Archiv der Kategorie: Allgemein

Ich schreibe mich gesund

Ein Rezept, so einfach wie genial: zwölf Wochen lang fünfzehn Minuten täglich schreiben. Nicht, um einen Bestseller zu produzieren, sondern um gesund zu werden.

Die Ärztin und Schreibtherapeutin Silke Heimes gibt den Leser- und zukünftigen SchreiberInnen mit ihrem 240seitigen Schreibratgeber (im handlichen Taschenbuchformat mit flexiblem hellgrünen Hardcover, auf dem der Titel in goldenen Schreibschriftzeilen präsentiert wird) das entsprechende Handwerkszeug mit auf den Weg. Auf den ersten 70 Seiten führt sie ausführlich in die Thematik ein, bevor mit konkreten Schreibimpulsen für jeden einzelnen Tag der kommenden 12 Wochen sowie Wochen-, Etappen- und Abschlussreflektionen der praktische Teil folgt. Wer mag, kann seine Schreibübungen direkt im Buch tätigen.

Hintergrund des ambitionierten Vorhabens einer Gesundung durch Schreiben ist der revolutionäre Gedanke, Menschen als lebendige, fühlende, denkende, kreative und ganzheitliche Individuen zu sehen, deren persönliche Wünsche, Träume und Lebensgeschichten ebenso wie deren körperliche Symptomatik in die Therapie ihrer Beschwerden einfließen zu lassen. Dass wir noch sehr weit entfernt davon sind, eine Umsetzung dieses Gedankens in unserem Apparate- und Medikamente- basierten Gesundheitswesen zu erleben, muss uns nicht davon abhalten, die heilsame Wirkung des Schreibens in eigener Erfahrung zu erleben; in diesem Falle mit einem Buch als Hilfe zur Selbsthilfe.

Wer sich dem heilsamen Schreiben hingeben will, wird erfahren, dass durch das Aufschreiben dessen, was einen beschäftigt, das Belastende zunächst erst einmal aus dem Kopf heraus aufs Papier wandert, um von dort in aller Ruhe näher betrachtet werden zu können. Ebenso lassen sich schwierige Lebenssituationen umso besser gedanklich vorwegnehmen, indem sie aufgeschrieben und dann von allen Seiten beleuchtet werden können, wobei sich kreative Problemlösungsstrategien und neue Ideen oder Pläne fast wie von selbst einstellen.

Am Ende dieser 12wöchigen  Schreibreise liegt ein erfahrungs- und erkenntnisreicher Prozess hinter denen, die sich auf das Schreibabenteuer eingelassen haben. Und vielleicht werden sie das tägliche Schreiben nicht mehr missen wollen.

Prof. Dr. med. Silke Heimes

Ich schreibe mich gesund

Dtv, 2020

Mein großes Buch der Pferde

Rezi: Mein großes Buch der Pferde (Gerstenberg, 2020)

 

Das interaktive Pop-Up-Bilderbuch aus der Reihe „Klappen, Spielen, Staunen“ mit über 40 Klappen und Spielelementen zum Schieben, Ziehen und Drehen gibt spannende und wissenswerte Einblicke in die Welt der Pferde.

Auf neun großformatigen Doppelseiten mit zahlreichen farbigen Illustrationen und kurzen Texterklärungen erfahren kleine Pferdeliebhaber alles zu ihrem Lieblingsthema: Wie war und ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd früher und heute? Wie ernähren sich Pferde? Wie ist ihr Körper aufgebaut? Gibt es so etwas wie eine Pferdesprache? Wie verhalten sich Pferde untereinander? Was passiert in einer Pferdeklinik oder beim Hufschmied? Was ist beim Reiten und der Pflege der Pferde zu beachten? Welche Reiterwettbewerbe gibt es? Wie werden Pferde gezüchtet? Wie wird mit Pferden gearbeitet? Wie laufen Pferderennen ab? Welche Pferderassen gibt es? – All diese Fragen und noch viel mehr werden sehr ausführlich und interessant beantwortet und durch detailreiche Zeichnungen, informative Erläuterungen und viele interaktive Elemente spielerisch vertieft, so dass kleine und auch größere Pferdefans mit diesem Buch sich über ein tolles Nachschlagewerk zum Immer-wieder-Anschauen freuen können.

