteuer erlebte, welches  dann aber immer schwächer wurde und sich eines Tages für immer zur Ruhe legen musste, trennen muss,  auf die gemeinsam erlebte Zeit  zurück.

Zur Premiere anwesend sind der Autor Werner Holzwarth mit seinem Sohn Tim und der Illustrator Mehrdad Zaeri. Holzwarth spricht vor der Lesung zur Vorgeschichte der Buchentstehung, zu deren Beginn der Autor 67 Jahre und sein Sohn 5 Jahre alt waren. Er hat die berührende Geschichte von Jimmy und Hacki, eine Geschichte über das Leben, zu dem das Sterben ebenso gehört wie Freude und Trauer, im Bewusstsein über die eigene Endlichkeit und die relative zeitliche Begrenzung der bevorstehenden gemeinsamen Zeit für seinen  Sohn geschrieben , dem er vermitteln wollte, dass Beides, Glück ebenso wie Trauer,  seine Zeit hat, dass man auch nach der Zeit der Trauer wieder glücklich sein kann und darf. Mit Begeisterung hatte der Sohn damals die vom Vater vorgelesenen Szenen der Geschichte in bemerkenswert ausdrucksstarke Zeichnungen umgesetzt, von denen es nun einige zu bewundern gibt. Auch der BuchiIllustrator Mehrdad Zaeri, der anschließend mit dem inzwischen einige Jahre älteren Tim in ein  ernsthaftes wie humorvolles und auch zeichnerisch-praktisches Zwiegespräch  tritt, ist begeistert von Tims Zeichnungen. Schön, dass es zwei von Tims ursprünglichen Zeichnungen nun auch im Vorsatz des fertigen Buchs gibt, sie rahmen die Geschichte gewissermaßen ein.

Die Verlegerin Mascha Schwarz erzählt davon, dass sie vom Buchmanuskript sofort tief berührt  und fest entschlossen war, dieses Buchprojekt zu realisieren. Dass es nicht unmittelber dazu kam, liegt nicht zuletzt an der Arbeitsweise des Wunsch-Illustrators Zaeri, für den, wie er selbst sagt, die Bildideen zu einem Buch erst eine Zeit reifen müssen – und das dauere bei ihm eben etwa zwei Jahre. Dennoch sollte es dieser und kein anderer Illustrator für sein Buch sein, betont Holzwarth. Die Zeit der Reife ist den immer sehr tiefgründigen und berührenden Zeichnungen von Mehrdad Zaeri  durchaus anzusehen. Eine beeindruckende und sehr inspirierende Kostprobe seiner Arbeitsweise führt der Illustrator dann auch gleich mal live dem Publikum vor: Beginnend mit blind gekritzelten Liniengebilden und Strukturen entwickelt er daraus erste Bildideen und verknüpft diese mit weiteren sich spontan einstellenden zeichnerischen und philosophischen Eingebungen – und schon ist in wenigen Minuten eine unverkennbare Mehrdad-Zaeri-Illustration in ihrer typischen, ganz eigenen  Bildsprache entstanden.

Das nun entstandene Gemeinschaftswerk ist, trotz der traurigen, aber auch humorvollen Geschichte, ein zutiefst berührendes Buch über das Leben, welches alle Altersstufen gleichermaßen anzusprechen vermag und zeigt, dass innige Verbundenheit nicht mit dem Tod endet.

Text: Werner Holzwarth

Illustration: Mehrdad Zaeri

Verlag: Tulipan, 2019

Napoleon Chamäleon

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Napoleon, das Chamäleon, lebt im tiefsten Dschungel auf einem schicken Ast (Gibt es „schicke“ Äste?). Mindestens so schick wie sein Ast ist Napoleon selbst. Da er nach Chamäleon-Art ein Meister der Tarnung ist, wird er jedoch meist übersehen – und genau das ist sein Problem.

