Archiv der Kategorie: Philosophie

Marthas Reise

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Kaum hält man das Buch in den Händen, ist es wahrscheinlich schon Liebe auf den ersten, spätestens aber kurz darauf beim Blättern auf den zweiten Blick:

Umgeben von einem unscheinbar hellgrauen Schutzumschlag schimmert das Bordeauxrot des Covers durch das ausgestanzte Rankenmuster, welches den Blick auf das schwarz-weiß gehaltene Porträt eines zurückhaltend lächelnden Mädchens lenkt. Darunter der bordeauxrote Titelschriftzug in Schreibschrift- Typographie. Vom Vorsatzpapier führt ein Schienenstrang in die Geschichte hinein (und am Ende des Buches wieder aus dieser hinaus).

Das Mädchen winkt ihrer Mutter zum Abschied, bevor sich der Zug mit Martha an Bord in Bewegung setzt. Wohin Marthas Reise führen wird, bleibt zunächst im Unklaren. Man vermutet, dass Martha die Fahrt nicht zum ersten Mal antritt, denn sie liebt diesen Moment, wenn der Zug sich in Bewegung setzt und sie durchs Fenster des Zuges die herbstliche Landschaft vorbeiziehen sieht und ins Tagträumen abdriftet. Martha denkt an ihren Opa, der einmal sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle. Ein riesengroßer Baum erscheint und man beginnt zu ahnen, wie weitverzweigt seine starken Wurzeln reichen, ebenso wie die Wurzeln die wir Menschenmit der Zeit immer stärker werdend  in uns entwickeln. Die Blätter des Baumes sind aus der mit unzähligen Strichen dunkel schraffierten Buchseite gestanzt. Zuerst erscheinen diese weiß und lassen rote Pünktchen von der darauf folgenden Seite hindurchblitzen. Beim Umblättern erscheinen die Blätter auf der nun weißen Seite dunkel, weil die Schraffur der vorherigen Seite durchscheint – ein wunderbarer gestalterischer Effekt. Martha fragt sich, was Opas Wurzeln ausmachen. Sein Häuschen, sein Garten mit Blumen und Bäumen, seine Erinnerungen an Oma sind hier verwurzelt. Und was sind ihre eigenen Wurzeln? Gibt es jemanden, der unser Schicksal strickt wie die frau im Zug ihren bunten Schal, der sich – teils filigran gezeichnet, teils scherenschnittartig – über mehrere Buchseiten zieht –  so wunderschön anzusehen, dass man ins Schwärmen gerät.

Mit verschiedenen  Assoziationen, welche in Marthas Zug-Träumereien entsprechend der ihr begegnenden Menschen, Geräusche und vorbeirauschenden Bilder kommen und gehen und sich in philosophischen Betrachtungen und weiteren beeindruckenden gestalterischen Ideen manifestieren, setzt sich die Reise, an der wir zugleich staunend und nachdenklich teilhaben, fort und endet wiederum mit einer Begrüßung – Marthas Papa wartet bereits am Bahnsteig des Zielbahnhofs.

Die poetisch-träumerische Reise ist voller Denkanstöße zur Reflektion dessen, was das eigene Leben ausmacht und zugleich in künstlerischer und buchgestalterischer Hinsicht eine wahre Freude!

 

Marthas Reise

Text: Christina Laube

Illustration: Mehrdad Zaeri

Knesebeck, 2018

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50 MINDSHOTS

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector (Malkastl.de)

Zeitlose und aktuelle Lebensthemen unterschiedlicher Bereiche und mit ihnen verknüpfte umgangssprachliche Wendungen und Begriffe, die bestimmte Abläufe oder Gefühlswelten assoziieren, wie beispielsweise IMMER ONLINE, PRESSEFREIHEIT, ZEITNOT, DAS FREIE SPIEL DER KRÄFTE, ALKOHOLISMUS, BURNOUT,  NICHT NEINSAGEN KÖNNEN, SMARTPHONEJUNKIE, HAPPY HOUR, DEADLINE oder CYBERMOBBING fasst der Illustrator Sergio Ingravalle seine grafischen Reflektionen,  sogenannte „ Mindshots“,  in  50 stilistisch reduzierten wie prägnanten, konsequent 4-farbig in schwarz , weiß, rot und grau gestalteten Sinnbildern, die sich weit mehr als jede ausführliche schriftliche Abhandlung ins Gedächtnis brennen, zusammen.