 

Sandra Laboucarie/Helene Convert: Mein großes Buch der Pferde

Verlag Gerstenberg, 2020

 

 

Von 1 bis 10

Ein Bauch, zwei Ohren, drei Punkte, vier Flügel, fünf Finger, sechs Beine, sieben Streifen, acht Arme, neun Zähne und zehn Schnurrhaare – mehr braucht es manchmal nicht für ein wunderschönes Zähl-Bilderbuch für die Kleinsten; zumal, wenn es Mies van Hout illustriert hat.

Vor einem Hintergrund in leuchtendem Pink zeigt  ein freundliches leuchtgrünes Krokodil seine neun spitzen Zähne auf dem Cover des Pappbilderbuchs zum Schauen und Zählen-Lernen. Stolz präsentieren weiterhin der liebenswerte Teddybär seinen dicken roten Bauch, das schüchterne Häschen seine langen gelben Ohren, der nette Marienkäfer drei große Punkte in verschiedenen Rottönen, der koboldköpfige Schmetterling seine bunten Flügel, das lustige Äffchen seine grün-gepunktete Hand, das flauschige Bienchen seine Beine, der freundliche Fisch seine schwarzen Streifen, der niedliche Oktopus seine bunt-gemusterten Fangarme, das Krokodil sich nun in voller Länge und das rote Kätzchen seinen Schnurrbart.

Vor allem die liebenswerten, ausdrucksstarken und farbenfrohen Illustrationen von Mies van Hout sind es, die immer wieder zum Anschauen (und vielleicht auch Nach-Malen …) einladen, so dass das Zählen-Lernen nebenbei ganz von selbst passiert.

 

Mies van Hout: Von 1 bis 10

Verlag aracari, 2020

Hab dich gern!

Eine Elefantendame im Bikini konfrontiert sich mit dem eigenen Spiegelbild und scheint zu überlegen, ob dies den eigenen Ansprüchen genügt, eine alleinerziehende Schweinemutter inszeniert sich selbstbewusst als Superheldin, ein Löwe sinniert über die fragwürdige Aussage einer Werbetafel, nach der sich Selbstvertrauen aus der Summe von Muskeln, Anzahl der Sexpartner, Penisgröße und Instagramfollowern ergeben würde, ein ziemlich kleiner Hund, welcher mit stattlicheren Exemplaren seiner Gattung auf einer Parkbank sitzt, denkt darüber nach, dass er zwar recht klein ist, dafür aber ein großes Herz besitzt, ein Vögelchen ermutigt einen schuldbewusst dreinschauenden Löwen, sich selbst zu vergeben, den bekannten „Sturm im Wasserglas“, bei denen unsere Reaktionen zuweilen deutlich übers Ziel hinausschießen, verdeutlichen ein Seeungeheuer und zwei ängstlich aneinandergeklammerte tierische Vertreter im Segelboot in vermeintlicher Seenot, die mit einiger Distanz und von von außen betrachtet nur noch halb so schlimm erscheint.

„Psychische Gesundheit in Bildern“ umschreibt das  Motto des Projekts „Cup of Therapie“, welches die finnischen Psychotherapeuten Antii Ervasti und Elina Rehmonen gemeinsam mit dem Illustrator Matti Pikkujämsä 2017 gründeten. Gedacht ist es als Ermutigung zur Wahrnehmung und Akzeptanz der eigenen, oftmals ambivalenten Gefühle, die verschiedene Lebenssituationen mit sich bringen.

