Archiv für den Monat August 2017

Die Romantherapie für Kinder

Autoren: Ella Berthoud & Susan Elderkin mit Traudl Bünger

Übersetzung aus dem Englischen: Katja Bendels und Kirsten Riesselmann

Verlag: Insel Verlag, 2017

ISBN: 978-3-458-17704-3

 

Klassische Bilderbuchhelden wie das Sandmännchen, die Raupe Nimmersatt, Tigerente, Paddington, der kleine Prinz und der buntkarierte Elefant Elmar kreuzen sich auf dem Buchcover  mit dem Buchtitel und weisen möglicherweise damit symbolisch auf das therapeutische Potential von Kinderbüchern hin.

Kann man problembelastete Episoden des kindlichen Lebens -angefangen von A wie Abkapselung, Albträume oder Anerkennungssuche, B wie Behinderung, Bildschirmsucht oder Brüderrivalität bis Z wie Zigarettenrauchen- mit Büchern „therapieren“, sich Geschichten wie Medizin verschreiben lassen? Man sollte es auf jeden Fall versuchen!

Das wie ein Nachschlagewerk aufgebaute, inhaltlich umfangreich und ambitioniert zusammengestellte Buch richtet sich an diejenigen Erwachsenen, die an die heilsame Wirkung von mutmachenden Geschichten glauben und Kindern oder Jugendlichen, die ihnen am Herzen liegen, in schwierigen Lebenslagen die passenden Bücher anbieten wollen.

Auf 372 Seiten werden insgesamt 233 Bücher mal mehr, mal weniger ausführlich vorgestellt – Bücher, die nach Empfinden der Verfasserinnen „Kinder glücklich, gesund und schlau machen“. In alphabetischer Reihenfolge sind verschiedene „Leiden“ oder Lebenslagen von A-Z aufgelistet. Wer zum Beispiel einem Kind, welches mit einem depressiven Elternteil zusammenlebt, mit einer geeigneten Lektüre helfen möchte, findet unter E wie „Elternteil, depressiver“ zwei Buchvorschläge: „Kaputte Suppe“ von Jenny Valentine und „Fünfzehn kopflose Tage“ von David Cousins. Beide Titel sind mit einem „T“ gekennzeichnet, was den Hinweis auf Teenagerliteratur gibt. Leider finden sich in dieser Kategorie keine Buchempfehlungen für jüngere Kinder (diese wären dann mit „B“ für Bilderbücher, „A“ für Leseanfänger oder „J“ für junge Leser gekennzeichnet), was mich verwundert, da es im Bereich der Depressionsthematik  durchaus einige erwähnenswerte Titel für jüngere Leser gäbe. Schade auch, dass einige relevante Suchbegriffe wie zum Beispiel Demenz, mit welcher sich Kinder in ihrem Umfeld doch zunehmend auseinandersetzen müssen, keine Erwähnung finden. Auch zu diesem Thema gäbe es einige sehr gute Titel für verschiedene Altersstufen zu nennen.

Hilfreich und informativ sind jeweils die Kurzbeschreibungen der Buchinhalte, ebenfalls wie die Querverweise auf ähnlich gelagerte Problemfelfer (hier zum Beispiel „Trennung der Eltern“). Graphische Symbole (Buch mit Apfel, Bücherstapel mit Krone und Buch mit Eule) helfen bei der Einordnung der Hinweise.

Zu einigen Suchbegriffen finden sich Ranking-Listen wie beispielsweise „Die zehn besten Bücher, in denen es um Adoption geht“, „Die zehn besten Gute-Nacht-Geschichten für die Kleinsten“ oder „Die zehn besten Bücher, um Kindern zu helfen, Kriege zu verstehen“. Diese strikte, wie eine  In-Stein-gemeißelt-Sein vermittelnde Zuschreibung bereitet mir doch etwas Unbehagen, da sie viele weitere sehr gute und passende Bücher, auch die zum Zeitpunkt des Drucks noch nicht erschienenen oder die von den Autorinnen übersehenen ausschließt. Bescheidener und ansprechender wäre hier doch die Formulierung „Zehn empfehlenswerte Bücher bei …“ gewesen.

Dennoch ist das Buch ein nützliches Nachschlagewerk und ein wertvoller Ratgeber bei der Suche nach einer passenden, hilfreichen, trostgebenden oder glücklichmachenden Geschichte.

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Für Bücherfreunde

Illustration & Text: Sempé

Verlag: Diogenes, 2017

 

Bücherfreunde werden es lieben: Sempé´s beste Cartoons über Schriftsteller, Buchhändler, Leser und den Literaturbetrieb in einem kleinen handlichen Büchlein, welches sich bequem in der Hand-, Akten-, Reise- oder sonstiger Tasche transportieren lässt, um die Freude darüber mit anderen Buchbesessenen zu teilen oder es an solche zu verschenken.