Wer zuweilen glaubt, von BLA, BLA, BLA – Phrasendreschern umzingelt zu sein, wird möglicherweise  ein Gefühl der  inneren  Bestätigung beim Anblick der gewaltigen kreisrunden Sprechblase, die von einem durch eine herannahende Hand vermittelten gezielt gesetzten Nadelstich augenblicklich zu zerplatzen droht, empfinden.

Die drohende Gefahr der SELBSTISOLATION, bei der das Gesicht eines in einem dunklen Käfig hockenden Mediennutzers, das mit dem abgestrahlten Licht  seines Laptop-Bildschirms zu verschmelzen scheint, wird dem Betrachter in eindringlicher Intensität bewusst.

Unter ZEITNOT Leidende wird das innere Bild, gefesselt an den Zeiger einer riesengroßen Uhr mit dem Blick auf das unausweichliche Ertrinken zuzusteuern, so schnell nicht mehr loslassen.

Die Notwendigkeit IMMER ONLINE zu sein hinterfragt der eine oder andere Netzbesessene

beim Anblick der bettlägerigen Figur mit dem Netzzeichen über dem Kopf und bekommt sie so schnell nicht mehr aus dem eigenen Kopf.

Zu ALKOHOLISMUS entwickelt Ingravalle das eindringliche Bild eines überdimensionierten Rotweinglases, in welches eine winzige Figur vom Sprungturm aus zum freien Fall ansetzt.

Wer gegen das NICHT NEIN SAGEN  KÖNNEN ankämpfen will, wird bei einem unfreiwillig gehauchten JA an das  riesengroße NO in der Gehirn-Sprechblase der Silhouette eines Kopfes denken und seinem Gegenüber endlich entgegenschmettern wollen – oder mit diesem inneren Bild endlich auch können.

Ingravalles Mindshots üben mit erstaunlicher Treffsicherheit Gesellschafts- oder Sozialkritik ohne moralinsauer den Zeigefinger zu heben und bringen zum Nachdenken wie Schmunzeln.

 

50 Mindshots

Sergio Ingravalle

Knesebeck, 2018

ISBN 9 783957 282033

 

Oje, ein Buch!

Buchvorstellung von Hanna Nebe-Rector, Malkastl.de

Oje, ein Buch! – Fast ein Ausruf des Entsetzens, den die Smartphone-affine Frau Asperilla da ausstößt, als ihr der kleine Juri freudig das Buchgeschenk von Herrn Schnippel (wer auch immer das sein mag) präsentiert und Frau Asperilla tatsächlich denkt, dass sie angesichts eines scheinbaren Irrtums etwas wiedergutzumachen hätte. Juri, der zwar weiß, dass ein Buchgeschenk niemals ein Fehler sein kann, geht auf das Wiedergutmachungsangebot nur zu gern ein und schlägt dazu das gemeinsame Anschauen des Buches vor. Ganz schön clever, denkt der (Vor)leser und ahnt bereits, dass Frau Asperilla wohl leider zu jenen Zeitgenossen zu gehören scheint, die mit Büchern wenig bis gar nichts anzufangen wissen – ganz im Gegensatz zu Juri. Der kann sich das Gehabe von Frau Asperilla eigentlich nur so erklären, dass sie ihn nur auf den Arm nähme (aber leider ist es bittere Realität), als sie tatsächlich nicht zu wissen scheint, dass sich Bücher nicht von selbst vorlesen, man sich beim Lesen etwas vorstellen muss, es immer von links nach rechts geht und dass man nicht wischen sondern umblättern muss, um zu wissen, wie es weitergeht. Und Bilder werden in Büchern auch nicht größer, wenn man sie zwischen Daumen und Zeigefinger auseinanderzuziehen versucht, muss Frau Asperilla enttäuscht feststellen.