Die tierischen Protagonisten der humorvollen und liebenswerten Zeichnungen im Comic-Stil illustrieren auf je einer Doppelseite des kleinen Büchleins einfühlsam und treffend uns allen bekannte, teils auch sehr sensible Themen des menschlichen Zusammenlebens und der damit einhergehenden Selbst- und Fremdwahrnehmung, die jeweils von kurzen, einfachen und klaren Erklärungen und Assoziationen begleitet werden. Die 100 Botschaften, die sie übermitteln, fühlen sich an wie die unaufdringlich-herzliche Anwesenheit eines lebensklugen Freundes oder Therapeuten und sind ebenso einfach wie stärkend im Sinne von: Du bist nicht der oder die Einzige, die sich mit großen und kleinen Problemen herumschlagen muss, du wirst sie früher oder später bewältigen und vor allem bist du okay so, wie du bist – Grund genug, dich gern zu haben!

 

Hab dich gern!

100 kurze Therapien

Text: Antti Ervasti

Illustration: Matti Pikkujämsä

Kunstmann, 2020

Auch Affen wollen schlafen

Das stilvoll in schwarzes Leinen eingefasste Buchcover zeigt in dunklen Rot- und Orange-Tönen einen auf Blätter gebetteten, friedlich schlummernden  Affen. Passend zum Einband und zur nächtlichen Stimmung ist auch das Vorsatzpapier ganz in Schwarz gehalten. Das unaufdringlich schöne Bilderbuch von Henriette Boerendans mit dem etwas sperrigen Titel  „Auch Affen wollen schlafen“ widmet sich den unterschiedlichen Schlaf- und sonstigen Lebensgewohnheiten der Tiere.

Insgesamt dreizehn Tierarten werden vorgestellt – angefangen mit dem niedlichen kulleräugigen  Gespenstertier, welches so klein ist, dass es in eine Brotdose passen würde, nachts auf Abenteuer geht und in der den Text begleitenden Illustration sich im bläulichen Mondlicht mit vergleichsweise großen Händen beinahe ängstlich an einen Ast klammert, über liebevoll im Winterschlaf aneinandergeschmiegte Dachse, drei Zwergmäuse in Knetgummigröße in ihrem gemütlichen Schlafnest aus Getreidehalmen, einen (vielleicht von Herrchens Gummistiefeln) träumenden Dackel, ein nachts nach Futter suchendes Erdferkel, den schlummernden Schimpansen vom Titelbild, von dem wir erfahren, wie geschickt er seine Schlafstätte aus Zweigen und Laub baut, einen Orang-Utan mit Riesenblatt-Regenschirm, zwei im Meer jagende (und dort auch schlafende) Seeotter, ein kopfüber schlafendes Dreifingerfaultier, zwei Eichhörnchen in einem ihrer Baumnester (sie haben nämlich mehrere Schlafstätten), zwei Spechte beim Bauen ihrer Baumstammhöhle, einen Seeadler auf seinem Horst bis hin zur wochenlang aus Fürsorge nicht schlafenden Blauwalmutter mit ihrem Kind.

Die jeweiligen Eigenheiten der Tiere beim Schlafen und Wachen werden liebevoll anhand interessanter Details und Vergleiche beschrieben. Wunderbare Holzschnitte in einer eigenwillig-schönen Farbgebung illustrieren die einzelnen Tierporträts.

Die Abbildung eines schlafenden Menschenkindes am Ende und gute Wünsche für die Nacht runden das  Ganze zu einem friedlich in die Nacht begleitenden Einschlaf-Bilderbuch ab.