Denn Napoleon hätte gerne Freunde wie Papagei Polly oder Affe Micky. Um von ihnen bemerkt zu werden, gibt sich der niedliche kleine Kerl alle erdenkliche Mühe: er macht Komplimente, winkt, scharwenzelt, präsentiert sich in den schönsten Farben, flicht aus Zweigen eine Matte mit „Hallo“-Schriftzug, baut für Papagei Polly eine Trompetenblumen-Vogeltränke, beginnt gar zu schielen. Alles vergebens, keiner scheint das arme Chamäleon  zu sehen. Nun setzt Napoleon noch eins drauf und versucht es mit einem Kopfstand, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als dieser final misslingt , Napoleon abstürzend mit seiner langen klebrigen Zunge in den Zweigen hängenbleibt und aus der misslichen Lage heraus die potentiellen Freunde lispelnd um Hilfe bittet, werden sie auf ihn aufmerksam und bemerken seine schönen Farben. Endlich hat Napoleon in Polly und Micky Freunde gefunden, die ihn mögen und mit ihm spielen. Am liebsten spielt er Verstecken, und das kann er ja auch besonders gut. Man freut sich wirklich mit, dass Napoleons Bemühungen schließlich doch, wenn auch auf Umwegen, zum Ziel geführt haben.

Und doch komme ich ins Grübeln über sich aufdrängende Fragen: Muss mir erst ein Missgeschick passieren, damit ich endlich gesehen werde? Wenn die Tiere Napoleon aus nachvollziehbaren Gründen schon nicht SEHEN, warum HÖREN sie ihn aber auch nicht, als er sie direkt anspricht? Warum übersehen sie sein Flechtwerk und die Vogeltränke? Warum steht im Text, dass niemand hinschaut, wenn im Bild sehr wohl jemand, nämlich ein Kolibri, hinschaut? Ist das Absicht? Vielleicht ist das Leben eben einfach manchmal ungerecht und Glück mitunter dem Zufall überlassen? Oder aber soll die Erkenntnis reifen, dass man sich nicht krampfhaft verbiegen sollte, um Freunde zu finden, sondern einfach so sein, wie man wirklich ist? Aber genau das hat Napoleon getan. Oder nicht? Man weiß es nicht genau … ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn über Fragen lässt sich herrlich philosophieren.

Auch wenn sich mir die Botschaft (Braucht es überhaupt eine solche?)nicht eindeutig erschließen will und einige Fragen offen bleiben, ist es ein schönes, farbenfrohes Bilderbuch zum Schauen und Entdecken mit einem herzallerliebsten Helden, für den man sich freut, dass er zu guter Letzt endlich gesehen wird und Freunde findet.

 

Text: Kurt Cyrus, Andy Atkins

Illustration: Christine Faust

Verlag: Magellan, 2019

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

50 MINDSHOTS

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Zeitlose und aktuelle Lebensthemen unterschiedlicher Bereiche und mit ihnen verknüpfte umgangssprachliche Wendungen und Begriffe, die bestimmte Abläufe oder Gefühlswelten assoziieren, wie beispielsweise IMMER ONLINE, PRESSEFREIHEIT, ZEITNOT, DAS FREIE SPIEL DER KRÄFTE, ALKOHOLISMUS, BURNOUT,  NICHT NEINSAGEN KÖNNEN, SMARTPHONEJUNKIE, HAPPY HOUR, DEADLINE oder CYBERMOBBING fasst der Illustrator Sergio Ingravalle seine grafischen Reflektionen,  sogenannte „ Mindshots“,  in  50 stilistisch reduzierten wie prägnanten, konsequent 4-farbig in schwarz , weiß, rot und grau gestalteten Sinnbildern, die sich weit mehr als jede ausführliche schriftliche Abhandlung ins Gedächtnis brennen, zusammen.

Wer zuweilen glaubt, von BLA, BLA, BLA – Phrasendreschern umzingelt zu sein, wird möglicherweise  ein Gefühl der  inneren  Bestätigung beim Anblick der gewaltigen kreisrunden Sprechblase, die von einem durch eine herannahende Hand vermittelten gezielt gesetzten Nadelstich augenblicklich zu zerplatzen droht, empfinden.

Die drohende Gefahr der SELBSTISOLATION, bei der das Gesicht eines in einem dunklen Käfig hockenden Mediennutzers, das mit dem abgestrahlten Licht  seines Laptop-Bildschirms zu verschmelzen scheint, wird dem Betrachter in eindringlicher Intensität bewusst.

Unter ZEITNOT Leidende wird das innere Bild, gefesselt an den Zeiger einer riesengroßen Uhr mit dem Blick auf das unausweichliche Ertrinken zuzusteuern, so schnell nicht mehr loslassen.

Die Notwendigkeit IMMER ONLINE zu sein hinterfragt der eine oder andere Netzbesessene

beim Anblick der bettlägerigen Figur mit dem Netzzeichen über dem Kopf und bekommt sie so schnell nicht mehr aus dem eigenen Kopf.