Weil aber Juri für Frau Asperilla ein ausgesprochen geduldiger und kundiger Vorlese-Lehrer ist, von dem man auch so nützliche Sachen übers Vorlesen lernt wie zum Beispiel, dass man doch möglichst krächzen sollte, wenn im Buch ein krächzendes Monster etwas sagt, gewinnt auch sie – zögerlich, aber stetig – Gefallen an dem mysteriösen Medium Buch, wird neugierig wie ein Kind auf dessen Inhalt, fiebert ängstlich mit im Zuge des Geschehens in der Geschichte, als mäusefangende Katzen und Monster darin auftauchen. Und ebenso lernt sie durch Klein-Juris philosophische Erkenntnis (die gleichzeitig in einer Mini-Geschichte in der Geschichte – von zwei Vögeln und einem roten Faden- verdeutlicht wird)  auch, dass die Sichtweise auf die Dinge davon abhängt, von welcher Seite aus man sie anschaut.

Die  Umkehrung von Klischees gelingt hier als interessanter und überraschender  Aspekt des parallelen Erzählens von drei  geschickt miteinander verknüpften Geschichten, welche mit augenzwinkernder Leichtigkeit daherkommen und mit frischen, reduzierten und gleichzeitig aussagestarken Buntstiftzeichnungen bebildert sind.

Wie viel zwischen zwei Menschen, die sich gemeinsam ein Buch anschauen, passieren kann, zeigt das Buch, welches als Anlass zum Nachdenken und Miteinander-Reden für alle großen und kleinen Leseratten ebenso wie für alle Buchmuffel und Smartphone-Junkies sehr zu empfehlen ist, auf geniale Weise.

 

Oje,ein Buch!

Lorenz Pauli/ Miriam Zedelius

Verlag atlantis

2018

ISBN 978-3-7152-8742-1

Da bist du ja!

Da bist du ja! Die Liebe, der Anfang – allüberall

Text: Lorenz Pauli

Illustration: Kathrin Schärer

Verlag: atlantis, 2017 (3.Auflage)

 

Liebevoll blicken sich die beiden Bilderbuchhelden –deren Zugehörigkeit zu bestimmten Tierspezies wie etwa Hund oder Schwein nur bedingt definierbar, doch ebenso unerheblich ist- direkt in die Augen und scheinen in diesen vertrauensvollen Blick alles legen zu wollen, was nur selten mit Worten hinreichend auszudrücken ist: das Gefühl tiefster Zuneigung, der Liebe.

Das Große und das Kleine, wie die beiden namen-, geschlechts- und alterslosen und damit universellen hinreißenden Wesen im Buch genannt werden, haben sich ziemlich lieb, das sieht und merkt man sofort. Gemeinsam sinnieren sie über den Anfang dieser (Liebes-)geschichte ihrer innigen Freundschaft und Verbundenheit – wie es plötzlich „RUMMMMMS“ machte, und die Liebe kam und das Große dachte, dass diese so groß wäre, dass sie niemals Platz in ihm hätte und wie das Kleine damals spürte, dass es hier bei dem Großen genau richtig wäre und dieses Gefühl voller Poesie auszudrücken versucht. Dass das Kleine mag, dass das Große nicht alles mag, dass alles einen Anfang, aber nicht alles ein Ende haben muss, dass es ein gemeinsames Ziel gibt, nämlich jenes, immer wieder ein kleines Stückchen Anfang zu finden, dass die Liebe nicht aufhören muss, wenn sich einer verändert, sondern das, was sich nie ändert, wie ein Kirschkern sei, aus dem ein Baum wachsen kann.

Poetisches, Tiefgründiges und Philosophisches schwingt hier federleicht inmitten liebevoll gezeichneter Szenarien, in denen das Große und das Kleine durchs Universum schweben, sich herzzerreißende Blicke zuwerfen, ihre Nähe genießen, Schabernack treiben, den Mond bestaunen und in Baumkronen hockend philosophieren.

Herzerwärmender, anrührender, umwerfender und liebevoller kann man die Liebe kaum beschreiben – ein Bilderbuch, in welches man sich augenblicklich verlieben muss!