 

Auch Affen wollen schlafen

Text und Illustration: Henriette Boerendans

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

aracari verlag, 2020

 

Der Zyklop

Ein echsenartiges grünliches Wesen nimmt vor schwarzem Hintergrund beinahe die gesamte Titelseite des Bilderbuchs ein. Dem Buchtitel zufolge, welcher sich als weißer Schriftzug auf dem Bauch des sich lässig halbliegend drapierenden  Echsenwesens ausbreitet, ist es ein Zyklop, ein einäugiger Riese, auch bekannt als Gestalt der griechischen Mythologie. In seinen froschartigen Echsenfingern hält der Zyklop, schon mal genüsslich daran leckend, einen gelb-schwarz-gepunkteten Käfer, welchen er wohl gleich zu verspeisen trachtet, während ein Artgenosse desselben entsetzt vom rechten Bildrand aus den Vorgang beobachtet.

Nicht nur optisch eindrucksvoll, sondern durch tastbare Strukturen auch haptisch erlebbar präsentiert sich das Spannung versprechende Buchcover. Auch die inneren Umschlagseiten, welche wie unter dem Mikroskop vergrößert die Grafik der Echsenhaut verdeutlichen und die sich über zwei Buchseiten erstreckende Abbildung des riesigen wie bedrohlichen gelben Zyklopenauges ziehen die BetrachterInnen magisch ins Geschehen.

Am Ortseingang des Dörfchens Krümelspritz sitzt der Zyklop am Ufer eines Flusses sein Spiegelbild betrachtend und missmutig über seine mindere Sehkraft sinnierend – fast wirkt er ein wenig mitleiderregend. Wärenddessen geht es im Insektendörfchen Krümelspritz, in dem sich jeder seiner Bewohner geschäftig seinen alltäglichen speziellen Aufgaben widmet,  recht beschaulich zu: Die Seidenraupe spinnt Bettdecken, die Kakerlake sammelt die vollgekackten Eimerchen ein, die Rote Kreuzspinne versorgt die Kranken, die Wasserjungfer verteilt Gläser mit Getränken, die Fleischfliege macht Rauchwürste …

Aber dann wird das Idyll gestört, als plötzlich das ganze Dorf bebt und alles durcheinanderwirbelt. Das vermeintliche Erdbeben hat der plump ins Örtchen hereintrampelnde Zyklop ausgelöst, der sich dabei den Fuß verletzt, als er auf das Häuschen der Seidenraupe tritt, sich dann am Kirchturm stößt, über einen Bus stolpert und ermattet an der zerstörten Kirche lehnend innehält. Statt nun aber erbost und wütend zu sein, kommen die Krümelspritzer aus ihren Verstecken und sorgen sich trotz der Zerstörungen zunächst erst einmal um die Gesundheit des matten fremden Herrns in erstaunlicher Arglosigkeit und rührender Höflichkeit. Der schlaue Käferjunge Karl erkennt, was der Herr wirklich braucht – nämlich eine Brille. Die überaus netten und hilfsbereiten Krümelspritzer machen sich sogleich gemeinschaftlich an die Arbeit und bauen dem Zyklopen eine Brille, mit welcher er plötzlich alles deutlich sehen kann.

Und was macht der Zyklop? Der hat nichts Besseres zu tun, als gleich noch den Rest der halb kaputten Häuser vollends plattzutreten – weil er ja nun richtig erkennen kann, was er da tut. Und selbst angesichts der weiteren Zerstörung wahrt der Krümelspritzer Bürgermeister Contenance und Höflichkeit. Auf den Einwand, dass das ja nicht gerade nett gewesen sei, entgegnet der Zyklop, dass er ja schließlich ein Zyklop und nicht nett sei. Und dass vielleicht sie, die Krümelspritzer eine Brille bräuchten, wenn sie das nicht gesehen hätten. Es lässt sich zwar nicht abstreiten, dass das aus der Sicht des  Zyklopen durchaus logisch klingt, jedoch überwiegt dann doch eine gewisse Empörung über derartig undankbare Dreistigkeit, versetzt man sich in die Lage der Geschädigten.