Sei es der im elegant geschwungenen S-Sessel kontemplativ versinkende Buchnarr, der vorfreudig seiner Lektüre einen eigenen Platz vorhält, die gespannte Erwartung feinsinniger blumenkleidgewandeter Damen mittleren Alters im Schreibseminar während der Erläuterung der klassischen Hammelkeule-Schreibübung, das desillusionistische Zwiegespräch des leidgeprüften Autorinnen-Ehegatten auf der Haustreppe mit einem männlichen Vertrauten (während im oberen Stockwerk die Gattin dem Finale entgegenschreibt und nach heimlicher Leseprobe nicht vermuten lässt, in ihrem Werk der ehelichen Liebe ein literarisches Denkmal zu setzen), die sich offenbarende Dramatik angesichts der drohenden Blockade einer literarischen Mission, die schelmischen  bis bitterbösen Notizen des schreibenden Philosophen zu alltäglichen Missgeschicken der Angetrauten unter dem Arbeitstitel „Kleine Glücksmomente“, die eigenwillige Poesie einer Bahnhofsdurchsage zur Buchmesse, die Paradoxie der modernen Hausfrau in ihrer Hochtechnologie-Küche im Moment des Studiums eines  „Kalbsfrikassee nach Großmutterart“ – Kochrezeptes und noch viele weitere phantastische Cartoons im Buch-Kontext – sie alle halten der Buchwelt aus verschiedenen Perspektiven einen ironisch-charmanten Spiegel vor und sind dabei einfach umwerfend komisch in ihrer stilsicheren Einzigartigkeit und treffsicheren Menschenkenntnis.

Der verrückte Erfinderschuppen

Band 1: Der Limonaden-Sprudler

Band 2: Der Looping-Dreher

Text: Lena Hach

Illustration: Daniela Kulot

Verlag: Mixtvision, 2017

 

Limonaden-Sprudler und Looping-Dreher sind die den ersten beiden Bänden einer neuen Kinderbuchserie titelgebenden Erfindungen des  Erfindertrios Tilda, Walter und Fred, welche in Gesellschaft der quirligen Pudeldame Odetta in ihrem Erfinderschuppen im Garten von Tildas patenter Oma allerlei Geniales austüfteln, immer kritisch beäugt von ihren unsympathischen Widersachern, dem Dicken und dem Dünnen.

Sehr unterhaltsam, spannungsreich und voller Situationskomik wird aus der Sicht des Ich-Erzählers Fred, dessen Mama ihn liebevoll Fred das Frettchen nennt, im ersten Band beschrieben, wie die drei Freunde ihre neueste Erfindung, einen Limonaden-Sprudler, planen, entwickeln und in der Praxis erproben, was mit einiger Turbulenz und nicht wenigen Verwicklungen, Überraschungen und Pannen einhergeht. Da fliegt schon mal eben das Schuppendach in die Luft oder wird Badewasser zu Limonade und Ursache einer folgenreichen Killerbienen-Invasion. Also müssen neue Erfindungen her, um die katastrophalen Folgen, wie die Schließung des Schwimmbads und damit drohende Ferien-Langeweile, abzumildern. In Form eines Schaukel-Looping-Drehers, der nächsten Erfindung, um welche es im 2.Band geht, wird dies einfallsreich und zielstrebig in Angriff genommen, was erwartungsgemäß wiederum nicht ohne Komplikationen, wie beispielsweise durch die Luft fliegende Babys, vonstatten geht. Der Dicke und der Dünne, zwei kauzige Herren aus der Nachbarschaft, hecken zudem fiese Pläne aus, um den Erfindungserfolg zu torpedieren. Nun wird es noch gefährlicher für Baby Nelli, um die sich die Kinder neben ihren Erfindungen auch noch kümmern müssen.

Die kurzen Kapitel portionieren die Geschichte in amüsante (Vor-)Lesehäppchen, die immer wieder Appetit auf mehr machen und somit bestes Lesefutter ergeben. Eine schöne Ergänzung zur kindgerecht erzählten, aber auch erwachsenen Vor- und Mitlesern große Freude bereitenden Handlung sind die zahlreichen lustigen Illustrationen von Daniela Kulot, der es hervorragend gelingt, die Turbulenz der Ereignisse in Bilder zu fassen.

So witzig und spannend sind diese beiden ersten Bände, dass sie auf viele weitere Abenteuer der sympathischen Buchhelden hoffen lassen.