 

Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen

Text: Axel Hacke

Verlag: Antje Kunstmann, 2017

 

Das kleine, beinahe unscheinbare Büchlein im schlichten weißen Einband beherbergt Axel Hackes literarische Erkundungen über den Anstand – sehr ambitioniert, sehr ernsthaft und sehr unterhaltsam.

Anstand – was ist das eigentlich? Ist der Anständige zunehmend der Dumme? Wie können wir leben, wenn wir trotz  zunehmender Rücksichtslosigkeit, Lügen, Wut und Hass in der gegenwärtigen Gesellschaft dennoch anständig bleiben wollen?

Anhand zahlreicher interessanter literarischer und philosophischer Bezüge – zu Kästner, Fallada, Camus, Knigge, Kant, Marc Aurel und anderen- und bemerkenswerter Dialoge mit einem imaginären Freund betrachtet Hacke die grundlegenden Motive und Regeln des menschlichen Anstands und dessen Gefährdung durch eine zunehmend sich verändernde und verrohende Kultur des Umgangs, wie wir sie beispielsweise momentan durch eine Flut von Wut- und Hassreden, Gepöbel, Fake-News oder befremdliches Gebaren eines twitternden Präsidenten erleben.

Für diejenigen, die auch in schwierigen Zeiten anständig bleiben wollen, die sich zuweilen als Gutmenschen und Naivlinge verhöhnen lassen müssen, die Sinnsuchenden oder die Zweifelnden im Strudel zunehmender Polarisierung ist Hackes Plädoyer für den Anstand eine sehr empfehlenswerte und bereichernde Lektüre.

Für die anderen -wahrscheinlich diejenigen, denen man es aus bekannten Gründen  dringend nahelegen würde- wohl leider vergeblich.

ZWEET

Text: Marit Kaldhol

Übersetzung aus dem Norwegischen:  Maike Dörries

Verlag: Mixtvision, 2017

 

ZWEET, ein ganz außergewöhnlicher bemerkenswerter Jugendroman von Marit Kaldhol, die zum Beispiel mit ihrem 1986 erschienenen berührenden Kinderbuch „Abschied von Rune“ mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und vielen weiteren Preisen ausgezeichnet wurde, behandelt Themen, die sich um Anderssein, Mobbing und die erste Liebe ranken.

Das wunderbar gestaltete Cover mit einer silhouettenhaften, in einer Bienenwabe hockenden, geflügelten Menschengestalt stimmt auf die Geschichte ein, welche mich von der ersten bis zur letzten Zeile magisch in ihren Bann zieht. Durch die klare wie poetische Sprache , die sich spannungsreich zuspitzenden äußeren Ereignisse, die innere Gedankenwelt eines ungewöhnlichen Mädchens und zweier  auf unterschiedliche Weise mit ihr verbundener Menschen wird die erzeugte besondere Atmosphäre beinahe hautnah spürbar.

Drei junge Menschen kommen nacheinander zu Wort und beschreiben aus ihrer jeweiligen Perspektive  eindringlich ihre Sichtweise und Reflexion auf erschütternde Ereignisse.

Den Anfang macht die Außenseiterin Lill-Miriam, die von ihren Mitschülern „das Biest“ genannt wird und doch so weit entfernt von einem solchen zu sein scheint, wie man sich nur vorstellen kann. Sie ist anders, einsam, hochsensibel und verletzlich und spinnt sich -vor allem in ihrem Versteck auf dem Dachboden der Schule, wo sie ihren philosophischen und naturwissenschaftlichen Betrachtungen nachgeht- in ihrer Phantasiewelt der Bienen und Insekten in einen Kokon, der sie immer mehr von den anderen abgrenzt.

Susan quält sich mit Schuldgefühlen und Erinnerungen an das, was sie und ihre Freundinnen der verhassten Außenseiterin einst Schreckliches angetan haben.

Ruben sorgt sich um Lill-Miriam, die seit dem Katastrophenalarm an der Schule verschwunden bleibt. Der kubanische Junge fühlt sich zu dem sonderbaren Mädchen hingezogen. Er sinniert darüber, wie ihre erste zarte Beziehung entstand, die Beziehung zweier seelenverwandter Inselmenschen, die zueinanderfanden und sich ohne viele Worte verstanden.