So tsunamihaft das Geschehen gekommen ist, so schnell ist es auch schon wieder vorüber und eine gewisse Verblüffung über den für die Dorfbewohner wahrlich ungerechten Ausgang bahnt sich an. Fassungslos – und selbst dann noch mitfühlend, weil er ja so einsam ist, der Herr  Zyklop – schauen sie dem nun das Dörfchen verlassenden Riesen hinterher. Während dieser sinnierend am Flussufer sitzt und noch immer nichts anderes als nur sich selbst sieht, machen sich die liebenswürdigen Dorfbewohner schon wieder freudig an die Arbeit, um alles wieder aufzubauen.

Das außergewöhnliche Bilderbuch besticht einerseits durch den überraschenden Fatalismus seiner Grundaussage und darüber hinaus vor allem durch die ausdrucksstarke und detailreiche bildnerische Gestaltung, welche mittels sparsam in Pastelltönen colorierten Linoldrucken wie in einem Comic umgesetzt wird und Kleinen wie Großen eine wahre Freude beim Anschauen macht.

 

Der Zyklop

Text: Daan Remmerts de Vries

Illustration: Floor Rieder

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Wer einem geliebten Menschen glaubhaft versichern will, wie tief und unendlich diese Liebe sei, neigt zu Superlativen und merkt, dass dabei die Grenzen des sprachlich Vermittelbaren schnell erreicht sind. Im Sinne von: Ich lieb dich bis zum Mond und wieder zurück! – Was, nur so wenig? – Ich lieb dich bis zum Mond und dreimal hin und zurück. – Besser? –  Dann doch lieber gleich derart übertreiben, dass die Unendlichkeit der Liebe zumindest sprachlich und mathematisch nicht mehr zu übertreffen ist …

„Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen, auf den Mond, zu fremden Sternen und in unerreichte Fernen.“

Oder auch: Lieben, bis die Yaks verreisen, bis die Schafe segeln, bis die Wölfe schweben, bis die Frösche tauchend mit Seepferdchen und Tiefseefischen lustig durch die Meere ziehen, bis die Hirsche steppen, bis die Gänse backen, bis die Ameisen feiern , um dann letztlich völlig erschöpft von derart ambitioniertem Liebeswerben ihre Augen schließen und müde in den Schlaf versinken, während die Frösche auf ihren Geigen schrummeln .

Die skurrilen wie zärtlichen Liebesbeweise sind in Bilderbuchform textlich und illustratorisch wunderbar humorvoll in Szene gesetzt mit Kühen, die an Raketenschaltpulten walten, cabriofahrenden Yaks, Schafen in Kapitänsmützen, ballonfahrenden Wölfen, mit von Fischschwärmen begleiteten und Einrad fahrenden Fröschen, entertainenden Hirschen, am Lagerfeuer sitzenden und Stockbrot backenden Gänsen, Geburtstagskuchengestaltenden Ameisen und schließlich allen liebestrunkenen Akteuren im Schlummer-Modus.

Wem derart überzeugend bewiesen wird, unendlich geliebt zu werden, kann getrost in den Schlaf versinken, um sich vom Geliebten träumend auf den kommenden Tag zu freuen.

Ein liebevolles Liebes-Bilderbuch, welches Liebende jeden Alters erfreuen dürfte!

 

Ich lieb dich, bis die Kühe fliegen

Text: Kathryn Cristaldi

Illustration: Kristyna Litten

Übersetzung aus dem Englischen: Mathias Jeschke

Mixtvision, 2020

 

Der kleine Fuchs

Das Cover zeigt einen kleinen Fuchs, der von einer Dünenlandschaft aus neugierig die Wasservögel am Meer beobachtet. Auffällig ist seine signalorangerote Farbe, die sich in den Baumsilhouetten im Vor- und Nachsatz fortsetzt und auch immer wieder in weiteren Abbildungen, welche die poetische Bilderbuchgeschichte begleiten, ins Auge fällt.