Zu ALKOHOLISMUS entwickelt Ingravalle das eindringliche Bild eines überdimensionierten Rotweinglases, in welches eine winzige Figur vom Sprungturm aus zum freien Fall ansetzt.

Wer gegen das NICHT NEIN SAGEN  KÖNNEN ankämpfen will, wird bei einem unfreiwillig gehauchten JA an das  riesengroße NO in der Gehirn-Sprechblase der Silhouette eines Kopfes denken und seinem Gegenüber endlich entgegenschmettern wollen – oder mit diesem inneren Bild endlich auch können.

Ingravalles Mindshots üben mit erstaunlicher Treffsicherheit Gesellschafts- oder Sozialkritik ohne moralinsauer den Zeigefinger zu heben und bringen zum Nachdenken wie Schmunzeln.

 

50 Mindshots

Sergio Ingravalle

Knesebeck, 2018

ISBN 9 783957 282033

 

Oje, ein Buch!

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector, Malkastl.de

Oje, ein Buch! – Fast ein Ausruf des Entsetzens, den die Smartphone-affine Frau Asperilla da ausstößt, als ihr der kleine Juri freudig das Buchgeschenk von Herrn Schnippel (wer auch immer das sein mag) präsentiert und Frau Asperilla tatsächlich denkt, dass sie angesichts eines scheinbaren Irrtums etwas wiedergutzumachen hätte. Juri, der zwar weiß, dass ein Buchgeschenk niemals ein Fehler sein kann, geht auf das Wiedergutmachungsangebot nur zu gern ein und schlägt dazu das gemeinsame Anschauen des Buches vor. Ganz schön clever, denkt der (Vor)leser und ahnt bereits, dass Frau Asperilla wohl leider zu jenen Zeitgenossen zu gehören scheint, die mit Büchern wenig bis gar nichts anzufangen wissen – ganz im Gegensatz zu Juri. Der kann sich das Gehabe von Frau Asperilla eigentlich nur so erklären, dass sie ihn nur auf den Arm nähme (aber leider ist es bittere Realität), als sie tatsächlich nicht zu wissen scheint, dass sich Bücher nicht von selbst vorlesen, man sich beim Lesen etwas vorstellen muss, es immer von links nach rechts geht und dass man nicht wischen sondern umblättern muss, um zu wissen, wie es weitergeht. Und Bilder werden in Büchern auch nicht größer, wenn man sie zwischen Daumen und Zeigefinger auseinanderzuziehen versucht, muss Frau Asperilla enttäuscht feststellen.

Weil aber Juri für Frau Asperilla ein ausgesprochen geduldiger und kundiger Vorlese-Lehrer ist, von dem man auch so nützliche Sachen übers Vorlesen lernt wie zum Beispiel, dass man doch möglichst krächzen sollte, wenn im Buch ein krächzendes Monster etwas sagt, gewinnt auch sie – zögerlich, aber stetig – Gefallen an dem mysteriösen Medium Buch, wird neugierig wie ein Kind auf dessen Inhalt, fiebert ängstlich mit im Zuge des Geschehens in der Geschichte, als mäusefangende Katzen und Monster darin auftauchen. Und ebenso lernt sie durch Klein-Juris philosophische Erkenntnis (die gleichzeitig in einer Mini-Geschichte in der Geschichte – von zwei Vögeln und einem roten Faden- verdeutlicht wird)  auch, dass die Sichtweise auf die Dinge davon abhängt, von welcher Seite aus man sie anschaut.

Die  Umkehrung von Klischees gelingt hier als interessanter und überraschender  Aspekt des parallelen Erzählens von drei  geschickt miteinander verknüpften Geschichten, welche mit augenzwinkernder Leichtigkeit daherkommen und mit frischen, reduzierten und gleichzeitig aussagestarken Buntstiftzeichnungen bebildert sind.

Wie viel zwischen zwei Menschen, die sich gemeinsam ein Buch anschauen, passieren kann, zeigt das Buch, welches als Anlass zum Nachdenken und Miteinander-Reden für alle großen und kleinen Leseratten ebenso wie für alle Buchmuffel und Smartphone-Junkies sehr zu empfehlen ist, auf geniale Weise.

 

Oje,ein Buch!

Lorenz Pauli/ Miriam Zedelius

Verlag atlantis

2018

ISBN 978-3-7152-8742-1