Selten hat mich eine Geschichte derart sogartig eingenommen und berührt wie diese und sehr nachdenklich zurückgelassen. Sie wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.

 

 

Wir haben einen Hut

Text und Illustration: Jon Klassen

Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer

Verlag: NordSüd, 2017

 

Bilderbuchliebhaber werden bereits die beiden preisgekrönten Bücher „Wo ist mein Hut“ und „Das ist nicht mein Hut“ von Jon Klassen kennen. Nun gesellt sich ein drittes mit der Hut-Thematik – „Wir haben einen Hut“ – dazu.

Zwei Schildkröten, in der Wüste unterwegs, finden einen weißen Hut. Abwechselnd probieren sie aus, wie gut dieser ihnen steht, stellen jedoch zugleich fest, dass es nicht gerecht wäre, wenn nur eine von ihnen diesen Hut trüge und die andere unbehütet bliebe. Schweren Herzens trennen sie sich von dem Fundstück, ziehen weiter und beschliessen, nicht mehr daran zu denken. Wenn das so einfach wäre …

Jon Klassen ist ein Meister der Reduktion. Farblich beschränkt er sich in diesem Buch überwiegend auf Braun- und Grau-Töne, aus denen der besagte weiße Hut und das im begehrlichen Blick nach dem ersehnten Objekt aufblitzende Augenweiß der Schildkröten sowie das leuchtende Apricot der untergehenden Sonne umso kontrastreicher und damit deutlicher hervortreten. Bei der darstellerischen Umgebungsbeschreibung beschränkt sich Klassen auf wenige Details wie Steine, Pflanzenhalme, Kakteen und zahllose im Dunkel der Nacht weißleuchtende Sternenpunkte. Auch der begleitende Text ist sehr reduziert und  mit Bedacht gewählt. Teilweise ist einzelnen kurzen Sätzen eine ganze Buchseite vorbehalten, was diesen entsprechendes Gewicht verleiht und sehr elegant erscheint. Gleichzeitig überraschend und überzeugend ist die Entscheidung, den sparsamen Text nochmals  durch drei Kapitelüberschriften (Den Hut finden –  Den Sonnenuntergang betrachten –  Schlafen gehen) inhaltlich zu ordnen und abzugrenzen.

Nichts Aufregendes oder Bedeutendes passiert hier – lediglich das Dilemma, zwei Köpfe, doch nur einen Hut zu haben und die sich daraus ergebenden realen und emotionalen Konsequenzen werden zum gedankenanstossenden Bilderbuchthema, über welches sich bestens miteinander philosophieren lässt.

Dass Begehrlichkeiten sich mit Rücksicht auf den Anderen nicht immer erfüllen, aber immerhin erträumen lassen, erschliesst sich in der wunderbaren Symbolik des in den  sternenfunkelnden Nachthimmel fliegenden doppelt behüteten Schildkrötenpaares.

 

 

Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin

Text und Illustration: Pei-Yu Chang

Verlag: NordSüdVerlag, 2017

 

Ein Kinderbuchdebüt, welches eine finale Episode aus dem Leben des von den Nazis verfolgten jüdischen Philosophen und Schriftsteller Walter Benjamin (1892-1940) aufgreift und insbesondere dessen geheimnisvollen Koffer, um den sich bis heute viele Mysterien ranken, zum erzählerischen Gegenstand macht, ist ein bemerkenswertes und mutiges Projekt, dem sich die  Künstlerin Pei-Yu Chang, die in Taipeh Deutsche Kultur und Sprache sowie Deutsche Literaturwissenschaft und in Münster Illustration studierte, in ihrer herausfordernden wie überaus interessanten künstlerischen Abschlussarbeit stellt und allen Menschen, die aus ihrem Land flüchten mussten, widmet.

Unschwer ist der zylindertragende, bebrillte und schnauzbärtige Herr auf dem Cover, welcher den Betrachter augenzwinkernd und mit verschwörerischer Geste den Zeigefinger an den Mund haltend, direkt anzusehen und zum Verbündeten zu machen scheint, als der tatsächliche Walter Benjamin zu erkennen.