Die ersten fünf Doppelseiten des Buches kommen völlig ohne Text aus. Zu sehen ist der kleine Fuchs inmitten von Möwen, Reihern und anderen Wasservögeln – mal diese neugierig beobachtend, mal ihnen übermütig nachjagend, mal verspielt  wie in einer Yogaübung  die ausgebreitenden Schwingen einer schwarzen Gans imitierend oder sich unter Tiere von Wald und Flur mischend. Die verschiedenen Tiere tummeln sich als zeichnerisch dargestellte Figuren collagenartig inmitten von grau-bläulich schimmernden  Landschaftsfotografien.

Es folgen einige Doppelseiten mit begleitendem Text. Als der abenteuerlustige kleine Fuchs zwei lila Schmetterlingen nachzujagen beginnt und dabei nicht mehr seine Umgebung beachtet, passiert es: er springt und fällt und … bleibt regungslos am Strand liegen.

Nun beginnt sein Traum, mit dessen eigentlicher Handlung auch der Stil der Darstellungen ins rein Zeichnerische wechselt. Vor seinem inneren Auge beginnt sich wie in einem Film sein kurzes kleines Leben auszubreiten (und die erwachsenen Vorleser beginnen zu erahnen, was das möglicherweise bedeuten könnte … ): Der kleine Fuchs ist nun ein Fuchsbaby, welches sich an seine Fuchsmama und -geschwister kuschelt. Weitere „Film“-sequenzen zeigen Szenen aus dem Fuchsleben: den Fuchspapa, welcher seinen Kindern gefangene Mäuse in den Bau bringt, übermütige Spiele der Fuchsgeschwister, Begegnungen mit dem Mond, dem Wald, mit kleinen und großen Tieren, mit Gras und Beeren und „Blümeliblümchen“, mit dem Wind, der einem lustig das Fell zerzaust…

Abrupt enden die Erinnerungen, die Szene wechselt wieder in die anfängliche Dünenlandschaft. Nun ist ein kleiner Junge auf einem Fahrrad zu sehen, zwei fliegenden weißen Schwänen hinterherradelnd. Er macht ähnliche Sachen wie der kleine Fuchs zu Beginn,  watet lebensfroh durchs Wasser oder picknickt Tiere beobachtend am Strand.

Wieder Szenenwechsel, der Fuchstraum geht weiter: Fuchspapa spricht warnend zu den Fuchskindern, er sagt, dass Neugier Todesgier sei (und nun beginnen vielleicht auch die Kleineren zu ahnen, dass möglicherweise etwas Schlimmes passiert sein könnte… ). Von Fuchspapa lernen die Kleinen auch, wie man Früchte und Beeren pflückt, wie man auf Würmer springt. Sie lernen, wie (todesgierig gewesene) Raschelmäuse zwischen den Kiefern knacken, wieviel Spaß es macht, mit einem Glücksgeruch in der Nase in einem Sack zu wühlen und dort einen Ball zu finden, mit diesem übermütig zu spielen, sich dabei von einem kleinen Jungen (es ist der mit dem Fahrrad …) fotografieren zu lassen oder sich von diesem –zum Glück!- aus einer misslichen Lage befreien zu lassen und von Fuchsmama kann man lernen, wie man sich in seinen Schwanz einrollen muss, wenn die Welt es gerade mal nicht gut mit einem meint.

Und noch mal Szenenwechsel – halb Traum und halb schon Realität. Der kleine Fuchs sieht sich selbst im Traum regungslos in den Dünen liegen. Und dann kommt der kleine Junge, nimmt ihn auf und trägt ihn fort. Und wie in einem Trauerzug folgen ihm mit gesenkten Köpfen all die Tiere aus Wald und Wasser und Feld … (Nein, bitte nicht …, denken wir beim Lesen.)

Aber dann … ist alles gut.

Die tief berührende Geschichte voller erzählerischer und zeichnerischer Wärme und Poesie gleicht einem Wechselbad der Gefühle – sie zeigt uns Freude, Lust, Neugier, Staunen, Liebe, Fürsorge, Geborgenheit, Trauer, Tod, Erschrecken, Schmerz, Hoffen und vieles mehr.  Vor allem zeigt sie uns, wie wunderbar und  zerbrechlich zugleich das Leben sein kann.

 

Text: Edward van de Vendel

Illustration: Marije Tolman

Übersetzung aus dem Niederländischen: Rolf Erdorf

Gerstenberg, 2020

Multitalent Gouache

 

Dass die Gouachefarbe  ein wahres Multitalent ist, zeigt uns der renommierte Illustrator Aljoscha Blau in einem wunderbaren, 184seitigen Arbeitsbuch aus dem für besonders schön gestaltete Bücher bekannten Verlag Hermann Schmidt. Hier plaudert er aus dem Nähkästchen seines reichen Erfahrungsschatzes, so wie er es sich in seiner Studienzeit selbst gern in Form von Büchern seiner Lieblingskünstler gewünscht hätte. So ist das nun vorliegende Buch sowohl ein Geschenk an den jungen Kunststudenten von damals und gleichzeitig an alle von heute, die gern mehr über Goachefarben und –techniken wissen wollen und sich lesend und lernend mit Stift und Pinsel zu  inspirieren erhoffen.

Das Besondere der Gouache-Technik ist, dass sie die Vorteile der Malerei und des Aquarellierens in sich vereint. Um sie uns entsprechend nahezubringen, teilt der Autor wie in einer Analogie zum Kochbuch seine Ausführungen in fünf Bereiche: zuerst philosophische und historische Bezüge, dann Materialkunde, danach erste Schritte, später spezielle Techniken und schließlich besondere Expertentipps.

Blau gesteht, dass Gouache, eine deckende Wasserfarbe mit Gummi arabicum als Bindemittel und weiteren Zusätzen wie Kreide, seine absolute Lieblingstechnik sei, womit er sich in guter Gesellschaft vieler alter und moderner Meister wie etwa Dürer, Matisse oder Chagall befindet. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Gouache zu DER Farbe für Illustratoren und Buchkünstler, aber auch zeitgenössische Künstler wie beispielsweise David Hockney arbeiten insbesondere in ihren Skizzen und Vorentwürfen bevorzugt mit Gouache, die sich in Künstlerqualität durch ihre samtene Oberfläche, gleichmäßigen Farbauftrag, das Leuchten der stark pigmentierten Farben und ihre hohe Deckkraft auszeichnet, wie Blau betont.

Zunächst gibt er Hilfestellungen, wie man zu seiner Lieblingsmarke finden kann, welche Informationen aus dem Etikett herauszulesen sind, welche Papiere geeignet sind, vergleicht diverse Pinsel, weitere Malutensilien und verschiedene Malmittel. Weiter erfahren wir, wie Papier aufgezogen wird, machen einen Ausflug in die Farbenlehre und richten unseren Arbeitsplatz optimal ein, wobei der Autor ein überzeugendes Plädoyer für eine gewisse „visuelle Hygiene“ hält. Zum Planen des Bildes empfiehlt Blau, wie die Synästhetiker „Farbklänge zu skizzieren“, um die Wirkung verschiedener Farbkombinationen zu erspüren, um im nächsten Schritt die Arbeitsetappen zu überlegen, womit das Malen mit Gouache gewissermaßen auch zu einem intellektuellen Abenteuer werden kann, denn die spezifischen Eigenschaften der Farbe bedingen auch den Bildaufbau. Wie unterschiedlich dies funktionieren kann, wird an vielen konkreten Beispielen gezeigt. Ausführlich folgen verschiedene Techniken der Gouachemalerei von transparent bis deckend – vom Lasieren und Lavieren über Dunkel-zu-Hell-Malerei, Verwendung von Schablonen und Drucktechniken bis hin zu Experimenten mit Bürsten, Lappen, Zweigen oder trockenen Pinseln. Auch Rohrfederzeichnungen mit Gouache erweisen sich als vielversprechende und nachahmenswerte Technik. Noch mehr Übung verlangen an ausdrucksstarken Beispielen vorgestellte Auswasch-, Auskratz-,  Spritz- und weitere Techniken unter Verwendung von Maskiermitteln, Kombination mit Pastellstiften, Aquarell- oder Ölfarben wie auch die Monotypie.