Auf dem interessant gestalteten Vorsatzpapier blicken wir in das Innere eines leeren Koffers, ausgekleidet mit grün-rosa-kariertem Innenfutter mit den Initialen W.B. und sichtbar geöffneten Kofferschnallen (besonders originell fällt deren collagenartige Gestaltung mit Packpapier auf) und fragen uns sogleich, was sich wohl darin verborgen haben mag.

Herr Benjamin, der Besitzer des Koffers, war ein Philosoph mit herausragenden Ideen. Plötzlich beschloss sein Heimatland, dass außergewöhnliche Ideen als gefährlich zu gelten haben und Menschen mit derartigen Ideen zu verhaften wären. Die Bedrohlichkeit der Lage verdeutlichen ausdrucksstark drei zu allem entschlossen wirkende Soldaten mit unmissverständlichem Habitus und Gestus, den der dreifache „Verhaften!“-Schriftzug in Schreibmaschinentypografie wirksam unterstreicht.

Mit Hilfe von Frau Fittko, die bedrohten Menschen bei der Flucht über die rettende Grenze verhilft, versucht Herr Benjamin, der schwierigen Situation zu entkommen. Gemeint ist hier die österreichiche Widerstandskämpferin Lisa Fittko (1909-2005), die als Fluchthelferin über 80000 Menschen das Leben rettete, indem sie diese auf der nach ihr benannten F-Route von Frankreich über die Pyrenäen nach Spanien begleitete.

Frau Fittko, im Buch dargestellt als Dame im rot-weiß-gepunkten Kleid, rotem Hütchen und roten Schnallenschuhen, besteht auf leichtem Gepäck und unauffälligem Verhalten. Und dann erscheint Herr Benjamin, so gar nicht unauffällig, mit seinem recht großen und schweren Koffer (der, nur nebenbei, im Buch als schwarz beschrieben, jedoch rot gezeichnet wird). Wenn aber ein so kluger Mann wie der Herr Benjamin einen so schweren Koffer über die Berge retten will, muss das gewichtige Gründe haben, sagen sich die Mitreisenden, also erfolgt der Aufbruch dann dennoch mit dem Koffer.

Sichtlich mitgenommen vom beschwerlichen Transport des geheimnisumwobenen Gepäckstücks entgegnet Herr B. auf Frau F.´s späteren Einwand, ob er die schwere Last nicht doch zurücklassen wolle, mit der Aussage, dass der Koffer, dessen Inhalt alles verändern könnte, ihm das Allerwichtigste sei, wichtiger noch als sein Leben.

Tatsächlich schafft es die Gruppe bis zur Grenze. Dort aber wird Herr B. abgewiesen und ist selbst wie auch sein Koffer seitdem verschwunden. Der Bezug zu den realen Ereignissen (Walter Benjamins wahrscheinlicher Suizid nach Grenzübertritt und unklarer Verbleib des Koffers) wird so kindgerecht und dennoch ohne geschichtliche Verzerrung erzählerisch geschickt umschifft.

Folglich überschlagen sich die Mutmaßungen über den mysteriösen Kofferinhalt. War es ein Manuskript mit der besten philosophischen Idee aller Zeiten, war es ein fliegender Kampfroboter oder waren es  50 Dosen Marmelade von seiner Oma? Ein Rätsel ist es bis heute. Nur über eines herrscht Einigkeit: Dass es etwas ganz und gar Außergewöhnliches gewesen sein muss! – womit auch  große philosophische Fragen behutsam an Kinder herangetragen und zur spannenden Gesprächsgrundlage -sei es die Diskussion über  diese wichtige Frage an sich, sei es die Überlegung zu Fluchtursachen und -entscheidungen oder sei es ganz allgemein das Nachdenken über kluge und mutige Menschen wie Herrn Benjamin und Frau Fittko- werden können.

Bemerkenswert ist neben der außergewöhnlichen Buchidee auch die besondere illustratorische Gestaltung, welche zeichnerische Elemente, Symbole, handschriftliche und gedruckte Schriftzüge und Ausgeschnittenes auf interessante Weise und in einer einzigartigen Farbigkeit miteinander kombiniert und zu Collagen verknüpft.