Der letzte Teil widmet sich der kreativen Umsetzung des bereits Gelernten an Beispielen, zum Teil in gut nachvollziehbaren Schritt-für-Schritt-Demonstrationen, im Hinblick auf die Darstellung von Menschen, Tieren, Pflanzen, Objekten, Landschaften oder Schriftgestaltungen als hilfreiche Anleitung und Anregung zum eigenen Ausprobieren und Weiterentwickeln.

Sehr überzeugend und überaus inspirierend gelingt es Aljoscha Blau mit seinem Buch, die Lust zu wecken, das Multitalent Gouache in all seinen Facetten kennenzulernen, seine Arbeitsvorschläge nachzumachen, damit zu experimentieren und individuell  mit eigenen Ideen neu zu erobern.

 

Multitalent Gouache

Aljoscha Blau

Verlag Hermann Schmidt, 2020

Die Wurzeln der Welt

Einer umfänglichen Betrachtung der Pflanzen als den eigentlichen „Erschaffern der Welt“ und ihrem bemerkenswerten Einfluss auf unser Sein widmet sich Emanuele Coccia, Professor für Philosophiegeschichte in Paris und ehemaliger Schüler einer italienischen Landwirtschaftsschule, in einem erstaunliche Denkanstöße gebenden Essay. Das preisgekrönte Buch, welches hinsichtlich der Auseinandersetzung mit der Problematik des Klimawandels wichtige philosophische Grundlagen zu liefern vermag, ist bei dtv im handlichen Taschenbuch-Format erschienen.

Coccia sieht die Pflanze als „intensivste, radikalste und paradigmatischste Form des In-der-Welt-Seins“, als das „klarste Observatorium, um die Welt in ihrer Gesamtheit zu beobachten“. Pflanzen formen Materie, Luft und Sonnenlicht zum Lebensraum aller anderen Lebewesen um – zum Atem der Lebewesen; Atem als Paradigma einer gegenseitigen Verschränkung. Ausgehend vom Leben der Pflanzen, die die Materie formen und gestalten, die aus dem Samen Wurzeln, Zweige und Blätter bilden, möchte Coccia die Frage nach der Welt neu stellen. Einerseits ist die Natur immer weniger Gegenstand philosophischer Betrachtungen, andererseits aber ist die Natur das, was das Sein in der Welt ermöglicht und umgekehrt ist alles, was ein Ding mit der Welt verbindet, Teil seiner Natur. Insofern ist der Mensch als Maß aller Dinge als Gegenstand philosophischer Betrachtungen möglicherweise ein überholter Ansatz, denn „die Welt an sich wird man nie erkennen können, ohne dabei auf die Vermittlung von etwas Lebendigem zurückzugreifen“. Aus dieser Erkenntnis schlussfolgert Coccia, dass der Versuch, eine neue Kosmologie zu begründen, die einzige als legitim zu betrachtende Form der Philosophie, mit einer Erkundung der Pflanzenwelt beginnen muss. Dieser widmet er sich eingehend, indem er Teile der Pflanzen, Blatt, Wurzel und Blüte, in den Gesamtzusammenhang eines organischen Ganzen setzt.

Dass Alles mit Allem im Zusammenhang steht und Alles in Allem enthalten ist, wird uns bei der hochinteressanten, zutiefst erhellenden und zuweilen poetischen Annäherung an Coccias philosophische Sichtweisen umso eindringlicher bewusst.

 

Emanuele Coccia

Die Wurzeln der Welt

dtv, 2020